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Adventskalenderstory / Bingo-Prompt 24

Titel: Mit Ankündigung
Prompt:
Ankündigung

Genre: Freundschaft, sappy h/c *ducks-and-hides*
Medium: Fanfic
Zusammenfassung: Mit einem gequälten Stöhnen schloss er die Augen. Weihnachten allein zu verbringen, war ihm in den letzten Jahren nicht leicht gefallen. Weihnachten allein und krank verbringen zu müssen, war eine Strafe.
Anmerkungen: wieder ohne Beta, aus den gleichen Gründen wie immer - weist mich bitte auf die Fehler hin! Danke
A.N.: Ich WARNE JETZT NOCH EINMAL EINDRINGLICH vor dem Inhalt. Wer das nicht mag, soll es bitte einfach nicht lesen! Ich denke, die Krankenschwester in mir (und die Erfahrungen, die ich selber Anfang des Jahres machen musste) sind da wieder voll mit mir durchgegangen.
Ich hoffe, dass an Heiligabend noch ein weiterer Beitrag veröffentlicht wird. Cricri sprach von einer Story von sich oder einem Video von Jolli - wäre schön, wenn das klappt, damit nicht nur mein Murks das letzte Türchen füllt.
Wörter: 6500


So, nun zu einer eigenwilligen Besonderheit dieser Geschichte:
Diese Story gibt es extra für euch in zweifacher Ausfertigung. Als erstes ist Boernes POV entstanden, Thiel ist der Retter in der Not (oder sollte ich sagen, der Krankenpfleger).
Und dann habe ich spontan entschieden, was Thiel kann, muss Boerne doch auch können - und habe in der ganzen Geschichte die Namen vertauscht. Also gibt es jetzt auch noch den gebeutelten Thiel POV, Boerne eilt zur Hilfe; das sollte ihm gut liegen, er ist schließlich Mediziner. *lol*
Wenn ihr euch denn tapfer durch den Text quälen wollt, entscheidet vorher, wen ihr gerne etwas leiden und wen etwas tüddeln sehen möchtet. Unten sind beide Beiträge verlinkt.
Damit verabschiede ich mich aus dem Kalender. Es hat viel Spaß gemacht und ich hoffe, meine Begeisterung hält sich so lange, dass ich nächstes Jahr wieder dabei bin

Leider kann ich beide Geschichten nicht untereinander in einen Post setzen, dazu sind sie zu groß. LJ bewirft mich hier mit Fehlermeldungen.

Deshalb hier nun die Links:

Mit Ankündigung (Thiel wird krank)
Mit Ankündigung (Boerne wird krank)



Mit einem Seufzen rieb Hauptkommissar Frank Thiel sich die Augen; er war müde. Es war Sonntag, ein Tag vor Heiligabend, aber anstatt in Ruhe den vierten Advent zu genießen, saß er seit einer Ewigkeit vor seinem Schreibtisch im Präsidium und versuchte, seinen Abschlussbericht zu formulieren. Doch er kam kaum voran; er konnte sich einfach nicht konzentrieren. Seine Gedanken schweiften ständig ab und waren ungewöhnlich schwerfällig; er musste wirklich abgespannt sein, das kannte er eigentlich gar nicht von sich.

Naja, nach dem Kraftakt, den er in den vergangenen Tagen vollbracht hatte, war es nicht wirklich verwunderlich, dass er schlicht und ergreifend am Ende war. Doch nicht nur er, auch alle Kollegen - von seiner Assistentin Nadeshda über Boerne bis hin zu Frau Haller - hatten Unmengen an Überstunden schieben müssen, bis sie einen geistesgestörten Mörder überführen konnten. Der Wahnsinnige hatte an den ersten drei Adventssonntagen jeweils eine junge Frau vom Weihnachtsmarkt weggelockt und dann brutal ermordet; aber sie hatten ihn dingfest machen können, gestern, bevor er zum vierten Mal zuschlagen konnte.



Jeder einzelne von ihnen war mehr als erleichtert darüber gewesen, als es ihnen gelungen war, diesen Fall erfolgreich aufzuklären. Gleich heute Morgen hatte Frau Klemm Boerne und ihn vor die Presse gezerrt und jetzt war diese grausige Geschichte nahezu abgeschlossen; wenn er denn endlich seinen Abschlussbericht zu Papier bringen würde. Aber genau daran scheiterte es im Moment, es gelang ihm kaum, einen klaren Gedanken zu fassen.


Eine Weile zuvor war Nadeshda ganz begeistert in sein Büro gekommen und hatte ihm mitgeteilt, dass sich die erfolgreiche und von Frau Klemm hochgelobte Truppe nun auf dem Weihnachtsmarkt treffen und zur Feier des Tages einen Glühwein zusammen trinken würde. Er hielt das für eine gute Idee; diesen Glühwein hatten sie sich weiß Gott verdient.  Aber er wollte diesen Bericht vorher noch vom Hals haben, und so blieb der sichtbar enttäuschten Nadeshda nichts anderes übrig, als sich allein auf den Weg zu machen. Er hatte ihr aber hoch und heilig versprochen, nachzukommen, sobald er mit der Tipperei fertig sei. Das war inzwischen jedoch schon mehr als eine Stunde her und er hatte seitdem kaum einen Satz zustande gebracht. 


Mit einem weiteren Aufseufzen ließ Thiel sich in seinem Stuhl zurücksinken und rieb sich den schmerzenden Nacken. Die Arme dazu anzuheben, schmerzte ebenfalls. Genaugenommen tat ihm so ziemlich jeder Knochen weh; es war wirklich allerhöchste Zeit, dass er endlich nach Hause kam. Aber zuvor wollte er noch kurz auf dem Weihnachtsmarkt vorbeischauen, das hatte er Nadeshda schließlich versprochen.
Sich heute noch weiter mit diesem Bericht abzuquälen, erschien ihm inzwischen sinnlos; kurzentschlossen schaltete er seinen PC ab.
An Weihnachten würde er Zeit im Überfluss haben, sich  von seinem Rechner daheim im Büro einzuloggen und den Bericht fertigzustellen. Wahrscheinlich würde er sogar froh sein, wenn er sich ein wenig ablenken konnte, selbst dann, wenn diese Ablenkung aus Arbeit bestand; der Gedanke an die Feiertage, die dieses Jahr wieder einmal ziemlich einsam zu werden versprachen, löste schon seit einigen Tagen Unbehagen in ihm aus.



Wenige Minuten später strampelte er durch den abendlichen Verkehr Richtung Innenstadt. Nadeshda hatte ihn genau instruiert, er wusste, wo er seine Kollegen finden würde.
Zunehmend müde stieg er vom Fahrrad ab, kettete es an und bewegte sich dann mit leicht schleppenden Schritten in Richtung des Glühweinstandes. Es war ziemlich kalt und inzwischen schon dunkel geworden. Nicht zum ersten Mal an diesem frühen Abend schüttelte er sich und vergrub die Hände in den Jackentaschen, während er sich seinen Weg durch die vielen Besucher bahnte.
Langsam aber sicher setzte sich ein dumpfer Schmerz in seinem Hinterkopf fest, und obwohl er sich eigentlich darauf gefreut hatte, sich mit seinen Kollegen zu treffen, war er auch ganz froh, dass der Weihnachtsmarkt nur noch eine Stunde geöffnet haben würde. Es wurde wirklich Zeit, dass er nach Hause kam, um ordentlich Schlaf nachzuholen.


Schon nach kurzer Zeit näherte er sich der Bude, von der seine Assistentin ihm berichtet hatte, und während er seine Blicke über die vielen Personen schweifen ließ, die sich dort versammelt hatten, fiel ihm mit einem Mal eine kleine Gruppe Menschen auf, die ihm zuwinkten.
Unwillkürlich breitete sich ein leichtes Lächeln auf seinem Gesicht aus und er steuerte auf sie zu. Boerne grüßte nickend und wandte sich daraufhin zur Theke zurück, wahrscheinlich, um Glühwein zu bestellen; Frau Haller und Frau Klemm lächelten ihn fröhlich an und seine Assistentin kam ihm eilig entgegen, hakte sich bei ihm ein und führte ihn mit einem leicht vorwurfsvollen "Chef, ich dachte schon, Sie haben uns versetzt!", zu den anderen.



Ehe er sich's versah, bekam er von Boerne einen Becher voller Glühwein in die Hand gedrückt, und obwohl der süßliche, heiße Dampf, der ihm in die Nase stieg, beinah ein Gefühl leichter Übelkeit auslöste, nahm er die Tasse doch ganz dankbar entgegen und wärmte seine eiskalten Hände daran.

Seine Kollegen wurden immer ausgelassener und waren bester Stimmung; und so gerne er es ihnen gleichgetan hätte, musste Thiel sich selber eingestehen, dass er sich schlechter und schlechter fühlte. Die vielen Lichter um ihn herum taten ihm an den Augen weh, die Geräuschkulisse, dominiert vom lautstarken Gebrabbel der vielen Besucher und der dudelnden Weihnachtsmusik, dröhnte in seinen Ohren, machte seine Kopfschmerzen noch unangenehmer; und die Kälte, die sich immer mehr in seinen Knochen einnistete, ließ ihn inzwischen leicht zittern.
Aber noch wollte er nicht heimfahren, ausruhen konnte er sich in den nächsten Tagen genug. Ein paar Minuten würde er noch bleiben, er hatte es Nadeshda versprochen; außerdem wollte er gerne noch etwas Zeit mit seinen Kollegen verbringen.
Auch, wenn er sich solche Gedanken nur selten gestattete: noch wollte er nicht allein sein.


Also gab er sich Mühe, ihrem lebhaften Gespräch zu folgen und hielt sich die ganze Zeit an seinem Becher fest.
Er hatte sich wie immer so weit unter Kontrolle, dass niemandem etwas auffiel; aber die letzte Runde Glühwein für dieses Jahr angekündigt wurde und seine Kollegen sich nach eben diesem letzten Becher entspannt und inzwischen allesamt rotwangig voneinander verabschiedeten und sich frohe Feiertage wünschten, war er mehr als erleichtert. Obwohl er nicht einen Schluck Alkohol getrunken hatte, fühlte er sich plötzlich seltsam unsicher auf den Beinen und hatte mit leichtem Schwindel zu kämpfen. Er wollte nur noch nach Hause.



Boernes Vorschlag, im Taxi mit heimzufahren, statt auf dem Rad durch den eisigen Wind zu strampeln, nahm er mehr als dankbar an.
Zu seiner grenzenlosen Erleichterung tauchte der Wagen seines Vaters schon nach wenigen Minuten am Prinzipalmarkt auf.



Thiel ließ sich mit einem leisen Seufzen auf die Rückbank fallen, während Boerne vorne einstieg. Herbert begann mit dem Professor unmittelbar eine lebhafte Konversation zu führen, an der Thiel sich nicht beteiligte; erschöpft lehnte er seinen schmerzenden Kopf an die Nackenstütze und schloss für die Dauer der Fahrt die Augen.


Er war fast eingeschlafen, bis er plötzlich zusammenschreckte, weil das Taxi hielt und Boerne die Tür aufriss. Herbert Thiel verabschiedete sich wortreich und es dauerte eine gefühlte Ewigkeit, bis er endlich den redseligen Boerne, der sich an ihm festhielt, vom Taxi gelöst und ins Haus dirigiert hatte.

"Na dann frohe Feiertage, Thiel. Wir sehen uns." Mit diesen Worten marschierte Boerne durch seine Wohnungstür und warf sie hinter sich zu.
Thiel, der es mit seinen bebenden Händen noch nicht geschafft hatte, den Schlüssel ins Schloss zu stecken, zuckte zusammen, als der Knall eine Schmerzexplosion in seinem Kopf zur Folge hatte.


Endlich, nun noch stärker zitternd, gelang es ihm, seine Tür zu öffnen. Er taumelte in seine Wohnung, ohne Umwege in sein Schlafzimmer und sank dort auf sein Bett. Sich auszuziehen ließ ihn beinah verzweifeln; nicht nur wegen seines mittlerweile massiv dröhnenden Kopfes und weil ihm so kalt war, sondern auch, weil ihm inzwischen seine Gliederschmerzen so zusetzten, dass er sich kaum noch bewegen konnte. Als er sich seitwärts auf sein Kissen fallen ließ und schlotternd unter die Bettdecke kroch, musste er sich selbst eingestehen, dass er nicht nur müde war. Er war krank. Und so rasant, wie sich sein Zustand in der letzten Stunde verschlechtert hatte, würde es keine einfache Erkältung werden.

Mit einem gequälten Stöhnen schloss er die Augen.
Weihnachten allein zu verbringen, war ihm in den letzten Jahren nicht leicht gefallen. Weihnachten allein und krank verbringen zu müssen, war eine Strafe.



Zu allem Unglück musste er feststellen, dass er nicht einmal mehr Tabletten gegen Fieber oder Schmerzen im Haus hatte; dementsprechend war die Nacht ein Alptraum. An wirklichen Schlaf war nicht zu denken; die meiste Zeit dämmerte er vor sich hin, gequält von wirren, verstörenden Träumen. Vor Hitze glühend warf er alle Decken von sich, nur um eine Weile später wieder zu sich zu kommen, weil seine Zähne vom Schüttelfrost aufeinanderschlugen.
Er lag in seinem Bett, zu elend, aufzustehen, kaum in der Lage, einen klaren Gedanken zu fassen; fühlte sich immer schlechter. Das Telefon zu holen, jemanden um Hilfe zu bitten, kam ihm gegen Morgen zwar kurz in den in den fiebrigen Sinn, aber den Gedanken verwarf er gleich wieder - wen sollte er schon anrufen. Es gab nur wenige Menschen, die er um Hilfe gebeten hätte, und von ihnen allen wusste er, dass sie über die Feiertage nicht daheim sein würden.
Er würde sich selbst helfen müssen; würde sich Medikamente aus der Apotheke besorgen; später.
Zuerst noch etwas ausruhen.




Um die Mittagszeit herum läutete es bei ihm an der Wohnungstür. Es dauerte eine ganze Weile, bis das penetrante Geräusch überhaupt in sein Bewusstsein drang, aber irgendwann hatte die Klingel den Nebel in seinem Kopf durchdrungen. Stöhnend, mit zusammengekniffenen Augen blieb er einfach liegen; den Weg bis zur Tür zu bewältigen schien ihm schlicht unmöglich. Aber die Person im Treppenhaus gab nicht auf.
Der schrille Ton ließ seinen Kopf immer schlimmer schmerzen, so dass er sich letztendlich mit zusammengebissenen Zähnen in eine sitzende Position kämpfte. Doch bevor er aufstehen konnte, rief eine Stimme draußen im Treppenhaus: „Thiel, ist alles in Ordnung mit Ihnen? Ich komme mal rein!“ Im gleichen Augenblick drehte sich ein Schlüssel in der Tür. Wenige Sekunden später stand Boerne in seinem Schlafzimmer.


Statt einer Begrüßung musterte sein Nachbar ihn nur stirnrunzelnd, umfasste mit einem leisen "Meine Güte, wäre ich doch früher gekommen!" seine Schultern und half ihm, sich wieder hinzulegen. Heftig zitternd ließ er sich widerstandslos zurück auf sein Bett dirigieren, hatte sich ohnehin nur noch mit Mühe aufrecht halten können. Die Energie, Boerne etwas vorzumachen, hätte er im Leben nicht aufbringen können.
Kaum dass er sich zusammengerollt hatte, breitete der Professor die Decke über ihm aus und setzte sich auf seine Bettkante.
Er erschauderte, als sein Nachbar eine kalte Hand in seinen Nacken legte. "Thiel, Sie haben hohes Fieber. Haben Sie nichts dagegen genommen?"
Es gelang ihm nicht mehr, die Augen offen zu halten; ganz gegen seinen Willen sanken seine Lider langsam wieder herab, als er heiser murmelte. "Ich habe nichts im Haus."
"Das kann nicht Ihr Ernst sein! Warum haben Sie mich denn nicht angerufen?"
Es fiel ihm nicht schwer, sich Boernes ungläubigen Gesichtsausdruck vorstellen, so entgeistert, wie er klang. Thiel zuckte nur gequält mit den Schultern. "Ich dachte, Sie sind bei Ihrer Schwester."
Der Professor seufzte. "Ja, das steht heute tatsächlich noch an. Aber dass Sie krank werden, hat sich ja gestern schon angekündigt, deshalb wollte ich vorher bei Ihnen reinschauen."

„Wie, das hat sich angekündigt?“ Er biss die Zähne zusammen, als das Sprechen einen stechenden Schmerz in seinen Schläfen auslöste. Boerne zog die Decke höher, als er erneut heftig erschauderte. „Sie haben keinen Tropfen Alkohol getrunken und waren trotzdem plötzlich so wackelig, dass an Radfahren nicht mehr zu denken war. Abgesehen davon haben Sie den ganzen Abend kein einziges Wort gesprochen. Das war selbst für Sie ein Negativrekord, regelrecht besorgniserregend.“



Die Matratze bewegte sich, als sein Kollege die Decke fester um ihn steckte. "Was ist es denn? Bronchitis? Angina?“
Er sank etwas tiefer in sein Kissen, flüsterte nur noch. "Die Gliederschmerzen bringen mich um. Und mein Kopf."
"Eine Influenza wahrscheinlich. Mensch, Thiel... und das an Weihnachten." Eine beinah kalte Hand strich ihm die schweißnassen Haare aus dem Gesicht und ruhte dann für einen Moment auf seiner Stirn. Er lehnte sich in die Berührung, in diese kleine Geste, so wohltuend für seinen fieberglühenden, schmerzenden Kopf - und auch für seine Seele. Jetzt, in diesem Augenblick, hätte er einschlafen können; doch nach ein paar Sekunden zog Boerne die Hand fort und er merkte, wie der Professor aufstand. "Ich muss los."
Verstrichen war der kurze Moment; plötzlich war ihm wieder zu heiß und gleichzeitig so unglaublich kalt und er fühlte sich einfach nur sterbenselend.

"Ich muss mich beeilen, wenn ich noch in die Apotheke will, bevor die Geschäfte schließen. Sie rühren sich nicht von der Stelle, verstanden? Bis gleich!" Erneut strichen die kühlen Finger Haare aus seiner Stirn und diesmal spürte er sie immer noch, als die Tür schon längst ins Schloss gefallen war.



Er konnte nicht sagen, wie lange es gedauert hatte, bis Boerne wieder zurück war. Ob zwanzig Minuten oder zwei Stunden, er hatte keinerlei Zeitgefühl; er schwebte in einer Zwischenwelt, die ausschließlich aus wirren Träumen, Schmerzen, Kälte und Hitze zu bestehen schien. Und so müde er war, richtig zu schlafen blieb ihm verwehrt.

Er zuckte zusammen, als sich plötzlich eine Hand auf seine Schulter legte. "Thiel, können Sie sich kurz aufsetzen? Ich habe Ihnen etwas besorgt, dann fühlen Sie sich bald besser."
Mühsam öffnete er die verklebten Augen, rollte sich auf den Rücken und richtete sich mit Hilfe seines Kollegen ein wenig auf. Ohne nur einen Gedanken daran zu verschwenden, was Boerne ihm da gerade einflößte, schluckte er die Tabletten, und obwohl der Professor fast sein gesamtes Gewicht übernahm als er ihn danach vorsichtig zurück auf sein Kissen sinken ließ, konnte Thiel ein schmerzerfülltes Keuchen einfach nicht unterdrücken.
"Ruhen Sie sich aus." Die Decke wurde erneut über seinen zitternden Körper gezogen. Die Matratze senkte sich wieder ab und dann war die Hand zurück auf seiner Stirn; und diesmal konnte er sie dort spüren, bis jeder seiner unruhigen, zerfasernden Gedanken von einer wohltuenden Schwärze verschluckt wurde.


Er wusste nicht, wie lange er geschlafen hatte, bis er ein weiteres Mal von der Türklingel geweckt wurde. Als er langsam zu sich kam, wurden ihm mehrere Dinge bewusst: er war wieder allein; die Glieder- und Kopfschmerzen waren für den Moment wesentlich besser zu ertragen und die Medikamente hatten eindeutig das Fieber gesenkt, aber dadurch war er völlig verschwitzt. Sein T-Shirt klebte ihm am Körper, die Bettwäsche war regelrecht nass. Das war dermaßen kalt und unangenehm, er begann heftig zu frieren.  

Sich auf die Seite zu rollen und unter der feuchten Bettdecke hervorzuwinden, war eine Anstrengung, die ihn vor Erschöpfung zitternd zurückließ.
Doch bevor er aufstehen konnte, öffnete sich leise die Schlafzimmertür und Boerne steckte seinen Kopf hindurch.
Als sein Kollege sah, dass er wach war, deutete er mit dem Daumen über die Schulter. "Thiel? Sie haben Besuch, gerade ist…“ Der Professor brach ab und musterte ihn skeptisch. „Sie sind ja schweißgebadet! Frau Krusenstern, können Sie mir mal helfen?“


Boerne trat zu ihm ans Bett und hinter ihm eilte tatsächlich Nadeshda in den Raum.
Bei seinem Anblick verharrte sie für einen Moment und verzog mitfühlend ihr Gesicht. „Meine Güte Chef, Sie sehen schrecklich aus! Naja, ich hatte es befürchtet.“ 


Dass Boerne bei ihm bleiben würde, hatte er nicht erwartet; dass seine Assistentin jetzt auch noch gekommen war, überraschte ihn mindestens ebenso - er war wirklich dankbar. „Nadeshda?“ Thiel musste sich räuspern, hatte das Gefühl, dass die anderen sein heiseres Geflüster gar nicht verstehen konnten. „Ich dachte, Sie wollten mit Ihren Eltern irgendwelche Verwandten besuchen?“
Die junge Frau, die sich nun mit schnellen Schritten näherte, lächelte ein wenig. „Wir
sind für heute Abend verabredet, das stimmt. Aber es hat sich  gestern im Präsidium ja schon angekündigt, dass es Sie erwischt hat, deshalb wollte ich erst hier nach dem Rechten sehen.“
Thiel runzelte die Stirn. „Angekündigt? Im Präsidium? Das fing doch erst viel später an.“,
murmelte er leise, bevor er nochmals heftig erschauderte.
Nadeshda trat an ihn heran und legte eine warme Hand auf seine Schulter. „Ich bitte Sie, Chef! Sie waren blass und verfroren, haben den ganzen Tag keinen Bissen gegessen, und vor allen Dingen: Sie wollten keinen Kaffee – das ist ja wohl Alarmstufe Rot! Also, wenn mir in dem Augenblick nicht klar geworden wäre, dass Ihnen etwas in den Knochen steckt, wäre ich taub und blind.“

Diese Aussage verwunderte ihn; zu dem Zeitpunkt war ihm selber jedenfalls noch nicht bewusst gewesen, dass er etwas ausbrütete. Aber dass seiner Assistentin das nicht entgangen war, wunderte ihn nicht wirklich; sie hatte ein Auge für Details, und manchmal kannte sie ihn besser, als er sich selbst. 

Thiel wurde einer Antwort enthoben, weil Boerne in diesem Moment zurückkehrte. Der Professor hatte in der Zwischenzeit offenbar den Schrank durchsucht, legte Kleidungsstücke sowie einen Stapel Bettwäsche neben ihm ab und wandte sich amüsiert zwinkernd an die junge Frau. „Was darf‘s sein, das Bett oder Ihr Chef?“
Nadeshda lachte. „Ich kümmere mich um das Bett, Sie helfen dem Chef.“
Boerne nickte und wandte sich Thiel zu. „Am besten gehen wir ins Bad, da ist es warm und Sie können sich etwas frischmachen. Nadeshda, würden Sie hier in der Zeit kurz durchlüften?“
„Gute Idee!“ Mit wenigen Schritten war Nadeshda am Fenster und kippte es, dann nahm sie ohne ein weiteres Wort sein Kissen und zog es ab.
Das war Thiel dann doch entschieden zu unangenehm. „Nadeshda, Sie sollen nun wirklich nicht…“ Aber sie ließ ihn gar nicht zu Wort kommen. „Chef, Mund halten. Sie tun jetzt, was wir Ihnen sagen, ohne Widerrede.“ Thiel klappte den Mund zu und blickte wie hilfesuchend zu Boerne auf, der aber nur lächelnd mit den Schultern zuckte und ihn dann vom Bett hochzog. 


Seine beiden Kollegen machten kurzen Prozess, anders konnte Thiel es nicht sagen. Während Nadeshda sich des Bettes annahm, führte Boerne ihn ins Bad, setzte ihn dort auf dem Toilettendeckel ab und zog ihm dann vorsichtig das nasse Shirt über den Kopf. Innerhalb kürzester Zeit bekam er einen warmen Waschlappen in die Hand gedrückt, mit dem er sich dankbar über Gesicht und Nacken wischte. Boerne hatte indessen ein Handtuch besorgt und trocknete ihm behutsam die Haare und den Oberkörper ab. Im Anschluss half er ihm in ein T-Shirt, einen dicken Kapuzenpulli und eine Jogginghose. Allein hätte Thiel dafür eine Ewigkeit benötigt; und auch so, obwohl er selber kaum etwas dazu beigetragen hatte, ließ ihn die Aktion ausgepumpt zurück.
Mit einem Seufzen genoss er das Gefühl der trockenen, wunderbar warmen Kleidung, in die er eingehüllt war. Nach einem fragenden Blick von Boerne ließ er sich mit einem dankbaren Nicken hochziehen und, nachdem er mit zitternden Beinen aufgestanden war, von dem Arm, der sich ihm um die Taille legte, wieder aus dem Bad dirigieren.


Aber als Boerne ihn zurück zum Bett steuern wollte, schüttelte Thiel ein wenig den Kopf. „Ich würde mich gerne für ein paar Minuten aufs Sofa setzen.“
Entgegen seiner Erwartung kamen von Boernes Seite keine Einwände. Ganz das Gegenteil war der Fall. „Das ist eine ausgezeichnete Idee. Da können Sie dann gleich etwas essen, ich habe heute Morgen eine Hühnersuppe für Sie gekocht. Die Infektlinderung bei Influenza ist zwar wissenschaftlich nicht eindeutig bewiesen, aber auf Ihren vermutlich grenzwertig erniedrigten Natrium- und Elektrolytehaushalt kann die Suppe sich nur positiv auswirken. Von Ihrem Flüssigkeitsdefizit mal ganz zu schweigen.“


Thiel warf ihm einen verwunderten Blick zu. Er hatte von dem Satz nur eines verstanden; Boerne hatte für ihn gekocht! Damit hätte er im Leben nicht gerechnet.
Aber auch wenn er die Begeisterung des Professors bezüglich des Essens nicht teilen konnte, weil er absolut keinen Appetit verspürte, war ihm klar, dass Boerne Recht hatte; er sollte dringend etwas Nahrung und vor allen Dingen Flüssigkeit zu sich nehmen. Durch die Fieberschübe, die starken Schweißausbrüche und aufgrund der Tatsache, dass er seit dem Vortag keinen Tropfen mehr getrunken hatte, fühlte er sich inzwischen vollständig  ausgedörrt.


Dass auf den letzten Metern zum Sofa sein Blickfeld langsam grau wurde und Punkte vor seinen Augen zu tanzen begannen, machte ihm das Ausmaß seines Flüssigkeitsmangels allerdings erst richtig bewusst.
Erleichtert, den Weg gerade noch so bewältigt zu haben, kollabierte Thiel auf das Sofa, ließ den Kopf auf die Rückenlehne fallen und schloss die Augen, hoffte darauf, dass die Kreislaufprobleme jetzt zügig nachlassen würden.


Boerne, dem man sein medizinisch geschultes Auge nicht absprechen konnte, realisierte sofort, dass etwas nicht stimmte. „Ist Ihnen schwindelig?“ Er klang eindeutig besorgt.
„Ja, total“, murmelte Thiel, ohne es eigentlich zu wollen. Aber er war gerade wieder an einen Punkt gelangt, an dem er wirklich nicht die Kraft hatte, Wohlbefinden zu heucheln.
Er presste die Hände an seine Schläfen, als sich der Schwindel zu seinem Leidwesen nicht abschwächte; aufstöhnend sackte er zur Seite weg, spürte dabei kaum, wie Boerne seine Beine schnappte und sie auf der Armlehne hochlagerte.
Nachdem er in dieser liegenden Position einige Male tief durchgeatmet hatte, ließ die unerträgliche Drehbewegung in seinem Kopf langsam nach. Als er die Augen endlich wieder geöffnet hatte, stellte er leicht verwundert fest, dass Nadeshda nun unmittelbar vor ihm kauerte und Boerne neben ihm auf der Sofakante saß und eine Hand an seinen Hals gelegt hatte, offenbar schon länger seinen rasenden, holprigen Puls kontrollierte.

„Geht’s wieder?“ Nadeshda schien ganz angespannt und er nickte schwach. Er wollte antworten, doch sein Mund war derart trocken, er brachte keinen Ton hervor. Erst nach mehrmaligem Räuspern gelang es ihm, eine Antwort zu murmeln. „Tut mir leid, so etwas ist mir noch nie passiert.“ Es war ihm unangenehm, seinen Kollegen einen Schrecken eingejagt zu haben; als noch wesentlich unangenehmer empfand er die Tatsache, dass sie ihn in einem Zustand solcher Schwäche und Hilflosigkeit erlebten.

„Thiel, dafür muss man sich nicht entschuldigen.“ Boerne nahm die Hand von seinem Hals fort. „Ich denke, ihr Blutdruck ist gerade extrem niedrig. Sie haben eindeutig zu wenig getrunken." Bevor er antworten konnte, schien Boerne sich zu besinnen, legte den Kopf schräg und setzte mit einem Male ganz argwöhnisch hinzu: "Haben Sie seit gestern überhaupt irgendetwas getrunken?"
Seine Augen fielen ganz von allein wieder zu, als er nur wortlos den Kopf schüttelte.

Nadeshda mischte sich ein. "Mensch Chef, so etwas machen Sie aber nicht noch einmal, verstanden?“
Thiel seufzte leise. Es war ihm in den Nachtstunden schlicht unmöglich gewesen, sich auch nur mit dem Nötigsten zu versorgen. Aber um ihr das klarzumachen oder noch mehr ihrer besorgten Zurechtweisungen zu ertragen, fehlte ihm gerade wirklich die Energie.


Doch ihr nächster Satz ließ klar werden, dass es gar nicht ihre Absicht war, ihm einen längeren Vortrag zu halten. „Sich todkrank alleine rumquälen und niemandem Bescheid geben, also wirklich! Beim nächsten Mal werden Sie sich bei einem von uns melden, versprochen?“ Sie klang ganz aufgewühlt.
„Ich hoffe doch eigentlich, dass es mich nicht so bald wieder umhaut.“ Er blinzelte seine Assistentin müde an. „Aber bei der nächsten Grippe melde ich mich früher, ok?“ Die Worte klangen nicht ganz so locker, wie er das ursprünglich geplant hatte, doch sein Tonfall reichte aus, die Sorgenfalten auf der Stirn seiner Assistentin ein wenig zu glätten. Mit einem leichten Lächeln schüttelte sie den Kopf.



Boerne, der kommentarlos in der Küche verschwunden war, kam mit einem Glas Wasser in der Hand zurück. Er stellte es auf dem Couchtisch ab. „Können Sie sich aufsetzen?“
Thiel nickte. Mit Boernes Hilfe rollte er sich auf die Seite, stellte die Füße auf den Boden und brachte sich langsam in eine halbsitzende Position.  Zu seiner großen Erleichterung setzte der Schwindel nicht wieder ein.
„Hier, trinken Sie das.“
Er akzeptierte das Glas, das Boerne ihm reichte. Langsam und bedächtig nahm er Schluck für Schluck, bis er alles ausgetrunken hatte. Mit einem leisen Seufzen ließ er den Kopf zurücksinken und rutschte noch ein wenig tiefer in die weichen Polster in seinem Rücken. Jetzt gerade fühlte er sich fast wieder wie ein Mensch.


In dem Moment, in dem Nadeshda ihm das Glas abgenommen und auf den Tisch gestellt hatte, klingelte es zum dritten Mal an diesem Tag.
Erstaunt hob Thiel den Kopf wieder an, während Boerne aufstand und sich durch den Flur Richtung Tür begab.
Sobald er geöffnet hatte, ertönte eine bekannte Stimme. „Nanu, Chef? Frohe Weihnachten!“
„Alberich! Wollten Sie zu mir?“ Boerne klang mindestens so verblüfft wie Thiel selber es war, als Frau Hallers Erwiderung kam. „Nein, eigentlich wollte ich nach Herrn Thiel sehen, der hat mir gestern irgendwie nicht gefallen.“
Boernes trockenes „Das ging uns auch so!“ ertönte lauter, als Schritte sich näherten. Kurz darauf traten die beiden Rechtsmediziner ins Wohnzimmer.


„Hallo Herr Thiel!“ Kaum hatte die kleine Frau ihn ausgemacht, kam sie zu ihm ans Sofa.
„Frau Haller?“ Thiel hatte sich noch nicht ganz von seiner Verwunderung erholt und konnte sie nicht vollständig aus seiner heiseren Stimme fernhalten.
Sie runzelte die Stirn als sie ihn musterte. „Oje, Sie sind ja wirklich richtig krank geworden. Aber das hat sich ja gestern schon angekündigt.“
Bei diesen Worten hob Thiel die Augenbrauen und warf einen erstaunten Blick auf Nadeshda, die allerdings nur lächelnd den Kopf schieflegte und gleichzeitig mit den Schultern zuckte, als sei sie in keiner Weise überrascht.

Boernes Assistentin bemerkte diese stumme Kommunikation und erklärte: „Naja, als der Chef Ihnen den Glühwein in die Hand gedrückt hat, sind Sie so aschfahl geworden, ich dachte, Sie müssten sich übergeben. Und dann haben Sie die ganze Zeit dermaßen gezittert, es hätte mich nicht gewundert, wenn Ihnen die Tasse aus der Hand gefallen wäre.“
Während Thiel immer noch nicht recht fassen konnte, dass er von so ziemlich jedem seiner Kollegen durchschaut worden war, fuhr die Rechtsmedizinerin bereits fort: „Ich wollte eigentlich nur kurz bei Ihnen vorbeischauen und sehen, ob Sie etwas brauchen. Nadeshda und der Professor haben ja gestern erzählt, dass sie über die Feiertage nicht da sind…“
Dass Boernes Assistentin sich seinetwegen Gedanken machen würde, hätte Thiel nie erwartet. Müde ließ er seinen Kopf zurück an das Sofa sinken, als er ehrlich dankbar murmelte: „Das ist sehr nett von Ihnen, Frau Haller.“


Sie winkte nur ab und redete gleich weiter. „Ich habe vorhin für den Besuch gekocht, den ich heute Abend erwarte. Und da habe ich mir gedacht, dass ich Ihnen mal etwas vorbeibringe, weil Sie in Ihrem Zustand bestimmt keine Lust haben, sich an den Herd zu stellen.“
Thiel, immer noch ungläubig, schüttelte den Kopf.
„Auch wenn Sie im Augenblick vermutlich keinen Hunger haben, morgen sieht das vielleicht schon wieder ganz anders aus“, setzte Frau Haller, die sein Kopfschütteln offenbar falsch aufgefasst hatte, aufmunternd hinzu.


Boerne hatte seiner Assistentin die Tüte abgenommen und schnupperte daran. „Also ehrlich gesagt, das riecht delikat, Alberich. Was haben Sie denn da gezaubert?“
Die kleine Frau lächelte. „Gute Sachen, Chef. Aber nicht für Sie.“
Boernes „Zu schade!“ schien aus tiefster Seele zu kommen, doch lächelte er dabei.  Thiel erwiderte schmunzelnd den amüsierten Blick seiner Assistentin, als der Professor mit einem Seufzen hinzufügte: „Ich bringe das Essen dann mal in die Küche.“



Gerade, als er zurück in das Wohnzimmer trat, erscholl die Türklingel ein weiteres Mal.
Nadeshda zog die Augenbrauen hoch. „Chef, bei Ihnen geht’s ja zu wie im Taubenschlag.“
Thiel hatte keine Antwort parat, war selber mindestens so verwundert wie sie. Boerne dagegen begab sich einmal mehr zur Tür.


Kaum, dass er geöffnet hatte, ertönte noch eine bekannte Stimme. „Ah, Herr Professor! Na wenn Sie an Weihnachten hier sind, haben wir wohl richtig vermutet, dass es Frankie nicht gut geht, was?“
„Ich fürchte, da haben Sie Recht, Herr Thiel. Guten Tag, Frau Klemm.“



Thiel, der bemerkte, dass ihm vor Verblüffung der Mund offen stand, klappte ihn zügig zu. Derweil ertönte schon die sonore Stimme der Staatsanwältin. „Wir wollten Herrn Thiel ein paar Lebensmittel vorbeibringen. Er hat es heute ja bestimmt nicht in den Supermarkt geschafft.“


Boernes Stimme war amüsiert, als er antwortete: „Auch in dem Punkt liegen Sie absolut richtig. Na, dann kommen Sie mal herein.“
Ein paar Sekunden später betraten tatsächlich die großgewachsene Staatsanwältin und Thiels Vater den Raum. Beide steuerten sofort auf ihn zu.
„Mensch, Junge! Du siehst ja noch schlechter aus als gestern Abend im Taxi!“
„Vaddern! Ich dachte, ihr wolltet nach Gelsenkirchen zu deiner alten Bekannten fahren?“ Thiel konnte nicht glauben, dass die beiden jetzt hier in seiner Wohnung standen.
Frau Klemm ergriff das Wort. „Den Besuch haben wir gleich heute Morgen abgesagt. Es hat sich ja gestern schon angekündigt, dass Sie krank werden. Da fahren wir doch nicht weg.“
„Hat es?“ murmelte Thiel schwach. Er fühlte sich gerade irgendwie überwältigt.
„Natürlich!“ Die beiden Neuankömmlinge hatten wie aus einem Mund gesprochen.
Die Staatsanwältin warf einen kurzen Blick auf ihren Begleiter, bevor sie erklärte. „Gestern Abend hätte der Polizeipräsident vorbeikommen können, Sie hätten ihn nicht wahrgenommen. Sie waren zu beschäftigt damit, sich nicht anmerken zu lassen, wie schlecht es Ihnen ging.“
Sein Vater fügte hinzu: „Als ich vor eurem Haus geparkt und in den Rückspiegel gesehen habe, dachte ich für einen kurzen Moment, du hättest das Bewusstsein verloren, so bleich und reglos wie du warst.“ Er schüttelte den Kopf. „Ganz schlechtes Karma.“

Oh Gott, jetzt nur keine Diskussion über Karma. „Is gut, Vaddern“. Thiel winkte müde ab und Herbert ließ ihn tatsächlich in Ruhe. Frau Klemm hatte sich ohnehin schon abgewendet und  wedelte enthusiastisch mit ihrer Tragetasche herum. „Wo sollen die Sachen hin? Hauptsächlich haben wir Obst mitgebracht, viele Vitamine. Das Beste bei Grippe.“
Boerne nahm die Tasche an sich. „Ich bringe die Sachen in die Küche.“ Er schob sich mit seiner typischen Geste die Brille hoch, bevor er lächelnd anmerkte. „Ich glaube, so voll ist der Kühlschrank noch nie gewesen.“



Auf diese Aussage hin meldete sich Nadeshda zu Wort und blickte ihn an. „Momentchen mal. Chef, wie geht’s Ihnen denn im Moment?“
Überrumpelt von der Frage entgegnete Thiel: „Gut. Mir geht’s gerade ganz gut. Wieso?“
Aber er beam keine Antwort. Stattdessen wandte sie sich an die ganze Gruppe: „Wie sieht‘s denn aus, muss einer von Ihnen dringend weg?“
Thiel fragte sich, worauf Nadeshda abzielte, während alle Besucher die Köpfe schüttelten. Daraufhin breitete sich ein strahlendes Lächeln auf dem Gesicht der jungen Frau aus. „Dann schlage ich vor, dass wir Herrn Thiel noch ein wenig Gesellschaft leisten. Krank und allein zu sein, ist ja wirklich schrecklich. Also…“ Sie zählte an den Fingern ab. „…wenn ich das richtig sehe, hat Professor Boerne einen großen Topf Suppe gekocht, ich habe eine Tasche voller russischer Spezialitäten mitgebracht, Frau Haller hat eine Portion Hühnerfrikassee mit Kartoffelpüree, die für drei Tage reicht, dazu haben wir noch jede Menge Obst. Das kann der Chef gar nicht alles allein essen, das wird nur schlecht. Ich meine, wir machen es uns hier jetzt mal richtig gemütlich und gönnen uns ein kleines Drei-Gänge-Menü, oder? Schließlich ist Weihnachten!“ Sie drehte sich zu ihm. „Sie sind doch einverstanden, Chef?"



Die Frage war aber wohl nur rhetorischer Natur, Thiel bekam keine Gelegenheit zu einer Erwiderung. Bevor er ein Wort äußern konnte, nickten alle Anwesenden begeistert und verschwanden geschäftig in verschiedene Richtungen.


Ungläubig rieb er sich die Augen. Dass sein Vater und Frau Klemm bleiben würden, hatte er nun fast erwartet; immerhin hatten sie extra auf ihre Fahrt nach Gelsenkirchen verzichtet.
Aber auch seine Kollegen schienen sich in den Kopf gesetzt zu haben, Zeit mit ihm zu verbringen, statt sich jetzt um ihre eigenen Familien zu kümmern. Das war ein Gedanke, der wiederum Unbehagen in ihm auslöste; aber wenn er ganz ehrlich war, war er mehr als dankbar, gerade nicht allein zu sein.


In seinem Rücken ertönte emsiges Geklapper, zeigte unmissverständlich, dass die drei Frauen und sein Vater sich in seiner Küche betätigten.
Boerne dagegen hatte kurz die Wohnung verlassen und kehrte wenig später mit einem großen Topf zurück, mit dem er dann ebenfalls in der Küche verschwand.
Mit Besteck und reichlich Lebensmitteln beladen tauchten seine Kollegen wieder auf und innerhalb kürzester Zeit war der Tisch festlich gedeckt – und schier überfüllt.

Boerne begann, die Suppe zu verteilen, aber gerade, als Thiel sich mit zusammengebissenen Zähnen von der Sofalehne abstieß um sich anständig hinzusetzen, legte sich eine Hand auf seine Schulter und drückte ihn in die Polster zurück. „Heute geben wir nichts auf Etikette. Ich glaube, so liegen zu bleiben, ist für Sie bequemer.“ Mit diesem Worten gab eine lächelnde Frau Klemm ihm eine Suppentasse und einen Löffel in die Hand.
Thiel lächelte zurück.



Nach ein paar Minuten fieberhafter Aktivität hatte jeder einen Platz gefunden. Herbert und Frau Haller hatten sich einen Küchenstuhl geholt, die Staatsanwältin saß im Sessel und Boerne und Nadeshda hatten rechts und links von Thiel auf dem Sofa Platz genommen. Es war ein wenig eng aber ungemein gemütlich; und nicht zuletzt, weil ihm langsam wieder ein wenig kälter wurde, war er ganz dankbar über die Wärme, die seine beiden Sitznachbarn ausstrahlten.

Alle Anwesenden sprachen dem zwar bunt gemischten, aber unbestreitbar leckeren Essen auf dem kleinen Couchtisch begeistert zu.
Thiel selber hatte keinerlei Hungergefühl verspürt, hatte aber seinen Widerwillen bezwungen und etwas Suppe zu sich genommen, um einem weiteren medizinischen Vortrag von Boerne aus dem Weg zu gehen. Das kühle Wasser, mit dem Nadeshda und der Professor ihn regelmäßig versorgten, nahm er dagegen bereitwilliger an, die Flüssigkeit tat ihm gut.

Als er auf die Art nach und nach zwei Gläser ausgetrunken hatte, rutschte er noch ein wenig tiefer in die Sofapolster und ließ seinen Blick über seine Kollegen wandern. Auch wenn er sich nicht viel an den Gesprächen beteiligte, genoss er es einfach, nicht allein zu sein. Die Stimmung war harmonisch, gelöst und zwanglos, alle Anwesenden unterhielten sich entspannt und angeregt.
Und ihm wurde bewusst, dass das gerade einer der schönsten Weihnachtstage der letzten Jahre war.



Thiel blinzelte, als seine Augen plötzlich ein wenig feucht wurden. Wie lästig, die Gliederschmerzen und das Fieber reichten doch wohl, da mussten die Augen doch nicht auch noch tränen. Boerne hätte ihm jetzt bestimmt genau erklären können, warum dies lästige Übel so oft mit einer Grippe einherging.
Thiel seufzte und ließ die müden Augen zufallen. Es würde ihm hoffentlich keiner der Anwesenden übelnehmen, wenn er sich für einen kurzen Augenblick aus den laufenden Gesprächen ausklinkte; sein Hals kratze, es war wohl ohnehin sinnvoll, nicht zu viel zu sprechen.
Nur zwei Minuten ausruhen.



Nur vage realisierte er, dass er langsam wegdriftete, aber ihm fehlte die Kraft, sich dagegen zur Wehr zu setzen. Es gelang ihm nicht mehr, einzelne Worte seiner Kollegen zu unterscheiden; die ruhigen Gespräche und das leise Gelächter erschienen ihm immer gedämpfter und undeutlicher. Er erschauderte, und in einem kurzen, noch einmal halbwegs klaren Moment wurde ihm bewusst, dass die Wirkung von Boernes Tabletten endgültig nachgelassen hatte; aber er konnte den Gedanken nicht zu Ende führen, sank langsam in Dunkelheit.
Als zwei warme Hände seinen Nacken und Oberkörper stützen und ihn vorsichtig in eine liegende Position sinken ließen, schrak er nochmals kurz auf, doch zu reagieren war zu anstrengend, als dass es ihm möglich gewesen wäre. Etwas Weiches wurde über ihm ausgebreitet und wohltuende Wärme war das letzte, was er spürte, bevor er erschöpft einschlief.




Es waren die Gliederschmerzen, die ihn aus dem Schlaf rissen; sich umzudrehen war so unangenehm gewesen, dass er davon aufwacht war. Für einen kurzen Moment blieb er einfach nur liegen, vermied jede weitere unnötige Bewegung. Es war nicht nötig, die Augen zu öffnen, er realisierte auch so, dass es inzwischen dunkel geworden war.
Dann, mit einem Mal, fiel ihm alles wieder ein; seine Kollegen, mit deren Besuch er niemals gerechnet hatte, das völlig ungeplante, aber so angenehme Beisammensein.
Und in diesem Moment wurde ihm bewusst, wie still es war. Und einsam.
Er konnte ein leises Seufzen nicht unterdrücken.

Im gleichen Augenblick hörte er das leise Rascheln von Papier. Mühsam öffnete er die Augen und stellte zu seiner Verwunderung fest, dass er doch nicht ganz so einsam war, wie er gedacht hatte.
Boerne legte seine Zeitung beiseite, die er scheinbar im dämmrigen Licht der Leselampe studiert hatte und trat an das Sofa. „Wie fühlen Sie sich?“
„Boerne… warum sind Sie noch hier? Sie sollten doch bei Ihrer Schwester und deren Familie sein.“ Thiel versuchte, sich etwas aufzurichten, aber es fiel ihm schwer. Boerne bemerkte das natürlich gleich, nahm die Wolldecke beiseite und half ihm in eine sitzende Position.
„Das habe ich abgesagt. Sie nicht allein zu lassen, schien mir wichtiger. Viele Grüße aber von Nadeshda und Frau Haller, die sind vor einem Weilchen zu Ihren Familien gefahren.“
Dann legte er den Kopf schräg und verengte die Augen, wirkte bei seinen nächsten Worten, als fühle er sich ein wenig unbehaglich. „Ihr Vater und Frau Klemm sind vorhin dann doch noch nach Gelsenkirchen aufgebrochen, nachdem ich ihnen versprochen hatte, mich auch morgen um Sie zu kümmern.“
„Das ist gut“, murmelte Thiel inbrünstig. „Den ganzen Tag Diskussionen über mein Karma anhören zu müssen, hätte ich nicht ertragen.“
Boernes Lächeln schien erleichtert. „Dann bin ich beruhigt. Ich war mir für eine Weile nicht ganz sicher, wessen Anwesenheit Sie als anstrengender empfinden würden.“
Thiel zog eine Augenbraue hoch. Selten zeigte sich Boerne so einsichtig, den Tag musste er sich rot im Kalender anstreichen. Hätte er sich nicht so unwohl gefühlt, hätte er geschmunzelt. Stattdessen fuhr er sich mit bebenden Fingern durch die Haare und schauderte. Sein Fieber war zweifellos wieder stark angestiegen, jede Bewegung fiel ihm schwer und er fühlte sich unangenehm schwach.
Boerne drehte sich zum Wohnzimmertisch um, griff das Wasserglas, das dort noch stand und reichte ihm zwei Tabletten. „Hier. Die Medikamente sind längst überfällig, aber Sie haben so ruhig geschlafen, Sie zu wecken wäre kontraproduktiv gewesen.“
Mit einem dankbaren Nicken nahm Thiel die Tabletten an und schluckte sie.
„Na kommen Sie, ich bringe Sie ins Schlafzimmer.“ Boerne fasste ihn unter den Armen und half ihm, aufzustehen.

Der Weg erschien ihm noch weiter als heute Mittag, und wesentlich mühsamer. Zwar wurde ihm nicht wieder schwindelig, aber Thiel war heilfroh, als er am Bett angekommen war und sich ausstrecken konnte. Er war zittrig und sein Kopf fühlte sich an wie mit Watte angefüllt. Seine Augen fielen zu, kaum dass er lag.

„Schlafen Sie. Ich habe Ihnen das Telefon hergelegt, wenn etwas ist, rufen Sie mich an, versprochen?“ Es wurde ihm bewusst, wie ruhig und freundlich Boerne den ganzen Tag schon war; regelrecht besorgt. So klang er selten; das war ein ganz anderer Tonfall als der, den der Professor üblicherweise im täglichen Umgang mit ihm anschlug. Es war wohltuend, zur Abwechslung einmal nicht nur zynische Vorträge gehalten zu bekommen.

Eine Hand legte sich auf seine Schulter. „Thiel! Sie melden sich, versprochen?“ Etwas verspätet fiel ihm auf, dass er mit den Gedanken abgedriftet war. Er nahm alle Kräfte zusammen und murmelte eine Antwort. „Ja, versprochen.“


Die Decke wurde noch etwas höher über seine Schultern gezogen. „Ich schaue ab und zu bei Ihnen rein. Morgen früh kommen Sie rüber zu mir, aus ärztlicher Sicht wäre es unverantwortlich, Sie den ganzen Tag ohne Aufsicht zu lassen. Und am Mittwoch sind Sie vielleicht schon wieder so fit, dass wir eine Runde Schach spielen können. Sie schulden mir eine Revanche.“
Da musste ein leichtes Schmunzeln auf Boernes Gesicht sein, er hörte es an seiner Stimme. So krank konnte er nicht sein, dass er die gute Absicht hinter diesen Worten nicht sofort durchschaute.


Er hätte Boerne das gerne gesagt; gesagt, dass er erleichtert war, nicht allein sein zu müssen, und dankbar. Aber eine längere Antwort zu formulieren, wollte ihm einfach nicht mehr gelingen. Er war jedoch ziemlich sicher, dass der Professor sein erschöpftes „mhmhm“ korrekt interpretieren konnte. Der Mann war kein Dummkopf.


Das Unbehagen, das ihn die letzten Tage begleitet hatte, war verschwunden.
Mit dem frohen Wissen, auch die restlichen Weihnachtstage nicht allein verbringen zu müssen, schlief er ein.


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