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Titel: Wissen, was wirklich wichtig ist
Fandom: Tatort Münster
Prompt: Antiquitäten
Adventskalender-Prompt: Heizungsausfall

Medium: Fanfiction
Wörter: 7900

Zusammenfassung: Adventszeit. Zeit der Ruhe und der Besinnung. Vielleicht am ehesten die Zeit im Jahr, in der viele Menschen darüber nachdachten, was im Leben wirklich wichtig war.
Viele, aber ganz offensichtlich nicht alle.
Schnaubend warf Thiel die Tür des rechtsmedizinischen Institutes hinter sich ins Schloss und stürmte die Treppen hinunter. Er würde das jetzt klären, ein für alle Mal.

Genre: h/c. Und nichts anderes. Ich war ziemlich deprimiert, als ich das geschrieben habe. Also, wer das nicht mag, soll es bitte nicht lesen!!


Anmerkungen: Ich denke, fast jeder von uns hat schon einmal eine dieser Nachrichten erhalten, die innerhalb von zwei Sekunden eine ganze Welt zusammenbrechen lassen. Neulich war es bei uns wieder einmal soweit.
Das war weiß Gott nicht die erste und – ich mache mir keine Illusionen - das wird auch leider nicht die letzte solcher Nachrichten gewesen sein. So ist das nun mal im Leben.
Aber jedes Mal, wenn ich mit einer solchen Sache konfrontiert werde, versuche ich, aus der negativen Wucht zumindest auch noch irgendwie etwas Positives zu machen; meistens, mir bewusst zu machen, wie gut es mir geht, und dass vieles, worüber ich mich aufrege oder worüber ich mir einen Kopf mache, gar nicht nötig, vielleicht sogar absolut nebensächlich ist.
Für eine Weile habe ich dann einfach wieder besser im Blick, was eigentlich wirklich wichtig ist.

A.N.: Ohne Beta, ich finde es schöner, wenn sich jeder von einem Türchen überraschen lassen kann. Wäre nett, wenn ihr mir helft, alle Fehler zu verbessern.


Adventszeit. Zeit der Ruhe und der Besinnung. Vielleicht am ehesten die Zeit im Jahr, in der viele Menschen darüber nachdachten, was im Leben wirklich wichtig war.
Viele, aber ganz offensichtlich nicht alle.
Schnaubend warf Thiel die Tür des rechtsmedizinischen Institutes hinter sich ins Schloss und stürmte die Treppen hinunter. Er würde das jetzt klären, ein für alle Mal.


Es war der Tag nach dem ersten Advent und es hatte angefangen zu frieren, in der Nacht zuvor sogar ein paar Flocken geschneit; das Wetter war genauso, wie man sich das vorstellte in der vorweihnachtlichen Jahreszeit.
Thiel hatte Feierabend. Eigentlich. Er hätte es sich jetzt auf dem Sofa daheim bequem machen können, mit einem Käsebrot und vielleicht sogar mit einem Fläschchen Bier in der Hand. Stattdessen war er auf bestem Wege, sich den Abend durch einen Streit zu vermiesen, aber es ging nicht anders.

Auslöser der Misere war ihr aktueller Fall - ein brutaler Raubmord. Den gesamten Sonntagnachmittag über hatten sie in einer von Dieben durchwühlten Villa unzählige Spuren gesichert; ein halbes Dutzend kostbarer Antiquitäten war verschwunden und der Besitzer lag ermordet vor dem Wohnzimmertisch. Die Leiche wies einen Kopfschuss auf und die Tatwaffe - ironischerweise die Pistole aus dem Safe des Opfers, die er angeschafft hatte, um sich zu schützen - war verschwunden. Damit war ja wohl alles klar, die Räuber hatten sich der Antiquitäten bemächtigen wollen und der Hausherr war ihnen in die Quere gekommen; Mord aus niedrigen Beweggründen. Und das so kurz vor Weihnachten.

Aber obwohl der Schnelltest ergab, dass sich kaum Schmauchspuren an den Händen des Opfers befanden, er keinen einzigen Beweis hatte, behauptete Boerne vom ersten Blick auf die Leiche an steif und fest, der Mann habe sich selbst erschossen. Und das auch noch vor der trauernden, verzweifelten Witwe! Das war ja wohl wieder einmal die Krönung, eine unbeschreibliche Taktlosigkeit, Thiel konnte es nicht fassen.
An diesem Sonntagnachmittag waren sie tatsächlich noch von der Staatsanwältin in ihr Büro zitiert worden, und dort, im Zuge eines unerfreulichen Gesprächs, war Thiel dann der Kragen geplatzt. Er war richtig sauer geworden und hatte seinen Frust über Boernes Verhalten und seine Sturheit in mehr als deutlichen Worten kundgetan.


Nach seinem Ausraster hatte Boerne eine Augenbraue hochgezogen, die Arme verschränkt und sich in seinem Stuhl zurückgelehnt. Hatte nur gemurmelt: „Kommen Sie mal wieder runter, Thiel. Ich werde morgen früh bei der Obduktion schon beweisen, dass ich Recht habe", und dann kein Wort mehr über den Vorfall verloren.
Sie waren nach dem Gespräch Ihrer Wege gegangen und Thiel hatte eigentlich gedacht, die Sache sei schon erledigt gewesen; aber keine Minute, nachdem er spät abends endlich müde auf sein Sofa gefallen war und die Füße hochgelegt hatte, hatte Boerne bei ihm angerufen.
Es war ja wohl klar, was er wollte. Thiel war nicht rangegangen, hatte keine Lust gehabt, den Streit am Telefon fortzusetzen.
Boerne hatte im Laufe des Abends noch zwei weitere Male versucht, ihn zu erreichen, aber immer, wenn Thiel die nur zu bekannte Nummer gesehen hatte, hatte er den Hörer nicht abgehoben und die Nachrichten auf dem Anrufbeantworter gelöscht, bevor er sich endlich ins Bett legte. Er konnte nicht fassen, wie Boerne sich anstellte. So eine kleine Meinungsverschiedenheit, die war doch nicht relevant, purer Blödsinn. Es wurde Zeit, dass Boerne endlich einmal ein paar Gedanken daran verschwendete, was im Leben wirklich wichtig war. Es müsste ihm doch auffallen, dass es Bedeutenderes gab, als sich wegen Nichtigkeiten auf den Schlips getreten zu fühlen.


Aber anstatt dass Boerne die Sache nun endlich auf sich beruhen ließ, hatte er in aller Herrgottsfrühe noch einmal auf Thiels Mailbox gesprochen. Sogar mit Frau Hallers Telefon im Institut hatte er es versucht; als ob Thiel darauf hereinfallen würde.
Thiel war mehr als entnervt, so schlimm war ihr Streit seiner Meinung nach nun wirklich nicht gewesen, dass sie ihn nicht einfach vergessen und weitermachen konnten, wie immer.
Doch Boerne schien das anders zu sehen; er war anscheinend so beleidigt, dass er nicht einmal für nötig gehalten hatte, seine Arbeit ordnungsgemäß zu erledigen. Sie hatten ausgemacht, dass Boerne den Autopsiebericht bis mittags ins Präsidium schicken würde. Doch der Bericht war nicht angekommen. Das war ja wohl mehr als kindisch!
Aber so eine lächerliche Sache würde Thiel nicht am Telefon ausdiskutieren; das hatten sie noch nie getan. Sie waren wahrlich erwachsen genug, die Sache von Angesicht zu Angesicht zu klären. Und genau das hatte er jetzt vor.


Er riss die Schiebetür zu den Kellerräumen mit so viel Schwung auf, dass Frau Haller, die über ein Mikroskop gebeugt stand, heftig zusammenzuckte.
„Mensch Herr Thiel, müssen Sie denn hier so herumpoltern? Da erschreckt man sich ja zu Tode!" Doch der vorwurfsvolle Ausdruck in ihrem Gesicht wich ganz schnell einem anderen; mit besorgt aufgerissenen Augen sprang sie von ihrem Tritthocker und eilte ihm entgegen. „Gibt’s schlechte Nachrichten?"
Thiel, der schon an ihr vorbeimarschieren wollte in Richtung Boernes Büro, hielt irritiert inne. „Schlechte Nachrichten? Joa, könnte man so sagen! Ich bin sauer!" Er polterte ohne Umschweife los. „Wo ist denn Ihr Chef? Mit dem hab‘ ich ein Hühnchen zu rupfen! Er hat mir zugesichert, dass ich den Autopsiebericht heute Mittag auf dem Schreibtisch haben sollte, und was ist? Nix!"
Frau Haller wirkte für einen Moment überrascht, dann runzelte sie ungläubig die Stirn und warf ihm einen dermaßen intensiven Blick zu, dass ihm regelrecht unbehaglich wurde. „Wir haben die Autopsie bis jetzt nicht durchgeführt. Der Professor ist gestern Abend ganz überstürzt nach Frankfurt gefahren, seine Schwester hatte einen schweren Unfall. Er hat Sie doch angerufen."
Thiel fiel die Kinnlade herunter. Das konnte doch nicht wahr sein!
Er fühlte, wie ihm die Hitze ins Gesicht stieg. "Ich habe den Anrufbeantworter nicht abgehört", stammelte er lahm.
Frau Hallers Blick bohrte sich in seinen. Wenn sie bemerkte, dass seine Aussage nicht so ganz der Wahrheit entsprach, kommentierte sie das jedenfalls nicht.

Thiel fuhr sich durch die Haare. „Ich… also… wie geht es denn seiner Schwester? Wissen Sie etwas?"
Die kleine Frau schüttelte verneinend den Kopf. „Ich hatte gehofft, Sie hätten Informationen für mich, er wollte sich bei Ihnen melden. Weil Sie nichts von sich haben hören lassen, habe ich ein paarmal bei Ihnen angerufen, aber Sie gehen ja nicht ran."
Er hörte die leichte Missbilligung in ihrer Stimme und fühlte sich noch schlechter als ohnehin schon. Frau Haller war es also selbst gewesen, und das nicht ohne guten Grund; und nur weil er davon ausgegangen war, dass sein Kollege die beleidigte Leberwurst spielte, hatte er Boernes Nachrichten einfach gelöscht nun keinen blassen Schimmer, was er zu berichten gehabt hatte.
Thiel schluckte. „Haben Sie versucht, ihn zu erreichen?"
Sie strich sich eine Haarsträhne hinter das Ohr, wirkte bedrückt. „Schon mehrfach, gerade eben noch einmal. Aber sein Mobiltelefon ist schon den ganzen Tag abgeschaltet."
Thiel zuckte hilflos mit den Schultern. „Ich habe das nicht mitbekommen, wirklich."
Frau Haller seufzte. „Er hat Sie gestern am Telefon gebeten, die Heizungsmonteure ins Haus zu lassen, die heute Nachmittag kommen sollten. Ihr Nachbar im Erdgeschoss ist offenbar ziemlich erbost, weil es bei ihm nicht warm genug wird." Sie legte den Kopf schräg. „Ich nehme an, das hat ja dann auch wohl nicht geklappt."
"Oh Mann." Jetzt, wo die kleine Frau es erwähnte, fiel ihm auch auf, dass die Heizung in seiner Wohnung seit einigen Tagen immer länger gebraucht hatte, bis sie warm wurde. In seinen Augen war der Zustand allerdings nicht so schlimm gewesen, dass er der Sache Bedeutung beigemessen hätte. Aber Herr Obiak, der Rentner, der im Parterre wohnte, verbrachte natürlich wesentlich mehr Zeit zu Hause. Kein Wunder, dass er bei Boerne auf der Matte stand, wenn seine Bude zu kalt war.
Obiak würde Boerne den Kopf abreißen, weil die Heizung noch nicht repariert worden war, er war sehr anstrengend in solchen Dingen. Genau das, was Boerne in dieser Situation nun wirklich nicht gebrauchen konnte.
„Kacke." Thiel klang wohl so niedergeschlagen, dass Boernes Assistentin sich offenbar genötigt sah, ihn etwas aufzumuntern. „Na, jetzt lassen Sie mal den Kopf nicht hängen, so schnell wird der Mann nicht erfrieren. Mit den Monteuren kann man einen neuen Termin vereinbaren, noch stecken wir nicht mitten in den Feiertagen. Und Boerne wird sich bestimmt bald melden. Hoffen wir jetzt einfach, dass es seiner Schwester nicht zu schlecht geht."
Thiel nickte nur stumm.
Frau Haller drückte noch einmal seinen Arm und zog ihn dann mit sich zum Mikroskop.
„Hier, schauen Sie mal, Herr Thiel: das ist der Hemdsärmel des Villenbesitzers. Sowohl dieser Ärmel als auch sein Jackett weisen eine derart große Menge an Schmauchpartikeln auf, ich gehe davon aus, dass er sich tatsächlich selbst erschossen hat."
Thiel wollte nicht glauben, was er da hörte. „Aber an seinen Händen war doch so gut wie nichts; die Schnelltests haben das gezeigt. Und die Tatwaffe wird sich doch nicht von selbst in Luft aufgelöst haben. Ganz zu schweigen von den verschwundenen Antiquitäten."
Diesmal zuckte Frau Haller mit den Schultern. „Dann ist seine Hand nach dem Schuss gründlich gereinigt worden. Wenn Sie mich fragen, hat sich da jemand viel Mühe gegeben, Sie auf eine falsche Fährte zu locken; ich bin jedenfalls überzeugt, dass es ein Selbstmord war."
Thiel schüttelte nur wortlos den Kopf. Hatte Boerne denn wirklich von Anfang an Recht gehabt? Mit einem mulmigen Gefühl erinnerte er sich an seine deutlichen Worte in Frau Klemms Büro zurück; aber das war im Augenblick nicht zu ändern.
Er dankte Frau Haller und vereinbarte mit ihr, dass sie sich gegenseitig Bescheid geben würden, sollte einer von Ihnen etwas Neues von Boerne erfahren; dann verabschiedete er sich. Zeit, nach Hause zu radeln. Er hatte die Nase voll für heute.


Daheim angekommen, führte ihn sein erster Weg zum Telefon, in der Hoffnung, dass Boerne auf den Anrufbeantworter gesprochen hätte. Aber die Signalleuchte brannte nicht, es gab keine Nachrichten. Thiel hob den Hörer ab und probierte nun seinerseits, Boerne zu erreichen, doch der Versuch war erfolglos.
Ein weiteres Mal seufzend trottete er in seine Küche und ließ sich auf einen der Stühle fallen. Lustlos schmierte er sich ein Brot, aber er biss nur zwei Mal ab; es schmeckte nach nichts.
Er ließ sich in den Stuhl zurücksinken und fuhr sich durch die Haare, konnte immer noch nicht fassen, dass er einfach so von falschen Voraussetzungen ausgegangen war; dass er seinen eigenen Frust auf Boerne projiziert hatte und ohne zu hinterfragen davon überzeugt gewesen war, dass der Professor sich lediglich aufführte wie ein Rumpelstilzchen.
Natürlich spielte sein Kollege diese Rolle gerne einmal, so abwegig war die Idee ja nicht gewesen. Aber erst im Nachhinein wurde Thiel klar, dass Boerne ihn sicher unmittelbar mit seinem Frust konfrontiert hätte; wenn er aufgebracht war, schaffte er es doch in der Regel keine zwei Minuten, mit seiner Ansicht hinterm Berg zu halten.
Thiel schwor sich, dass ihm so etwas nicht noch einmal passieren würde.

Er war inzwischen ins Wohnzimmer übergesiedelt und zappte schon seit einer Ewigkeit lustlos durch die Fernsehsender, ohne recht wahrzunehmen, was eigentlich lief, als das Läuten des Telefons ihn aus seinen trüben Gedanken riss. Thiel fuhr so schnell auf, wie schon lange nicht mehr und hatte das Gespräch innerhalb von Sekunden angenommen. Aber es war nicht Boerne am Apparat, sondern Nadeshda.

Seine Assistentin teilte ihm mit, dass ein Pfandsammler am frühen Abend eine Pistole gefunden hatte, in einem Müllcontainer in relativer Nähe zum Villenviertel. Der erschreckte Mann hatte das einzig Richtige getan und die Kollegen der Schutzpolizei informiert.
Ballistische Untersuchungen hatten die gefundene Waffe eindeutig als die identifiziert, durch die der Villenbesitzer zu Tode gekommen war. Und auf der Pistole befanden sich ausschließlich Fingerabdrücke vom Opfer und dessen Ehefrau.
Thiel, der während ihrer Erklärungen im Wohnzimmer auf und ab marschierte, verharrte für einen Moment gedankenvoll. Nadeshdas Informationen untermauerten den Verdacht der Rechtsmediziner. „Frau Haller meint wie Boerne, dass der Typ sich selbst umgebracht hat. Langsam drängt sich der Eindruck auf, dass die beiden Recht haben könnten. Es ist vorstellbar, dass die Ehefrau den Raubmord fingiert hat." Er ließ sich auf die Couch fallen und legte die Füße auf den Tisch. „Checken Sie den Hintergrund des Toten, wenn er sich wirklich selber erschossen hat, wird es ja einen Auslöser gegeben haben. Depressionen, Geldsorgen, was weiß ich. Und danach holen Sie uns diese Frau aufs Präsidium und wir stellen sie zur Rede. Ich will verdammt noch mal wissen, wie ihre Fingerabdrücke auf die Waffe kamen, sie hat sie doch angeblich noch niemals in ihrem Leben angefasst…."
Thiel unterbrach sich und legte lauschend den Kopf schräg, als er Schritte im Treppenhaus hörte; jemand stieg die Stufen hinauf. Konnte das Boerne sein? Die Person draußen bewegte sich allerdings langsam, das passte eher zu den älteren Herrschaften im zweiten Stockwerk.
Aber spätestens, als die Fußtritte auf seiner Ebene verhallten und sich nicht weiter nach oben entfernten, war klar, dass doch sein Kollege heimgekommen war. Hektisch sprang er auf. „Nadeshda, legen Sie schon mal los, ich hab‘ hier grad ein Problem! Ich erklär’s Ihnen später! … Ja, bis dann!"

Er warf das Telefon auf den Tisch, war wie der Blitz an der Wohnungstür und riss sie eilig auf. Boerne, der anscheinend gerade seine Taschen nach dem Haustürschlüssel durchsuchte, zuckte heftig zusammen und fuhr herum. „Herrgott Thiel, müssen Sie denn hier so herumpoltern? Da erschreckt man sich ja zu Tode!"
Thiel hatte kurz das Gefühl eines Déjà-vus; Münsters Rechtsmedizin war heute aber wirklich schreckhaft. Er gab sich diesem unsinnigen Gedanken allerdings nicht lange hin, sondern konzentrierte sich auf den Professor. Obwohl dessen Worte harsch waren, klang die Bemerkung müde, seiner Stimme fehlte der übliche Biss. Noch während er sprach, hatte er seinen Schlüssel gefunden und wandte sich erneut der Tür zu.
Thiel durchquerte mit ein paar schnellen Schritten den Flur. „Boerne, wie geht es Ihrer Schwester?"
Sein Nachbar richtete sich wieder auf und drehte sich zurück zu ihm. „Es hat sich nichts verändert, seit ich Sie heute Morgen angerufen habe." Er sah elend aus, abgespannt und übernächtigt. Die Linien in seinem Gesicht schienen viel ausgeprägter als sonst, der dunkle Bartschatten ließ ihn noch bleicher wirken, als er ohnehin schon war.
Thiel fuhr sich bei seinem Anblick durch die Haare. „Ich weiß leider nicht Bescheid, hab‘ die Nachrichten auf der Mailbox gelöscht…", murmelte er verlegen.
Boerne zog sichtbar irritiert eine Augenbraue hoch und ließ den Arm mit dem Schlüssel in der Hand sinken. „Sie liegt noch im Koma. Die Medikamente wurden über den Tag langsam zurückgefahren, wir hoffen, dass sie jetzt bald aufwacht. Aber nach der Hirnblutung ist das nicht sicher."
Thiel war geschockt. „Sie hat eine Hirnblutung?"
Boerne runzelte die Stirn. „Thiel, haben Sie denn ein Wort von dem verstanden, was ich Ihnen auf den Anrufbeantworter gesprochen habe? Ja, sie hatte ein subdurales Hämatom, eine Blutung zwischen Hirnhaut und Hirn."
Auf Thiels bestürztes: „Kann man da was machen?" schob er sich in einer ungeduldigen Geste die Brille hoch. „Man hat längst gehandelt, das habe ich gestern Abend versucht, Ihnen zu erklären. Es wurde notfallmäßig eine Entlastungsoperation durchgeführt, um durch Überdruck verursachte Hirnschäden so weit wie möglich zu verhindern. Die Blutung war nicht groß und wurde zeitnah erkannt, das steigert ihre Chancen auf eine vollständige Genesung." Damit drehte er sich zurück zur Tür, bemerkte mit einer Spur Gereiztheit: „Und jetzt entschuldigen Sie mich, ich habe noch viel zu tun, aber als erstes muss ich duschen."

Thiel, noch ganz bestürzt über die Informationen, zuckte schuldbewusst zusammen. „Vergessen Sie‘s, das Wasser wird nicht warm. Die Heizung ist inzwischen vollständig ausgefallen."
Das brachte den Professor dazu, den Blick nochmals vom Schlüsselloch abzuwenden. „Das ist nicht Ihr Ernst, oder?" Er klang ganz entgeistert. „Haben diese minderbemittelten Monteure jetzt etwa die komplette Anlage ruiniert?"
Thiel hob abwehrend die Hände. „Nein nein, das ist es nicht! Die Handwerker sind gar nicht ins Haus gekommen." Er wurde immer kleiner, stellte sich geistig und körperlich bereits auf die Tirade ein, die seinen Worten folgen würde. „Es war wohl keiner der anderen Mieter da, um ihnen die Tür zu öffnen und ich… ich hatte den Anrufbeantworter nicht abgehört."

Boernes Gesicht hatte sich in eine ungläubige Maske verwandelt; aber statt sich aufzuregen, ließ er sich kraftlos gegen den Türrahmen fallen und schloss die Augen. „Thiel, warum besitzen Sie denn all diese Gerätschaften, wenn Sie sie nicht benutzen?" Müde blickte er wieder auf und rieb sich mit einer Hand über die Stirn, als habe er Kopfschmerzen. „Obiak wird mich durch den Wolf drehen", murmelte er dabei leise. „Wahrscheinlich wird er sich morgen früh um sechs schon hier aufbauen und mir einen Vortrag halten wollen." Nach einem tiefen Atemzug straffte er sich jedoch wieder. „Egal, dann bin ich wahrscheinlich noch im Institut. Oder auf dem Weg zurück nach Frankfurt. So oder so wird er sich seine Beschwerde für einen anderen Tag aufheben müssen." Ohne ein weiteres Wort wandte er sich zur Tür zurück und versuchte mit bebenden Fingern, den Schlüssel ins Schloss zu stecken.

Thiel, der ihn dabei stirnrunzelnd beobachtete, meinte, er hätte nicht richtig gehört. „Was reden Sie da? Morgen früh um sechs noch im Institut sein?"
Seine Worte brachten den eindeutig übermüdeten Mann dazu, sich ihm nochmals zuzuwenden. „Meine Güte, stellen Sie sich doch nicht dümmer, als Sie sind! Ich muss die Autopsie an dem Selbstmörder durchführen, von dem Sie wahrscheinlich immer noch denken, dass er diesen fiktiven Antiquitätendieben zum Opfer gefallen ist. Frau Klemm wird mir die Hölle heiß machen, weil ich das noch nicht erledigt habe. Also werde ich gleich in die Rechtsmedizin fahren."
Thiel konnte es nicht glauben. „Das ist ja wohl nicht Ihr Ernst! Sie werden nirgendwo hinfahren, bevor Sie sich nicht ein paar Stunden ausgeruht haben. Schauen Sie sich doch mal an, Sie sind doch total zittrig!" Energisch nahm er Boerne den Schlüssel aus der Hand und öffnete für ihn die Tür. „Wann haben Sie zum letzten Mal etwas gegessen? Und ich will die Wahrheit!"

Er war ein wohl wenig lauter geworden als beabsichtigt, Boerne hatte wie schmerzhaft sein Gesicht verzogen. Nun runzelte sein Kollege die Stirn, als wäre das die schwierigste Frage der Welt und starrte ihn beinah hilflos an. Als er nach ein paar Sekunden immer noch nicht geantwortet hatte, wedelte Thiel ihm ein wenig mit der Hand vorm Gesicht herum. „Boerne? Hallo? Sind Sie noch da?"
Endlich reagierte Boerne, nahm seine Brille ab und fuhr sich über die Augen. „Gestern Mittag im Institut."
Thiel konnte es nicht fassen. „Ich glaub‘ ich spinne. Sie sollten es doch nun wirklich besser wissen." Kurzentschlossen fasste er Boerne an beiden Schultern und schob ihn in die Wohnung. Mit Schwung warf er die Tür hinter sich ins Schloss und richtete dann ein paar deutliche Worte an seinen Nachbarn. „Sie können sich jetzt frischmachen, ich koche. Dann werden Sie essen und dann schlafen. Nur damit Sie es wissen, ich lasse Sie heute unter keinen Umständen mehr ins Auto steigen, da mache ich mich ja strafbar wegen gefährlichen Eingriffs in den Straßenverkehr."
Boerne öffnete den Mund, wahrscheinlich, um zu protestieren, aber in diesem Augenblick klingelte Thiels Mobiltelefon. Während er es ans Ohr nahm, gab er Boerne noch einen unmissverständlichen Stoß Richtung Bad und widmete sich dann seiner Gesprächspartnerin. „Frau Haller, als hätten Sie's gerochen!"

Mit wenigen Worten brachte er Boernes Assistentin auf den neuesten Stand, durchsuchte derweil die Küchenschränke nach Essbarem und legte Nudeln, Tomaten und eine Zwiebel auf die Arbeitsplatte. Nachdem er sich von ihr verabschiedet und ihr hoch und heilig versichert hatte, Boerne an diesem Abend nicht mehr aus den Augen zu lassen, öffnete er ein paar Schubladen und holte ein Schneidebrett hervor.
Er hatte gerade Nudelwasser aufgesetzt und schnitt nun schnell das Gemüse klein, als ein durch die geschlossene Badezimmertür gedämpftes, ächzendes Prusten ertönte. Boerne war wohl tatsächlich unter die kalte Dusche gestiegen. Thiel schüttelte sich, das hätte er niemals freiwillig gemacht.
Während das Gemüse auf dem Herd dünstete, zog Thiel nochmals sein Mobiltelefon hervor und rief Nadeshda an, erklärte kurz, was passiert war und dass er in den nächsten Stunden nach Möglichkeit nicht ins Präsidium kommen wolle. Sie gab ihm daraufhin zu verstehen, dass sie sich ihrer Aufgabe mehr als gewachsen fühlte und er sich gefälligst um den Professor kümmern solle. Thiel war ihr dankbar; ihre wenigen Worte bestätigten ihn darin, dass es in diesem Moment Wichtigeres gab als seine Arbeit.
Die Nudeln waren gerade fertig und Thiel schwenkte sie noch kurz mit dem Gemüse in der Pfanne, als Boerne in die Küche zurückkehrte und sich auf einen Stuhl sinken ließ.
Der Professor sah ein wenig besser aus, nicht mehr ganz so blass. Vielleicht war die Farbe nur darauf zurückzuführen, dass er sich nach der eisigen Dusche mit Gewalt trockengerubbelt hatte; trotzdem war Thiel erleichtert, ihn nicht mehr so bleich zu sehen. Weiterhin hatte er sich rasiert, aber statt dass er nun bequeme Kleidung trug, war er im Oberhemd und Anzughose aus dem Bad gekommen und hatte tatsächlich einen Schlips in der Hand. Stirnrunzelnd rührte Thiel die Nudeln ein letztes Mal um, bevor er den Herd ausschaltete. Er würde Boerne heute auf gar keinen Fall mehr ins Institut lassen, und wenn er ihm die ganze Nacht Gesellschaft leisten musste.


Thiel schnappte zwei Teller aus dem Schrank, schaufelte ihnen beiden eine großzügige Portion darauf und trug sie dann zum Tisch. Boerne saß dort mit geschlossenen Augen, hatte einen Ellenbogen aufgestützt und seinen Kopf in der Hand abgelegt. Und er zitterte.

Thiel schüttelte resigniert den Kopf. „Mensch Boerne, mussten Sie denn wirklich kalt duschen? Jetzt sind Sie völlig durchgefroren und hier geht keine Heizung."
Er wies mit dem Kopf zum Wohnzimmer. „Na kommen Sie, setzen wir uns aufs Sofa. Da ist eine Decke." Mit den Tellern in der Hand ging er voran zum Couchtisch und stellte sie dort ab. Ein Blick über die Schulter zeigte ihm, dass Boerne ihm langsam nachfolgte.
Thiel nahm die Decke und schüttelte sie auseinander. Als Boerne sich wortlos hingesetzt hatte, legte er sie ihm über den Rücken. „Essen Sie, dann wird Ihnen bestimmt noch etwas wärmer."
Er selbst setzte sich allerdings noch nicht, sondern marschierte ohne groß zu fragen in Boernes Schlafzimmer und riss ein paar Schranktüren auf. Sein Nachbar würde doch hoffentlich nicht nur Hemden und Anzüge besitzen! Nach einer kurzen Suche fand er tatsächlich ein Fach mit Sportkleidung und nahm befriedigt ein dickes Sweatshirt heraus.
Der Professor schien ihn gar nicht zu bemerken, als er wieder an den Tisch trat, saß reglos und ganz gedankenverloren vor seinem Teller. Also berührte er ihn leicht an der Schulter. Boerne zuckte zusammen und riss erschrocken die Augen auf.
Thiel seufzte, sein Kollege war wirklich völlig neben der Spur. „Hier, ziehen Sie das an. Und essen Sie, bevor es kalt wird."
Er nahm die Decke an sich und wartete geduldig, bis Boerne das wärmende Kleidungsstück übergestreift hatte. Dann legte er die Decke wieder über seinen Rücken.
Nun endlich nahm Thiel ebenfalls Platz. Er verspürte inzwischen ordentlichen Hunger, und seine Nudeln verschwanden ziemlich zügig; Boernes Portion dagegen schien nicht wirklich kleiner zu werden. Nachdem der Professor einige Minuten lang sein Essen auf dem Teller hin und her geschoben hatte, ließ er die Gabel sinken und lehnte sich zurück. Mit einem leisen Seufzen schloss er die Augen, hob die Füße auf die Couch und zog die Knie an die Brust.
Thiel musterte ihn für einen Moment, sagte dann aber nichts. Anscheinend hatte Boerne Ruhe noch um einiges nötiger als Nahrung.


Wortlos stand er auf und nahm das benutzte Geschirr mit in die Küche. Er räumte die Teller in die Spülmaschine und stellte anschließend den Wasserkocher an. Es schien ihm eine gute Idee zu sein, seinem Kollegen etwas Heißes zu trinken einzuflößen, aber er würde mit Sicherheit keinen Kaffee kochen. Es stand zu vermuten, dass Boerne in den letzten sechsunddreißig Stunden von nichts anderem gelebt hatte.

Es dauerte ein paar Minuten, bis Thiel mit zwei Tassen dampfenden Tees in der Hand ins Wohnzimmer zurückkehrte und er fragte sich, ob Boerne vielleicht schon eingeschlafen war; verwunderlich wäre das jedenfalls nicht gewesen.
Aber der Professor war noch wach. Entgegen Thiels Vermutung waren seine Augen wieder offen, er starrte wie geistesabwesend auf die Tischplatte. Und trotz dass er in die Decke eingewickelt war, zitterte er weiterhin.


„Sie trinken jetzt den Tee hier und dann legen Sie sich ins Bett. Sie frieren doch immer noch."
Diese Worte schienen Boerne ein wenig in die Realität zurückzuholen. Er hob den Blick und schüttelte fast hektisch den Kopf. „Ich muss ins Institut", murmelte er.
Thiel gab ein ungläubiges Geräusch von sich. „Mann, wenn Sie denken, dass ich Sie in diesem Zustand in die Rechtsmedizin fahren lasse, haben Sie sich gewaltig geschnitten!"
Zum ersten Mal seit einer ganzen Weile zeigte Boerne wieder etwas Leben. „Herrgott Thiel, ich kann ja Ihren Vater anrufen, wenn es Sie beruhigt."
Er schüttelte die Decke von den Schultern und wollte aufstehen, aber das ließ Thiel nicht zu. „Boerne, es ist mir ernst. Sie werden heute nicht mehr arbeiten gehen. Ende der Diskussion." Er drückte den widerstrebenden Professor mit Gewalt auf das Sofa zurück, versuchte dabei, ihn zur Räson zu bringen: „Sie tun doch niemandem einen Gefallen, wenn Sie wegen Übermüdung Fehler machen oder einen Unfall bauen. "

Er zog die Decke wieder hoch, nahm eine der Teetassen vom Tisch und drückte sie Boerne mit Nachdruck in die kalten Hände. „Morgen früh lasse ich mir gerne von Ihnen beweisen, dass Sie von Anfang an Recht hatten, aber heute Nacht werden Sie schlafen."
Boerne, der im Reflex beide Hände um die Tasse gelegt hatte, blickte mit einem fast gequälten Ausdruck in den Augen auf. „Aber ich muss morgen früh unbedingt zurück nach Frankfurt. Bettys Vater ist auf dem Rückweg aus Australien aber landet frühestens am Nachmittag, sie ist ganz allein im Moment." Seine Stimme wurde immer leiser. „Sie wissen, dass Alberich ohne mich keine Autopsien durchführen darf. Deshalb bin ich doch extra gekommen, um das endlich vom Hals zu haben."

Thiel legte den Kopf schräg und seufzte. „Hätten Sie sich den Weg doch gespart! Wir werden dafür sorgen, dass irgendeine Vertretung diese Autopsie übernimmt. Und wenn wir den Toten in ein anderes Institut fahren, es ist mir egal. Ich werde das mit Hilfe von Frau Haller regeln, einverstanden?"
„Aber Frau Klemm…"
Thiel fuhr fast ungeduldig dazwischen. „Die überlassen Sie mal mir! Mensch Boerne, das ist doch jetzt alles überhaupt nicht wichtig!"
Boerne fixierte ihn für einen Moment mit einem unsicheren Blick, dann nickte er schwach und ließ den Kopf an die Rückenlehne sinken.

Da es schien, als ob Boerne sich in sein Schicksal ergeben hatte und nun wohl nicht mehr plötzlich aufspringen würde, nahm Thiel ebenfalls wieder Platz. „Es gibt übrigens eine neue Entwicklung in diesem Fall, es scheint, als ob Sie Recht haben. Frau Haller hat die Kleidung des Toten untersucht, die Menge der Schmauchspuren an Hemd und Anzugjacke unterstützt Ihre Theorie, dass der Mann sich selbst erschossen hat."
Boerne hatte bei diesen Worten den Kopf auf die Seite gedreht und wirkte einigermaßen interessiert.
„Außerdem ist durch puren Zufall die Waffe des Toten in einem Müllcontainer gefunden worden. Es sind seine Fingerabdrücke und seltsamerweise die seiner Frau darauf - obwohl sie die Waffe angeblich niemals angefasst hat."
„Ach." Sein Kollege zog eine Augenbraue hoch und Thiel nickte noch einmal bekräftigend. „Nadeshda führt zurzeit einen ausgedehnten Hintergrundcheck des Toten durch. Wer weiß, was wir da finden. Und sie holt sich die Ehefrau heute Nacht noch aufs Revier. Gut möglich, dass sie uns was vorgespielt hat."
„Garantiert sogar", murmelte Boerne leise und schloss für einen Moment die Augen. Dann schauderte er so heftig, das Thiel endgültig die Nase voll hatte. „So, Schluss jetzt, Sie legen sich jetzt ins Bett." Er stand auf und wollte Boerne hochziehen, aber der schüttelte wieder ganz hektisch den Kopf. „Nein, ich will mich nicht hinlegen. Ich… ich kann sowieso noch nicht schlafen."
Er blickte Thiel nicht an, sondern hielt die Augen unverwandt auf seine dampfende Tasse gerichtet.

Thiel musterte ihn eine Weile und fühlte sich ein wenig hilflos. Der Mann war ganz eindeutig völlig übermüdet, aber er schien sich mit aller Kraft gegen diese Erschöpfung zur Wehr zu setzen. Er erinnerte sich, dass er selber sich einmal in einer ähnlichen Situation befunden hatte; vor Jahren in Hamburg hatte er um einen verletzten Kollegen bangen müssen und jedes Mal, wenn ihm die Augen zugefallen waren, war er vom gleichen schrecklichen Traum wieder aufgeschreckt. Gut möglich, dass es Boerne gerade ebenso erging.

Der Kommissar seufzte. Er konnte für Boernes Schwester nichts tun und seinem Kollegen die Sorgen nicht abnehmen. Aber was Boerne jetzt im Augenblick am meisten brauchte, war Ruhe. Und wenn er die nicht alleine fand, dann vielleicht mit Hilfe.

Kurzentschlossen nahm er seinem Nachbarn die Tasse aus den bebenden Händen und stellte sie auf den Tisch. Dann hob er die Decke auf einer Seite an, setzte sich nah an Boerne heran, legte einen Arm um seine Schultern und zog ihn an sich.
Der Professor, der ihn bis dahin nur verwundert angesehen hatte, spannte sich schlagartig an. „Thiel, sind Sie noch zu retten? Was soll das denn werden, wenn es fertig ist?"
„Das sieht man doch. Sie frieren, mir ist warm. Sie wollen nicht ins Bett und ich werde den Teufel tun und Sie hier allein in der Kälte sitzen lassen."
Sein Kollege versuchte während dieser Worte, sich aus seinem Griff herauszuwinden, aber Thiel ließ das nicht zu, ließ nicht locker.
Schon nach wenigen Sekunden erlahmte Boernes ohnehin nicht sehr überzeugender Widerstand. Er war wohl einfach zu geschafft, um noch große Kräfte mobilisieren zu können. Sein Kopf fiel zurück an die Sofapolster. „Sie müssen wirklich nicht bleiben", murmelte er leise.
Thiel warf einen Blick auf den erschöpften Mann. „Es geht Ihnen ganz eindeutig nicht gut, und ob es Ihnen passt oder nicht, Sie haben mich jetzt erst einmal am Hals."

Bei seinen Worten rollte Boerne nochmals den Kopf auf die Seite und schaute ihn an. „Meine Güte, Sie bemuttern mich wie eine Glucke ihr Küken. Ist es Ihr schlechtes Gewissen, das Sie dazu veranlasst?"
Diese spöttischen Worte passten allerdings überhaupt nicht zu dem Ausdruck in seinen müden Augen. Sie blickten so sorgenvoll, wie Thiel sie noch nicht gesehen hatte. Sorgenvoll, und als habe er fast Angst vor der Antwort, die er mit seiner zynischen Frage provozieren könnte.
Aber wenn Thiel seit dem Gespräch mit Frau Haller eines getan hatte, dann war das, darüber nachzudenken, was wirklich wichtig war. Und eine bissige Antwort war nicht der richtige Weg, um Boerne verständlich zu machen, was ihm in den letzten Stunden ganz bewusst geworden war.
„Das hat mit einem schlechten Gewissen nichts zu tun. Ich glaube, das nennt man Sorge, Boerne." Er drückte den Arm seines Kollegen, um seine nächsten Worte zu verdeutlichen. „Auch wenn Sie sich das offenbar kaum vorstellen können, es gibt ein paar Menschen auf der Welt, denen nicht egal ist, wenn Sie sich mit Ihrem Auto um einen Baum wickeln, weil Sie vor Erschöpfung hinter dem Lenkrad eingeschlafen sind. Und es ist mir auch nicht egal, wenn Sie sich hier alleine rumquälen."

Boerne starrte ihn für einen Moment reglos an. Er hatte für diese ungewöhnlich offene Aussage anscheinend keine Erwiderung parat, aber Thiel hatte auch keine erwartet.
Für ihn war es Antwort genug, als sein Kollege nach einigen Sekunden den Kopf scheu, wie fragend, gegen seine Schulter rutschen ließ. Thiel ermunterte ihn durch einen leichten Zug und mit einem gewisperten „Ich bin so müde", erschlaffte Boerne regelrecht, sank so schwer gegen ihn, als habe er um nichts in der Welt mehr die Kraft, sich aufrecht zu halten.

„Versuchen Sie zu schlafen. Ich bleibe bei Ihnen." Thiel zog die Decke so weit wie möglich über Boernes Oberkörper, nahm ebenfalls die Beine auf das Sofa und ruckelte etwas herum, um es seinem immer noch zitternden Kollegen und sich möglichst bequem zu machen.

Boerne ließ die Augen zufallen und sagte nichts mehr, schien an einem Punkt angekommen zu sein, an dem jedes Wort zu anstrengend war. Aber so kraftlos er nun auch in Thiels Arm lag, sein gehetzter Gesichtsausdruck zeichnete ein deutliches Bild von dem Stress und den Sorgen, die ihn derzeit belasteten. Thiel seufzte leise und zog ihn noch ein wenig näher an sich.



Sie saßen nun schon eine ganze Weile so. Thiel, der seinen offenbar langsam wegdämmernden Kollegen gedankenverloren im Auge behielt, fuhr erschreckt zusammen, als sich Boernes Anspannung der letzten Tage in einem heftigen Muskelzucken entlud.
Boerne selber stöhnte nach der Attacke gequält auf und wollte sich unruhig wieder aufrichten, aber Thiel legte eine Hand in seinen Nacken und hielt ihn fest, flüsterte beruhigend: „Schlafen Sie weiter, Boerne. Es ist alles in Ordnung."
Er murmelte noch ein wenig weiter, unzusammenhängendes Zeug, weil er das Gefühl hatte, es half Boerne, wieder zur Ruhe zu kommen. Erleichtert registrierte er, wie Boernes Anspannung allmählich nachließ und der Professor zurück in den Schlaf sank. Seine Atemzüge wurden langsamer und tiefer, und auch wenn er noch ein paar Mal zusammenzuckte, wachte er nicht erneut auf.
Zufrieden ließ Thiel seinen Kopf auf die Lehne sinken und schloss ebenfalls die Augen. Er hatte zwar nicht wie Boerne die letzte Nacht durchgewacht, fühlte sich aber trotzdem nach diesem langen Tag hundemüde.


Er musste wohl eingeschlafen sein, denn als plötzlich ein Telefon zu klingeln begann, brauchte er einen Moment, um sich zu orientieren. Aber durch den zusammengesunkenen Körper in seinem Arm und die Tatsache, dass das läutende Handy nicht sein eigenes war, wurde ihm fast sofort wieder bewusst, wo er sich befand. Von plötzlicher Sorge erfasst, hob Thiel den Kopf von der Sofalehne. Das war mit Sicherheit kein dienstlicher Anruf.

Das Klingeln kam ihm wahnsinnig laut vor, aber Boerne rührte sich nicht. Nach einem Blick auf seinen wie tot schlafenden Kollegen streckte er den Arm aus und schnappte das Telefon vom Couchtisch. Betty stand auf dem Display. Für eine Sekunde diskutierte Thiel mit sich, wie er sich verhalten sollte, dann nahm er das Gespräch kurzentschlossen an.
„Hauptkommissar Thiel hier. Betty, bist du das? …dein Onkel schläft, der ist total am Ende. Ist was mit deiner Mutter, musst du ihn sprechen?"
Die Antwort, die Betty gab, ließ Thiel die Augen schließen und tief durchatmen. „Gott sei Dank! Ja, ich richte es ihm aus, ganz bestimmt! Er wird sich bei dir melden, sobald er aufgewacht ist, ok? … ja, alles klar! Tschüss!"
Ein Lächeln erhellte sein Gesicht, als er Boernes Telefon zuklappte. Endlich einmal gute Nachrichten.
Für einen Moment fragte er sich, ob er seinen Kollegen wecken sollte, aber nach einem Blick in das blasse Gesicht entschied er sich dagegen. Schlaf war für Boerne jetzt das Wichtigste, alles andere konnte warten.

Nach kurzer Überlegung versuchte Thiel, sich unter Boerne hervorzuwinden. Es war für den Professor bestimmt angenehmer, sich auszustrecken, so verkrümmt, wie er saß. Außerdem waren Boernes Hände immer noch kalt, er wollte die Bettdecke holen, die war wärmer.
Doch im Gegensatz zu dem lauten Telefon kurz zuvor reichte diese vorsichtige Aktion, Boerne schlagartig unruhig werden zu lassen. Mit einem müden Stöhnen fing er an, sich zu regen.
Aber dass Boerne jetzt aufwachte, wollte Thiel auf keinen Fall - also stoppte er seinen Versuch, rutschte lediglich noch ein wenig tiefer, um Boernes zusammengestauchte, halbsitzende Position etwas abzuflachen und begann dabei erneut, leise und beruhigend zu murmeln. Mit einer Hand zog er die Decke zurecht und beobachtete ihn argwöhnisch, bis die fahrigen Bewegungen wieder nachließen und die Falten auf seiner Stirn sich glätteten.




Als Thiel das nächste Mal die Augen aufschlug, hörte er die unverkennbaren Schritte des im Obergeschoß wohnenden Mieters auf der Treppe, der seinen allmorgendlichen Weg zum Bäcker antrat. Thiel wusste, dass es kurz nach sechs sein musste, der Mann war verlässlich wie ein Uhrwerk.
Im gleichen Augenblick, in dem er sich seufzend mit einer Hand die Augen rieb, fuhr Boerne, der immer noch reglos an seine Seite gelehnt geschlafen hatte, völlig unvermittelt auf.
Thiel schreckte zusammen. „Hey Boerne, ganz ruhig!"
Der Professor, der sich mit Mühe in eine sitzende Position gekämpft hatte, kniff die Augen zusammen und blickte sich für einen Moment wie benommen um. „Thiel", murmelte er heiser, als sein Blick auf den Kommissar fiel. „Sind Sie etwa die ganze Nacht hiergeblieben?"
„Als Nacht kann man die paar Stunden nu‘ wirklich nich‘ bezeichnen." Thiel streckte sich und reichte Boerne die Brille vom Couchtisch, wo er sie abgelegt hatte, nachdem sein Nachbar endlich eingeschlafen war. „Aber wenn Sie so fragen, ja. Sie waren so fertig, ich wollte Sie nicht allein lassen."
Mit einer etwas unsicheren Bewegung setzte Boerne seine Brille auf, schwang die Beine vom Sofa und fuhr sich durch die Haare. „Ich… es tut mir leid, das muss doch unbequem…"
Thiel ließ ihn gar nicht ausreden. „Alles gut, vergessen Sie das mal ganz schnell." Als sein Nachbar erneut den Mund öffnete, wurde er ungeduldig, er wollte endlich seine guten Nachrichten loswerden „Nu halten Sie mal kurz den Sabbel Boerne, es ist wichtig!"
Boerne wirkte überrascht, aber klappte den Mund zu.
„Betty hat angerufen vorhin, so gegen vier. Ihre Schwester ist vor einigen Stunden wieder zu Bewusstsein gekommen. Sie hat zwar an den Unfall keine Erinnerung, scheint aber nach ersten Tests wohl keine Hirnschäden davongetragen zu haben."
Boerne starrte ihn für einen Moment ungläubig an, dann sank er ganz langsam zurück gegen die Sofalehne und verbarg das Gesicht in den Händen. Sein gewispertes „Gott sei Dank" war kaum zu verstehen.
Sacht berührte Thiel seinen Kollegen an der Schulter, woraufhin Boerne die Hände sinken ließ und ihn ansah. „Ich habe Betty versprochen, dass Sie sie anrufen, sobald Sie wach sind. Sie sollen sich unbedingt melden, egal zu welcher Uhrzeit." Boerne nickte hektisch. Thiel reichte ihm das Handy und stand auf. „Ich koche uns einen Kaffee, einverstanden?"
Erneut nickte Boerne, während er mit leicht zittrigen Fingern sein Mobiltelefon aufklappte.
Thiel drückte noch einmal seine Schulter, verschwand dann in der Küche und suchte einmal mehr aus Boernes Schränken alles zusammen, was er brauchte. Ungeniert lauschte er dabei dem Telefonat seines Kollegen.

Bereits nach kurzer Zeit begann Boerne zu sprechen. „Betty, ich bin’s! Wie geht… Hanne?? Hanne, wie fühlst du dich?"
Thiel, der gerade Kaffeepulver in den Filter füllte, hielt für einen Moment überrascht inne. Boernes Schwester schien selber am Apparat zu sein! Na, wenn das kein gutes Zeichen war!
Im Wohnzimmer war es kurz still, dann ergriff Boerne wieder das Wort. „Gott sei Dank. Pass auf, ich werde gleich losfahren und bin dann… was?"
Die Kaffeemaschine gab leise blubbernde Geräusche von sich und Thiel kehrte ins Wohnzimmer zurück. Interessiert beobachtete er Boernes Gesichtsausdruck, der sich, während er lauschte, von Erleichterung zu milder Irritation wandelte. „…nein, natürlich habe ich vorletzte Nacht nicht geschlafen, das hättest du auch nicht… ja, ich bin wegen einer Autopsie heimgefahren, aber…"
Als seine Schwester ihm augenscheinlich erneut ins Wort fiel, seufzte Boerne leise und fuhr sich mit einer Hand über die Stirn. „…nein, ich habe die Nacht nicht durchgearbeitet, meine Kollegen haben das nicht zugelassen. Ich kann guten Gewissens gleich ins Auto st… was? Aber… ja... ja, ich versprech‘s dir. Dann komme ich morgen…. Ja, pass auf dich auf. Und ruf mich sofort an, wenn etwas ist, verstanden? … ja, bis dann."
Thiels Grinsen war während dieses Gesprächs immer breiter geworden, Boernes ständig unterbrochene Antworten dagegen immer müder. Als er sein Handy zugeklappt hatte, ließ er ermattet den Kopf zurück an die Lehne sinken und schloss die Augen. „Sie schafft es in jeder Lebenslage, ihren Mitmenschen Vorträge zu halten. Unglaublich."
„Muss in der Familie liegen…" Den leisen Kommentar hätte Thiel sich nicht verkneifen können.
Boerne öffnete ein Auge und sah ihn an. „Was haben Sie gesagt?"
„Ach, nix…" Thiel hatte das Gefühl, sein Grinsen sei auf seinem Gesicht festgeklebt. „So wie ich das verstanden habe, will Ihre Schwester Sie heute nicht sehen?" Er setzte sich neben seinen Kollegen auf die Sofakante.
Boerne nickte bestätigend, zuckte dann ganz verständnislos mit den Schultern. "Sie meint, ich soll mich ausruhen. Keine Ahnung, warum."
Thiel warf ihm nur einen langen Blick zu und schüttelt den Kopf. So egozentrisch und oft genug auch egoistisch Boerne sein mochte, in Situationen wie diesen konnte er seinem eigenen Wohlergehen gegenüber völlig blind sein.
Er seufzte ergeben. "Boerne, man kann sogar an Ihrer Stimme hören, wie fertig Sie sind. An Stelle Ihrer Schwester würde ich mir auch Sorgen machen, wenn ich wüsste, dass Sie in diesem Zustand auf der Autobahn unterwegs sind."
"War klar, dass Sie sich auf ihre Seite schlagen", grummelte Boerne. Aber da war ein leichtes Lächeln in seinem Gesicht, das Thiel bereitwillig erwiderte.



In diesem Augenblick zeigten brodelnde Zischgeräusche in der Küche an, dass die Kaffeemaschine durchgelaufen war. Thiel stand wieder auf. "Kaffee ist fertig! Kommen Sie mit zum Tisch? Vielleicht finden wir noch irgendetwas zum Frühstück." Im Gehen beobachtete er, wie Boerne langsam aufstand, bevor er mit funkelnden Augen hinzufügte: "Zur Not die Nudeln von gestern Abend. Sind noch genug da."
Boernes zwischen Ekel und Unglaube schwankendes "Das ist nicht Ihr Ernst, oder?" ließ ihn erneut grinsen.


Thiel war schon dabei, die Schränke nach Brot zu durchsuchen, als Boerne in die Küche kam. Aus dem Augenwinkel bemerkte er, wie sein Kollege sich nach ein paar unsicheren Schritten förmlich auf einen Stuhl fallen ließ.
Sofort war Thiel bei ihm und legte eine Hand auf Boernes Schulter, musterte besorgt den immer noch unnatürlich bleichen Mann. "Hey! Hey Boerne, was ist denn?"


Boerne, dessen Augen geschlossen gewesen waren, blinzelte ihn von unten herauf an und fuhr sich durch die Haare. "Ich bin noch müde", murmelte er. „Todmüde, wenn Sie‘s genau wissen wollen."
Thiel beugte sich herunter und fasste ihn mit beiden Händen. "Mann, Sie sehen aus, als würden Sie mir hier gleich aus den Latschen kippen! Sie werden jetzt endlich etwas essen, und dann hauen Sie sich wieder in die Falle, verstanden?!"
Nach einem tiefen Atemzug richtete Boerne sich etwas auf, schien sich bewusst zusammenzureißen. "Alles gut, ganz ruhig. Nun proben Sie hier mal nicht den Aufstand, ich werde ja etwas essen."
Thiel musterte ihn noch einmal skeptisch, ließ dann aber von Boerne ab und machte sich wieder auf die Suche nach Lebensmitteln.
Die Ausbeute war zwar nicht besonders groß, aber er trieb zwei noch essbare Scheiben Brot und einen Joghurt auf.
Thiel schüttelte nur mit verschränkten Armen den Kopf, als Boerne versuchte, eins der Brote an ihn abzutreten und ließ ihn nicht aus den Augen, bis er alles aufgegessen hatte.
Erst als sein Kollege sich mit einem Seufzen in seinen Stuhl zurücklehnte und noch einen Schluck Kaffee nahm, war Thiel zufrieden. "So, jetzt werden Sie sich ins Bett legen und noch ´ne Runde pennen. Das waren nicht mal fünf Stunden heute Nacht, damit lasse ich Sie nicht davonkommen."
Boerne seufzte ein weiteres Mal. „Thiel, wie lange wollen Sie mich noch bemuttern? Langsam wird’s anstrengend." Auch wenn er zu versuchen schien, keine Miene zu verziehen, seine leicht zuckenden Mundwinkel machten deutlich, dass er das nicht ernst meinte.
Thiel hatte trotzdem eine deutliche Antwort parat. „So lange, bis ich sicher bin, dass ich Sie wieder vor die Tür lassen kann, ohne dass Sie eine Gefahr für sich und andere darstellen."
Boerne gab nur einen despektierlichen Laut von sich, dann schob er seine Brille hoch und rieb sich die Augen. "Ich werde nachher noch schlafen. Aber zuerst muss ich bei den Heizungsmonteuren anrufen und einen neuen Termin vereinbaren. Sonst wird Obiak mich standrechtlich erschießen." Nach einem Blick auf die Küchenuhr fügte er stirnrunzelnd hinzu: "Es ist ein Wunder, dass er noch nicht Sturm geklingelt hat."

"Geben Sie mir mal diese Installateur-Nummer. Bei Ihrer Art, mit Handwerkern umzugehen ist es ohnehin besser, wenn ich mich darum kümmere. Und Obiak werde ich schon ein paar Takte husten, wenn er hier auftaucht. Sie legen sich jetzt wieder hin." Während dieser Worte war Thiel aufgestanden und zog Boerne vom Stuhl hoch. Er schien dabei einen so entschlossenen Eindruck zu machen, dass Boerne sich weitere Proteste verkniff, nur leise nachfragte: „Müssen Sie denn nicht ins Büro?"
"Nee, jetzt doch noch nicht. Es ist gerade erst halb sieben. Außerdem kommt Nadeshda ganz gut allein klar, sonst hätte sie sich längst gemeldet." Energisch schob er Boerne in Richtung Schlafzimmer. „Abgesehen davon gibt es manchmal Wichtigeres als Arbeit. Das müssen Sie allerdings noch lernen. So, ab ins Bett."



Ein paar Stunden später hatte Thiel mehrere lange Telefonate mit einer müden aber stolzen Nadeshda geführt, eine erleichterte Frau Haller auf den neuesten Stand gebracht, einen entrüsteten Herrn Obiak auf dem Flur abgefangen und beruhigt und den Heizungsmonteuren die Tür geöffnet.
Zwischendurch hatte er immer einmal einen Blick in Boernes Schlafzimmer geworfen, aber der Professor schlief tief und fest, bekam von alldem nichts mit.
Thiel hatte gerade Staatsanwältin Klemm in der Leitung, als Boerne verschlafen und mit verwuschelten Haaren zu ihm in die Küche kam. Sein Kollege zog die Augenbrauen hoch als er Thiel bemerkte, nahm seine Tasse vom Tisch und schenkte ihm einen Kaffee nach, bevor er sich selbst auch einen machte.
Dann setzte er sich Thiel gegenüber und wartete ungewöhnlich still, bis er das Gespräch beendet hatte.
Boerne sagte auch dann erst einmal nichts, aber das Schweigen war nicht unangenehm, sondern entspannt.
Thiel selber gönnte sich einen Schluck Kaffee während er sein Gegenüber eindringlich musterte. Der Professor sah deutlich besser aus als am frühen Morgen. Nicht mehr so blass, wieder viel lebendiger. Die zusätzlichen Stunden Schlaf hatten ihm ganz eindeutig gutgetan.
Zufrieden mit dem, was er sah, ergriff Thiel endlich das Wort. „Die Frau des Selbstmörders hat sich in massive Widersprüche verstrickt. Nadeshda hat nicht lockergelassen und gegen Morgen ist sie zusammengebrochen und hat gestanden. Ihr Mann hat sich tatsächlich selber erschossen."

Boerne plusterte sich auf diese Worte hin nicht ganz so auf, wie Thiel das erwartet hatte. Er zog lediglich eine Augenbraue hoch und kommentierte lässig: „Nun, daran bestand ja von Anfang an kein Zweifel. Sie täten gut daran, etwas mehr auf mich zu hören."
Thiel grinste. „Schon gut, schon gut." Er nahm noch einen Schluck, bevor er fortfuhr. „Kollegen haben noch gestern spät von Frau Klemm einen Durchsuchungsbefehl erhalten und sich die Wohnung vorgenommen. Im Schreibtisch fand sich ein Testament, in dem der Mann seine Frau komplett enterbt hat. Es ist am Tag vor dem Selbstmord beim Notar aufgesetzt worden."
Der Professor fand diese Informationen anscheinend ebenso interessant, wie Thiel selber auch. „Sieh an. Und die Gründe dafür?"
Thiel zuckte mit den Schultern. „Anscheinend ist die Frau fremdgegangen, jedenfalls hat ihr Ehemann das vermutet. Der Psychologe des Selbstmörders hat Nadeshda gegenüber so etwas durchklingen lassen. Die Frau hat das mit dem Testament scheinbar mitbekommen oder vielleicht hat ihr Mann sie auch damit konfrontiert, keine Ahnung. Auf jeden Fall war sein Selbstmord eine günstige Gelegenheit für sie, die Antiquitäten zur Seite zu schaffen. Der Erbpflichtteil, der ihr ohnehin zusteht, hat ihr wohl nicht gereicht."

Boerne schüttelte den Kopf und drehte seine Tasse in den Händen. „Wie gefühllos muss man sein, um so etwas zu machen? Ihr Mann nimmt sich das Leben und sie versteckt in Seelenruhe die Waffe und die Wertgegenstände und spielt uns dann die leidende, verzweifelte, ausgeraubte Witwe vor. Gott, als ob uralte Porzellanvasen oder Geld glücklich machen könnten." Er wirkte ganz ungläubig und nachdenklich bei diesem letzten Satz.

„Es gibt viele Leute wie diese Frau, die nicht kapiert haben, was im Leben wirklich wichtig ist." Thiel lehnte sich zurück und beobachtete sein Gegenüber genau.
Boerne blickte auf und sah ihn an. „Gott sei Dank sind nicht alle Menschen so."
Thiel war der Wust an Emotionen, der sich während dieses Gesprächs in Boernes Augen gespiegelt hatte, nicht entgangen. Vor allem nicht die Dankbarkeit darin, die ihm jetzt zum Schluss entgegenstrahlte.

Boerne würde wohl nicht mehr sagen, aber das musste er auch nicht. Thiel hatte ihn auch so verstanden. Er nickte lächelnd, signalisierte Boerne dadurch, dass seine Nachricht angekommen war.
Sie blieben einfach noch ein Weilchen zusammen sitzen und tranken ihren Kaffee.


Adventszeit. Zeit der Ruhe und der Besinnung. Vielleicht am ehesten die Zeit im Jahr, in der viele Menschen darüber nachdachten, was im Leben wirklich wichtig war.
Ihnen beiden war es nach den Ereignissen der letzten Tage jedenfalls wieder ganz bewusst geworden.

  

 

Manchmal wünschte ich, man könnte sich im Leben genauso leicht ein kleines Happy End schreiben, wie in unseren ffs.

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Comments

( 10 Kommentare — Kommentar hinterlassen )
cricri_72
3. Dez 2012 09:13 (UTC)


... schön :)

Ich hab' natürlich heute früh schon gelesen und mich sehr gefreut - für mich war das ja nun das erste Überraschungstürchen -, Kommentar gibt's aber erst nach der Arbeit.

Und das Bild - da hast Du aber ganz schön tiefgestapelt! Das finde ich auch sehr schön und die Arbeit, die Du investiert hast, sieht man sehr wohl. Vermutlich macht sich da auch die Übung durch das "Die Zeit verging wie im Flug"-Projekt bezahlt :) Darf ich das auch von Akzeptanz aus verlinken?
baggeli
3. Dez 2012 11:07 (UTC)
♥ ... schön :)
Da bin ich froh! Ich war nicht sicher, ob das alles zu schwerfällig und langweilig geschrieben, zu dick aufgetragen ist; ist es wahrscheinlich, aber ich hatte das Bedürfnis, dass alle mal wieder etwas zur Ruhe kommen. Es gab genug Stress und Hetze in den letzten paar Schoten, die ich hier so veröffentlicht habe. ;o)

Das Bild darfst du natürlich verlinken, du bist ja schließlich der Auslöser dafür. Auch wenn Thiels doch eher nachdenkliche Miene zu Akzeptanz vielleicht nicht so sehr passt... aber das Gesicht habe ich erst ausgearbeitet, als ich schon voll in dieser Geschichte drinsteckte.
cricri_72
3. Dez 2012 19:21 (UTC)
Manchmal wünschte ich, man könnte im sich Leben genauso leicht ein kleines Happy End schreiben, wie in unseren ffs.
Das wünsche ich mir auch oft!

Ich finde den Text gar nicht schwerfällig, für mich liest er sich sehr angenehm. Wobei ich gar nicht genau weiß, woran das liegt. Aber vermutlich, weil es eher ruhig und beschaulich ist und trotzdem genug Dramatik enthällt.

Sehr gut gefällt mir, wie Du den Text aufbaust, dieser Streit am Anfang und Thiels absolute Gewißheit, daß Boerne ihn deshalb immer noch nerven will. Umso überzeugender ist dann seine Reaktion, als er erfährt, was wirklich passiert ist.

Er fühlte, wie ihm die Hitze ins Gesicht stieg. "Ich habe den Anrufbeantworter nicht abgehört", stammelte er lahm.
Dieses elende Gefühl, wenn man jemandem Unrecht getan hat und so richtig Scheiße gebaut, das kann ich gut nachfühlen.

Thiel hatte kurz das Gefühl eines Déjà-vus; Münsters Rechtsmedizin war heute aber wirklich schreckhaft.
So völlig unkomisch fand ich den Text auch gar nicht ;) Auch Boernes Gespräch mit Hanne gegen Ende war ziemlich erheiternd :)

Die ganze Szene mit Boerne und Tiel war sehr schön - schwer, da einzelne Sätze rauszugreifen. Lustig fand ich, wie Thiel drumrumgeredet hat, warum er eigentlich keine von Boernes Nachrichten gehört hat - und Boerne, der nicht (mehr) mitbekommt, was da wirklich los war, ist gleichermaßen berührend wie komisch. Das zieht sich weiter durch - Boerne steht einerseits völlig neben sich, andererseits schimmert doch auch immer wieder Boerne durch.

Besonders schön finde ich diesen Satz:
Bei seinen Worten rollte Boerne nochmals den Kopf auf die Seite und schaute ihn an. „Meine Güte, Sie bemuttern mich wie eine Glucke ihr Küken. Ist es Ihr schlechtes Gewissen, das Sie dazu veranlasst?" ... und die folgende Szene.

Und Thiels pragmatisches Alltagsmanagement am nächsten Tag - das ist einfach klasse :)
baggeli
3. Dez 2012 19:53 (UTC)
Ich finde den Text gar nicht schwerfällig, für mich liest er sich sehr angenehm. Wobei ich gar nicht genau weiß, woran das liegt. Aber vermutlich, weil es eher ruhig und beschaulich ist und trotzdem genug Dramatik enthällt.
Dann ist ja gut. Ich hatte Sorge, ich wäre doch mit allem entschieden übers Ziel hinausgeschossen. (Naja, für den einen oder anderen ist das auch garantiert der Fall, aber wir beide gehören ja auf jeden Fall zu den h/c-Freaks. Uns wird so schnell nichts zuviel...)

Dieses elende Gefühl, wenn man jemandem Unrecht getan hat und so richtig Scheiße gebaut, das kann ich gut nachfühlen.
Ich denke, dass ist genau wie mit den schlechten Nachrichten im Leben: passiert jedem hin und wieder. Ich kenne es jedenfalls auch!

So völlig unkomisch fand ich den Text auch gar nicht
Ja, ein paar Jokes sind drin, ich hatte allerdings das Gefühl, dass eine Humor-Kennzeichnung im Header nicht angebracht war.

Besonders schön finde ich diesen Satz:
Bei seinen Worten rollte Boerne nochmals den Kopf auf die Seite und schaute ihn an. „Meine Güte, Sie bemuttern mich wie eine Glucke ihr Küken. Ist es Ihr schlechtes Gewissen, das Sie dazu veranlasst?" ... und die folgende Szene.

Die Szene auf dem Sofa ist auch eigentlich das Kernstück dieser Geschichte, eben das Bild, mit dem alles angefangen hat. Den Rest habe ich drumherumgewoben.

Und Thiels pragmatisches Alltagsmanagement am nächsten Tag - das ist einfach klasse :)
Nun, ich stelle ihn mir in solchen Dingen jedenfalls wesentlich praktischer veranlagt vor, als Boerne. ;o)

califor_nia
3. Dez 2012 09:25 (UTC)
Da mein Chef gerade alle halbe Stunde meinen Arbeitsbeginn nach hinten verlegt, dachte ich mir, ich lese mir schnell noch die Adventskalender-Geschichte für heute durch...

Was für eine wunderbare, herzerwärmende Geschichte (die einen zusätzlich noch nachdenklich stimmt)! Ich habe auch vor kurzem schlechte (gesundheitliche) Nachrichten bez. einer Freundin bekommen, und da wurde mir wiedermal richtig bewusst, mit wieviel Nebensächlichkeiten man sich eigentlich beschäftigt und wie froh man sein muss, wenn es einem gut geht.

Jedenfalls fand ich es rührend, wie sich Thiel um Boerne kümmert und einsieht, dass er a) einen Fehler gemacht hat & b) es manchmal einfach wichtigere Dinge gibt als Arbeit etc. Und als nicht-allzu-großer-Slasher mochte ich es auch sehr, dass es hier einfach mal nur um reine, enge Freundschaft ging - ich finde, es kommt auch in den Drehbüchern inzwischen viel zu kurz, dass die beiden sich im Grunde schon mögen und nicht nur immer am Streiten sind.

"Thiel hatte kurz das Gefühl eines Déjà-vus; Münsters Rechtsmedizin war heute aber wirklich schreckhaft."
Herrlich, an der Stelle musste ich dann kurz lachen :-)

Ein kleiner Fehler ist mir aufgefallen: vor "Parterre" fehlt ein "im"...

Freue mich auf weitere Geschichten von dir!


baggeli
3. Dez 2012 11:12 (UTC)
Was für eine wunderbare, herzerwärmende Geschichte...
Danke dir! *freu* Ich war/bin ziemlich unsicher, was den Text angeht. Vielleicht, weil für mich bzw. von mir viel mehr dahintersteckt als sonst.

...(die einen zusätzlich noch nachdenklich stimmt)!
Und genau das habe ich mir eigentlich erhofft; nach dem Lesen vielleicht einfach mal einen Moment innezuhalten und ein wenig nachzudenken.

Und als nicht-allzu-großer-Slasher mochte ich es auch sehr, dass es hier einfach mal nur um reine, enge Freundschaft ging - ich finde, es kommt auch in den Drehbüchern inzwischen viel zu kurz, dass die beiden sich im Grunde schon mögen und nicht nur immer am Streiten sind.
Meine Rede!!!

Der Fehler ist schon korrigiert, danke dafür!
schwarzschaf
3. Dez 2012 19:59 (UTC)
Moin!
Gerne würde ich Dir einen solch ausführlichen Kommentar schreiben wie cricri und califor_nia. Leider bin ich dafür momentan zu müde, daher nur kurz und knapp: Ergreifend und herzerwärmend, in sich schlüssig und mit einer Ausgangslage, die mir aus der Realität nur zu bekannt ist.

Manchmal braucht man einfach eine Schulter zum Anlehnen und manchmal kann diese Schulter auch aus einer schön geschriebenen Geschichte wie hier bestehen. Ich freue mich auf Deine nächste Geschichte!
baggeli
3. Dez 2012 20:14 (UTC)
Hallo schwarzschaf!

Manchmal braucht man einfach eine Schulter zum Anlehnen und manchmal kann diese Schulter auch aus einer schön geschriebenen Geschichte wie hier bestehen. Ich freue mich auf Deine nächste Geschichte!
Das hast du total nett geschrieben, vielen Dank!! *hüpf* *jubel*

Gerne würde ich Dir einen solch ausführlichen Kommentar schreiben wie cricri und califor_nia. Leider bin ich dafür momentan zu müde
Umso mehr freue ich mich, dass du dir die Zeit genommen und trotzdem ein paar Worte geschrieben hast! Vielen vielen Dank!
Und jetzt ruh' dich mal schnell aus!

Bis dann!
t_sihek
12. Dez 2013 13:39 (UTC)
Diese schöne, ruhige und trotzdem spannende Geschichte ist mir bisher glatt entgangen!

Der Aufbau und der Spannungsbogen gefallen mir... von beleidigt und eingeschnappt zu fürsorglich und Hilfe-annehmend. Thiel ist mir stellenweise zu betüddelnd und wortreich. Das passt für mich nicht so ganz zu seinem Ton in den Episoden, bei dem sich mir alles sträubt. Boerne hingegen ist genau so, wie ich ihn sehe und schon deshalb habe ich diese Geschichte genossen!
baggeli
12. Dez 2013 13:54 (UTC)
Thiel ist mir stellenweise zu betüddelnd und wortreich. Das passt für mich nicht so ganz zu seinem Ton in den Episoden, bei dem sich mir alles sträubt
Lustig, finde ich gar nicht. Er sagt nie mehr als zwei Sätze am Stück und ist eher tatkräftig als redselig. Und das, weil er ein mächtig schlechtes Gewissen hat, nicht ganz zu Unrecht, wenn ich das so sagen darf.
Insgesamt finde ich ihn ic, allerdings sicher nicht passend zu den späteren, unterirdischen Folgen, das ist natürlich klar. Ein Proll-Thiel aus 'Herrenabend' hätte sowas nicht gemacht; und ein beleidigter aus 'Satisfaktion' auch nicht.
Aber ja, jeder sieht sie ja etwas anders. Bei mir sind sie halt befreundeter als im Canon. ^^

Boerne hingegen ist genau so, wie ich ihn sehe und schon deshalb habe ich diese Geschichte genossen!
Na dann ist es doch gut, dass du sie noch gefunden hast. xD
( 10 Kommentare — Kommentar hinterlassen )

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