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Bingo-Prompt 16

Titel: Leise Töne
Fandom: Tatort Münster
Prompt Flüstern
Medium: Fanfiction
Zusammenfassung:
Es war durchaus eindrucksvoll, wie viel Missbilligung Boerne, ein Mann vieler und meist auch lauter Worte, in diese geflüsterte Bemerkung legen konnte.
Doch es war weder die richtige Zeit, noch der richtige Ort, um auf den Gemütszustand seines Kollegen einzugehen.

Anmerkungen Episodenbezug zu Tempelräuber. Es ist wichtig, die Folge gut zu kennen, sonst macht diese Geschichte absolut keinen Sinn.


Die Tür zu Ludwig Mühlenbergs Büro stand offen. Man konnte den Lichtkegel einer Taschenlampe erkennen, der über die Wände geisterte. Also, ein professioneller Einbrecher schien sich dort in dem Raum jedenfalls nicht aufzuhalten, der hätte sich sicherlich unauffälliger verhalten. Trotzdem beschloss Thiel, auf Nummer sicher zu gehen. Er wandte sich zu Schwester Agathe und Boerne um und flüsterte eindringlich: „Sie warten jetzt besser hier, egal was passiert.“ Noch während er sich zurückdrehte, fiel ihm auf, dass er das spezifizieren sollte, den Boerne setzte sich bereits in Bewegung. Ein leises: „Das gilt übrigens auch für Sie!“, ließ den Professor jedoch mit einem ungläubigen „Oh!“ verharren. Aus dem Augenwinkel sah er, wie Boerne sich beleidigt aufplusterte. „Als Autoverleih bin ich gut genug!“ Sein aufgebrachtes Flüstern brachte Thiel dazu, ihn nochmals anzublicken.
Es war durchaus eindrucksvoll, wie viel Missbilligung Boerne, ein Mann vieler und meist auch lauter Worte, in diese geflüsterte Bemerkung legen konnte.
Doch es war weder die richtige Zeit, noch der richtige Ort, um auf den Gemütszustand seines Kollegen einzugehen.


Mit einem energischen „Pschhhhhht!“ versuchte Thiel, ihn zum Schweigen zu bringen. Aber es war klar, dass das bei Boerne nicht funktionierte. Der Professor runzelte die Stirn, als er energisch wisperte: „Vielleicht brauchen Sie Hilfe!“
Thiel verdrehte die Augen. „Ja, aber eine mit zwei Händen!“ Den sarkastischen Kommentar hatte er sich nicht verkneifen können, bevor er leise, mit gezogener Waffe, in das Büro des ermordeten Regens schlich. Als er schon fast an der Türe war, konnte er nicht überhören, dass Boerne das letzte Wort haben musste. „Ich hab‘ zwei Hände!“
Es war durchaus eindrucksvoll, wie Boerne, als der erwachsene, eloquente Mann der er eigentlich war, mit dieser geflüsterten Bemerkung den Eindruck erwecken konnte, er sei ein trotziges Kind.
Doch es war weder die richtige Zeit, noch der richtige Ort, um auf den Gemütszustand seines Kollegen einzugehen.



Im Büro herrschte ziemliche Dunkelheit, aber es war gut zu erkennen, dass Schreibtisch und Schränke durchwühlt waren. Thiel schaltete das Licht an, sah sofort das offene Fenster. Aber sonst niemanden. „Das Vögelchen ist ausgeflogen!“, rief er seinen Begleitern draußen im Flur über die Schulter zu und trat an das Fenster, um einen Blick hinaus zu werfen. Aber der Eindringling war nicht mehr zu entdecken.
Seufzend wandte er sich zurück, um den Raum genauer zu inspizieren, als ihm die Schuhspitzen auffielen, die unter einem deckenhohen Vorhang hervorlugten - aber bevor er reagieren konnte, wurde eben dieser Vorhang abgerissen und über ihn gestülpt.
Thiel ging durch den unvermuteten Angriff zu Boden, verhedderte sich in der unförmigen Gardine. Bis er sich endlich befreit hatte und den Flüchtigen verfolgen konnte, war der schon nicht mehr zu sehen. Und natürlich ignorierte der Fliehende sein gebrülltes „Stehenbleiben!!!“


Trotzdem eilte Thiel hinter ihm her, er hatte noch nie freiwillig aufgegeben. Und kurz bevor er das Büro durchquert hatte, ertönten auf dem Flur ein klatschendes Geräusch und dann gleichzeitig ein dumpfer Aufprall und ein gequältes, unterdrücktes Stöhnen.
Aufgeregt stürmte Thiel durch die Tür und sah gerade noch, wie Boerne mit verzerrtem Gesicht an der Wand entlang zu Boden rutschte und sich unbeholfen den rechten Arm hielt. Der Professor wirkte, als wäre er kurz davor, sich vor Schmerzen zu übergeben, während zwei Meter neben ihm völlig weggetreten der Einbrecher lag, den Boerne scheinbar wenige Sekunden zuvor mit seinem geschienten Arm zu Boden geschlagen hatte.



Mit Hilfe von Schwester Agathe war es Thiel gelungen, den ziemlich benommenen Seminaristen und den ziemlich bleichen Boerne jeweils in einen Sessel zu verfrachten.
Der Eindringling hielt sich ein Taschentuch an die blutige Nase und sagte keinen Ton, egal, wie sehr Thiel ihn anfuhr. Boerne hatte sich in seinen Mantel eingewickelt, in seinem Sitz zurückgelehnt und war mindestens ebenso apathisch.
So saßen sie auch noch, als Nadeshda schwungvoll das Büro betrat.
Thiel, hundemüde und entnervt über die Tatsache, dass der Eindringling sich nicht zum Reden bringen ließ, hatte gleich ein paar Anweisungen für seine Assistentin. „Nadeshda, der junge Mann geht in Untersuchungshaft. Ach, und bei der Gelegenheit können Sie vielleicht gleich unseren behinderten Superhelden da mal zu Hause vorbeifahren.“ Er hatte den Satz noch nicht ganz zu Ende gesprochen, als ihm klar wurde, dass er gerade nicht wirklich fair zu seinem Kollegen gewesen war.
Der Blick, den Boerne ihm zuwarf, als er sich mit zusammengebissenen Zähnen aus seinem Sessel erhob, bestätigte das eindeutig. „Das ist also der Dank, ja? Hohn und Spott.“
Es war durchaus eindrucksvoll, wie viel Enttäuschung und Unglaube Boerne in diese fast geflüsterte Bemerkung legen konnte, bevor er mit langsamen, leicht unsicheren Schritten den Raum verließ.
Doch es war weder die richtige Zeit, noch der richtige Ort, um auf den Gemütszustand seines Kollegen einzugehen.





Am Nachmittag des übernächsten Tages hatte sich die Lage zugespitzt. Thiel hatte Pfarrer Wolff mit dem Haftbefehl wegen Mordverdachts konfrontiert. Nun saßen er und Frau Ellinghaus ihm und Boerne gegenüber.
Wolff war wohl wirklich nicht der Täter, er hatte für die Nacht ein Alibi. Aber die Nachricht, die seine Tochter bei ihm auf dem Anrufbeantworter hinterlassen hatte, musste der Auslöser dieses Mordes gewesen sein, da war Thiel sich ganz sicher.
Wolff behauptete jedoch weiterhin steif und fest, dass es auf seinem Anrufbeantworter keine Meldung gegeben hatte, als Boerne sich plötzlich mit einem leisen „Oh mein Gott!“ in seinem Stuhl zurücksinken ließ. Alle Anwesenden starrten ihn überrascht an.
„Was?“
Boerne reagierte aber nicht auf Thiels Frage, sondern wandte sich an Frau Ellinghaus. „War Steffen mit in Holland?“
Ihre Antwort war eindeutig. „Nein, er hasst diese Gruppentreffen. Er wollte üben.“
Boerne blickte zurück zu ihm; in seinen Augen sah der Kommissar so viel Sorge, wie selten zuvor. „Dann wäre es rein theoretisch doch möglich, dass Steffen den Anruf gehört hat.“
Wolff lachte ein wenig, auch seine Partnerin entspannte sich wieder. „Nein nein, da kann ich Sie wirklich beruhigen. Steffen war nie in meiner Wohnung, da haben wir immer sehr drauf geachtet.“ Er schüttelte den Kopf. „War ja auch viel zu riskant, er hatte auch gar keinen Schlüssel.“
Der Blick, den Boerne Steffens Eltern zuwarf, war einer, den Thiel so bald nicht vergessen würde. „Ja? Glauben Sie?“ Seine Stimme war leise, als er hinzufügte: „Ich kann Ihnen sagen, es gibt einiges im Leben Ihres Sohnes, von dem Sie keine Ahnung haben.“
Es war durchaus eindrucksvoll, wie viel Resignation und Anteilnahme Boerne, ein Mann, der sich scheinbar für keinen Menschen außer sich selbst interessierte, in diese beinah geflüsterte Bemerkung legen konnte.
Doch es war weder die richtige Zeit, noch der richtige Ort, um auf den Gemütszustand seines Kollegen einzugehen. Sie mussten einen Mörder verhaften.
Er brauchte Boernes auffordernde Geste mit dem Kopf nicht, war schon von allein aufgestanden.




Steffen hatte den Mord gestanden. Er hatte ihnen alles erzählt, wirkte dabei seltsam abwesend und emotionslos. Was man vom ihm und Boerne allerdings nicht behaupten konnte.
Thiel war wirklich am Ende, als er sich auf eine der Bänke im Priesterseminar sinken ließ und zuschaute, wie Nadeshda den Jungen und seine Eltern wegführte. Das war wieder einer dieser Fälle, bei denen er sich fragte, warum er keinen anderen Beruf gelernt hatte. Lange hing er diesen trüben Gedanken allerdings nicht nach - die vielen Unterbrechungen der letzten beiden Nächte forderten ihren Zoll; ohne es zu wollen, schlief Thiel ein. Und statt ihn zu wecken, blieb Boerne bei ihm sitzen und ließ ihn schlafen.


Als Thiel endlich wieder aufwachte, war er zwar etwas ausgeruhter, aber ihm schmerzte durch das harte Sitzmöbel jeder Knochen im Leib und er wusste nicht, ob er dem Professor danken oder ihm den Kopf abreißen sollte. Aber ein Blick in Boernes Gesicht brachte ihn dazu, gar nichts zu sagen. Er fasste seinen Kollegen nur wortlos am Oberarm, zog ihn mit sich hoch und fuhr ihn nach Hause.


Boerne hätte es niemals zugegeben, aber Thiel war sicher, dass die Geschichte mit Steffen ihm unheimlich zusetzte. Egal, wie gut er sich normalerweise unter Kontrolle hatte, er war erschüttert, das war nicht zu übersehen.
Das, und die Tatsache, dass Boerne nun, wo Frau Ellinghaus verhindert war, ohnehin seine Hilfe benötigen würde, hatte Thiel den Entschluss fassen lassen, ihm für den Rest des Abends Gesellschaft zu leisten.
„Sagen Sie Boerne, kann ich vielleicht nachher bei Ihnen das Tennisspiel schauen? Mein Empfang ist so schlecht in der letzten Zeit, ich glaub‘, da ist was mit der Antenne nicht in Ordnung.“ Das war nur die halbe Wahrheit, wusste er doch sehr genau, dass die Antenne defekt war, weil er sie höchstpersönlich über den Haufen gerannt hatte; aber das musste er Boerne ja so deutlich nicht sagen. Außerdem gratulierte er sich selbst zu der Tatsache, dass ihm eine Schlagzeile in der Zeitung aufgefallen war, in der von dem Tennisfinale an diesem Abend berichtet wurde.
Boerne sah ihn für einen Moment verwundert an und reagierte dann mit einem nachdrücklichen Kopfnicken; ein deutliches Zeichen dafür, dass er nicht allein sein wollte.
Und wenn Thiel sich selber gegenüber ehrlich war, wollte er genauso wenig allein sein. Er fühlte sich ebenfalls mitgenommen von den Ereignissen; auch wenn sein Verhältnis zu Steffen natürlich ein ganz anderes war, als das von Boerne der tatsächlich in den wenigen Tagen eine für ihn ungewöhnliche Verbindung zu dem Jungen geknüpft hatte.



Eine halbe Stunde später hatte er Boerne erfolgreich überredet, Schlips und Kragen gegen eine bequeme Hose und ein T-Shirt zu tauschen. Sogar ein wenig zu essen konnte er ihm aufdrängen.
Danach setzten sie sich auf das Sofa, starrten auf den Fernseher und schwiegen die meiste Zeit. Das Spiel zog sich und Thiel war kurz davor, einzudösen.
„Also ehrlich. Tennis…“, ertönte plötzlich ein leises Schnauben neben ihm. Boernes Tonfall bewog Thiel, seinen Kollegen verwundert anzuschauen.
Sein Nachbar hatte ihm soeben zu verstehen gegeben, dass er durchschaut war. Und es war durchaus eindrucksvoll, wie viel Unsicherheit und gleichzeitig Dankbarkeit Boerne, der niemals freiwillig zugab, wie es gerade in ihm aussah, in diesen drei geflüsterten Worten durchklingen ließ.

Nun wäre wahrscheinlich endlich der richtige Zeitpunkt gewesen, auf den Gemütszustand seines Kollegen einzugehen - aber Thiel  wusste nicht, was er sagen sollte.
Doch nach einem weiteren unbeholfenen und entschuldigenden Blick auf Boerne wurde ihm klar, dass Worte gar nicht nötig waren.
So b
lieben sie einfach nebeneinander sitzen und starrten auf den Fernseher. Und Thiel war sich sicher, dass Boerne ebenso froh wie er selbst war, nicht allein zu sein.


Irgendwann hatte Boerne neben ihm mit einem leisen Seufzen seinen Kopf auf die Rückenlehne des Sofas gelegt.
Thiel warf aus den Augenwinkeln einen besorgten Blick zur Seite; der Professor wirkte mindestens ebenso müde, wie er selber auch war, aber er schien gegen das Einschlafen anzukämpfen.


Doch nach einer ganzen Weile fielen seine Augen endgültig zu, er sackte immer schwerer gegen Thiel und der Kommissar konnte fühlen, wie langsam die Anspannung aus Boernes Körper wich.
Als er sicher war, dass sein Kollege endlich fest schlief, stand Thiel vorsichtig auf und dirigierte den nun haltlos zur Seite sinkenden Mann ganz behutsam auf ein Kissen, nahm seine Beine hoch und breitete eine Decke über ihm aus.


„Schlafen Sie weiter“, flüsterte Thiel und legte eine Hand auf Boernes Schulter, als der sich mit einem Schmerzgeräusch angespannt und etwas Unverständliches zu murmeln begonnen hatte, in dem Moment, in dem Thiel versuchte, seine Gipsarme einigermaßen bequem zu lagern. „Alles gut, schlafen Sie einfach weiter. Ich komme morgen früh zurück und helfe Ihnen, ok?"

Die beruhigende Geste und die gewisperten Worte schienen den gewünschten Effekt zu haben. Als Boerne noch ein nahezu lautloses, scheinbar zustimmendes Ächzen von sich gab, dann zurück auf das Kissen sank und wieder zur Ruhe kam, seufzte Thiel erleichtert auf.

Anscheinend konnte nicht nur Boerne in leisen Tönen übermitteln, was ihm wichtig war.


Comments

( 2 Kommentare — Kommentar hinterlassen )
cricri_72
4. Nov 2012 11:11 (UTC)
Also ehrlich. Tennis ...
Das habe ich auch gedacht ;) Thiel ...

Ich mag Tempelräuber ja sehr, und Du hast einige meiner Lieblingsszenen aufgegriffen und ein sehr schönes Ende dahintergesetzt. Mir ist vorher noch nie aufgefallen, wie viele dieser entscheidenden Szenen tatächlich sehr leise sind.

Bei dem "Ich habe zwei Hände!" muß ich jedesmal lachen, weil Boerne dabei tasächlich so völlig fassungslos und ernsthaft klingt, und auch, weil er das zu Schwester Agathe sagt/flüstert.

Danke für die Überraschung an einem trüben Sonntag! :)

Ich geh' mich dann mal wieder der Familie widmen ...
baggeli
4. Nov 2012 11:43 (UTC)
Also ehrlich. Tennis ...
Hehe, ja, auffälliger ging's nicht. Ich brauchte halt etwas anderes als Fußball. Es hätte natürlich auch ein Tatort sein können ;o), bestimmt jedoch kein Traumschiff oder Rosamunde-Pilcher-Film. Aber Tennis hat in dem Augenblick am ehesten mein Komikzentrum getroffen.

Ich denke auch, dass der Film schöne, ruhige Momente hat. Wobei ich gerade die lustigen (eigentlich alle auf Boernes Gipshände abzielenden) Szenen nicht missen möchte. Sowohl die mit Alberich, als auch die mit dem Brot und später Frau Ellinghaus. Ich glaube, ohne diese Auflockerungen wäre mir der Tatort zu bedrückend gewesen.

Und es wird mir immer wieder klar, wie froh ich bin, dass JJL Professor Boerne spielt, und nicht Ulrich Noethen. Er ist ein toller Schauspieler, doch sein Boerne wäre garantiert ganz anders geworden. Aber ich mag ihn nicht anders haben, als er ist. =D
( 2 Kommentare — Kommentar hinterlassen )

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