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Story: Alptraum - Kapitel 2

Eine Bekannte von Staatsanwältin Klemm wurde ermordet. Thiel und Nadeshda kommen bei ihren Ermittlungen kaum voran, bis sie Professor Boerne mit ins Boot nehmen. Der kann Licht ins Dunkel bringen; aber der Preis, den sie dafür bezahlen, ist hoch…

Wörter: 5300
Genre: Freundschaft, Drama
Warnungen: Ich lebe meinen Hang zum Drama aus
Beta: cricri. Vielen Dank dafür, ohne Dich hätte ich wahrscheinlich nie was veröffentlicht!



Als Boerne plötzlich die Pistole auf sich gerichtet sah, riss er instinktiv die Arme vor den Kopf und drehte sich weg, aber er konnte der Kugel nicht entkommen. Vor den Augen seiner entsetzen Kollegen traf ihn das Geschoß mit solcher Gewalt, dass er halb um die eigene Achse gewirbelt wurde und über den Beckenrand hinaus ins Wasser stürzte. Er versank, ohne sich zu rühren.

Thiel riss hastig seine Waffe aus dem Halfter, beugte sich weit über das Geländer und versuchte, einen Schuss auf Stein abzufeuern. Doch der war schon nicht mehr zu sehen, man konnte nur noch hören, dass er ins Innere des Gebäudes geflüchtet war. Der Kommissar stieß sich von der Brüstung ab und sprintete in Richtung Treppenhaus. „Rufen Sie einen Notarzt!“, brüllte er dabei über seine Schulter. „Und geben sie sofort eine Großfahndung raus! Dieses Schwein will ich haben!!“
Er hatte das große Büro durchquert und nahm gerade die ersten Stufen, als Nadeshda schon ins Telefon zu sprechen begann.


In halsbrecherischer Geschwindigkeit stürmte Thiel die Treppen des Anwesens hinunter. Aber je mehr er sich dem Erdgeschoss näherte, desto vorsichtiger und langsamer musste er vorgehen, die Waffe entsichert in seiner Hand. Schließlich wusste er nicht hundertprozentig, ob Stein wirklich geflohen war. Er würde Boerne nicht helfen können, wenn er selbst sich auch noch eine Kugel einfing.


Sicherzustellen, dass der Schütze sich nicht mehr in der Nähe befand, dauerte eine gefühlte Ewigkeit. Letztendlich waren aber keine anderthalb Minuten vergangen bis Thiel das Erdgeschoss überprüft hatte und so schnell er konnte durch die Eingangshalle in Richtung Garten rannte. Nadeshda war inzwischen direkt hinter ihm.


Wenige Schritte vor dem Pool ließ Thiel seine Waffe einfach auf die Steine fallen und sprang mit einem großen Satz kopfüber ins Wasser. Das Becken war nicht besonders tief, der Kommissar erreichte den Professor, der regungslos auf dem Grund lag, mit wenigen Schwimmzügen.
Thiel griff mit beiden Armen um Boernes Oberkörper und stieß sich mit den Füßen ab, so fest er konnte. Unmittelbar danach durchbrach er die Wasseroberfläche und versuchte, den Kopf des Verletzten oben zu halten, während er hastig an den Beckenrand paddelte.

Es wäre Thiel allein niemals möglich gewesen, den größeren Mann aus dem Pool zu heben. Aber zum Glück war Nadeshda bei ihm. Sie kniete wartend am Rand, fasste unter Boernes Achseln und half, so gut sie konnte. Trotzdem musste Thiel all seine Kräfte aufbieten, bis es endlich gelang, den leblosen Mediziner aufs Trockene zu wuchten.

Während der von der Anstrengung keuchende Kommissar etwas schwerfällig aus dem kalten Wasser kletterte, drehte Nadeshda den Professor auf den Rücken. Bei dem Bild, das sich ihr bot, wisperte sie nur leise „Oh nein“.
Boerne war in die Brust getroffen, seitlich an den Rippen. Die Verletzung, die die Kugel hinterlassen hatte, sah schlimm aus; das war kein kleines Einschussloch, die Wunde war groß und klaffend. Mehrere dunkelrote Rinnsale liefen aus den Wundrändern und bildeten zusammen mit dem Poolwasser innerhalb von Sekunden eine blutige Lache auf den hellen Fliesen. Boernes Gesicht war grau, die Lippen blau verfärbt. Er lag reglos, absolut reglos.

Schweratmend ließ Thiel sich neben dem Verletzten auf die Steine sinken und versuchte, bloß nicht auf die grässliche Wunde zu starren, als Nadeshda eine Hand an Boernes Seite legte und ihr Ohr an Mund und Nase des Professors hielt. Ihr Gesicht war angespannt, als sie nach Lebenszeichen suchte.
Nach ein paar Sekunden sagte sie nur tonlos: „Keine Atmung“. Hektisch presste sie zwei zitternde Finger an Boernes Halsschlagader, aber was sie schon befürchtet hatte, bestätigte sich. „Kein Puls.“
Das konnte nicht wahr sein! Thiel war wie gelähmt, unfähig sich zu bewegen. Er saß völlig erstarrt und beobachtete ungläubig, wie Nadeshda Boernes Krawattenknoten auseinanderzerrte und danach das blutdurchtränkte Hemd so kraftvoll aufriss, dass die Knöpfe in alle Richtungen sprangen.

„Verdammt Chef, helfen Sie mir doch! Wir müssen ihn reanimieren!“, fuhr die die junge Frau ihren Vorgesetzten an, als sie sah, dass er sich nicht rührte.
Der Kriminalist zuckte zusammen und löste sich endlich aus seiner Schockstarre. Auf Händen und Knien rutschte er an die Seite des Professors. „Was soll ich tun?“ Seine Stimme war fast unhörbar.
Nadeshda fasste Boernes Kinn und Stirn und überstreckte in einer flüssigen Bewegung seinen Nacken, als sie in knappen Worten erklärte: „Herzmassage. Genau wie neulich bei der Fortbildung. Los!“

Thiel war froh, dass seine Assistentin das Kommando übernahm und folgte ihren Anweisungen wie in Trance. Er kam sich vor wie auf Autopilot geschaltet, als er sich aufrecht neben seinen Kollegen kniete.
In fieberhafter Eile fühlte er Boernes Brustbein entlang, ermittelte den Druckpunkt und legte beide Handballen darauf. Um sich zu vergewissern, dass er alles richtig machte, blickte er kurz zu Nadeshda, die ihm ermutigend zunickte. Und dann begann Thiel mit der Herzdruckmassage.
Es schockierte ihn, wie viel schaumiges Wasser bei jeder seiner kraftvollen Kompressionen aus Boernes Mund quoll, trotzem pumpte er zügig und zählte laut mit, so wie er es vor wenigen Monaten noch im Erste-Hilfe-Kurs gelernt hatte.
Im Nachhinein war er dankbar dafür, dass das Präsidium alle Mitarbeiter verpflichtete, regelmäßig diese Technik aufzufrischen. Damals hatte ihn der Kurs wahnsinnig genervt, er hatte nur widerwillig mitgemacht; und jetzt…

Es fühlte sich schrecklich an, Boernes Brustkorb mit solcher Gewalt einzudrücken, den leblosen Körper mit seinen Händen immer wieder ruckartig auf die Fliesen zu pressen. Bei der Übungspuppe aus Gummi war ihm das fast lächerlich vorgekommen, die war kalt und bestand nur aus einem Oberkörper, das war alles so unwirklich. Aber Boerne war warm und sein Blut lief ihm über die Hände, als er verzweifelt versuchte, sein Herz wieder zum schlagen zu bringen.
Thiel wurde speiübel. Aber er konnte jetzt nicht schlappmachen.

Er war kaum bei dreißig angekommen, da hatte Nadeshda sich schon zum Verletzten hinuntergebeugt und beatmete ihn. Erleichtert spürte er, wie sich Boernes Brust unter seinen Händen ausweitete, hatte er doch zunehmend panisch befürchtet, dass das durch das viele eingeatmete Wasser vielleicht gar nicht möglich war.
Direkt nach der zweiten Beatmung übernahm er wieder. Erneut zählte er laut, versuchte, nicht zu denken, keine Angst zu haben, sich einfach nur auf seine Aufgabe zu konzentrieren.

Auch nach diesem Durchgang fing die junge Frau ohne Zeitverlust mit der Beatmung an. Sie war wirklich recht effektiv, Thiel fühlte aufs Neue, wie Boernes Lunge sich unter ihren Atemstößen aufblähte.
Aber der Professor zeigte keine Reaktion.

Unmittelbar nachdem Nadeshda sich aufrichtete, machte Thiel weiter. Obwohl er vom Sprung in den kühlen Pool tropfnass war, begann er zu schwitzen. Die Druckmassage war wahnsinnig anstrengend, trotzdem führte er sie so gewissenhaft durch, wie er nur konnte. Doch je öfter er Boernes Brustkorb erfolglos zusammendrückte, umso größer wurde die Angst, dass alle ihre Bemühungen umsonst sein könnten.

Als er mit diesem Zyklus durch war, hätte der Kommissar sich am liebsten erschöpft auf die Fersen sinken lassen. Aber dazu blieb keine Zeit, also begnügte er sich damit, für eine Sekunde zu verschnaufen und sich den Schweiß von der Stirn zu wischen.
Nadeshda führte derweil unerschütterlich die Beatmung fort, und frühzeitig schon legte Thiel seine Hände wieder zurück an die richtige Stelle, um direkt nach ihrer zweiten Atemspende von neuem mit dem Pumpen beginnen zu können.
Aber dazu kam es nicht.

Gerade als die junge Frau noch einmal tief Luft geholt und sie mit aller Kraft an den Professor weitergegeben hatte, bäumte er sich plötzlich auf und versuchte, sich auf die Seite zu drehen. In einer Mischung aus heftigem Husten und Würgen entleerte sich ein Schwall Wasser nach dem anderen aus seinem Mund.
Thiel war im ersten Moment fast erschreckt zurückgezuckt, Nadeshda dagegen unterstützte Beorne geistesgegenwärtig bei seiner Bewegung. Sie rollte ihn auf die Seite und redete beruhigend auf ihn ein, als er immer weiter krampfartig würgte und nach Luft schnappte. Aber sie konnte ihn kaum halten, deshalb griff der Kommissar Boernes Schulter und half, ihn zu stabilisieren, während er von den Spasmen geschüttelt wurde.
Nach ein paar endlosen Sekunden ließ der quälende Hustenreflex nach, Boernes Körper erschlaffte wieder und Thiel ließ ihn behutsam zurück auf den Rücken sinken. Er war nicht vollständig bei Bewusstsein, seine Augen blieben geschlossen. Aber er bewegte sich ein wenig und atmete weiter, wenn auch sehr angestrengt und mit einem deutlich hörbaren feuchten Rasseln.
Thiel konnte das Geräusch kaum ertragen, er hatte das Gefühl, dabei selbst Luftnot zu bekommen. Gleichzeitig aber war er so erleichtert, dass ihm fast schwindelig wurde. Boerne lebte, er atmete selbstständig, sie hatten es geschafft!
Der Kommissar sank nun wirklich völlig erschlagen neben dem Verletzten auf den Boden. Er fühlte sich wie gerädert.



Nadeshda dagegen behielt Boerne die ganze Zeit im Auge. „Wir müssen ihn höher lagern, dann kann er besser atmen.“ Sie half, Boernes Oberkörper vorsichtig etwas anzuheben und ihn in Thiels Schoß zu platzieren. Sie drehten ihn dabei ein wenig auf die Seite, damit er sich nicht verschlucken würde, falls er noch mehr Wasser hochwürgte.
Weil der Professor inzwischen ziemlich ausgekühlt war, zog Thiel ihn nah an sich heran, um ihn zu wärmen. Nadeschda lief währenddessen zu einer Sonnenliege neben dem Pool, auf dem ein Stapel Handtücher lag. Die junge Frau riss eins herunter und warf es ihrem Chef zu, der es mit einer Hand fing und vorsichtig auf die Schusswunde drückte.

Und dann ließ sich aus weiter Entfernung endlich das Sirenengeheul eines Krankenwagens wahrnehmen.

Nadeshda blickte auf. „Gott sei Dank!“ flüsterte sie inbrünstig. „Chef, achten Sie auf seine Atmung, wenn er noch mal damit aussetzt, müssen Sie sofort wieder eingreifen. Ich weise den Notarzt ein!“
Sie drehte sich auf dem Absatz um und rannte durch das Haus hindurch dem Rettungswagen entgegen, ohne seine Antwort abzuwarten.


Der Kommissar nickte etwas verspätet, dann wandte er sich wieder dem Verletzten zu und beobachtete angespannt Boernes Gesicht. Dessen Farbe war immer noch beunruhigend grau, jedoch zeigten seine Lippen nicht mehr diesen dunklen Blauton. Aber er atmete nach wie vor erschwert und, wie es Thiel schien, sehr unregelmäßig. Das gefiel ihm überhaupt nicht.
Während er den Professor weiter argwöhnisch musterte, realisierte Thiel plötzlich, dass sich die blutige Lache unter ihm in kurzer Zeit deutlich ausgebreitet hatte. Die provisorische Wundauflage war inzwischen großflächig durchtränkt und an einer Stelle quoll stetig frisches Blut darunter hervor. Das war doch vorhin nicht so schlimm gewesen?
"Verdammt, Sie machen es einem echt nicht leicht!“ fluchte Thiel und presste das Handtuch nun wesentlich fester gegen die Verletzung.

Der Professor stöhnte auf und verkrampfte sich, als Thiel den Druck erhöhte. Die Schmerzen weckten ihn aus seinem Dämmerzustand und er versuchte mit einer matten Bewegung, den Arm des Kommissars wegzudrücken.
Thiel schnappte die kraftlos tastende Hand und hielt sie ganz fest. „Es tut mir leid, Boerne, Sie verlieren zu viel Blut. Ich muss so stark drücken, verstehen Sie? Hören Sie mich?“ Sein Tonfall war eindringlich, er hoffte auf eine Reaktion.

Boerne hatte ihn tatsächlich verstanden und wollte antworten, aber das Sprechen fiel ihm schwer. „…es tut weh…“, keuchte er mit verzerrtem Gesicht.
„Ich weiß“, erwiderte Thiel gequält und versuchte, Boerne etwas bequemer hinzulegen. "Bleiben Sie ganz ruhig, der Notarzt ist unterwegs.“
Nur ein schmerzerfülltes, rasselndes „mhhmm“ war die Antwort.

Der Kommissar hielt weiter den Druck auf die Wunde aufrecht, um die Blutung unter Kontrolle zu bringen, aber all seinen Bemühungen zum Trotz baute Boerne zusehends ab. Er begann, immer stärker zu zittern und seine ohnehin noch so mühsame Atmung wurde schneller und flacher. Thiel war sicher, dass er durch den hohen Blutverlust in einen Schock rutschte, die Symptome waren eindeutig.
Gott, er war so froh gewesen, als der jüngere Mann wieder selbständig zu atmen begonnen hatte, aber jetzt wurde ihm klar, dass Boerne sich nach wie vor in einem lebensbedrohlichen Zustand befand.
Instinktiv verstärkte er seinen Druck auf die Wunde noch mehr, woraufhin Boerne nach einem erstickten Aufschrei die Lippen zusammenpresste und sich jeder seiner gequälten Atemzüge in ein schmerzerfülltes Zischen verwandelte.

„Der Rettungswagen ist bald da. Solange werden Sie durchhalten, verstanden?" Thiels Stimme bebte, genau wie seine Hand, als er den Verletzten noch ein wenig höher zog und ihm mit einer hilflosen Geste die nassen Haare aus der Stirn strich.

Boerne versuchte, dieser inständigen Bitte nachzukommen und kämpfte, so gut er konnte. Verzweifelt klammerte er sich an Thiels Arm fest und rang in hektischen Stößen nach Luft, angestrengt und flach. Thiel hielt ihn die ganze Zeit, sprach besänftigend auf ihn ein und schickte ein lautloses Stoßgebet nach dem anderen in den Himmel.


Die Zeit, die es dauerte, bis endlich Hilfe eintraf, war wohl die längste in Thiels Leben.

Als das Martinshorn schließlich in unmittelbarer Nähe ertönte und dann abrupt ausgeschaltet wurde, hatte der heftig zitternde Boerne das Ende seiner Kräfte erreicht. Mit geschlossenen Augen keuchte er zwischen den nun viel zu oberflächlichen Atemzügen: "Thiel, ich kann nicht mehr... ... ich... kann...nicht mehr...“
Seine Stimme erstarb und die Hand, mit der er sich an Thiels Arm gekrallt hatte, fiel ermattet auf den Boden.

Alarmiert griff Thiel den Rechtsmediziner noch fester und rüttelte ihn ein wenig. "Hey! Hey, wach bleiben!" Panik durchflutete ihn, als er erkannte, dass die rasselnden Atemzüge schwächer und schwächer wurden, der Brustkorb des Verletzten bewegte sich kaum noch unter seiner Hand.
Thiel konnte es nicht fassen. „Boerne, Sie werden sich jetzt nicht geschlagen geben, klar? Das lasse ich nicht zu!“

Aber Boerne wurde ganz ruhig in seinen Armen, rührte sich fast nicht mehr. Sogar das Zittern ließ nach, es war, als würde er sich Stück für Stück davonstehlen.
Der Kommissar war außer sich. „Mann, machen Sie mir jetzt bloß nicht schlapp, der Notarzt ist doch gleich da!" Das war kein Motivieren mehr, das war ein Flehen; aber es brachte nichts, Boerne hatte einfach keine Reserven mehr. Vor dem Haus wurden mehrere Autotüren zugeschlagen, als er so leise wisperte, dass Thiel ihn kaum verstehen konnte: „Es... tut mir…leid…"
Der entkräftete Mann hatte den Kampf aufgegeben.
"Boerne, bitte!" Entsetzt schüttelte Thiel den Verletzten und umklammerte dessen kalte Hand so fest, dass seine Knöchel weiß hervortraten. Er spürte, wie Boerne seinen Händedruck noch einmal schwach erwiderte. Doch dann wich alle Anspannung aus seinem Körper und seine Hand erschlaffte in Thiels Griff.

„Nein! NEIN!!!“



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