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Bingo-Prompt 15

Titel: Erkenntnis
Fandom: Tatort Münster
Prompt: Kitzeln
Medium: Fanfiction
Zusammenfassung: Warum Boerne ihn heute Abend, wie schon so oft, im Flur abgefangen und ohne groß zu fragen in sein Wohnzimmer dirigiert hatte, war Thiel ein Rätsel. Naja, er würde schon noch aus Boerne herauskitzeln, worum es ging.
Anmerkungen: Für cricri, die eine kleine Ablenkung vom Stress ziemlich nötig hat - ich hoffe, die Geschichte ist nicht allzu unsinnig für dich!! Loser Bezug zu Der dunkle Fleck



Warum Boerne ihn heute Abend, wie schon so oft, im Flur abgefangen und ohne groß zu fragen in sein Wohnzimmer dirigiert hatte, war Thiel ein Rätsel. Sie hatten bislang eigentlich nichts getan, außer über Belanglosigkeiten zu plaudern, zu hören, wie der Regen an die Fenster schlug und einen Wein zu trinken. Nicht einmal einen Fall hatten sie gerade zu besprechen; es musste also wohl irgendeinen anderen Anlass geben für diesen - zugegeben nicht ungewöhnlichen, aber in Thiels Augen irgendwie grundlosen - Überfall.
Doch Boerne war, ganz entgegen seiner üblichen Ungeduld, bislang nicht mit der Sprache herausgerückt. Und das würde er wohl auch die nächsten Minuten nicht tun, er war nämlich gerade im Keller verschwunden, um noch ein neues ‚gutes Tröpfchen‘ aus dem Regal zu holen.

Naja, Thiel würde schon noch aus ihm herauskitzeln, worum es ging. Aber er hatte es nicht eilig. Wenn er ganz ehrlich war, war es gerade recht gemütlich und sogar ganz nett, nicht allein zu sein; besonders nach dem letzten Fall, der sie alle nicht unberührt gelassen hatte.
Er lehnte sich also in Boernes bequemer Couch zurück und nahm einen weiteren Schluck aus seinem Weinglas. Erstaunlich, wie oft er, der Pilstrinker, im Laufe der letzten Jahre ein eben solches in der Hand gehabt hatte; jedenfalls öfter als sein Nachbar ein Bierglas, soviel stand fest. Thiel musste unwillkürlich grinsen; Boerne und Bier, das ging echt gar nicht. Die Abneigung war so groß, nur mit Mühe und Not konnte der Professor sich ab und an überwinden, mal einen Schluck zu nehmen.


Gedankenverloren ließ Thiel den Rotwein in seinem Glas kreisen und erinnerte sich daran, wie er das erste Mal in Boernes Wohnung gesessen hatte; an jenem Abend vor Jahren, als Boerne ihm von der Hüftprothese dieser Moorleiche erzählt hatte. Der Besuch damals war absolut unfreiwillig und wirklich rein dienstlich gewesen. Boerne hatte ihn im Flur abgepasst und ohne auf seine Widerrede zu achten, in seine Wohnung gezerrt.
Wenn es damals nach Thiel gegangen wäre, wäre das eine absolute Ausnahme geblieben; aber so tickte sein Nachbar nicht, wie er schnell feststellen musste. Schon wenige Tage später hatte er sich erneut in Boernes Wohnung wiedergefunden.
Ok, damals hatte er den Wein noch ausgeschlagen und schon nach kurzer Zeit waren sie aufgebrochen, weil ein Anruf von Jennifer Müller sie vom Sofa weggelockt und auf eine wichtige Spur in seinem damaligen, ersten Fall gebracht hatte; oder sollte er doch besser sagen, in ihrem damaligen, ersten Fall? Denn eines war klar: schon seit dem allerersten Tag, an dem sie sich kennenlernten, hatte Boerne sich mit einer unglaublichen Selbstverständlichkeit in Thiels Arbeit eingemischt. Und statt dass das eine Eintagsfliege blieb, war es zu einer Konstante geworden.
Und irgendwie konnte Thiel es sich inzwischen auch gar nicht mehr anders vorstellen.



Der Abend damals war ganz klar ein Vorläufer von vielen, vielen ähnlichen, die im Laufe der Jahre folgen sollten. Meist von seiner Seite aus unfreiwillig; mit schöner Regelmäßigkeit wurde er von seinem Nachbarn so überrumpelt, dass ihm gar nichts anderes übrig blieb, als sich auf ein solches erzwungenes Treffen einzulassen. Zumindest, wenn er Boerne schnell wieder loswerden wollte, war es das Beste, ihm kurz zuzuhören. Er würde ohnehin nicht locker lassen, bis er das mitgeteilt hatte, was er in seinen zweifellos cleveren, aber manchmal auch leicht verschrobenen Hirnwindungen so ausgebrütet hatte. Das hatte sich in den Jahren nicht geändert und das würde sich auch wohl nicht mehr ändern.
Und irgendwie konnte Thiel es sich inzwischen auch gar nicht mehr anders vorstellen.


Geändert hatte sich höchstens ihr Verhältnis. Nun, auch nicht wirklich deutlich. Sie waren immer noch so unterschiedlich, wie sie nur sein konnten, in so ziemlich jeder Beziehung; aber sie kannten sich besser als bei diesem ersten Fall. Wesentlich besser. Sie hatten schon einige Höhen und Tiefen durchlebt; meist hatten sie an einem Strang gezogen, aber es hatte auch Fälle gegeben, in denen sie sich gegenseitig das Leben schwergemacht hatten. Doch irgendwie hatten sie sich immer wieder zusammengerauft, auch wenn es mal eine Weile so ausgesehen hatte, als ob sie sich endgültig zerstritten hatten.
Thiel konnte es nicht abstreiten: jeder wusste ganz genau, wie der andere tickte. Das machte die Zusammenarbeit nicht unbedingt einfacher; aber andererseits dann doch.



Thiels Gedankengang wurde unterbrochen, als das Klappern der Wohnungstür anzeigte, dass Boerne aus dem Keller zurückgekehrt war. Wenige Sekunden später kam der Professor ins Wohnzimmer.
Mit der ihm üblichen Energie stellte er die Flasche auf dem Tisch ab, öffnete sie und redete dabei ohne Punkt und Komma. Er bombardierte Thiel mit irgendwelchen haarsträubenden Details über das Anbaugebiet des Weines, den er gerade geholt hatte, kam vom Hundertsten ins Tausendste. Warum auch immer der Mann solch unnütze Informationen in seinem Hirn speicherte und dann auch noch regelmäßig meinte, seine Umgebung daran teilhaben lassen zu müssen, war Thiel ein Rätsel.
Aber irgendwie konnte er es sich gar nicht mehr anders vorstellen.



Thiel grinste ein wenig, als er Boernes Monolog über sich hinwegplätschern ließ, stützte einen Ellenbogen auf die Rückenlehne und legte seinen Kopf in seiner Hand ab. Sein Gegenüber plapperte ohne Pause weiter, doch mit einem Mal verstummte er, legte den Kopf schief und blickte Thiel irritiert an. „Haben Sie Fieber?“
Jetzt war es an Thiel, verdattert zu schauen. Er richtete sich verwundert auf. „Was ist los? Wie kommen Sie denn da drauf?“
Boerne musterte ihn einmal ganz argwöhnisch von oben bis unten. „Sie lachen. Das macht mir Sorge. Haben Sie sich was eingefangen?“
Thiel schüttelte grinsend den Kopf. „Sie haben Ideen… nein, mir geht es gut.“
Boerne schien nicht ganz überzeugt. „Na, ich weiß nicht… ich kenne Sie jetzt schon so lange, und zu Ihnen gehört ein mürrisch-knurriger Gesichtsausdruck. Es ist unheimlich, wenn Sie so offen lächeln.“
Thiel verdrehte die Augen und schüttelte den Kopf. „Danke für dies Gespräch. Sehr interessant, wie Sie mich sehen.“ Immer noch grinsend ließ er sich wieder zurücksinken.
„Mein lieber Thiel, es ist wohl mit Ihre hervorstechendste Eigenschaft, dass Sie sich standhaft weigern, den m
usculus risorius seiner natürlichen Funktion zuzuführen.“ Er schob mit seiner typischen Bewegung seine Brille hoch. „Aber es gibt durchaus noch ein paar weitere unverkennbare Charakteristika, die Sie definieren.“
„Na jetzt bin ich aber gespannt“, brummte Thiel sarkastisch. Aber sein Zynismus prallte an Boerne ab.
„Lassen Sie mal sehen: also, Sie können sich meist auf ihr Bauchgefühl verlassen, sind hartnäckig, tragen einen norddeutschen Sturschädel durch die Gegend und reden freiwillig keine drei Worte am Tag. Das macht den Umgang mit Ihnen zugegebenermaßen nicht immer ganz leicht.“ Boerne nahm einen Schluck Wein, ließ sich ebenfalls in seinem Sessel zurücksinken und setzte hinzu: „Aber nach all den Jahren kann ich es mir gar nicht mehr anders vorstellen.“ Jetzt lächelte er ein wenig.

Thiel starrte ihn an und wusste nicht, was er sagen sollte. Aber Worte waren vielleicht gar nicht nötig in diesem Moment. Er lächelte zurück.

Für eine Weile schwiegen sie. Als Boerne einen weiteren Schluck Wein trank aber keine Anstalten machte, das Gespräch wieder zu beginnen, hatte Thiel das Gefühl, doch irgendetwas sagen zu müssen. Letztendlich entschied er sich für eine unsinnige Bemerkung. „Danke für diese psychologische Analyse. Muss ich jetzt zehn Euro Praxisgebühr bezahlen?“
Boerne schüttelte grinsend den Kopf. „Trinken Sie noch einen Wein mit mir. Ich weiß nicht, ob es Ihnen klar ist, aber heute vor zehn Jahren haben Sie mir einen Zahn ausgeschlagen. Ich meine, darauf kann man anstoßen.“
Thiel lachte und stieß mit ihm an. „Ja, dich denke, das ist einen Schluck wert.“



Das war also der Anlass, warum Boerne ihn heute Abend, wie schon so oft, im Flur abgefangen und ohne groß zu fragen in sein Wohnzimmer dirigiert hatte. Die Wahrheit aus ihm herauszukitzeln, war ja nicht weiter schwer gewesen. Es hatte also tatsächlich einen guten Grund gegeben für Boernes - zugegeben nicht ungewöhnlichen - Überfall.
Sie plauderten weiter über Belanglosigkeiten, hörten zu, wie der Regen an die Fenster schlug und tranken ihren Wein.
Und Thiel konnte es sich irgendwie gar nicht mehr anders vorstellen.

Comments

( 2 Kommentare — Kommentar hinterlassen )
cricri_72
2. Nov 2012 22:04 (UTC)
:D

Danke!

Das mit dem Aufmuntern hat geklappt. Schöne Idee, das "Kitzeln" nicht wörtlich zu nehmen! Und das Jubiläum zu würdigen - schöne Idee von Dir und niedlich von Boerne ;)

Wenn ich ausgeschlafen bin, schreib' ich noch was Substanzielleres ...
baggeli
2. Nov 2012 22:37 (UTC)
Hehe, dann bin ich ja erst mal froh, wenn der Quatsch dich nicht völlig kopfschüttelnd zurückgelassen hat. =D
Zu normalem 'Kitzeln' wäre mir wohl ums Verrecken nichts eingefallen.

Schlaf dich mal in Ruhe aus und ein schönes Wochenende!

Ich muss jetzt mal Das ewig Böse auf relevante Szenen durchschauen. *freu* Auch 'ne schöne Folge. :D
( 2 Kommentare — Kommentar hinterlassen )

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