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Bingo-Story 5, Karte 2

Titel: Licht - Kapitel 2
Prompt:
Regenbogen
Genre: bin mir nicht ganz sicher... Angst?
Zusammenfassung: Er nahm den Pokal in die Hand und starrte versonnen auf das Licht, das sich wirklich wundervoll in dem prismaartig geschliffenen Glasfuß der Trophäe brach. Je nachdem, wie er sie drehte, konnte er alle Farben des Regenbogens darin erkennen
Anmerkungen: Da habe ich den Regenbogen doch glatt ein zweites Mal bekommen. Das ist ein Zeichen...
A.N.: In diesem Leben wird das nix mehr mit Beta
Wörter: 1500



Frau Haller hatte sich inzwischen umgedreht und war vor die Bürotür getreten. In einer für sie ungewöhnlich müde aussehenden Bewegung zog sie ihren Mantel aus und hängte ihn an den weißen Plastikhaken, der in genau der richtigen Höhe an der Glasscheibe klebte. Der Haken, der einen halben Meter höher angebracht war, war seit Wochen unbenutzt geblieben; Diebeck bevorzugte den Kleiderständer im Büro.

Die Rechtsmedizinerin warf einen Blick auf die Uhr, bevor sie sich wieder zu ihm wandte. „Möchten Sie vielleicht einen Kaffee? Wir haben noch eine ganze Weile Zeit, bevor der Professor seinen Dienst antritt. Er ist pünktlich wie die Stechuhr; keine Sekunde zu früh hier rein, keine Sekunde zu spät hier raus.“ Da war ein bitterer, fast zynischer Unterton in ihrer Stimme, den Thiel so noch nie von ihr gehört hatte.

Er nickte nur wortlos.

Zwanzig Tage waren inzwischen vergangen, aber noch immer lief ihm ein Schauer über den Rücken, wenn sie von ihrem neuen Vorgesetzten sprach; wenn er darüber nachdachte, dass es nicht mehr Boerne war, der jetzt gleich zu ihrer üblichen Wochenbesprechung hier in das Büro kommen würde. Boerne, energiegeladen und begeisterungsfähig wie ein übergroßer Schuljunge; anstrengend ohne Ende aber gleichzeitig absolut vertrauenswürdig; und – er hätte nie gedacht, dass er sich einen solchen Gedanken je gestatten würde – einfach unersetzlich.

Die Situation war verstörend, völlig unwirklich, völlig fremd; dass alles noch exakt so aussah wie immer, machte es nur noch irrealer.

Diebeck hatte bislang nichts verändert, noch keine persönlichen Gegenstände mitgebracht und – Gott sei Dank - auch noch keine von Boerne entfernt.
Für einen Moment gab sich Thiel dem grimmigen Gedanken hin, dass er das auch besser nicht wagen sollte; doch dann schüttelte er über sich selber den Kopf. Er konnte Diebeck nun wirklich nicht das Recht absprechen, sich seinen neuen Arbeitsbereich nach seinen eigenen Wünschen und Vorstellungen einzurichten.
Es war sicherlich nur noch eine Frage der Zeit; garantiert schon bald würde der Professor damit beginnen.

Vielleicht sollte Thiel sich mit Frau Haller um Boernes Hinterlassenschaften kümmern, bevor Diebeck es tat. Er musste sich wirklich dringend mit der Rechtsmedizinerin besprechen und alles in die Wege leiten.
Doch noch konnte er das nicht. Noch wollte er das nicht.
Und Frau Haller erging es scheinbar gleichermaßen.


Als er der kleinen Frau in die Küche folgte und sich dort auf einen Stuhl fallen ließ, gelang es ihm nur gerade so, ein Seufzen zu unterdrücken.

Mit ein paar schnellen Handgriffen machte Frau Haller die Kaffeemaschine betriebsbereit, startete sie und setzte sich dann zu ihm an den Tisch.
Verstohlen hatte Thiel sie beobachtet, während sie Pulver und Wasser in die Maschine füllte. Blass sah sie aus, und unglücklich; und schmaler war sie geworden, das war ganz deutlich zu erkennen. Doch die größte Veränderung hatten ihre Augen durchgemacht; das offene, herzliche Strahlen, das sie immer definiert hatte, war vollständig aus ihnen verschwunden.

Diese ganze schreckliche Geschichte ging ihr mindestens so nahe wie ihm selbst.
Nein, das stimmte nicht; alles machte ihr garantiert noch mehr zu schaffen als ihm. Immerhin war Boerne seit vielen Jahren ihr Chef gewesen. Sie hatte den Großteil eines jeden Dienstes mit ihm verbracht, unzählige Fälle mit ihm bearbeitet.


Schon an seinem ersten Tag in Münster war Thiel aufgefallen, dass die beiden ein ganz besonderes Verhältnis verband; sie waren keine wirklichen Freunde, doch waren sie weiß Gott auch keine normalen Kollegen; sie waren ein Team, wie er keines zuvor gesehen hatte. Schwer zu definieren, schwer zu beschreiben, auf jeden Fall schwer zu schlagen.

Egal ob Diebeck oder sonst wer auf Dauer das Institut leitete, ein solches Gespann würde es in Münsters Rechtsmedizin kein zweites Mal geben.


Thiel holte tief Luft, langte dann schweigend zwei Tassen von der Arbeitsplatte und stellte sie auf den Küchentisch; der Raum war so klein, dass er dafür nicht aufstehen musste. Zucker stand schon vor ihnen, doch war die Milch noch im Kühlschrank.
Er war schon fast dort angekommen, als er mitten in der Bewegung verharrte.
Frau Haller und er tranken ihren Kaffee schwarz; nur Boerne hatte Milchkaffee bevorzugt.
Es war nicht mehr nötig, sie zu holen.

Als er sich diesmal wieder auf seinen Stuhl fallen ließ, gelang es ihm nicht mehr, ein Seufzen zu unterdrücken.


t.b.c.




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Comments

( 4 Kommentare — Kommentar hinterlassen )
cricri_72
6. Jan 2013 18:16 (UTC)
*fiep*

Ich gebe mich ja immer noch der Hoffnung hin, daß Boerne vielleicht wegen eines kapitalen Fehlers, bei dem ein redshirt umgekommen ist, gefeuert wurde. Oder arbeitsunfähig ist - das würde noch eher erklären, warum er seine Pokale im Institut gelassen hat.

Ganz bestimmt ist es nicht das, was Du uns hier einreden willst ... *puppy eyes*

Thiel und Frau Haller tun mir sehr leid :(

Und den Nachfolger als Vergleichsfolie zu Boerne ins Spiel zu bringen (obwohl man ihn noch gar nicht "persönlich" kennengelernt hat), ist eine super Idee.

baggeli
6. Jan 2013 18:22 (UTC)
*fiep*
Ohhhhhh... alles wird gut. Ist nur fanfiction.

Ich gebe mich ja immer noch der Hoffnung hin, daß Boerne vielleicht wegen eines kapitalen Fehlers, bei dem ein redshirt umgekommen ist, gefeuert wurde. Oder arbeitsunfähig ist - das würde noch eher erklären, warum er seine Pokale im Institut gelassen hat.
Ich fürchte, weder/noch.... wobei; im weitesten Sinne vielleicht dann doch

Thiel und Frau Haller tun mir sehr leid :(
Mir auch, ehrlich gesagt.

Und den Nachfolger als Vergleichsfolie zu Boerne ins Spiel zu bringen (obwohl man ihn noch gar nicht "persönlich" kennengelernt hat), ist eine super Idee.
Na, da blieb mir ja nichts anderes übrig, als einen neuen Chef einzuführen. Frau Haller ist nicht promoviert, die wird das Institut nicht übernehmen können. Das muss schon ein C4rer sein, wenn mich nicht alles täuscht.

Edited at 2013-01-06 23:09 (UTC)
joslj
6. Jan 2013 20:21 (UTC)
Oh, du schreibst weiter, wunderbar ! Auch wenn du die dunkle Ahnung ja mehr oder weniger bestätigst. Im Gegensatz zu cricri glaube ich an deine ... ähm ... "Fiesheit" ? Dafür siehst du sie alle zu gern leiden :-)

Sehr eindrucksvoll, wie du in den paar Minuten im Institut die ganze niedergedrückte Stimmung beschreibst: die Kleinigkeiten, die Erinnerungen, die Veränderung in Alberich. Und Thiels Erkenntnis, dass Boerne ihm fehlt. Bin gespannt, wie es weitergeht.

Edited at 2013-01-06 20:22 (UTC)
baggeli
6. Jan 2013 20:32 (UTC)
Im Gegensatz zu cricri glaube ich an deine ... ähm ... "Fiesheit" ? Dafür siehst du sie alle zu gern leiden :-)
öhm... *räusper*
Ja, leiden lasse ich sie wohl alle gerne; was hier draus wird, muss sich zeigen.

Sehr eindrucksvoll, wie du in den paar Minuten im Institut die ganze niedergedrückte Stimmung beschreibst: die Kleinigkeiten, die Erinnerungen, die Veränderung in Alberich. Und Thiels Erkenntnis, dass Boerne ihm fehlt.
Ja, ich habe da ein paar dunkle Farben ausgepackt zum Malen, ich gebe es zu. Passt nicht wirklich zum Regenbogen.
Aber es war mir wichtig zu zeigen, dass gerade nichts mehr so ist, wie es war; und dass das nach so vielen Jahren der Zusammenarbeit die Kollegen bis in die Grundfesten erschüttern kann. Da geht keiner nach einer Woche zur Normalität über.

Bin gespannt, wie es weitergeht.
Gut möglich, dass es enttäuschend weitergeht. Aber die Geschichte ist wie gesagt in meinem Kopf fertig und jetzt werde ich sie auch so schreiben, ob doof oder nicht. ;o)
( 4 Kommentare — Kommentar hinterlassen )

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