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Story: Kopfschmerzen

Kopfschmerzen

Silke Haller hat einen schlimmen Tag im Institut durchzustehen; dass ihr dabei fast der Schädel zerspringt, macht die Sache nicht einfacher...

Wörter: 2200
Genre: h.c., Freundschaft
Warnungen: vll. völlig o.o.c., keine Ahnung. Außerdem nicht Beta-gelesen.


„Alberich! Wo bleiben Sie denn? Der Mieter aus Fach acht möchte obduziert werden!!" Als Boernes Stimme durch die Rechtsmedizin schallte, zuckte Silke Haller zusammen und seufzte auf. Was für ein Tag!

In den Kühlfächern stapelten sich die Leichen, deren Autopsie sie heute noch mit Boerne zusammen durchzuführen hatte; ihr Chef musste bis zum Abend zwei Gutachten verfassen, die kurzfristig und dringlich von fremden Instituten in Auftrag gegeben worden waren, und auf sie selbst wartete ein Haufen spezieller Blutuntersuchungen. Eine vermeintliche Selbstmörderin im Kühlraum war vielleicht ein Mordofper – Boerne hatte Ungereimtheiten entdeckt und nun war es an ihr, herauszufinden, ob die Frau durch eine Überdosis Medikamente oder ein Gift zu Tode gekommen war. Ein ziemlich kurioser Fall, bei dem Frau Klemm und Hauptkommissar Thiel sich schon eingeklinkt hatten und ungeduldig auf Ergebnisse warteten.

Es war also mal wieder einer dieser Tage, an denen sie nicht wusste, wo sie zuerst hinspringen sollte. Und es war ein Tag, an dem sie schon frühmorgens mit solchen Kopfschmerzen aufgestanden war, wie sie sie ewig nicht mehr gehabt hatte.
Sich krankzumelden kam allerdings nicht in Frage, aufgrund von Urlaubszeit und einer Grippewelle lief die Rechtsmedizin auf absoluter Sparflamme. Also nahm Silke eine Schmerztablette, schleppte sich zur Arbeit und versuchte dort, sich nicht viel anmerken zu lassen. Jammern war einfach nicht ihre Art.

Sie erledigte alle Aufgaben so gewissenhaft wie immer und so zügig, wie sie nur konnte; der Gedanke an den Feierabend war das Einzige, was sie aufrecht hielt. Aber der war noch in weiter Ferne.

Zum Glück zeigte sich ihr Chef heute von seiner besten Seite. Boerne mochte oft genug ein Kindskopf sein, der ihr mit Freude auf den Geist ging und Spaß daran hatte, wenn sie sich entsprechend revanchierte. Aber an Tagen wie diesen präsentierte er sich als ein ganz anderer Mann. Er war aufs Äußerste konzentriert, sparte sich unnötige Vorträge während der Obduktionen und arbeitete höchst effektiv und für seine Verhältnisse extrem still mit ihr zusammen. Sogar beim Aufräumen des Arbeitsplatzes, beim Entsorgen der schmutzigen Bestecke und bei sämtlichen anderen Arbeiten, die er sonst ihr und dem Obduktionshelfer überließ, packte er tatkräftig mit an.

Silke musste zugeben, dass sie dadurch wesentlich schneller mit allen Aufgaben vorangekommen waren, als sie es je für möglich gehalten hätte; trotzdem war es inzwischen 17 Uhr geworden. Boerne war mittlerweile in seinem Büro verschwunden und brütete über den Expertisen, die er bis zum Abend zu erstellen hatte, während sie mit den Spezialanalysen für den vermeintlichen Mordfall begann.

Die erste Blutprobe wurde gerade in der Zentrifuge geschleudert und die kleine Frau wartete darauf, dass das rappelnde Gerät das Röhrchen wieder freigeben würde. Sie hatte die Ellenbogen auf den Schreibtisch gestützt und verbarg für einen Moment das Gesicht in ihren Händen. Das Schmerzmittel, das ihr eh nur wenig Erleichterung verschafft hatte, wirkte schon längst nicht mehr. Und obwohl sie eine weitere Tablette genommen hatte, drohte ihr Schädel zu zerspringen. Silke schloss für ein paar Sekunden die Augen, versuchte tief zu atmen und sich ein wenig zu entspannen, hoffte, dass das Dröhnen in ihrem Kopf endlich etwas nachließ. Bis jetzt hatte sie den Tag tapfer durchgestanden, niemandem war etwas aufgefallen. Aber langsam kam sie an das Ende ihrer Kräfte.

Sie wusste nicht genau, wie lang sie dort so gesessen hatte, als sie plötzlich sacht an der Schulter berührt wurde. Silke zuckte heftig zusammen und riss die Augen auf. Professor Boerne kauerte neben ihr und sah sie über seine Brille hinweg besorgt an. „Alberich, kann es sein, dass Sie für so eine kleingewachsene Frau einen ziemlich ausgewachsenen Brummschädel haben?"
Silke seufzte leise und antwortete nur müde: „Das können Sie laut sagen."
Boerne lächelte ein wenig. „Ich glaube, damit täte ich Ihnen keinen Gefallen." Er richtete sich auf und sah auf sie herab, als sie sich in ihrem Stuhl zurücklehnte und sich die Augen rieb. „Gehen Sie nach Hause."
Silke schaute überrascht auf. „Chef, das geht nicht! Ich hab‘ noch so viel Arbeit und…" Aber ihr Vorgesetzter machte nur eine abwehrende Geste mit der Hand. „Hören Sie schon auf! Wir haben heute weiß Gott genug geschafft. Ruhen Sie sich aus."

Als sie verneinend den Kopf schüttelte und diese Bewegung direkt danach mit einer schmerzvollen Grimasse bereute, verdrehte Boerne kurz die Augen zum Himmel, fasste seine kleine Assistentin am Oberarm und zog sie behutsam aber unnachgiebig aus ihrem Stuhl. „Das ist doch Quälerei. Sie gehen jetzt heim, Ende der Diskussion. Schaffen Sie das allein, oder wollen Sie sich lieber ein Taxi rufen?"
Der Ausdruck in seinem Gesicht machte deutlich, dass es ihm ernst war. Und obwohl es Silke widerstrebte, musste sie zugeben, dass er Recht hatte. „Nein nein, ich gehe zu Fuß, die Frischluft wird mir hoffentlich guttun."

Boerne nickte zufrieden. Er begleitete sie bis in ihr Büro und lehnte sich dort mit verschränkten Armen an die Wand, während sie mit einem weiteren Seufzen ihren Kittel auszog. Die Vorstellung, wie sich die Staatsanwältin am nächsten Morgen aufführen würde, wenn die Ergebnisse nicht vorlagen, behagte ihr gar nicht. „Sie wissen schon, dass Frau Klemm erwartet, dass ich morgen um zehn alles fertig habe?"
„Lassen Sie das mal meine Sorge sein", erwiderte ihr Vorgesetzter leichthin.
Damit gab Silke sich zufrieden; mochte die Staatsanwältin toben, Boerne würde ihr nicht in den Rücken fallen, dessen konnte sie sicher sein.

Als sie sich ihre Jacke über den Arm hing und bereit war zu gehen, hielt sie noch einmal kurz inne. „Danke, Chef", sagte sie schlicht.
Boerne hob ungläubig eine Augenbraue. „Wie jetzt? Sie speisen mich mit einem einfachen „Danke" ab?" Er stieß sich von der Wand ab und trat vor ihr hinaus in den Flur. „Naja, da es Ihnen im Augenblick eindeutig nicht gut geht, werde ich mich mit dieser halbherzigen Bekundung vorläufig zufrieden geben. Die mir gebührenden Huldigungen nehme ich dann morgen entgegen und verharre bis dahin in freudiger Erwartung."
Silke hörte das Lächeln in seiner Stimme, auch wenn sie sein Gesicht nicht sah. Sie musste trotz ihrer Kopfschmerzen lachen. „Idiot."
Boerne drehte sich zu ihr um und grinste sie an. Seine Augen funkelten, als er erwiderte: „Das klingt schon besser. Bis morgen, Alberich!"
Damit verschwand er in seinem Arbeitszimmer.

Als Silke weiter Richtung Ausgang ging, wurde in seinem Büro die Stereoanlage auf volle Lautstärke gedreht. Erst jetzt fiel ihr auf, dass Boerne seit der ersten Tasse Kaffee am Morgen keine Musik mehr gespielt hatte. Vielleicht konnte sie sich doch nicht so gut verstellen, wie sie selbst gedacht hatte...



Am nächsten Morgen fuhr Silke besonders früh ins Institut. Sie war am Abend zuvor direkt ins Bett gefallen und die lange Nachtruhe hatte ihr gutgetan. Nach zehn Stunden Schlaf fühlte sie sich vollständig erholt, besonders, da ihre Kopfschmerzen im Laufe der Nacht verschwunden waren.

Es war gerade halb sieben, als sie an der Rechtsmedizin ankam, aber Boernes Wagen stand schon auf dem Parkplatz. Auch er hatte sich anscheinend dazu entschieden, den Tag früh zu starten. Silke lächelte, wenn die Arbeit ihnen beiden heute noch einmal so gut von der Hand ging wie am Tag zuvor, würde sie bis zehn Uhr sicherlich noch ein paar der Untersuchungen für Frau Klemm und Thiel abschließen können.

Auf dem Weg in ihr Büro sah sie, dass in Boernes Arbeitsraum kein Licht brannte. Er war wohl schon hinten in den Sektionsräumen und bereitete den Drogentoten vor, der eigentlich erst für acht Uhr auf dem Plan stand. Sie würde gleich hingehen und ihm helfen, wollte nur noch kurz im Labor die erste Blutanalyse starten.

Als die kleine Frau ihren Arbeitskittel vom Haken nahm und dabei mit einem Blick ihren Schreibtisch streifte, hielt sie überrascht inne. Da lag eine Mappe, die am Tag zuvor nicht dort gewesen war. Silke trat heran und schaute hinein, um sogleich erstaunt die Augen aufzureißen. In ihrer Hand hielt sie die säuberlich abgehefteten Ergebnisse der Blutuntersuchungen, die sie für die Staatsanwältin vorbereiten sollte. „Das gibt’s doch nicht!" flüsterte sie ungläubig. Eilig blätterte bis zum letzten Bogen, starrte auf Datum und Uhrzeit des Ausdrucks. 3:46 Uhr stand dort. Soviel zum Thema früher Start…

Als sie ein weiteres Mal kopfschüttelnd die Zettelsammlung in ihrer Hand durchging, fiel ihr auf, auf, dass noch ein letztes Ergebnis fehlte. Und plötzlich wusste sie, dass sie ihren Chef nicht im Sektionssaal finden würde.

Die Tür zum Labor stand halb offen, wie erwartet brannte im Raum das Licht. Silke ging leise durch die Öffnung und konnte sich eines Lächelns nicht erwehren. Dort hing Boerne halb auf dem Schreibtisch und schlief. Liebe Güte, das sah unbequem aus! Sie war sich sicher, dass er mit ziemlichen Nackenschmerzen aufwachen würde, so verdreht, wie sein Kopf auf seinen verschränkten Armen lag.
Sie trat vorsichtig näher heran, und schaute ihm ins Gesicht. Boerne war ziemlich blass, seine Brille verrutscht. Er hatte bestimmt eine Druckstelle an der Schläfe, auch wenn man sie nicht sehen konnte.
Silke seufzte; wie erschöpft musste man sein, um so schlafen zu können? Sie beschloss, ihn zu wecken, dann konnte er sich noch für ein Weilchen in seinem Büro auf die Couch legen.
„Chef?" Silke berührte ihn vorsichtig am Arm, aber bekam keine Antwort. „Chef, hören Sie mich?" Sie sprach jetzt etwas lauter und schüttelte ihn leicht an der Schulter, aber Boerne regte sich nicht.

Für einen Augenblick war Silke unschlüssig, ob sie es weiter versuchen sollte, doch dann entschied sie sich, ihn einfach schlafen zu lassen. Vorsichtig berührte sie seine Stirn und seine Hand; wie sie sich schon gedacht hatte, war er ziemlich ausgekühlt. Also ging sie in sein Arbeitszimmer, holte die Wolldecke, die immer auf dem Sofa lag und breitete sie vorsichtig über seinem Rücken aus. Dann versuchte sie, ihm die Brille abzunehmen, was tatsächlich gelang. So lag er wenigstens etwas bequemer.
Boerne hatte sich nicht ein einziges Mal gerührt, er war wirklich ganz weit weggetreten.

Noch einmal schaute Silke lächelnd auf ihren Chef, dann drehte sie sich um und wanderte in die kleine Küche. Dort setzte sie eine große Kanne Kaffee auf. Die würden sie heute bestimmt brauchen, denn der Tag versprach wiederum, lang zu werden.



Der Kaffee war längst durchgelaufen, Silke hatte bereits den Drogentoten vorbereitet, sämtliche dazugehörigen Vorarbeiten geleistet und schaute sich gerade in Ruhe all die Blutbefunde an, die sie der Nachtschicht ihres Chefs zu verdanken hatte, als Boerne endlich bei ihr im Büro auftauchte. Er war noch blasser als vorher und hielt sich mit einem gequälten Gesichtsausdruck mit beiden Händen den Nacken.

„Guten Morgen!" strahlte Silke ihn an.
„Mensch Alberich, dieser guten Laune nach zu urteilen herrscht in Ihrem kleinen Haupt ja wieder eitel Sonnenschein", brummte Boerne und rollte vorsichtig seinen Kopf hin und her, bis ein lautes Knacken ertönte.
„Au!" Silke war zusammengezuckt. „Geht’s denn, Chef?"
Boerne ließ sich auf einen Stuhl fallen. „Es ginge bestimmt besser, wenn Sie mich geweckt hätten, anstatt mich da schlafen zu lassen", kam die mürrische Antwort.

Silke stemmte die Hände in die Hüften: „Das habe ich ja versucht, aber da war nichts zu machen. Sie haben fester geschlafen als Dornröschen!"
Vielleicht hätten Sie versuchen sollen, mich wachzuküssen", murmelte Boerne, lehnte seinen Kopf an die Wand und schloss die Augen.
„So viel Geld kann mir keiner bezahlen", erwiderte Silke schlagfertig.
Ihr Chef machte sich nicht mal die Mühe, zu blinzeln. „Warum steht im Grundgesetz eigentlich nicht geschrieben, dass kleine Leute keine große Klappe haben dürfen? Was ich mir hier immer anhören muss…"

Sie verschwand lachend in der Küche und kam mit einer dampfenden Tasse Kaffee in der Hand zurück. „Hier, Chef."
Boerne öffnete mühevoll die Augen, nahm ihr dann dankbar den Kaffee ab und trank ein paar Schlucke. Silke beobachtete ihn ein Weilchen, bevor sie das Wort ergriff. „Vielen Dank noch mal. Ich weiß wirklich zu schätzen, was Sie gestern Nacht für mich getan haben."
Boerne richtete sich auf. Er sah zwar immer noch etwas blass und erschöpft aus, aber seine Augen funkelten wieder. „Na, Alberich, da haben Sie ja heute gleich zwei Gründe, mir ein paar Lobeshymnen zu singen. Aber jetzt sollten wir mal langsam loslegen. Wir haben einen Drogentoten zu bearbeiten und ich will damit fertig sein, bevor Thiel und die Klemm hier auftauchen." Er stand auf und schritt energisch auf die Sektionsräume zu.

Silke druckte nur noch schnell den letzten Befund für ihre Mappe aus, als Boernes Stimme durch die Rechtsmedizin hallte: „Alberich! Wo bleiben Sie denn? Der Mieter aus Fach drei möchte obduziert werden!"

Silke lächelte. Dieser Tag konnte nur besser werden als der vorherige.


Kopfschmerzen

 



Tags: alberich, boerne, christine urspruch, fanart, fanfic, freundschaft, h/c, humor, jan josef liefers, manip
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