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Bingo-Prompt 17

Titel: Hoffnungsschimmer Kapitel 2 (Achtung, düster!)
Fandom: Tatort Münster
Prompt Regenbogen
Medium: Fanfiction, Fanart (die aber auf Dauer so wohl nicht bleibt)
Zusammenfassung: Ein paar Sonnenstrahlen brechen durch eine kleine Lücke. Erzeugen einen Regenbogen, der ganz sanft vor dem düsteren, stürmischen Himmel schimmert. Der ihn weniger bedrohlich aussehen lässt, für einen kurzen Moment.
Der Hoffnung weckt, für einen kurzen Moment.

Anmerkungen Also, das ist jetzt ein Stück weit anders geworden, als ich das je gedacht hätte. Ich hatte nie vor, die Geschichte so zu schreiben; im Präsens, ohne wörtliche Rede und insgesamt so eigenwillig, seltsam, wie auch immer man das nennen will. Aber irgendwie hat sich das alles verselbständigt. Naja, öfter mal was Neues. *lol*


Inzwischen sind Suchmannschaften unterwegs, eine Hundestaffel. Vielleicht gibt es eine Spur, einen Hinweis darauf, wo er hingebracht wurde, nachdem man ihn aus dem Kofferraum herausgeholt hat. Aber durch den weiterhin strömenden Regen sinken die Chancen, ihn auf die Art zu finden, Richtung Null.
Thiel hat schon einige Unwetter überstanden; aber noch nie schien das, was am Horizont wartet, so bedrohlich.

Er hat die gesamte Kripo mobilisiert und Frau Klemm lässt ihm freie Hand. Sie hat ihn wissen lassen, er soll alles tun, ihn lebend zu finden… nein, so hat sie es nicht formuliert. Das Wort lebend ist ihr nicht über die Lippen gekommen.
Aber Thiel gibt die Hoffnung nicht auf. Will die Hoffnung nicht aufgeben.



Er selber sitzt am Telefon, so wie viele seiner Kollegen. Sie sprechen mit Arztpraxen und erneut mit allen Krankenhäusern. Vielleicht ist doch irgendwo im Laufe der Nacht jemand an einer Kopfwunde versorgt worden. Eine andere Spur haben sie nicht. Es gibt keine Fingerabdrücke im Wagen, nur ein paar nichtssagende Faserspuren, die man nicht einordnen kann.
Ein Mitarbeiter forscht, ob in letzter Zeit Häftlinge aus den Justizvollzugsanstalten entlassen wurden, die mit seinem Kollegen in Verbindung zu bringen sind. Realistisch betrachtet befinden sich vermutlich die Hälfte der Mörder und Vergewaltiger, die in den umliegenden Gefängnissen einsitzen, nicht zuletzt aufgrund seiner Arbeit hinter Gittern. Sicherlich sind genug dabei, die Rache geschworen haben.
Aber es gibt keine Namen, keine Hinweise. Nichts.



Thiel fühlt sich wie in einem Alptraum gefangen. Der Regen schlägt immer noch gegen die Scheiben, in ein paar Stunden wird es dunkel. Er muss kämpfen, die Hoffnung nicht vollständig zu verlieren; so düster, wie es draußen aussieht, sieht es auch ihn ihm aus.
Aber er weigert sich, die Hoffnung aufzugeben. Weigert sich, daran zu denken, dass er zu spät kommen könnte.



Er trinkt noch einen Schluck Kaffee und wählt energisch die nächste Nummer, als sich Nadeshda neben ihm sich plötzlich ganz abrupt aufrichtet, hektische Notizen macht; dankend den Hörer auflegt und ihn dann anblickt. Ihm sagt, dass sie einen Namen hat. Einen jungen Mann, der angeblich vom Rad gefallen und auf den Bordstein geprallt ist, der mit fünfzehn Stichen an der Stirn genäht werden musste.
Noch während sie spricht, springt er auf und reißt seine Jacke vom Stuhl, bellt seine Anweisungen heraus.
Innerhalb von zwei Minuten sind sie auf dem Weg; ein paar Kollegen begleiten sie.

Der Regen lässt während der Fahrt etwas nach. Thiel beschleunigt den Wagen, als die Sicht sich bessert. Seine Hoffnung findet neue Nahrung in dem strahlend blauen Stückchen Himmel, das durch eine kleine Wolkenlücke zu erkennen ist.

Sie sind kurz vor dem Ziel, als der Anruf kommt. Der junge Mann ist ein unbeschriebenes Blatt; aber sein Bruder ist der Polizei wohlbekannt. Ist vor einigen Jahren überführt worden von seinem Kollegen; inhaftiert worden wegen Vergewaltigung einer Minderjährigen; vor drei Tagen erstochen worden von einem Mithäftling.


Nach dieser Information hat Thiel keinen Zweifel mehr, dass sie an der richtigen Adresse sind.
Der Himmel ist wieder komplett bezogen; der kurze, hellere Moment ist vorbei.



Gerade, als er sich mit Nadeshda der Eingangstür nähert, wird sie aufgerissen und ein Mann tritt heraus. Ein großes Pflaster prangt auf seiner Stirn. Er verharrt mitten im Schritt, starrt Thiel an. Und beide wissen Bescheid.
Schneller, als Thiel reagieren kann, hat der Entführer sich auf dem Absatz umgedreht und flieht.
Nadeshda und Thiel verlieren keine Sekunde, stürmen hinterher. Thiel zieht die Dienstwaffe, droht, sie zu benutzen. Aber er tut es nicht; die Jagd geht über Stock und Stein, über Gartenzäune und Mauern, im strömenden Regen. Wenn er nicht richtig trifft, wenn er den Mann erschießt, wird er nie erfahren, wo der Vermisste sich befindet. Also beißt er die Zähne zusammen und hetzt hinter ihm her. Rennt, wie noch nie zuvor in seinem Leben. Rennt gegen die Zeit, gegen die immer kleiner werde Chance, seinen Kollegen noch rechtzeitig zu finden. Rennt gegen die Hoffnungslosigkeit, die sich langsam in ihm breitzumachen droht. Rennt gegen die Angst, die kurz davor ist, ihn zu lähmen; die Angst davor, was er erfahren wird, wenn er den Flüchtigen zu fassen bekommt. Wenn.



Es ist das pure Glück, dass der Mann vor ihm bei seiner hektischen Flucht ins Stolpern kommt und ausrutscht, so heftig auf seinen Kopf schlägt, dass er benommen liegenbleibt.
Thiel ist innerhalb weniger Sekunden über ihm, reißt ihn hoch. Brüllt ihn an, wie von Sinnen, aber er kann sich nicht zügeln. Schüttelt den Kerl, bis er spürt, dass Nadeshda ihn am Arm festhält.


Der junge Mann, der Entführer, er lacht. Es ist ein bitteres Lachen, ein höhnisches Lachen. Ein Teil in Thiels Innerstem gefriert, als er es hört.
Noch nie ist ihm das passiert, aber er verliert die Kontrolle. Dreht den Arm des Entführers, des Mörders? auf den Rücken. Biegt weiter und weiter, bis er vor Schmerzen schreit. Er ignoriert Nadeshdas Rufe und panische Bitte, endlich aufzuhören. Irgendetwas in ihm ist zerbrochen. Er muss eine Antwort bekommen. Er wird eine Antwort bekommen.
Der Mann in seiner Gewalt liegt inzwischen auf dem Boden, windet sich, brüllt wie ein Tier. Und irgendwann, kurz bevor sein Arm bricht, schreit er die Antwort heraus. Schreit heraus, dass er Thiels Kollegen in seine Gewalt  gebracht und abgestochen hat wie ein Schwein. Ihn dann in seinen Wagen geschleift und in den Wald gebracht hat. Dass er ihn in einem alten Steinbruch hat liegenlassen, damit er dort einsam und hilflos verreckt. So, wie sein Bruder einsam und hilflos im Knast verreckt ist. Und dass sie ihn nie erwischt hätten, wenn er mit dieser Scheißkarre nicht auf dem Rückweg von der Straße abgekommen wäre.



Thiel kann es nicht glauben, will es nicht glauben. Er hält den Arm immer noch, sein Knie drückt den Rücken des Mannes weiterhin mit seinem ganzen Gewicht zu Boden.

Plötzlich legt sich Nadeshdas Hand auf seine Wange, dreht sein Gesicht zu ihr. Sie hat Tränen in den Augen, fleht ihn an, endlich loszulassen. Bittet ihn, endlich an seinen Kollegen zu denken.
Dabei denkt Thiel an nichts anderes.
Aber sie hat Recht; mit einem Gefühl des Ekels lässt er die Person in seiner Gewalt los; und wenn er ganz ehrlich ist, weiß er nicht, ob er sich mehr vor dem Mann ekelt, oder davor, was er selbst vor wenigen Sekunden zu tun bereit war.



Seine Begleiter legen den winselnden Kerl in Handschellen und führen ihn ab; aber Thiel kümmert sich nicht darum, er ist längst auf dem Weg zu seinem Wagen.
Seine Assistentin beordert weitere Polizisten und einen Krankenwagen zu dem Steinbruch. Aber bis die Hilfe eintrifft, wird es dauern. Thiel und Nadeshda werden die ersten sein.



Kies spritzt in alle Richtungen, als Thiel das Fahrzeug um eine enge Kurve steuert und dann nahe dem Steinbruch zum Stehen bringt.
Wie von Sinnen reißt er die Tür auf und stürmt in das Unwetter. Brüllt den Namen seines Kollegen, rennt, noch schneller, als eben bei der Jagd auf den Entführer. Nadeshda ist immer dicht hinter ihm.
Über ihnen türmen sich schwarze Wolkenberge.
Die Aussicht ist beängstigend. Ihm graut davor.



Er muss für einen Moment verharren, hat Seitenstechen. Presst die Hände in die Seite, legt den Kopf in den Nacken. Regen strömt ihm in das Gesicht. Regen, in dem sein Kollege seit Stunden liegt.
Er holt tief Luft und rennt weiter.
Nach einigen Minuten fieberhafter Suche entdeckt Thiel plötzlich in der Entfernung einen dunklen Fleck auf dem steinigen, von Pfützen durchsetzten Boden. Da liegt ein Mann. Eindeutig.
Er weiß nicht genau, wie er diese letzten Meter zurückgelegt hat, weiß nur, dass er plötzlich am Ziel ist. Bei seinem Kollegen ist.



Er stürzt förmlich auf die Knie, legt hilflos eine Hand auf seine Schulter. Nimmt entsetzt den Anblick in sich auf. Wie er dort liegt, leichenblass, auf dem Bauch. Die Augen geschlossen, die nassen Haare in seiner Stirn hängend. Und den Kies unter seinem Körper, der trotz des starken Regens dunkelrot verfärbt ist.

Thiel schluckt und wirft seinen Kopf in den Nacken, möchte für einen Moment hinausschreien, dass das alles nicht wahr sein kann.
In diesem Augenblick stöhnt sein Kollege. Das Geräusch ist über das Prasseln des Regens und das bedrohliche Rauschen des Windes kaum zu hören. Aber es ist da.
Augen öffnen sich. Blutunterlaufen. Schmerzverschleiert. Erleichtert.



Nadeshda ist jetzt bei ihm. Er soll ihn nehmen, drängt sie. Soll ihn nicht einfach dort liegen lassen.
Thiel ist überfordert, hilflos, traut sich kaum, seinen Kollegen anzufassen. Er will ihm keine Schmerzen zufügen. Aber ein Blick in die bittenden Augen zeigt, dass es ihm größere Schmerzen bereiten würde, wenn er ihn auf dem Boden liegen lässt. Sich selbst überlässt.


Vorsichtig dreht er ihn herum, nimmt ihn hoch in seinen Arm. Lagert ihn in seinem Schoß, bettet seinen Kopf an seine Brust. Presst verzweifelt die Augen zusammen, als keuchende, abgehackte Atemzüge anzeigen, wie der Verwundete sich dabei quält.

Mit einem Blick streift er die Verletzung und Übelkeit steigt in ihm auf. Aber er lässt sich davon nicht ablenken. Jetzt will er sich nur auf seinen Kollegen konzentrieren.
Nadeshda zieht ihre Jacke aus, deckt den zitternden Mann damit zu. Flüstert, dass die Hilfe bald da sein wird, dass alles wieder gut wird.


Aber sie alle wissen, dass das eine Lüge ist. Dass er schon zu weit auf der anderen Seite ist, um zurückkehren zu können. Zu weit weg, als das Hilfe rechtzeitig eintreffen könnte.
Sie sollen ihn nicht allein lassen, bittet er. Es sind die letzten Worte, die er spricht. Für weitere fehlt ihm die Kraft. Thiel fehlt die Kraft, zu antworten.
Er ist zu spät gekommen, seinen Kollegen zu retten.
Aber er ist nicht zu spät gekommen, um ihm seine letzte Bitte zu erfüllen.



Es dauert nur wenige Minuten, bis er sich nicht mehr rührt. Bis er die Tropfen, die auf sein Gesicht fallen, nicht mehr spürt. Nicht die kalten und nicht die heißen.



Der Himmel ganz hinten am Horizont bricht auf. Es wird bald aufhören zu regnen. Man sieht ein goldenes Band, dort, wo die Sonne bald untergehen wird.

Aber Thiel sieht nur Schwärze.

<< Hoffnungsschimmer - Kapitel 1

hoffnungsschimmer2



Ob diese Malerei auf Dauer zu dieser deprimierenden Story gehören soll, weiß ich noch nicht. Vielleicht mache ich irgendwann den Regen und den bedrohlichen Hintergrund weg, ziehe Boerne einen Wintermantel an und male Schnee und einen Weihnachtsmarkt drumherum. Dann ist es ein schwerer Fall von Glühweinintoxikation mit vollständigem Kontrollverlust. :o)
(Merkt man, dass ich gerade etwas aufheitern will?)

Comments

readonly56
6. Nov 2012 15:07 (UTC)
Ich hab das nicht gelesen. Nein, ich hab das überhaupt nicht gelesen. Keinesfalls.

Wie kannst du nur?!
baggeli
6. Nov 2012 15:25 (UTC)
Bist du jetzt etwa böse?


Öhm. Ja. Wenn du es nicht gelesen hast, dann ist ja alles gut, oder?

Wie kannst du nur?!
Was meinst du denn? Du hast es ja nicht gelesen. ;o)

(Ich muss zugeben, es ist einfacher, so etwas zu schreiben, als es bei anderen zu lesen. Trotzdem läuft es mir selbst ein Stück weit nach. Man, ich bin schon bedenklich bescheuert, oder?)




Jetzt mal ernsthaft, wenn sich je Prahl und/oder Liefers entscheiden, aus dem Tatort auszusteigen und die einen von beiden sterben lassen, dann drehe ich durch!
Das nur so am Rande. Du kennst meine Einstellung dazu.
readonly56
6. Nov 2012 15:33 (UTC)
Klar. Ich wollte auch nur meiner Erschütterung Ausdruck verleihen...
baggeli
6. Nov 2012 16:20 (UTC)
Ich wollte auch nur meiner Erschütterung Ausdruck verleihen...
Ich hab' das Gefühl, mit der Geschichte hab ich ganz schön was angerichtet. *am-kopf-kratz*
Hätte ich mir selber gar nicht zugetraut, dass ich das mal übers Herz bringe. =D

Farfie, wird das als Wiederholungstäter leichter? ;oP
Nein, Spaß beiseite, noch mal mache ich das nicht. Zumindest in absehbarer Zeit, ich muss mich erst mal selber erholen. *kicher*

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