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Bingo-Prompt 25 - Blackout

Titel: Mit dem falschen Fuß zuerst - Kapitel 1
Prompt: heiße Getränke
Genre: Freundschaft, Humor? Slapstick à la Dick und Doof, crack?, h/c
Medium: Fanfiction, Fanart im letzten Kapitel
Zusammenfassung: Zwischendurch hatte sie ja ein paar Mal gedacht, dass es besser gewesen wäre, an diesem Morgen gar nicht aufzustehen.
Oder, um es mit einem Satz zu sagen, den cricri mal so ähnlich verwendet hat:
Silke Haller hat einen echten Pechtag und Boerne leidet notgedrungen mit. (Das bringt es genau auf den Punkt. =)
Anmerkungen: Diese Story hier ist inzwischen ich weiß nicht wie alt. Ich hatte sie als Lückenbüßer für den Adventskalender aufgehoben, aber der ist ja locker voll geworden. Deshalb kommt sie jetzt, ich verschone euch nicht, ich warne euch nur davor. Ihr wisst inzwischen, wie ich ticke..
A.N.: Die ersten drei Kapitel sind vor Ewigkeiten von cricri beta-gelesen worden (DANKE DAFÜR!!); aber seitdem habe ich noch so viel verändert, dass wahrscheinlich wieder mehr Murks drin ist als vorher.


Als Silke Haller ihren Wagen auf das Rechtsmedizinische Institut zusteuerte, hatte sie ein Lächeln im Gesicht. Es versprach ein wunderbarer Tag zu werden! Es war noch dunkel, gerade erst sechs Uhr. Es hatte gefroren in der Nacht, Raureif glitzerte überall.
Sie kam heute so ungewöhnlich früh zum Dienst, weil sie plante, besonders zeitig Feierabend zu machen; sie wollte mit ihrer besten Freundin über den Weihnachtsmarkt bummeln, ein seltenes Vergnügen, auf das sie sich sehr freute.
Weiterhin hoffte sie, nachher mit Professor Boerne einen richtig guten Kaffee zu trinken; an einem Tag wie diesem hielt er auf dem Weg zum Institut sicherlich am besten Coffee-Shop der Stadt und brachte zwei große Becher mit ins Büro. Das kam nur selten vor, aber wenn, nahmen sie sich beide ohne schlechtes Gewissen die Zeit, das Getränk in Ruhe zu genießen. Gerade in den letzten, extrem stressigen Tagen  war - wie immer so kurz vor Weihnachten - an eine gescheite Pause nicht zu denken gewesen; die morgens gefüllten Tassen hatten sie zwischen Sektionsraum, Labor und Büro hin und her geschleppt, den zumeist schon lange erkalteten Inhalt schluckweise zwischen Tür und Angel getrunken. Aber heute sah es so aus, als könnte es endlich einmal wieder ein etwas ruhigerer Dienst werden, das würde der Chef bestimmt ausnutzen. Verdient hätten sie sich diesen Kaffee jedenfalls allemal.
Ebenso sehr freute sie sich darauf, dass Boerne heute sehr wahrscheinlich auf seine Opernmusik verzichten und stattdessen den örtlichen Radiosender anstellen würde, den sie selbst am liebsten hörte.
Diese freudigen Erwartungen hatten natürlich auch einen guten Grund: heute war Silkes Geburtstag.

In all den Jahren, die sie nun schon mit Boerne zusammenarbeitete, hatte sie an diesem besonderen Tag noch niemals Urlaub genommen. Es machte ihr einfach Spaß, zum Dienst zu kommen, denn ihr Chef hatte Spaß daran, sich jedes Jahr ein paar Kleinigkeiten einfallen zu lassen, mit denen er diesen Tag für sie zu etwas Besonderem machte.

Als Silke ausstieg, fiel ihr auf, dass der Wagen ihres Chefs ebenfalls schon auf dem Parkplatz stand. Sie runzelte ein wenig die Stirn; das war nun wirklich unerwartet, sie hatte frühestens in anderthalb Stunden mit ihm gerechnet. Naja, auf ihren Lieblingskaffee würde sie heute Morgen dann wohl leider verzichten müssen, um sechs Uhr hatte der Laden definitiv noch nicht geöffnet.

Das konnte ihre gute Laune allerdings nicht lange trüben. Leichtfüßig eilte sie die Treppe hinab in das Kellergeschoss des Gebäudes, in dem sich ihre Arbeitsräume seit nunmehr einigen Monaten befanden.
Anfangs hatte sie sich etwas schwergetan mit den dunklen Fluren und Büros, die kaum Fenster besaßen; aber Boerne und sie hatten sich ihr neues Reich ganz nett eingerichtet und inzwischen wussten sie beide durchaus zu schätzen, dass sie dort unten vom Trubel im Rest des Gebäudes wirklich so gut wie nichts mitbekamen.

Silke kam am Kühlraum vorbei, an den Sektionstischen und am Labor. Überall war es noch dunkel, in Boernes Büro allerdings brannte das Licht. Irritiert fiel ihr das Chaos auf, das auf seinem Schreibtisch herrschte; am Abend zuvor hatte er doch alles sauber weggearbeitet, wo kamen denn heute Morgen schon diese vier Aktenordner her, die er über die komplette Arbeitsfläche ausgebreitet hatte?
Der PC lief, die Stereoanlage war angeschaltet, und zu ihrer leichten Enttäuschung hörte sie Verdi; nicht unbedingt das, was sie erwartet hatte. Zum Glück spielte die Musik für seine Verhältnisse regelrecht leise, Verdi war nun wirklich nichts, was sie an ihrem Geburtstag morgens um sechs in voller Lautstärke ertragen wollte.
Aber es war ja noch früh, sie tröstete sich mit dem Gedanken, dass der Chef sicherlich nicht erwartete, sie um diese Uhrzeit schon im Institut anzutreffen.


Boerne war nicht in seinem Büro, also folgte Silke dem Gang zur kleinen Küche.
Schon ein paar Meter vor der Tür war Kaffeegeruch wahrzunehmen. Sofort erschien das Lächeln wieder auf ihrem Gesicht. Davon würde sie sich jetzt mit ihm zusammen noch eine Tasse gönnen.

Beschwingt und mit einem fröhlichen „Guten Morgen, Chef!“, trat Silke durch die Tür. Sie hatte nicht damit gerechnet, dass ein geistesabwesender Professor Boerne ihre Ankunft in keiner Weise registrieren würde; eine Tasse dampfenden Kaffees in der Hand und den Blick stirnrunzelnd auf einen Stapel Ausdrucke geheftet, stürmte er aus der Küche Richtung Flur und prallte im Türrahmen ungebremst mit ihr zusammen.
Silke hatte ihn zu spät kommen sehen und im Reflex die Arme vors Gesicht gerissen. Sie schlug dem völlig überrumpelten Mann damit die Berichte und auch den Kaffeebecher aus den Händen; die lose Zettelsammlung flog in alle Richtungen und das heiße Getränk ergoss sich über seinen Oberkörper, bevor die Tasse auf dem Boden zerschellte.
Fassungslos und mit den Händen vor dem Mund konnte Silke nur hilflos mit ansehen, wie Boerne mit einem heiseren Aufschrei aus dem Stand anderthalb Meter zurücksprang und dabei so heftig mit dem Küchentisch kollidierte, dass er fast zu Boden ging. Mit einem schmerzerfüllten Ächzen rappelte er sich wieder auf, bevor er sich, so schnell er konnte, das siedend heiße Hemd vom Körper zerrte.


„Ich hole was zum Kühlen!“ Silke eilte geistesgegenwärtig zum Waschbecken, schnappte ein Küchentuch und tränkte es in kaltem Wasser. Kaum, dass Boerne endlich das nun geöffnete Hemd von seiner verbrühten Haut weggezogen hatte und sich zu ihr umwandte, klatschte sie ihm das triefende Tuch auf die Brust. Aber ihre gut gemeinte Aktion stieß auf wenig Gegenliebe - Boerne wich mit einem unterdrückten Schrei zurück, rutschte auf dem feuchten Boden aus und stolperte über einen Stuhl; sein Schwung war zu groß und das Möbelstück zu wackelig, um seinen Fall abzubremsen. Mit dem Stuhl zusammen ging er zu Boden, wo er bewegungslos liegenblieb.

Fassungslos starrte Silke auf das Chaos zu ihren Füßen und wusste im ersten Moment nicht, ob sie lachen oder heulen sollte. Die kleine Küche glich einem Schlachtfeld; auf dem Boden vermischten sich Wasser- und Kaffeepfützen, bis zur Unleserlichkeit verschmierte Ausdrucke klebten an den feuchten Fliesen, hunderte kleiner Porzellanscherben waren durch den ganzen Raum verteilt  - und inmitten dieser Verwüstung, halb unter dem Stuhl begraben und alle viere von sich gestreckt, lag ihr Chef.

Für einen kurzen Moment herrschte absolute Ruhe, dann schob Boerne mit geschlossenen und Augen einem gequälten Stöhnen den Stuhl von seinen Rippen. Silke erwachte daraufhin aus ihrer Starre. „Chef! Chef? Alles in Ordnung?“ Ihre Stimme klang durch den Schreck ein paar Tonlagen höher als sonst. Sie warf das Küchentuch in die Spüle und rannte zu ihm, allerdings vorsichtig, um auf dem gefährlichen Untergrund nicht ebenfalls noch zu Fall zu kommen. Besorgt kniete sie sich neben ihn.
„Mir war immer klar, dass Sie mich eines Tages ins Grab bringen werden“, murmelte Boerne mit schwacher Stimme.
So benommen wie er klang, fragte Silke sich voller Sorge, ob er sich am Kopf verletzt hatte, aber er redete schon weiter. „Gerade hätten Sie es jedenfalls fast geschafft. Für eine Sekunde habe ich gedacht, das war’s jetzt und vor mir steht ein Engel, der mich in Empfang nimmt.“ Er blinzelte sie aus einem Auge an. „War aber doch nur ein Zwerg.“ Jetzt klang er wieder völlig normal.

Silke verdrehte die Augen, konnte aber ein erleichtertes Grinsen nicht verhindern.
„Kindskopf! Seien Sie froh, dass Sie noch lebendig sind, ein Engel hätte Sie nämlich garantiert nicht erwartet! Wenn Ihre Zeit je gekommen ist, werden Sie sicherlich ein paar Stockwerke tiefer reisen, um für jeden bösartigen Kommentar zu büßen, den Sie mir in all den Jahren an den Kopf geworfen haben.“
Boerne gab ein entrüstetes Schnauben von sich, dann versuchte er, sich aufzusetzen. Dabei konnte er allerdings ein schmerzerfülltes Ächzen nicht unterdrücken. „Meine Güte Alberich, ich weiß ja schon lange, dass Sie scharf auf meinen Posten sind. Aber wenn Sie mich schon umbringen müssen, dann bitte kurz und schmerzlos!“

„Och Chef, jetzt tun Sie nicht so als wäre das alles hier allein meine Schuld gewesen!“ Immer noch etwas mitgenommen von diesem unerwarteten Zusammenstoß griff Silke ihm unter die Arme und half ihm beim Aufstehen. Dabei fiel ihr Blick auf seine Rippen, die er mit einer Hand umklammerte; sie musste keine Ärztin sein, um zu sehen, dass die Haut dort ziemlich verbrüht war. Der heiße Kaffee hatte einen langgezogenen, ärgerlich roten Flecken und sogar ein paar kleine Brandblasen hinterlassen.
Während sie die Verbrennung begutachtete, dirigierte sie Boerne auf die andere Seite des Küchentisches. Er sank auf einen Hocker und ließ sich mit geschlossenen Augen gegen die Wand fallen, nur um sich eine halbe Sekunde später mit einem leisen Jaulen wieder aufzurichten.
Übles ahnend drehte Silke ihn ein wenig und seufzte auf. Die Rückseite seines ehemals weißen Hemdes war durchlöchert von unzähligen kleinen Splittern und gesprenkelt mit Blutstropfen, auch ein paar größere Schnitte hatte er sich zugezogen; es war nicht zu übersehen, dass er mit Schwung in den Scherben gelandet war.
Diese allesamt recht oberflächlichen Verletzungen schienen aber gar nicht sein Problem zu sein, also löste sie vorsichtig seine Hand und schob das triefende Hemd zur Seite, um weiter unten seinen Rücken ansehen zu können. An seiner linken Seite in Höhe der Nieren prangte ein eindrucksvoller Bluterguss; der Grund dafür war wohl die Tischkante, gegen die er zuvor geprallt war.

Als sie einmal behutsam über die blaurote Schwellung fühlte, zuckte Boerne unwillkürlich zusammen. Besorgt schaute sie in sein schmerzverzogenes Gesicht; dabei fiel ihr auf, wie abgespannt er aussah und auf einmal wurde ihr bewusst, dass er die dunkle Anzughose und das nun völlig durchweichte Hemd schon gestern getragen hatte. Also war er die ganze Nacht hier gewesen? Aber warum?

Sie beschloss, der Frage später auf den Grund zu gehen, zunächst einmal wollte sie ihn verarzten. „Chef, das Hemd ist ehrlich gesagt ein Totalverlust und Ihr Rücken ziemlich geschreddert. Ich muss das kurz saubermachen und etwas verbinden. Kommen Sie mit mir zu den Obduktionstischen? Da ist das Licht besser und die nötigen Instrumente sind auch vorhanden.“
Boerne hatte inzwischen seine Brille auf den Tisch gelegt und rieb sich das Gesicht. „Es grenzt an Selbstmord, wenn ich Sie heute noch mal in meine Nähe kommen lasse“, kam seine gedämpfte Stimme irgendwo zwischen seinen Fingern hervor. „Sie sind durchschaut! Ihre Scharade als fleißiger und besorgter Zwerg können Sie aufgeben und sich endlich als das zeigen, was Sie sind: Schneewittchens garstige Stiefmutter, die nach möglichst diabolischen Wegen sucht, ihre Konkurrenz ins Jenseits zu befördern.“

Silke stemmte die Hände in die Hüften. „Na, wenn Sie so weitermachen, überlege ich mir das mit dem Jenseits tatsächlich noch! Also echt… garstige Stiefmutter…“ Brummend schüttelte sie den Kopf, doch dann wurde ihr plötzlich klar, was er da gerade so unbedacht geäußert hatte. Ein Grinsen erhellte ihr Gesicht. „Das gefällt mir!“
Irritiert über diesen unerwarteten Meinungsumschwung hob Boerne den Kopf und seine Augen weiteten sich in plötzlicher Erkenntnis, aber es war schon zu spät; Silke ließ ihm keine Chance. „Damit Sie ja dann wohl das Schneewittchen! Herrlich! Lassen Sie mal sehen!“ Sie musterte mit einem übertriebenen Stirnrunzeln und schiefgelegtem Kopf sein Gesicht, während er nur entnervt die Augen rollte.
„Haut, so weiß wie Schnee? Ja, so übernächtigt wie sie aussehen, kann ich das durchgehen lassen! Haare schwarz wie Ebenholz? Hm, früher vielleicht, aber ich will mal nicht so sein. Ihre Lippen sind allerdings nicht gerade rot wie Blut - ihr Hemd dafür umso mehr. Also, passt doch!“ Sie konnte sich ein fröhliches Lachen nicht verkneifen.


Mit dem Gesichtsausdruck eines Mannes, der sich in sein Schicksal ergeben hat, setzte Boerne seine Brille wieder auf und erhob sich vom Hocker. „Sind Sie endlich fertig?“ Ohne sich umzublicken, durchquerte er mit vorsichtigen Schritten die Küche; dabei zog er das ruinierte Hemd aus und warf es im Vorbeigehen in den Müll. Immer noch amüsiert folgte Silke ihm nach, allerdings nicht ohne vorher noch das tropfende Küchentuch aus dem Waschbecken zu schnappen.

Während ihr Chef auf die Sektionsräume zusteuerte, schwenkte sie kurz ins Labor ab, holte den Erste-Hilfe-Kasten aus dem Regal und marschierte in den Sektionssaal.
Als sie dort ankam, fand sie Boerne ganz zusammengesunken rittlings auf einem umgedrehten Stuhl sitzend. Die Arme hatte er auf der Rückenlehne verschränkt und seine Stirn darauf abgelegt, die Augen waren geschlossen. Silkes Lächeln verschwand bei seinem Anblick wieder; er sah wirklich etwas mitgenommen aus.
Für einen Moment fragte sie sich, ob er eingeschlafen war, aber als er sie kommen hörte, hob er den Kopf und schaute sie an. Etwas schuldbewusst streckte sie ihm das feuchte Handtuch entgegen. „Ich glaube, der Verbrennung kann ein bisschen kaltes Wasser nicht schaden.“
Boerne nahm es ihr wortlos aus der Hand und hielt es an seine Rippen, dann ließ er den Kopf wieder auf seinen Arm fallen.

Silke suchte sich aus den Schränken und dem Verbandskasten alle nötigen Utensilien zusammen und breitete sie neben ihm auf dem Tisch aus, dann begann sie, die vielen kleinen Verletzungen zu versorgen. Sie hatte eigentlich erwartet, dass Boerne sich währenddessen über diese ganze Geschichte wahnsinnig aufregen würde, aber er blieb unnatürlich still; wenn sie ganz ehrlich war, wäre ihr eine seiner lebhaften, wortgewandten Tiraden lieber gewesen als diese stumme Müdigkeit.
Ein paar wenig damenhafte Flüche und einige gemurmelte Entschuldigungen später allerdings hatte sie es geschafft; alle Kratzer waren gesäubert und desinfiziert und ein paar größere und tiefere Schnitte verpflastert. Aufmunternd drückte sie Boernes Schulter. „So, der Rücken ist fertig!“

Mit einem Seufzen richtete Boerne sich daraufhin auf und warf ihr das Handtuch zu, das er bislang an seine Seite gehalten hatte. „Alberich, Sie lassen nach. Sie haben schon seit mindestens zehn Minuten nicht mehr versucht, mich umzubringen.“
Bevor er fortgehen konnte, stoppte sie ihn allerdings noch einmal und verband mit ein paar schnellen Griffen die Verbrennung an seiner Seite; so konnte seine Kleidung dort nicht scheuern oder gar festkleben.
Kaum war sie fertig, marschierte er in Richtung des Büros davon. Silke blickte ihm mit einem Lächeln hinterher, zog dann die Handschuhe aus und wusch sich die Hände.

Als sie seinen Arbeitsraum betrat, hatte ihr Chef gerade seine vom Wasser durchtränkte Anzughose gegen eine der Arzthosen getauscht, die er auf der Arbeit so oft trug. Danach wollte er ein weißes T-Shirt aus dem Schrank nehmen, aber Silke legte eine Hand auf seinen Arm. „Ihr Rücken nässt noch ziemlich, wenn Sie sich jetzt anziehen, ist direkt das zweite Hemd versaut.“
Er schaute sie über seine Brille hinweg irritiert an. „Soll ich etwa halbnackt arbeiten?“
„Och, das wäre doch mal ´ne interessante Abwechslung!“ Den Kommentar hätte Silke sich um nichts in der Welt verkneifen können; der Blick, den sie daraufhin erntete, war mehr als eine Entschädigung für den schlechten Start in diesen Tag.
Mit Mühe wurde sie wieder ernst. „Von arbeiten redet doch niemand. Warum legen Sie sich nicht für ein Stündchen auf die Couch? So wie Sie aussehen, kann Ihnen das nur guttun. In der Zeit können die Kratzer noch etwas verkrusten und danach ist bestimmt alles trocken.“ Sie ließ seinen Arm wieder los und grinste. „Oder soll ich Sie wie eine Mumie in Verbände einwickeln, damit wären Ihre Klamotten geschützt!“
Entsetzt wehrte er ab. „Gott bewahre, bei Ihren mörderischen Anwandlungen heute würden Sie mich doch mit den Mullbinden erdrosseln." Ein Lächeln huschte dabei über sein Gesicht bevor er mit der ihm typischen Bewegung seine Brille hochschob. „Ich kann mich nicht hinlegen. Thiel wird gleich vorbeikommen, ich habe eben mit ihm telefoniert.“
Er griff wieder nach dem Hemd, aber sie stoppte ihn zum zweiten Mal. „Mensch, Chef!“ Sie deutete auf die Uhr an der Wand. „Es ist doch noch nicht mal halb sieben. Sie haben Herrn Thiel doch garantiert geweckt, oder? Es dauert sicher noch ein Weilchen, bis er hier auftauchen wird! Na kommen Sie, ruhen Sie sich etwas aus, Sie haben doch die ganze Nacht nicht geschlafen.“
Boerne schaute für einen Augenblick stirnrunzelnd auf die Uhr, als würde ihm jetzt erst bewusst, wie früh es eigentlich noch war. Dann blickte er zurück zu ihr und ließ mit einem Mal die Hand sinken. „Vielleicht eine halbe Stunde“, murmelte er dabei.

„Na endlich zeigt der Mann etwas gesunden Menschenverstand!“ Zufrieden begleitete Silke ihn zum Sofa, wo er mit einem Seufzen auf die weichen Polster sank und seine Brille beiseitelegte.
Dass sie ihm dabei half, die Beine hochzunehmen, war ihm dann wohl doch etwas zu viel des Guten. „Meine Güte Alberich, ich bin kein Invalide und auch noch keine achtzig!“ Silke konnte sich ein erneutes Grinsen nicht verkneifen. „In dem Schneckentempo, in dem Sie sich gerade bewegen, könnte man das aber durchaus denken.“
„Sie haben es heute wirklich auf mich abgesehen, was?“, grummelte Boerne, als er sich vorsichtig ausstreckte.
Silke lächelte nur und dirigierte ihren ungewohnt nachgiebigen Chef auf den Bauch, damit sein Rücken möglichst frei liegen würde. Allerdings zuckte er zusammen, als er die Brandverletzung mit seinem Gewicht belastete. Mit zusammengebissenen Zähnen rollte er ein wenig auf die Seite und blinzelte Silke dankbar an, als sie ein kleines Kissen unter seine Schulter stopfte und so den Druck von der verbrühten Haut nahm. Danach schnappte sie die Decke von der Rückenlehne des Sofas und breitete sie locker über ihm aus.
Als sie sich abwenden wollte, schoss Boernes Hand aber noch einmal darunter hervor und hielt sie fest. „Sie wecken mich, sobald Thiel da ist? Es ist lebenswichtig, er darf auf keinen Fall einfach wieder verschwinden.“
Am liebsten hätte sie diese Bitte abgelehnt, so abgespannt wie er aussah; aber sein Tonfall war mehr als eindringlich, also versprach sie es. „Na klar Chef, ich sag‘ Ihnen sofort Bescheid, wenn er auftaucht. Und jetzt hole ich noch mal schnell etwas zum Kühlen.“
Boerne nickte müde und schloss die Augen.

Silke verließ das Büro und steuerte erneut das Labor an. In dem Gefrierschrank dort lagerten Kühlakkus, die sie manchmal verwendeten, wenn sie Blut- oder Gewebeproben verschicken mussten. Sie schlug einen davon in ein Tuch ein; dass Boerne sich tatsächlich hingelegt hatte, musste sie ausnutzen. Der Bluterguss an seiner Seite würde ihm sicher noch Tage zu schaffen machen, wenn sie sich nicht jetzt darum kümmerte.
Als sie zum Sofa zurückkehrte, war ihr Chef schon fast eingeschlafen. Behutsam drückte sie das kalte Gelkissen an die richtige Stelle und verzog mitfühlend das Gesicht, als Boerne sich mit einem zischenden Atemzug verkrampfte; aber schon nach zwei Sekunden entspannte er sich wieder und sackte zurück in sein Kissen.
Zufrieden zog sie die Decke hoch und hatte den Raum schon fast verlassen, als sie kurzentschlossen noch einen kleinen Schlenker zur Stereoanlage machte. Sie schaltete den CD-Spieler ab, stellte stattdessen das Radio an und warf dann einen verschmitzten Blick auf ihren Chef; doch zu ihrer leichten Enttäuschung reagierte Boerne schon nicht mehr darauf.
Silke schüttelte mit einem Schnauben den Kopf; so hatte sie sich den Start in ihren Geburtstag nun wirklich nicht vorgestellt. Aber der Tag konnte nur noch besser werden, oder?

t.b.c.

Comments

( 4 Kommentare — Kommentar hinterlassen )
cricri_72
27. Dez 2012 10:25 (UTC)
Ich bin schon gespannt auf das Ende, das ich ja noch nicht kenne! Dann lese ich alles nochmal auf einen Rutsch ...
baggeli
27. Dez 2012 10:36 (UTC)
Ach, das Ende ist genau so bescheuert wie der Rest auch. ;o) Erwarte da also mal nicht zu viel.
cricri_72
29. Dez 2012 16:46 (UTC)
Nach wie vor mag ich das slapstickhafte dieser Geschichte sehr gerne, den Zusammenstoß kann ich wie einen Film vor meinem inneren Auge sehen :)

Lieblingsdialogzeile:
„Meine Güte Alberich, ich weiß ja schon lange, dass Sie scharf auf meinen Posten sind. Aber wenn Sie mich schon umbringen müssen, dann bitte kurz und schmerzlos!“

Und zu Schneewittchen muß ich, glaube ich, nix mehr weiter sagen ...
baggeli
29. Dez 2012 18:06 (UTC)
Nee, zu Schneewittchen musst du nichts mehr sagen; ich glaube, die Märchenfiguren haben wir in der letzten Zeit ziemlich abgegrast. ;o)
( 4 Kommentare — Kommentar hinterlassen )

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