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Bingo-Prompt 12

Titel: Wie ein offenes Buch
Fandom: Tatort Münster
Prompt stumme Kommunikation
Medium: Fanfiction
Zusammenfassung: Boernes Gemütszustand war für Silke Haller wie ein offenes Buch. Meistens.
Anmerkungen Hatte ich gestern geschrieben, dass ich Bingo-Prompt 11 für sinnlos halte? Naja, diese Story hier ist wohl noch unsinniger - falls das überhaupt möglich ist. Episodenbezug zu Zwischen den Ohren; man sollte die Folge kennen, sonst reduziert sich der Sinn dieses geistig-gestalterischen Ergusses tatsächlich in den Minus-Bereich.
A.N.: Ich habe mich bei der Folge irgendwie immer darüber geärgert, dass Frau Haller einfach nicht checkt, was mit Boerne los ist zu eben jenem Zeitpunkt, den ich weiter unten aufgegriffen habe. Sagen wir so, ich hätte sie an der Stelle gern etwas anders gesehen.


Boernes Gemütszustand war für Silke Haller wie ein offenes Buch. Meistens.

Sie hatte früh gelernt, auf seine Launen zu achten; zu wissen, wie er tickte, war eine der wichtigsten Voraussetzungen, um den Dienst mit ihm einigermaßen entspannt zu überstehen.
War er guter Dinge, entwickelte sich ein Tag meist unproblematisch; war er gereizt, geladen oder entnervt, hielt sie Abstand und stellte die Ohren auf Durchzug.
Ging es ihm nicht gut, versuchte sie, auf ihn einzugehen und ihn seine Sorgen nicht mit sich allein ausmachen zu lassen; allerdings gehörte Boerne zu den Menschen, die nicht freiwillig zeigten, wenn es ihnen schlecht ging. Warum auch immer, das hatte sie nie verstanden; es war nun einmal eine Eigenart von ihm und das würde sich wohl auch nicht mehr ändern. Doch die Erfahrung hatte ihr gezeigt, dass er sich besser und schneller wieder fing, wenn es ihr gelang, ihn in ein Gespräch zu verwickeln, ihn dazu zu bringen, sich zu öffnen. Dazu musste sie aber den rechten Zeitpunkt treffen, und das war eine Kunst für sich.



Nicht, dass Boerne es ihr durch Tag und Zeit besonders schwer machen würde, seine Stimmung einzuschätzen; oft genug schon reichte ihr seine Musikauswahl, um ganz genau zu wissen, woran sie war. Ob schwungvoll, getragen oder melancholisch, damit drückte er sehr präzise aus, wie gerade in ihm aussah.
Aber natürlich spielte die Musik nicht immer, und dann konnte es schwieriger werden.



Nun, absolut unmissverständlich war es jedenfalls, wenn er aufgebracht war. Sein Zorn, in der Regel gepaart mit beißendem Sarkasmus, konnte ihr unmöglich entgehen. Aber seine Tiraden, seine ironischen, überdeutlichen oder scharfzüngigen Worte, die immer ihr Ziel trafen, egal wen und egal wie, brauchte Silke gar nicht; seine Körpersprache allein reichte aus, damit sie wusste, woran sie war. Unverkennbar in dem Fall war seine aufrecht-angespannte Haltung, häufig untermalt von starkem Bewegungsdrang, der sich durch energische Gesten und oftmals aufgeregtes auf-und-ab-Gehen bemerkbar machte; sein typisches Stirnrunzeln; die Augenbraue, die er so bezeichnend anhob und die unnachahmlichen Blicke, die er über seine Brille hinweg abschoss; all das war eindeutig und Boerne gab sich keine Mühe, seinen Ärger jemals zu verbergen.


Gute Laune war ebenfalls auf den ersten Blick erkennbar. Er war auch dann ganz gerne in Bewegung, aber anders, als wenn er sich aufregte. Locker, lebendig, voller Elan, eher auf Gesten beschränkt, als auf Wanderungen.
Verräterisch waren die Augen, die hinter den Brillengläsern in diebischer Freude funkeln konnten, und das nicht nur, wenn er ihr gegenüber einmal mehr augenzwinkernde Beleidigungen und geistreiche Witze vom Stapel ließ; die Mundwinkel, die sich nach oben zogen und die Lachfältchen, die sich um die Augen verstärkten, auch wenn er oft genug eben nicht wirklich grinste sondern ein ernstes Gesicht beibehielt.
Auch in diesem Fall würde er sich nie verstellen.

Aber wenn sie den Verdacht hegte, dass es Boerne nicht wirklich gut ging, durfte sie niemals so naiv sein, zu glauben, was er sagte. Sein Mundwerk hatte er nämlich jederzeit unter Kontrolle und er konnte tausend Worte reden ohne wirklich zuzugeben, was mit ihm los war. Es waren andere Kleinigkeiten, die ihn verrieten; sie musste vor allem auf das achten, was er stumm kommunizierte.

Heute Morgen allerdings war ihr das nicht besonders gut gelungen.



Es war noch früh, als sie mit einem Reagenzglas in der Hand in sein Büro stürmte, ganz stolz auf die Entdeckung, die sie kurz zuvor gemacht hatte.
Er hatte gerade das Telefon aufgelegt, als sie sich nicht mehr zurückhalten konnte. „Ich hab‘ Körner gefunden!“ Selbstzufrieden wedelte sie dabei mit dem Glasröhrchen herum.
Boerne reagierte aber gar nicht recht auf sie; allein das hätte ihr schon auffallen müssen. Er lehnte sich lediglich in seinen Stuhl zurück, aufrecht, als habe er einen Stock verschluckt, langsam, wie ein alter Mann.
Im Nachhinein ärgerte sie sich immer noch, dass sie ihm nur ein: „Chef? Ist was?“ hingeworfen hatte. Wie hatte sie so blind sein können?

„Der Fuß gehörte Susanne Clemens.“ Seine Antwort war ruhig, entspannt, wenig emotional; dachte sie in dem Moment zumindest. Aber wie er dabei ihren Blick mied, auf den Schreibtisch starrte und so seltsam verkrampft in seinem Stuhl hing, das waren so deutliche Zeichen. Unglaublich, dass sie das alles nicht sofort richtig eingeordnet hatte! Stattdessen triumphierte sie auch noch. „Susanne? Ha! Frauenfuß! Hab‘ ich doch gleich gesagt!“
Boerne starrte sie daraufhin nur wortlos an, mit einem beinahe gequälten Gesichtsausdruck, aber sie war so in ihrem Element, sie achtete nicht darauf. „Ich habe wirklich Körner gefunden. Unter den Zehennägeln. Dachziegelmehl der Körnung null bis zwei Millimeter. Streut man auf? Tennisplätze!“


Boernes Antwort war nicht die, die sie erwartet hatte. „Tennisplätze? Sie hat Sport immer gehasst.“
Silke war in dem Moment ganz ungläubig, damit hatte sie nun wirklich nicht gerechnet. Langsam sank ein, was er da gerade gesagt hatte. „Wie? Sie kannten die Tote?“
Er wiegelte ab, spielte den Vorfall herunter. „Ach, jaja jaja, ich hab‘ sie gekannt.“ Sein Ton war bagatellisierend, gelassen. Und in ersten Moment fiel sie auch noch darauf herein; glaubte – und hoffte?, dass das alles wirklich nicht so wichtig war.
Dessen ungeachtet war ihr Verhalten ihr ein wenig unangenehm; vergessen war die kurzfristige Genugtuung über ihren Fund und über die Tatsache, dass die Tote tatsächlich eine Frau war. „Ach das tut mir natürlich leid, dann wäre ich etwas feinfühliger in der Situation!“

Da lief Boerne auch schon wieder zur Hochform auf; zumindest, was sein Mundwerk anging. „Ach Papperlapapp, Papperlapapp! Erstens bedarf es zur Feinfühligkeit eines Mindestmaßes an Größe und zweitens kann und darf persönliche Involviertheit einen Profi und Wissenschaftspreisträger niemals tangieren.“

Diese flapsige Rede und seine betont lässigen Gesten bestätigten, was Silke inzwischen schon befürchtet hatte; er hatte die Tote gut gekannt und sie war ihm wichtig gewesen. Natürlich würde er so etwas niemals zugeben; das wäre wohl das letzte, was ihm in den Sinn gekommen wäre. Stattdessen versteckte er sich und seine Gefühle hinter seinen frechen Sprüchen und bevor sie noch etwas sagen konnte, verweigerte er jedes weitere Gespräch mit einem: „So und jetzt gehen Sie mal, ich habe zu arbeiten.“
Das war ein mehr als deutliches Zeichen, dass er in Ruhe gelassen werden wollte; und es blieb ihr wohl nichts anders übrig, als dieser unmissverständlichen Aufforderung zu folgen. „Ja. Sehr wohl.“


Sein gemurmeltes „Danke“ war mechanisch, gedankenverloren; dass er es überhaupt sagte, war ein weiteres Zeichen, wie es in ihm aussehen musste; normalerweise vermittelte er seiner Umwelt das Gefühl, dass dieses einfache Wort in seinem überdurchschnittlich großen Sprachschatz nicht existierte.

Silke verließ sein Büro, nahm sich aber die Zeit, noch einen Blick über die Schulter zu werfen, als sie den Raum verlassen hatte. Boerne saß vor seinem Schreibtisch, wie hilflos; bewegte die Hände, als wüsste er nicht, was er mit ihnen tun sollte, bevor er nach ein paar Sekunden das Gesicht darin verbarg.


Silke schluckte. Sie hatte früh gelernt, auf seine Launen zu achten; zu wissen, wie er tickte, war eine der wichtigsten Voraussetzungen, um den Dienst mit ihm einigermaßen entspannt zu überstehen.
Aber diesmal hatte sie die Zeichen nicht richtig gedeutet; und als es ihr aufgefallen war, war es schon zu spät gewesen. Für ein ruhiges Gespräch oder ein tröstendes Wort war der passende Zeitpunkt verstrichen; vielleicht hätte sich die Unterhaltung in die richtige Richtung entwickelt, wenn sie von Anfang an besser aufgepasst hätte, die stumme Kommunikation besser gedeutet hätte.



Boernes Gemütszustand war für Silke Haller wie ein offenes Buch. Meistens. Aber manchmal war er leider doch ein Buch mit sieben Siegeln.

Comments

( 2 Kommentare — Kommentar hinterlassen )
cricri_72
10. Okt 2012 13:03 (UTC)
"stumme Kommunikation" ist doch auch ein schönes Prompt - also da fiele mir einiges in Richtung T/B ein ;)

Aber ich mag auch diese Variante sehr gerne mit Frau Haller. Und mir geht es ähnlich wie Dir, ich fand sie in der entsprechenden Szene ungewöhnlich unsensibel. Das sollte wohl so sein, wegen des Dramas, aber normalerweise kriegt sie sowas doch eher mit.

Deine Deutung der Szene rückt das ganze wieder etwas zurecht, v.a. das mit dem richtigen Moment, den sie verpaßt hat - was erklärt, warum sie nicht nachhakt.

Die "Boerne-Beobachtungen" treffen und sind schön formuliert. Mein Lieblingssatz in dem Text ist wohl Sein Mundwerk hatte er nämlich jederzeit unter Kontrolle und er konnte tausend Worte reden ohne wirklich zuzugeben, was mit ihm los war.

Naja, und dieser hier ...
Boerne saß vor seinem Schreibtisch, wie hilflos; bewegte die Hände, als wüsste er nicht, was er mit ihnen tun sollte, bevor er nach ein paar Sekunden das Gesicht darin verbarg.
... das war schon eine sehr traurige Szene im Film, und Dein Satz fängt diese Stimmung exakt ein.
baggeli
10. Okt 2012 14:18 (UTC)
Ja, zu T/B würde mir wohl auch was einfallen; aber dann gleich ein ganzer Krimi, etwas kleines, einigermaßen abgeschlossenes kriege da nicht hin. Und das würde mir nicht recht zusagen, ich brauche immer irgendwie einen Abschluss, so einen freischwebenden Text ohne Ende mag ich nicht so gern.


Ja, das Ende dieser Szene finde ich auch recht traurig, aber dass er das Gesicht in den Händen verbirgt, habe ich erfunden. Passte irgendwie. Drama Baby, Drama.
( 2 Kommentare — Kommentar hinterlassen )

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