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Bingo-Prompt 25

Titel: Mit dem falschen Fuß zuerst - Kapitel 3
Prompt: heiße Getränke
Genre: Freundschaft, Humor? Slapstick à la Dick und Doof, crack?, h/c
Medium: Fanfiction, Fanart im letzten Kapitel
Zusammenfassung: Zwischendurch hatte sie ja ein paar Mal gedacht, dass es besser gewesen wäre, an diesem Morgen gar nicht aufzustehen.
Oder, um es mit einem Satz zu sagen, den cricri mal so ähnlich verwendet hat:
Silke Haller hat einen echten Pechtag und Boerne leidet notgedrungen mit. (Das bringt es genau auf den Punkt. =)
Anmerkungen: Diese Story hier ist inzwischen ich weiß nicht wie alt. Ich hatte sie als Lückenbüßer für den Adventskalender aufgehoben, aber der ist ja locker voll geworden. Deshalb kommt sie jetzt, ich verschone euch nicht, ich warne euch nur davor. Ihr wisst inzwischen, wie ich ticke..
A.N.: Die ersten drei Kapitel sind vor Ewigkeiten von cricri beta-gelesen worden (DANKE DAFÜR!!); aber seitdem habe ich noch so viel verändert, dass wahrscheinlich wieder mehr Murks drin ist als vorher.



Gute drei Stunden später war die Obduktion beendet und Silke hatte sich im Labor der routinemäßig geforderten Blutproben des vermeintlichen Selbstmörders angenommen. Ein eindeutig übermüdeter Boerne saß unterdessen in seinem Büro vor dem Computer und schrieb den Autopsiebericht des unglücklichen Mannes.

Silke hatte ihre Aufgabe fast beendet, als im Befunddrucker das Papierfach leer war. Verärgert über die Verzögerung öffnete sie den Schrank unter dem Drucker, nur um festzustellen, dass dort ebenfalls kein Papier mehr vorhanden war. Seufzend machte sie sich auf den Weg in Boernes Büro. „Chef, haben Sie etwas Druckerpapier für mich? Im Labor ist keins mehr.“
„Im Schrank“, kam die einsilbige Antwort.
Silke blickte auf die weißen Holzpaneele in seinem Rücken. Sie wusste sehr genau, dass hinter der Tür über seinem Kopf die Büromaterialien lagerten. Sie wusste ebenso genau, dass sie zu klein war, um diese Tür zu erreichen. Und ihr Chef wusste das auch.

Er erinnerte sich wohl immer noch nicht an ihren Geburtstag, sonst wäre er längst aufgestanden. Silke seufzte. „Können Sie mir das Papier vielleicht herunterreichen?“
Boerne wandte seine Augen nicht vom Monitor ab, als er antwortete. „Man soll kleinen Menschen immer die Gelegenheit geben, über sich selbst hinauszuwachsen, das ist doch ein erhebendes Gefühl. Also, machen Sie sich mal guten Gewissens etwas größer als Sie sind und helfen Sie sich selbst.“
Silke starrte ihn ungläubig an. „Sie wollen ernsthaft verlangen, dass ich mir jetzt meinen Tritthocker aus dem Labor hole, damit ich an Ihren Schrank komme?“
Nun blickte Boerne endlich auf. „Das würde ich doch nie tun!“ Dann wandte er sich wieder seiner Schreibarbeit zu. „Sie können ja einen Stuhl nehmen, da vorne steht einer.“
Für ein paar Sekunden verharrte Silke bewegungslos, dann stapfte sie schnaubend um den Schreibtisch, zerrte einen Stuhl zu seinem Schrank und stieg darauf.
Kaum hatte sie die Schranktür geöffnet, schellte im Labor das Telefon.
Auf den Zehenspitzen stehend angelte sie nach dem Druckerpapier, als Boerne brummte: „Das Telefon klingelt. Wollen Sie nicht rangehen?“
Langsam verlor Silke die Geduld. „Mensch Chef, wenn Sie nicht genug geschlafen haben, sind Sie unausstehlich!“
Mit dem Papier in der Hand sprang sie vom Stuhl und hastete zum Labor zurück.

Sie hatte gerade den Hörer aufgelegt und war nun dabei, das Papierfach des Druckers wieder zu füllen, als aus Boernes Büro völlig unerwartet ein dumpfer Schlag und gleich darauf ein von einem Ächzen begleiteter Aufprall zu hören waren. Bei den Geräuschen erstarrte sie vor Schreck; sie brauchte Boernes heiseres „ALBERICH!!!“ gar nicht, um zu wissen, dass sie in der Eile vorhin die Schranktür über seinem Kopf offengelassen hatte - und nun war er aufgestanden.
Mit einem fast gewimmerten „Oh nein!“ warf Silke das restliche Druckerpapier auf den Labortisch und hastete zu ihrem Chef ins Büro.


Sie fand Boerne auf den Knien hinter seinem Schreibtisch, die Augen zugekniffen und beide Hände auf seine Stirn gepresst. Schon von der Tür aus sah sie das Blut, das zwischen seinen Fingern durchrann und auf sein T-Shirt tropfte.
Silke kauerte sich neben ihn. „Chef? Chef, hören Sie mich?“
„Herrgott Alberich, nur weil Sie senkrecht unter jeder Küchenschublade durchpassen, gilt das nicht für den Rest der Menschheit!“ Silke registrierte erleichtert, wie aufgebracht seine Stimme klang.
„Ach Chef, es tut mir so leid! Lassen Sie mal sehen!“
Mit einem ergebenen Seufzen ließ Boerne sich gegen den Schrank kippen und lehnte seinen Kopf an die weißen Holzpaneele, als Silke seinen Griff löste, um sich die Verletzung anzusehen. Seitlich an der Stirn, genau am Haaransatz, hatte er sich eine kleine Platzwunde zugezogen, und die Beule, die sich dort gerade bildete, würde sicherlich eindrucksvolle Ausmaße annehmen, wenn sie nicht gegensteuerte. Silke war ganz aufgewühlt. „Oje! Ich hole was zum Kühlen!“ Mit diesen Worten sprang sie auf und eilte einmal mehr ins Labor.
Das brachte wieder etwas Leben in ihren Chef. „Den Spruch können Sie mir in den Grabstein meißeln!“, brüllte er ihr hinterher. „Und fangen Sie ruhig schon damit an, den kann ich bestimmt bald brauchen!“


Als Silke zurückkam, hatte Boerne sich von seiner zusammengesunkenen Position am Schrank aufgerappelt. Obwohl er seine Hand weiterhin auf seine Stirn presste, lief ihm ein blutiges Rinnsal an der Seite seines Kopfes herab bis in den Kragen seines Kittels.
Er wollte sich gerade in seinen Schreibtischstuhl fallen lassen, als Silke ihn zurückhielt. „So geht das nicht, Chef! Legen Sie sich mal kurz auf die Couch, da kann ich Sie viel besser verbinden.“
Boerne musterte sie argwöhnisch von oben bis unten. „Haben Sie scharfe oder spitze Gegenstände dabei?“
„Nur meine Zunge!“ An Schlagfertigkeit hatte es Silke noch nie gemangelt.
Boerne verdrehte kommentarlos die Augen, ließ sich dann mit einem Ächzen auf das Sofa sinken und streckte sich aus.

Silke streifte Handschuhe über und setze sich neben ihn auf die Sofakante. Mit ein paar schnellen Griffen hatte sie mithilfe eines Klammerpflasters die Wunde verschlossen, beseitigte mit einem nassen Waschlappen die gröbsten Blutspuren von Boernes Gesicht und Händen und reichte ihm dann den dringend benötigten Kühlakku. Aber statt dass er ihn auf seinen Kopf legte, warf er ihn neben sich auf den Beistelltisch.
Er war dabei, sich aufzusetzen, als Silke ihn an der Schulter fasste und stoppte. „Nun mal langsam. Wo wollen Sie hin? Bleiben Sie noch etwas liegen und kühlen Sie diese Beule, sonst ist die gleich so groß wie ein Ei!“


Ihr Vorgesetzter hatte aber andere Pläne. „Alberich, wir haben heute weiß Gott noch genug zu tun. Ich werde mich jetzt dank Ihnen zum zweiten Mal umziehen und mich danach der Akten der Körperspender annehmen, die wir nachher reinbekommen. Dabei kann ich dann etwas kühlen.“ Erneut macht er Anstalten, sich aufzurichten, aber sie ließ das nicht zu.
„Ganz schlechte Idee!“ Silke schüttelte energisch den Kopf. „Sie würden ständig mit beiden Händen tippen und das Kühlen vergessen. Nun machen Sie es sich noch mal gemütlich und tun ausnahmsweise was ich Ihnen sage, sonst laufen Sie über die Weihnachtstage mit einem Riesenhorn durch die Gegend!“ Mit diesen Worten legte sie beide Hände auf seine Brust und beförderte ihn schwungvoll wieder zurück auf das Sofa.
Das Aufstöhnen und der verzerrte Gesichtsausdruck, mit dem Boerne in die Kissen zurückgefallen war, erinnerten Silke etwas verspätet an seinen verletzten Rücken und die Verbrennung; beide Blessuren hatte sie gerade voll erwischt.
„Ohh, sorry Chef!“ Etwas beschämt nahm sie das Eispäckchen vom Tisch und gab es ihm in die Hand, als er sie erschöpft anblinzelte. „Das war keine Absicht. Geht’s wieder?“
Sich in sein Schicksal fügend, akzeptierte Boerne den Kühlakku und hielt ihn an seinen Kopf. „Sie wollen mich heute mit aller Gewalt kaputtkriegen, was?“ murmelte er dabei.
„Nein, eigentlich hatte ich für heute ganz andere Pläne“, seufzte Silke niedergeschlagen. Er verstand aber offensichtlich nicht, worauf sie hinauswollte, rutschte nur mit zusammengebissenen Zähnen in eine bequemere Position und ließ die Augen zufallen.


Silke stand auf, nahm einmal mehr die Decke von der Sofalehne und schüttelte sie auseinander. „Ganz ehrlich Professor, ein bisschen sind Sie auch selber schuld. Sie hätten mir vorhin einfach kurz das Papier reichen können, dann wäre das alles nicht passiert. Das zeigt mal wieder, kleine Sünden bestraft der liebe Herrgott sofort.“
Das brachte ihren Vorgesetzten dazu, die Augen doch noch einmal zu öffnen und ihr aufgebracht vorzuwerfen: „Dann müsste er Sie aber den ganzen Tag bestrafen, Sie sind doch heute eine einzige kleine Sünde in Menschengestalt!“
„Mich bestraft er seit Jahren damit, dass ich Sie als Chef ertragen muss!“
Silke musste sich anstrengen, ernst zu bleiben, als Boerne sie für einen Moment ungläubig anstarrte und dann mit einem Seufzen den Kopf zurück auf das Sofa fallen ließ. „Alberich, wenn Sie für den Rest unseres Dienstes so weitermachen wie bisher, gibt es zwei Möglichkeiten: entweder, ich bin bis heute Abend bei meinen Vorvätern versammelt oder Sie sind gefeuert. Die zweite Variante scheint mir dabei die erstrebenswertere zu sein.“
Sie schnaubte amüsiert, straffte sich dann und breitete die Decke über ihm aus. „Zwanzig Minuten. Wenn Sie vorher aufstehen, gibt’s noch eins auf die Nuss, klar?“
„Wozu die Warnung? Sie brauchen doch schon den ganzen Tag keinen Grund, um mich zu verstümmeln“, brummte er nur leise, während seine Augen zufielen.
Silke lächelte. „Ich bin im Labor. Rufen Sie, wenn etwas ist, ja?“
Mehr als ein „mhm“ hatte ihr Vorgesetzter aber nicht mehr für sie übrig.


Silke brachte den Verbandskasten zurück, druckte die noch fehlenden Blutbefunde aus und warf danach wieder einen kurzen Blick in Boernes Büro. Ihr Chef hatte sich tatsächlich nicht von der Stelle bewegt – was wohl nicht zuletzt daran lag, dass er innerhalb dieser wenigen Minuten seinen Kampf gegen die Müdigkeit verloren hatte und tief und fest schlief. Sein Kopf war ein wenig auf die Seite gerollt, die Hand mit dem Kühlakku heruntergerutscht und lag lose auf dem Kissen.
Silke schmunzelte, als sie das Gelpäckchen aus seinem erschlafften Griff nahm und es vorsichtig wieder auf seine Stirn legte. Dann wandte sie sich um, setzte sich in ihrem Büro an den PC und widmete sich den Akten, um die Boerne sich eigentlich hatte kümmern wollen.


Eine gute Stunde später hatte sie fast alle Daten in den Computer eingegeben, als Hauptkommissar Thiel den Kopf durch die Tür steckte. „Frau Haller?“
Silke schreckte wieder einmal auf. „Oh, Herr Thiel! Kommen Sie wegen der Obduktionsergebnisse?“
„Ja, die Staatsanwältin wird auch jeden Moment da sein.“ Thiel kam nun vollends herein und wies stirnrunzelnd mit dem Daumen über die Schulter. „Sagen Sie, haben Sie ´ne Leiche im Keller, von der ich noch nichts weiß, oder ist der blutverschmierte Mann auf dem Sofa nur bewusstlos?“
Silke seufzte laut. „Jetzt ärgern Sie mich nicht auch noch! Es ist Ihnen doch wohl klar, dass er schläft.“
Thiel nickte grinsend. „Das klingt beruhigend.“ Seine blauen Augen funkelten, bevor er wieder ernst wurde. „Der sieht ehrlich gesagt ziemlich mitgenommen aus, da kann man sich ja erschrecken.“
Silke zuckte müde mit den Schultern. „Sie wissen doch wie das ist, Kopfwunden bluten immer wie verrückt.“
Thiel lehnte sich an den Türrahmen. „Hat er Sie so genervt, dass Sie ihm eins übergebraten haben?“ Wieder stahl sich ein Grinsen auf sein Gesicht.
"Mensch Herr Thiel, Sie sind genauso gemein wie der Chef!" Silke strich sich eine Haarsträhne hinter das Ohr. „Das war eine Verkettung unglücklicher Umstände... ach, vergessen Sie's einfach, das ist eine lange Geschichte…“

Während sie sprach, näherten sich energische Schritte auf dem Flur und noch bevor die Staatsanwältin zu sehen war, ergriff sie schon das Wort. „Für Geschichten habe ich keine Zeit, nur für Fakten.“ Mit diesen Worten trat sie in Silkes Büro.
„Guten Tag zusammen.“ Sie blickte sich um. „Wo ist Boerne?“
Silke wollte antworten, aber Thiel war schneller. „Der liegt schwer erholungsbedürftig auf der Couch.“ Silke verzog ihr Gesicht zu einer zynischen Grimasse, als Thiel die Hände wieder einmal in die Jackentaschen steckte und ihr grinsend zuzwinkerte.
"Dass er nach seiner ungeplanten Nachtschicht müde ist, kann ich verstehen. Aber ich habe es eilig, könnten wir jetzt bitte zur Sache kommen? Schlafen kann er zu Hause."
Dass die Staatsanwältin sich nicht gleich aufregte, war in Silkes Augen schon einmal ein positives Zeichen. Anscheinend hatte die immer so energische Frau recht gute Laune.

Thiel sah Silke fragend an. „Geht das klar, wenn wir ihn wecken?“
„Das ist schon in Ordnung, ich denke er sieht schlimmer aus, als er sich fühlt.“ Silke stand von ihrem Schreibtisch auf, während die Staatsanwältin verständnislos zwischen ihr und Thiel hin und her blickte. „Wovon reden Sie?“ fragte sie irritiert, als sie Silke in den Flur folgte. „Ist er krank?“
„Nicht direkt“, war Silkes kryptische Antwort, die von der Staatsanwältin mit einem Kopfschütteln quittiert wurde. „Ich verstehe kein Wort.“ Als sie hinter Silke und Thiel ins Büro trat und einen Blick auf den Professor warf, fiel ihr allerdings die Kinnlade herunter. „Meine Güte! Hatte er einen Unfall?“
Silke räusperte sich. „Wie schon gesagt, das ist eine lange Geschichte, aber dafür haben wir ja keine Zeit.“
Sie beugte sich zu Boerne herab und nahm dabei das Kühlpäckchen an sich, das inzwischen neben seinem Ohr lag.  „Chef, aufwachen! Herr Thiel und Frau Klemm sind hier!“

Boerne zuckte ziemlich zusammen, obwohl Silke bewusst leise gesprochen hatte. Mit einem Seufzen drehte er den Kopf und rieb sich die Augen, bevor er sich langsam aufsetzte.
Müde blinzelte er in die Runde und schob seine Brille an die richtige Stelle, als Thiel grinsend das Wort ergriff. „Na, Boerne, haben Sie versucht, Ihr eigenes Gehirn zu obduzieren? Sind Sie etwa nicht ausgelastet?“
Silke schmunzelte, als ihr Chef einen vernichtenden Blick auf den Kommissar abschoss, bevor er etwas unbeholfen aufstand und zum Schrank ging. „Ich bin mehr als ausgelastet damit, mir diesen schädelspaltenden Zwerg vom Hals zu halten.“ Während er sprach, zog er seinen blutverschmierten Arztkittel aus und feuerte ihn der überraschten Silke in die Arme. Dann streifte er sich mit einem leisen Ächzen das ebenso blutige T-Shirt über den Kopf; auch das flog in hohem Bogen in ihre Richtung.
Die Staatsanwältin neben Silke riss die Augen auf, als sie Boernes lädierten Oberkörper sah. Boerne störte sich aber nicht daran, sondern nahm ungerührt ein blaues Poloshirt aus dem Schrank und wandte sich an Silke. „Alberich, Sie haben heute schon zwei Hemden ruiniert. Wenn Sie dieses Golf-Shirt auch noch zugrunde richten, setze ich Sie auf die Straße, verstanden?“ Ohne ein weiteres Wort und etwas steif zog er es über den Kopf, schlüpfte mit zusammengebissenen Zähnen in einen sauberen Kittel und marschierte aus dem Büro Richtung Sektionsraum.


Silke starrte ihm ebenso wie die Staatsanwältin und der Kommissar einigermaßen perplex hinterher, bis schließlich Boernes entnervte Stimme ertönte: „Soll ich hier jetzt einen Monolog halten? Ich dachte, Sie sind gekommen, weil Sie etwas über Ihren Banker wissen wollten, der sich ohne Fallschirm am Base-Jumping versucht hat?“
Silke legte den Kopf schräg, als Thiel die Augenbrauen hochzog und sich mit verschwörerischem Gesichtsausdruck zu ihr herunterbeugte. „Sollen wir ihm einen Kaffee besorgen, damit seine Laune etwas besser wird?“
„Das müssten Sie übernehmen, Herr Thiel. Ich fürchte, ich darf mich ihm mit heißen Getränken in der Hand nicht mehr nähern. Zumindest nicht auf absehbare Zeit.“
„Ah." Erkenntnis blitzte in Thiels Augen auf. "Na dann vergessen Sie's" Damit eilte er der Staatsanwältin hinterher, die schon vorausgegangen war.


Boerne war gerade dabei, sich die Hände abzutrocknen, von denen er wohl die letzten Blutspuren abgewaschen hatte und begann zu dozieren, kaum dass Thiel im Sektionsraum angekommen war;  während er beim Sprechen auf und ab marschierte, lehnte Silke sich an die Wand und hörte zu.
„Ein Dezelerationstrauma wie aus dem Lehrbuch. Ruptur der thorakalen Aorta, Milz-, Leber- und Lungenrisse, alles zu erwartende Organverlagerungen nach einem Sturz aus großer Höhe.“ Er wandte sich zu dem großen Röntgenschirm und wies in schneller Reihenfolge auf ein halbes Dutzend Bilder. „Splitterfrakturen nahezu aller Röhrenknochen, offene Schädelfraktur – naja, was heißt offen, genaugenommen ist die ganze Schädeldecke futsch und die Halswirbelsäule schaut fünfzehn Zentimeter weit…“
Thiel unterbrach ihn mit einem unterdrückten Stöhnen. „Boerne bitte, ich habe gerade zu Mittag gegessen.“
Silke musste trotz der ernsten Situation innerlich grinsen; wenn ihr Chef so in Fahrt war wie jetzt gerade, wurde der eigentlich so unerschütterliche Kommissar jedes Mal aufs Neue blass.
Auch die Staatsanwältin hatte das Gesicht verzogen. „Professor, ich glaube, es ist klar geworden, was Sie uns sagen wollen. Aber ist er nun gesprungen oder hat jemand nachgeholfen?“
Boerne ließ sich aber scheinbar gar nicht ablenken, sondern wies auf zwei kleinere Aufnahmen. „Was nicht ins Bild passt, sind zwar nahezu unsichtbare, aber doch vorhandene anuläre Hämatome unterhalb dieser Torsionsbrüche beider Unterarme.“
Die Staatsanwältin schien irritiert und auch Thiel zog die Augenbrauen nach oben. „Was heißt das jetzt auf Deutsch?“
Boerne drehte sich zu ihnen um und verdrehte die Augen, Silke aber hatte Mitleid und übersetzte schnell, bevor ihr Chef wieder irgendeine despektierliche Bemerkung vom Stapel ließ. „Er hatte Blutergüsse an beiden Unterarmen. Dazu Drehungsbrüche.“


„Ja und?“ Frau Klemm war nun wirklich ungeduldig. „Ist das so ungewöhnlich nach einem Sturz aus dem siebten Stock?“
Boerne sah den Kommissar über den Rand seiner Brille hinweg an. „Thiel, von Ihnen hätte ich jetzt die Antwort erwartet, das Thema hatten wir doch schon einmal.“ Als er vom Kommissar nur einen fragenden Blick erntete, zuckte ihr Chef mit den Schultern und setzte selber zu einer Erklärung an. „An sich sind die Brüche durchaus mit dem Absturz vereinbar. Aber er war nach dem Aufprall sofort tot, sein Körper hatte keine Zeit mehr, Hämatome auszubilden. Und doch sind sie da, das lässt nur einen Schluss zu.“ Ehe Silke sich’s versah, hatte Boerne sie von der Wand weggezerrt, schob den Ärmel ihres Kittels hoch und demonstrierte seine Erklärung an ihrem Unterarm. „Die Blutergüsse und die Lokalisation derselben beweisen eindeutig, dass ihm die Arme mit einem festen Griff brutal verdreht und dadurch gebrochen wurden, kurz bevor er gestorben ist. Mit diesen Verletzungen hätte er selbst das Fenster in seinem Büro niemals öffnen können – also:  ja, es hat jemand nachgeholfen. Die Person ist allerdings ungemein geschickt vorgegangen; ich will mich nicht aufspielen, aber ich wette, neun von zehn Kollegen wären diese Ungereimtheiten nicht aufgefallen. Naja, zum Glück steht Ihnen ja ein Genie zur Verfügung.“


Silke nutzte die Gelegenheit und befreite sich stirnrunzelnd aus Boernes Griff. Thiel schüttelte den Kopf und die Staatsanwältin lehnte sich triumphierend in ihrem Stuhl zurück. „Wusste ich’s doch!“ Sie wandte sich an den Kommissar. „Sehen Sie Thiel, ich habe es Ihnen ja gesagt. Es gibt ein halbes Dutzend Menschen im Vorstand der Bank, die von seinem Tod profitieren, einer von ihnen wird dahinterstecken.“
Silke zog lächelnd die Augenbrauen hoch, als Thiel eine Grimasse schnitt. „Toll. Können Sie mir auch sagen, wer?“
„Dafür werde ich nicht bezahlt, das ist Ihr Job.“ Ihre sonore Stimme troff vor Sarkasmus.
Boerne schaltete sich nochmals ein. „Ich war noch nicht ganz fertig, über eine Sache sollten Sie sich im Klaren sein: diese Verletzungen wurden wahrscheinlich von einem Kampfsportler oder trainierten Schläger herbeigeführt, von jemandem, der sich mit solchen Griffen auskennt. Das würde ein normaler Mensch auf Anhieb gar nicht so hinbekommen.“


Silke beobachtete verwundert, wie Thiel daraufhin die Stirn runzelte und für einen Moment nachdenklich ins Leere blickte. Dann plötzlich sah er auf. „Das ist tatsächlich ein wichtiger Hinweis. Wir haben die Bilder der Überwachungskameras ausgewertet, aber niemand Fremdes hat an gestern Abend das Gebäude betreten. Die Bank hatte schon geschlossen, da war nur Wachpersonal anwesend. Es gibt Fingerabdrücke von einem der Wachmänner am Fenster, aber wir haben uns dabei nichts gedacht, weil die jeden Abend alle Fenster verschließen, die offen geblieben sind.“
Silke war sofort klar, worauf er hinauswollte. „Wachpersonal klingt doch gut“, warf sie ein. „Die werden bestimmt in Kampftechniken geschult.“
Thiel nickte energisch. „Ich werde mich sofort darum kümmern. Es ist auf jeden Fall ein sehr guter Ansatzpunkt.“ Er stand auf und wandte sich zum Gehen. „Boerne, Frau Haller, wir sehen uns später.“ Er winkte ihr kurz zu und war weg.
Für einen Moment wunderte Silke sich, warum Thiel sich auf die Art verabschiedete, aber in dem Moment erhob sich die Staatsanwältin ebenfalls und nickte dem Professor zu. „Nicht schlecht, Boerne. Und damit meine ich auch Ihre Aktion von heute Nacht. Guten Tag zusammen.“ Damit verschwand auch sie.


Boerne, der noch ein zufriedenes Lächeln im Gesicht hatte, wandte sich nun Silke zu. „So, und wieder sind wir allein. Wie hatten Sie denn als nächstes geplant, sich meiner zu entledigen?“
„Das werde ich Ihnen bestimmt nicht verraten, wo bleibt da der Spaß?“, grummelte Silke und war seines Sarkasmus jetzt schon überdrüssig. Heute waren ihr so viele Missgeschicke passiert, er würde er noch tagelang darauf herumreiten; sie konnte nur hoffen, dass bis zum Feierabend nichts Besonderes mehr geschah.
„Nun seien Sie mal nicht knurrig, Alberich. War doch ein recht erfolgreicher Tag bislang, oder?“ Mit diesem Worten verließ er den Obduktionsraum.
„Ansichtssache“, murmelte Silke hinter ihm her.

Comments

( 6 Kommentare — Kommentar hinterlassen )
joslj
28. Dez 2012 18:08 (UTC)
Nicht sehr weihnachtlich, aber mir gefällt's nach all dem Fluff ! Armer Boerne, aber deine Unfälle sind alle so realistisch, dass ich mir das wirklich vorstellen kann. Typisch Münsteraner Klamauk (und als Bonus Boerne mehrmals mit nacktem Oberkörper :-)) Alberichs POV gefällt mir sehr, auch wenn sie mir etwas leid tut. Freu mich auf mehr.
baggeli
28. Dez 2012 18:47 (UTC)
Nicht sehr weihnachtlich
Nein, ursprünglich lief die Geschichte im Sommer und Alberich wollte auch nicht auf den Weihnachtsmarkt sondern einen Stadtbummel machen. Aber dann kamen die Anmeldungen für cricris Kalender so spärlich rein, dass wir uns gedacht haben, besser Blödsinnstürchen als leere Fächer, also habe ich die Geschichte kurzentschlossen in den Winter verlegt. Auch wenn es letztendlich nicht nötig war.

Armer Boerne, aber deine Unfälle sind alle so realistisch, dass ich mir das wirklich vorstellen kann
Ich übertreibe nicht wenn ich sage, dass ich tatsächlich all die Unfälle, die hier beschrieben stehen, aus eigener Erfahrung kenne. Da ist nichts ausgedacht, das ist alles schon mal so passiert - zum Glück nicht alles mir und ganz bestimmt nicht alles an einem Tag... (aber wer sich den halben Schädel einschlagen lässt und danach auf dem Großmarkt frühstücken gehen will, den hau so leicht nichts um ;o)

Alberichs POV gefällt mir sehr
Mir auch. Ich schreibe sie gerne und ich schreibe auch gerne den Blick einer dritten Person auf Boerne und Thiel. Beide können sich dann ganz anders entfalten und dem Text fehlt diese subjektive Einschränkung, das zwangsläufig immer mitschwingt, wenn Thiel oder Boerne 'denken'.
joslj
28. Dez 2012 19:14 (UTC)
(aber wer sich den halben Schädel einschlagen lässt und danach auf dem Großmarkt frühstücken gehen will, den hau so leicht nichts um ;o)
Stimmt, die Szene war mir völlig entfallen. Aber du hast sicher einen guten Blick für Verletzungen aller Art ;-)

ich schreibe auch gerne den Blick einer dritten Person auf Boerne und Thiel.
Und ich lese sie sehr, sehr gerne !
baggeli
28. Dez 2012 19:18 (UTC)
Und ich lese sie sehr, sehr gerne !
Hihi,
na dann bist du hier ja genau richtig, das habe ich ja schon einige Male gemacht.

Wobei die beiden Sachen, die ich in der nächsten Zeit in Angriff nehmen möchte, Thiels POV sind.
Aber naja. Macht ja nix.
cricri_72
29. Dez 2012 17:08 (UTC)
Dafür, daß er Alberich auf den Stuhl klettern läßt, hat er das ja eigentlich nicht besser verdient ;)

Lieblingsstellen:
„Den Spruch können Sie mir in den Grabstein meißeln!“, brüllte er ihr hinterher.
*grins*

Das war eine Verkettung unglücklicher Umstände...
Könnte man so sagen ...

Soll ich hier jetzt einen Monolog halten?
Sehr Boerne - ebenso wie diese Umziehaktion - wobei ... eigentlich stört ihn das sonst doch nicht ;) Andererseits ... Monolog ohne Publikum ist langweilig.
baggeli
29. Dez 2012 18:14 (UTC)
Dafür, daß er Alberich auf den Stuhl klettern läßt, hat er das ja eigentlich nicht besser verdient ;)
Aber ganz ehrlich; so wie er sich Alberich gegenüber manchmal verhält, ist ihm diese Aktion meiner Meinung nach zuzutrauen. Als er sie in 'Satisfaktion' seinen Koffer hat schleppen lassen, hätte ich ihm am liebsten eine geschallert. Und solche Schoten bringt er ja öfter.

Ja, Monolog ohne Publikum macht keinen Spaß; besonders, wenn man einen cleveren Mord nachweisen kann. ;o)


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