?

Log in

No account? Create an account

zurück | vor

Bingo-Prompt 3, Karte 2

Titel: Nachbarschaftliche Hilfe II
Prompt: Schwindel
Genre: eine veritable h/c-Geschichte - also Hände weg, wer das nicht mag!
Zusammenfassung: Die Suche nach dem Mörder von Ludwig Mühlenberg war für sie alle anstrengend gewesen. Doch hatte Thiel nicht bedacht, dass die Tage für Boerne noch schwieriger gewesen sein mussten; das hatte ihm erst diese letzte Stunde ganz bewußt gemacht.
Anmerkungen: post-ep zu Tempelräuber
A.N. 1: Ohne Beta, wird morgen im Laufe des Tages korrigiert (hoffentlich)
Wörter: 2700

A.N. 2: Liebe Gabi, diese Geschichte ist nichts für dich, aber trotzdem an dieser Stelle herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag!!



Mit einem gefrusteten Seufzen zog Thiel sich die Bettdecke über die Ohren und versuchte, das schrille Läuten seiner Türklingel zu ignorieren. Ja, es war schon recht spät, normalerweise war er um diese Zeit längst auf den Beinen. Aber es war Samstag, und nach Abschluss eines derart unangenehmen Falls wie der letzte es gewesen war, müsste es ihm doch vergönnt sein, einmal in Ruhe auszuschlafen!

Er hatte das am Abend zuvor extra noch mit Boerne geklärt und alles soweit vorbereitet, dass der gehandicapte Professor den Vormittag ohne Hilfe überstehen konnte; schließlich war all seinen Frotzeleien zum Trotz klar, dass er seinen Nachbarn nicht im Stich lassen würde, bis sie eine neue Haushälterin organisiert hatten.

Nach der geleisteten Arbeit also hätte sein Kollege ihm wahrlich etwas Ruhe gönnen können. Doch Boerne schien da anderer Meinung zu sein - denn dass Boerne dort vor der Tür stand, daran bestand kein Zweifel. Niemand klingelte so ausdauernd wie der Professor.


Müde setzte Thiel sich schließlich auf und tapste durch den Flur. Er machte sich nicht die Mühe, extra eine Jeans anzuziehen, wollte sich möglichst schnell wieder ins Bett verkrümeln.
„Was?“ brummte er schon, bevor er die Tür vollständig geöffnet hatte und kniff die tränenden Augen zusammen, als die Morgensonne, die durch das Flurfenster fiel, ihn blendete.

Sein Nachbar, der an der Wand gelehnt hatte, richtete sich etwas unbeholfen auf.
„Thiel, ich… ich brauche Ihre Hilfe.“
Thiel gähnte herzhaft. „Ich dachte, wir hätten gestern Abend alles klargemacht, ich hab‘ Ihnen doch sogar schon Ihr Frühstück vorbereitet. Was gibt’s denn noch?“

Er rieb sich müde die Augen, während Boerne leise erwiderte: „Ich bekomme die Tramal- und  Novalginflaschen nicht aus dem Schrank. Und selbst wenn, ich würde sie nicht öffnen können. Sie müssen mir kurz helfen.“
„Mein Gott, was ist das denn für ein Zeug?“ grummelte Thiel etwas heiser, wartete eine Antwort aber gar nicht ab, als er an Boerne vorbei durch das Treppenhaus schlurfte. „Und wo ist der Kram?“

„Im Küchenschrank. Links oben.“ Sein Nachbar war wohl auch noch nicht in der Stimmung für lange Vorträge. Gut, umso schneller würden sie fertig sein.
Boerne war hinter ihm in die Küche getreten, als Thiel schon die benannte Schranktür aufgerissen hatte. Nur stand da keine Flasche. „Hier drin ist doch nichts zu trinken? Wovon reden Sie, Boerne?“

Verwirrt drehte er sich um und stellte etwas verwundert fest, dass Boerne inzwischen auf einen Küchenstuhl gesunken war. Der Professor blickte ihn nicht an, war offensichtlich zu beschäftigt damit, vorsichtig und äußerst umständlich den Arm, den er nicht in der Schlinge trug, auf dem Tisch zu platzieren. „In den Schachteln. Die weißgrüne und die mit den orangen Streifen.“
Thiel drehte sich zurück und entdeckte nach kurzem Suchen die Packungen, von denen Boerne gesprochen hatte. Medikamentenpackungen? Das hatte er jetzt irgendwie nicht erwartet. Mit einem plötzlich unguten Gefühl nahm Thiel sie in die Hand und warf einen Blick auf die Beschriftung. Zur Behandlung mittelstarker und starker Schmerzzustände stand darauf gedruckt, und die Dosierungsanleitung war mit Kugelschreiber auf die Umhüllung geschrieben. Viermal täglich 30 Tropfen las er dort, mit einem Ausrufezeichen versehen.

"Thiel, bitte... ich halte es langsam nicht mehr aus.“ Boernes Stimme war nur noch ein leises Murmeln.
Thiel wurde es ganz heiß, als er Boernes Tonfall hörte und erschreckt schaute er wieder zu ihm. Sein Kollege hatte die Augen geschlossen, lehnte an der Wand und wirkte so verkrampft wie er ihn noch nie gesehen hatte.
Erst jetzt fiel ihm die unnatürlich graue Gesichtsfarbe des Professors auf und der dünne Schweißfilm, der auf seiner Stirn glänzte. Boerne zitterte leicht.

„Scheiße Mann! Warum haben Sie denn nicht früher was gesagt?“ Hektisch öffnete Thiel die Schachteln und schüttelte die braunen Glasfläschchen heraus. Auf beiden steckte ein kleiner Messbecher.
„Kann ich das zusammenschütten oder müssen Sie das einzeln einnehmen?“

„Zusammen.“ Boernes Antwort klang gepresst.
Thiel kämpfte einen Augenblick mit dem kindersicheren Verschluss der ersten Flasche, warf sicherheitshalber noch einen erneuten Blick auf die Dosisangabe und zählte daraufhin ungeduldig dreißig Tropfen in den Messbecher. Gleich darauf wiederholte er das Prozedere mit dem zweiten Medikament und fluchte leise, weil die Tropfen so träge aus der Flasche flossen.

Die Medizin roch ziemlich scharf. Thiel vorzog unwillkürlich das Gesicht, wandte sich dann aber Boerne zu, der in diesem Moment ganz leise stöhnte. „Nehmen Sie das Zeug pur?“
Nach einem zittrigen Atemzug riss Boerne sich sichtbar zusammen und schüttelte leicht den Kopf. „Mit etwas Wasser. Einfach den Becher auffüllen.“

Thiel tat wie ihm geheißen und eilte dann mit dem Medikament zum Küchentisch. Boerne den kleinen Becher in die Hand zu geben war völlig unmöglich, er hätte ihn schon unter normalen Umständen kaum greifen können, aber in seinem jetzigen Zustand war daran gar nicht zu denken.
Sein Nachbar öffnete mühsam die Augen und richtete sich etwas auf, nachdem Thiel sich vor ihm hingehockt und ihn vorsichtig an der Schulter berührt hatte.
Thiel flößte ihm die Medikamente ein; Boerne kniff die Augen zusammen nachdem er den Becher in einem Schluck geleert hatte; es war eindeutig, dass das Medikament ihm zuwider war. „Danke“ murmelte er tonlos und sackte schwer zurück gegen die Wand.

„Kommen Sie, legen Sie sich hin.“ Thiel wollte seinem Nachbarn hochhelfen, doch der Professor schüttelte hektisch den Kopf. „Nein, bitte… ich kann gerade wirklich nicht aufstehen.“ Seine Stimme glich nur noch einem zittrigen Wispern. "Lassen Sie mich noch ein paar Minuten sitzen."

„Mensch Boerne.“ Thiel fuhr sich durch die Haare und ließ sich dann ebenfalls auf einen Stuhl fallen. „Warum haben Sie sich nicht eher gemeldet? Ich hätte Ihnen doch geholfen.“
Boerne antwortete nicht, biss nur die Zähne zusammen und konnte ein erneutes leises Schmerzgeräusch nicht ganz unterdrücken.
Es war eindeutig, dass er gerade zu keinem zusammenhängenden Gespräch in der Lage war, also hakte Thiel nicht weiter nach.


Für eine Weile saßen sie einfach wortlos da. Thiel fühlte sich so hilflos wie selten zuvor, hätte seinem Nachbarn die Situation gerne irgendwie erträglicher gemacht, doch er wusste nicht, was er tun sollte.
Boernes Atemzüge gingen flach und abgehackt; besorgt beobachtete Thiel, wie dem bleichen Mann ein paar dicke Schweißperlen an der Schläfe herunterrannen. Ab und zu schluckte Boerne krampfhaft, als mache ihm zu allem Überfluss noch Übelkeit zu schaffen - was bei genauer Betrachtung sogar recht wahrscheinlich war, Thiel wusste aus eigener Erfahrung, dass einem von Schmerzen schlecht werden konnte, und diese starken Medikamente auf nüchternen Magen einzunehmen, war in der Beziehung sicher auch nicht hilfreich.

Nach ein paar Minuten hielt Thiel das Nichtstun nicht mehr aus. „Boerne bitte, legen Sie sich hin. Sie kippen mir hier sonst noch vom Stuhl.“
Mit einem leisen Seufzen blickte Boerne auf und nickte dann leicht. Thiel sprang sofort auf, umrundete den Tisch und fasste seinem Nachbarn vorsichtig unter die Achseln. Behutsam half er ihm hoch, bemüht, dabei ja nicht die verletzten Arme zu berühren.
Boerne konnte ein leises Wimmern nicht unterdrücken, als er den Gips von der Tischplatte heben musste; Thiel lief es bei dem Geräusch kalt den Rücken hinunter.

Kaum dass Boerne endlich stand, legte Thiel eine Hand in seinen Rücken und dirigierte ihn vorsichtig Richtung Schlafzimmer. Sie waren jedoch erst ein paar Meter weit gekommen, als sein Kollege zu taumeln anfing und ins Stolpern kam.
Reflexartig griff er zu, umschlang Boernes Oberkörper und zog ihn an sich, verhinderte gerade noch so, dass der Professor zu Boden ging. Boerne entrang sich ein heiserer Aufschrei als Thiel so fest zupackte und dabei auch den Arm in der Schlinge erwischte; aber das schien ihm harmlos im Vergleich dazu, was passiert wäre, wenn Boerne ohne sich abfangen zu können auf seine Frakturen gestürzt wäre.
Allein der Gedanke löste Übelkeit in ihm aus.

Boerne war mit geschlossenen Augen gegen ihn gekippt und schnappte keuchend nach Luft, aber wenigstens blieb er auf den Beinen. Erschreckt blickte Thiel in das aschfahle Gesicht, registrierte besorgt, wie kalt und klamm Boerne sich anfühlte. „Boerne? Was ist?“
„Schwindelig…“ war die gequälte Antwort.
Guter Gott, der Mann war wirklich total am Ende. „Kommen Sie, Sie müssen sich hinlegen“, drängte Thiel. „Schaffen Sie das?“ Boerne nickte wortlos und vorsichtig richtete Thiel ihn wieder auf und führte ihn weiter Richtung Schlafzimmer. Er konnte deutlich spüren, wie Boerne weiterhin schwankte, hielt ihn deshalb nun die ganze Zeit fest, jederzeit darauf gefasst, dass Boernes Knie nachgeben könnten.
Aber sie bewältigten die letzten Meter ohne weitere Zwischenfälle.
Behutsam platzierte Thiel den Professor auf der Matratze, stützte dann seinen Oberkörper und verzog mitfühlend das Gesicht, als Boerne sich auf den Rücken sinken ließ, die Lippen dabei zu einem weißen Strich zusammengepresst.

Als Boerne endlich lag, setzte Thiel sich gleichermaßen erleichtert wie erschöpft zu ihm auf die Bettkante und strich ihm die verklebten Haare aus der Stirn. „Mensch Boerne, was ist denn heute los mit Ihnen? Starke Schmerzen und jetzt auch noch diese Kreislaufprobleme, das kann doch nicht normal sein? Soll ich einen Arzt anrufen?“ Er nahm ein Papiertaschentuch von Boernes Nachttisch und wischte seinem Kollegen über die schweißnasse Stirn.
„Keine Kreislaufprobleme…“, murmelte Boerne heiser. „Nebenwirkungen… vom Tramal… Schwindel und Übelkeit.“ Dann erschauderte er und biss die Zähne wieder zusammen.
„Oh Mann.“ Thiel wusste wirklich nicht, was er darauf erwidern sollte. Stattdessen stand er auf, zog ganz behutsam die Decke unter Boerne hervor und breitete sie vorsichtig über ihm aus. „So ein Scheißzeug. Hilft es denn wenigstens schon etwas?“
Ein schwaches Kopfschütteln war die Antwort.
„Wie lange dauert das denn um Gottes Willen?“ Thiel war ganz mitgenommen von der Geschichte.
„Halbe Stunde… Stunde…“, murmelte Boerne nur tonlos und schauderte erneut.
„Das ist nicht Ihr Ernst, oder?“
Er musste ziemlich fassungslos geklungen haben, denn Boerne blinzelte ihn erschöpft an. „Sie müssen nicht bleiben“, flüsterte er leise. „Legen Sie sich wieder hin.“
„Auf keinen Fall.“
„Thiel…“ Boerne machte die Augen nicht wieder auf, holte tief Luft, bevor er weitersprach. „Sie können jetzt gar nichts machen.“
„Ich geh hier nicht weg bis ich sicher bin, dass es Ihnen besser geht.“ Sein Tonfall war vielleicht etwas schärfer als beabsichtigt, aber es waren die Sorge und Hilflosigkeit, die das auslösten.

Boerne sagte nichts weiter, lag einfach nur da, steif wie ein Brett, und schien sich mit aller Gewalt darauf zu konzentrieren, sich nicht zu übergeben zu müssen. Wenigstens ließ das Zittern langsam nach, die Wärme der Decke schien ihm gutzutun. Thiel blieb wo er war und ließ Boerne nicht aus den Augen.


Es war eine gute halbe Stunde vergangen, seit der Professor ihn aus dem Schlaf gerissen hatte, und allmählich gewann Thiel den Eindruck, dass Boernes Zustand sich stabilisierte; zumindest schien die Übelkeit ihm nicht mehr ganz so schlimm zuzusetzen und seine extreme Verkrampfung ließ langsam nach.
Thiel nutzte die Gelegenheit, kurz in seine Wohnung zu flitzen und sich eine Jeans anzuziehen.
Kurzentschlossen stellte er eine Tasse Kaffee vom Vortag in die Mikrowelle und trank sie im Stehen. Erst hatte er vorgehabt, sie mitzunehmen, doch dann entschied er sich dagegen; er wollte nicht riskieren, dass der intensive Duft Boernes Übelkeit wieder verschlimmerte.


Als er ein paar Minuten später in das Schlafzimmer seines Nachbarn zurückkehrte und sich wieder zu ihm setzte, drehte Boerne ein wenig den Kopf und sah ihn an. Sein Blick wirkte glasig, was bestimmt auf die Medikamente zurückzuführen war; außerdem klang er sehr erschöpft, als er murmelte: „Thiel, ich weiß das zu schätzen, aber tun Sie mir den Gefallen und legen Sie sich wieder hin.“
„Ich werde mich wieder hinlegen, wenn es Ihnen besser geht. Ende der Diskussion.“
„Es geht mir besser.“
„Woher soll ich wissen, dass Sie mir nichts vormachen?“
Boerne seufzte leise. „Dickschädel.“
Auf Thiels Gesicht breitete sich ein leichtes Grinsen aus; Boerne schien sich tatsächlich etwas wohler zu fühlen.

Als sein Nachbar nichts mehr sagte, ergriff Thiel das Wort. „Mensch Boerne, das war ja wohl echt heftig. Wann haben Sie denn das letzte Mal was von dieser Medizin genommen?“
„Gestern früh“, lautete die kaum verständliche Antwort.
„Aber warum haben Sie mir nichts gesagt? Ich hätte Ihnen doch was gegeben?“

„Ich habe gehofft, ich würde ohne die Tropfen auskommen.“ Boerne rutschte etwas tiefer unter die Decke. Er verkrampfte sich kurz, als er den Arm in der blauen Plastikschiene dabei versehentlich ein wenig bewegte, entspannte sich dann aber wieder. „Frau Ellinghaus hat mir immer nur die Hälfte gegeben… trotzdem waren die Nebenwirkungen in den ersten Stunden nach der Einnahme unangenehmer als die Schmerzen.“
Seine Augenlider sanken langsam wieder herab, während Thiel etwas erleichtert feststellte, dass er inzwischen ein wenig verwaschen und mit deutlichen Pausen sprach. Es schien, als wäre Boerne kurz vorm Einschlafen; dann mussten die Schmerzen wirklich erträglicher sein.
„Den gestrigen Tag habe ich einigermaßen überstanden; aber wahrscheinlich war das alles etwas zu viel“, murmelte Boerne leise. „In der Nacht wurde es immer schlimmer und heute Morgen ging es einfach nicht mehr.“
„Ja, das habe ich gemerkt. Sie haben mir einen ziemlichen Schrecken eingejagt.“
Als sein Kollege nur ein langgezogenes Seufzen zur Antwort gab, beugte Thiel sich etwas vor. „Boerne? Alles ok?“
Nach ein paar Sekunden Stille dachte Thiel schon, der Professor wäre eingeschlafen, da flüsterte Boerne tatsächlich noch: „Ich bin müde…“ Er schien inzwischen so weit weggetreten, dass Thiel sich wunderte, wie er überhaupt noch einen kohärenten Satz formulieren konnte. Lächelnd zog er die Decke noch etwas höher.
„Schlafen Sie.“
Diesmal bekam er wirklich keine Antwort mehr.


Mit einem leisen Seufzen stand Thiel auf. Die Suche nach dem Mörder von Ludwig Mühlenberg war für sie alle anstrengend gewesen. Doch hatte Thiel nicht bedacht, dass die Tage für Boerne noch schwieriger gewesen sein mussten; das hatte ihm erst diese letzte Stunde ganz bewusst gemacht.
Natürlich hätte der Professor sich niemals anmerken lassen, wie seine Verletzung ihm zu schaffen machte und hatte sich definitiv mehr zugemutet, als gut gewesen war; und nun hatten die Ereignisse der letzten Tage ihn eingeholt. Thiel ärgerte sich, dass ihm das nicht eher aufgefallen war.
Aber ein zweites Mal würde ihm das nicht passieren.


Boerne verschlief fast den ganzen Tag, was Thiel nicht wirklich wunderte. Seit dem Abend, an dem der Unfall passiert war, war der Professor nur noch stundenweise zur Ruhe gekommen; die kurze Zeit im Krankenhaus war durch Untersuchungen und der Versorgung der Frakturen wohl gänzlich ohne Schlaf vergangen, in der Nacht darauf hatten sie den Einbrecher in Mühlenbergs Büro gejagt; am Tag darauf früh um vier waren sie in der Rechtsmedizin gewesen und hatten alte Akten durchsucht und in der letzten Nacht hatte er aufgrund der zunehmenden Schmerzen nun sicher kaum ein Auge zugetan.

Als er am späten Nachmittag endlich wieder wach war, ließ Thiel sich nicht davon abbringen, ihm erneut die Medikamente zu verabreichen; Boerne hatte sich anfangs dagegen gewehrt, dann aber doch eingestehen müssen, dass eine regelmäßige Einnahme im Moment einfach noch notwendig war. Sie hatten sich auf eine möglichst niedrige Dosis geeinigt und Thiel hatte dem Professor zuvor etwas Vernünftiges zu essen gekocht, so dass Boerne die Tropfen tatsächlich besser vertrug aber trotzdem einigermaßen schmerzfrei war.



***



Mit einem gefrusteten Seufzen zog Thiel sich die Bettdecke über die Ohren und versuchte, das schrille Läuten seiner Türklingel zu ignorieren.

Er hatte doch am Abend zuvor extra wieder alles vorbereitet – inklusive zweier Becher mit Medizin, für die Nacht und für den nächsten Morgen – so dass der gehandicapte Professor den Vormittag ohne Hilfe überstehen konnte. Nach der geleisteten Arbeit also hätte sein Kollege ihm wahrlich etwas Ruhe gönnen können. Doch Boerne schien da anderer Meinung zu sein - denn dass Boerne dort vor der Tür stand, daran bestand kein Zweifel. Niemand klingelte so ausdauernd wie der Professor.

Müde setzte Thiel sich schließlich auf und blickte auf den Wecker. Und blinzelte und blickte ein zweites Mal genauer hin, aber das Bild änderte sich nicht. Es war schon recht spät. Genaugenommen sogar verdammt spät. Er hatte schon vor Stunden nach Boerne sehen wollen.

Eilig sprang er auf und tapste mit einem schlechten Gewissen durch den Flur. Er machte sich nicht die Mühe, extra eine Jeans anzuziehen, das dauerte ihm zu lange.

„Sorry, hab' verschlafen“, brummte er schon, bevor er die Tür vollständig geöffnet hatte und kniff die tränenden Augen zusammen, als die Mittagssonne, die durch das Flurfenster fiel, ihn blendete. „Alles in Ordnung mit Ihnen?“
Sein Nachbar, der an der Wand gelehnt hatte, richtete sich auf. „Thiel. Ich hatte schon Sorge, ein Schlaganfall hätte Sie im Schlaf dahingerafft.“ Gott sei Dank, Boerne ging es gut.
„Tut mir Leid, wenn ich Sie da enttäuschen muss“, knurrte Thiel so mürrisch wie möglich, konnte aber ein Grinsen nicht unterdrücken, als Boerne amüsiert den Kopf schüttelte. Doch dann wurde er wieder ernst. „Brauchen Sie Hilfe?“

Boerne nickte und legte dann den Kopf schräg. „Sie helfen mir beim Anziehen, ich gehe zum Bäcker und besorge uns frische Brötchen. Einverstanden?“

Er musste nicht lange nachdenken. „Logo.“ Schließlich war all seinen Frotzeleien zum Trotz klar, dass er seinen Nachbarn nicht im Stich lassen würde. Zumindest, bis sie eine neue Haushälterin organisiert hatten.

Und auch dann würde er ihn weiter im Auge behalten.


Comments

( 3 Kommentare — Kommentar hinterlassen )
hyndara71
3. Feb 2013 17:13 (UTC)
Awe! Manchmal mag ich solche H/C Storys, auch wenn ich persönlich das Comforten gern mal weglasse. Aber ab und an muß das einfach sein. Süß wie Thiel Boerne bemuttert!
baggeli
3. Feb 2013 18:16 (UTC)
Nee, bei mir muss dann auch alles wieder gut sein. ;o)

Süß wie Thiel Boerne bemuttert
Nun, auch wenn Thiel zu gerne raushängen lässt, wie Boerne ihn nervt, bin ich doch überzeugt, er würde sich kümmern. Er tut immer nur so trocken und missmutig.
Auch im Canon gibt es die eine oder andere Stelle, wo seine Besorgnis deutlich aufblitzt; wenn vielleicht auch nicht so extrem wie bei mir, aber ich glaube, da sind wir Tatortschreiber hier im LJ alle gleich. Hier kümmern sie sich umeinander, bei den meisten anderen, weil sie etwas miteinander haben, bei mir, weil sie halt etwas befreundeter sind als im Original. Schwamm drüber. xD
hyndara71
3. Feb 2013 18:28 (UTC)
Warum auch nicht?
Letztes Jahr bat mich eine Freundin, ihr eine GrimmFic zu schreiben, in der es eben mal umgekehrt ist. In der Serie ist es eigentlich eher immer Monroe, der sich um Nick sorgt, sie wollte es gern mal umgekehrt haben. Ehrlich, die Fic war hammerschwer zu schreiben, vor allem, weil ich eben eine alte Nick-Whumperin vor dem Herrn bin. Aber irgendwie macht sich "mein" Nick generell seitdem auch mehr Sorgen um "meinen" Monroe. Also so schlimm kanns nicht sein :)
( 3 Kommentare — Kommentar hinterlassen )

Latest Month

April 2018
S M T W T F S
1234567
891011121314
15161718192021
22232425262728
2930     

Tags

Gehostet von LiveJournal.com
Designed by Tiffany Chow