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Bingo-Story 5, Karte 2

Titel: Licht - Kapitel 4
Prompt:
Regenbogen
Genre: ich einige mich jetzt erst Mal auf etwas Angst, etwas Krimi
Zusammenfassung: Er nahm den Pokal in die Hand und starrte versonnen auf das Licht, das sich wirklich wundervoll in dem prismaartig geschliffenen Glasfuß der Trophäe brach. Je nachdem, wie er sie drehte, konnte er alle Farben des Regenbogens darin erkennen
Anmerkungen: Da habe ich den Regenbogen doch glatt ein zweites Mal bekommen. Das ist ein Zeichen...
A.N. 1: In diesem Leben wird das nix mehr mit Beta
Wörter: 3300



Thiel konnte im Nachhinein nicht recht sagen, was das Thema der Besprechung in der Rechtsmedizin gewesen war. Er hatte kaum ein Wort von dem behalten, was Diebeck ihm berichtet hatte, zu sehr war er mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt gewesen.

Es war jedenfalls nichts Wichtiges gewesen, nur ein paar abschließende toxikologische Ergebnisse zu Fällen, die er eigentlich noch mit Boerne bearbeitet und längst abgehakt hatte. Thiel  interessierte das alles nicht mehr im geringsten und er hatte schon nach wenigen Sekunden abgeschaltet; hatte nur kurz darüber nachgedacht, dass Boerne, so enthusiastisch er auch immer bei der Sache gewesen war, ihn niemals mit unwichtigen, verspäteten Ergebnissen eines längst abgeschlossenen Falles belästigt hatte. Er hatte ihm eine Kopie für die Akten zukommen lassen und das war es dann.
Aber Diebeck pflegte nun mal einen anderen Stil. Es passte zu ihm, dass er einen Vortrag über diese belanglosen Befunde hielt; der Professor war ein fantasieloser Schreibtischhengst, der alles streng nach Vorschrift abarbeitete. Die Vorschrift sagte, dass der zuständige Kommissar vom Rechtsmediziner über die Ergebnisse persönlich in Kenntnis gesetzt werden müsse und das war das, was Diebeck tat. In einem nervtötend langweiligen Monolog.

Nun, jahrelange Erfahrung im Umgang mit Boerne hatte Thiel gelehrt, wie man Aufmerksamkeit heucheln konnte ohne wirklich zuzuhören; ab und zu eine Bemerkung einzustreuen, die den Eindruck erweckte, er wäre voll dabei, schaffte er inzwischen fast im Schlaf.
Nach kurzer Zeit hatte er jedoch festgestellt, dass das gar nicht nötig war; im Gegensatz zu Boerne war es Diebeck nämlich völlig egal, ob Thiel ihm zuhörte oder nicht. Er erwartete Thiels Anwesenheit, hielt seinen monotonen Vortrag, stand auf und verschwand.
So auch heute.


Kaum dass Diebeck angefangen hatte zu reden, waren Thiels Gedanken auch schon zu den frühen Morgenstunden zurückgeschweift, als er mit Frau Haller in der kleinen Küche gesessen hatte.

Fassungslos und ungläubig hatte er gehört, was für weitere Details sie über ihren Besuch bei Boerne zu berichten gehabt hatte; doch viel zu schnell, ehe er mit ihr besprechen konnte, wie sie weiter vorgehen sollten, war Diebeck dann eingetroffen und hatte in seiner arrogant unnahbaren Art sofort seine Aufmerksamkeit eingefordert.
Und bevor Thiel überhaupt ein abschließendes Wort zu Frau Haller hatte sagen können, war sie wer weiß wohin verschwunden.
In dem Moment war Thiel nicht zum ersten Mal aufgefallen, dass sie Diebecks Nähe mied. Sie arbeitete tatsächlich nur dann unmittelbar mit ihm zusammen, wenn es absolut unumgänglich war.



Es hatte ein Treffen im Kalinka gegeben, an dem Tag, an dem Boerne rechtskräftig verurteilt worden war. Nadeshda, Frau Haller und er hatten sich zusammengesetzt, um an diesem schrecklichen Abend nicht allein zu sein; um sich zu betrinken und für ein paar Stunden zu vergessen, was innerhalb kürzester Zeit auf sie alle, speziell auf Boerne, eingestürzt war. Sie hatten Pläne geschmiedet, wie sie ihm helfen konnten, in welche Richtung sie ermitteln konnten - was sie heimlich tun mussten, weil sie sich nicht einmischen durften, weil sie als befangen galten. Sie hatten Gedanken ausgetauscht, die sie normalerweise für sich behalten hätten; an diesem einen Abend, nach ein paar Wodka, hatte sich keiner von ihnen mehr zurückgehalten, einfach nur ehrlich zu sein.

An diesem Abend hatte Frau Haller dann noch erzählt, wer ihr neuer Vorgesetzter werden würde – zumindest übergangsweise. Professor Walter Diebeck, vierundsechzig Jahre alt, einer der weniger beliebten Professoren des gesamten Campus.
Vor Jahren, als der damalige Leiter der Rechtsmedizin in Pension gegangen war, hatte Diebeck als einer der dienstältesten Rechtsmediziner sich nicht unberechtigte Hoffnung auf den Chefposten gemacht. Und dann hatte das Dekanat der medizinischen Fakultät den damals blutjungen Privatdozenten Dr. Karl-Friedrich Boerne an ihm vorbei nominiert und zum neuen Leiter des Instituts berufen; Diebeck dagegen hatte sich mit der Leitung der toxikologischen Abteilung und der undankbaren Aufgabe des Stellvertreters zufriedengeben müssen. Das hatte für mächtigen Aufruhr gesorgt.
Auch schon damals, mit seinen gerade erst fünfunddreißig Jahren, eilte Boerne der Ruf voraus, ein zweifellos genialer, aber schwieriger und exzentrischer Mediziner zu sein; doch im Gegensatz zu dem sturen, überheblichen Diebeck, dem die Untergebenen nur gehorchten, weil er einen Titel trug, wurde Boerne aufgrund seines Wissens, seiner Energie und seiner Einsatzbereitschaft von seinen Mitarbeitern akzeptiert; das war wohl mit der ausschlaggebende Grund gewesen, warum ihm die Leitung des Instituts anvertraut worden war.

Laut Frau Haller hatte Diebeck diese Schmach nie ganz verwunden. Wenn man den Aussagen seiner Untergebenen glauben konnte, hatte er seitdem einige Bewerbungen an andere Institute geschrieben, aber war nie für einen Chefposten berücksichtigt worden, was ihn immer weiter hatte verbittern lassen.
Aber nun endlich hatte sich sein Traum erfüllt.


Frau Hallers damalige Erläuterungen passten zu dem Bild, dass Thiel sich inzwischen selbst von seinem neuen Kollegen gemacht hatte; bereits mehr als einmal hatte er sich bei dem Gedanken ertappt, dass er den älteren Mann als abstoßend empfand.
Zu Anfang hatte er den Fehler noch bei sich gesucht; hatte sich eingeredet, dass er lediglich seinen Frust und sein Entsetzen über den Verlauf der letzten Wochen auf den Professor projizierte, obwohl der schließlich überhaupt nichts dafür konnte, wie die Dinge sich entwickelt hatten.

Doch je länger er ihn kannte und je öfter er ihn traf, desto mehr musste er sich selber eingestehen, dass er den neuen Leiter der Rechtsmedizin auf den Tod nicht leiden konnte; und das hatte absolut nichts damit zu tun, dass er Boernes Platz eingenommen hatte.
Thiel war sachlich genug, berufliches und persönliches zu trennen, er war wirklich gewillt gewesen, Diebeck eine Chance zu geben… aber sie hatten keine Chance, je auf einer vernünftigen Basis zusammenzukommen, das hatte sich vom ersten Tag an gezeigt; und das Empfinden beruhte eindeutig auf Gegenseitigkeit, auch das war eine Tatsache.
Und das würde sich auch wohl nicht mehr ändern.

Es war unglaublich, wie sich ihrer aller Leben innerhalb weniger Wochen zum Negativen verändert hatte.


Der Frust saß tief, als Thiel aus der Rechtsmedizin stürmte, sich auf sein Rad schwang und, so schnell er konnte, Richtung Staatsanwaltschaft strampelte. Er musste mit Frau Klemm sprechen.
Wenn einer helfen konnte, dann sie.

t.b.c.




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Comments

( 2 Kommentare — Kommentar hinterlassen )
cricri_72
8. Jan 2013 21:16 (UTC)
Soll ich verraten, was ich denke? ... oder nimmt das die Spannung? Ich vermute ja einen rachsüchtigen alten Konkurrenten *hust*

Sehr schön ist hier der Vergleich zwischen Boerne und dem Stellvertreter (von Nachfolger will ich nicht reden!). V.a. dieser Satz: Nach kurzer Zeit hatte er jedoch festgestellt, dass das gar nicht nötig war; im Gegensatz zu Boerne war es Diebeck nämlich völlig egal, ob Thiel ihm zuhörte oder nicht. Seufz. Es stimmt - Boerne hält vor Thiel gar keine Monologe. Also, reden will er natürlich am liebsten alleine, aber zurück will er Aufmerksamkeit und Bewunderung ;)

Aber Du spannst uns ja ganz schön auf die Folter - ich bin sehr neugierig, was genau passiert ist. Und was es mit dem Blut auf sich hatte, an das Thiel sich erinnert hat.

Ich freu mich schon aufs nächste Kapitel! :)

Noch eine Betaanmerkung:

Doch je länger er ihn kannte und je öfter er ihn traf, musste er sich selber eingestehen, dass er den neuen Leiter der Rechtsmedizin auf den Tod nicht leiden konnte;

Da fehlt ein "desto", glaube ich:
Doch je länger er ihn kannte und je öfter er ihn traf, desto mehr musste er sich selber eingestehen, dass er den neuen Leiter der Rechtsmedizin auf den Tod nicht leiden konnte;





Edited at 2013-01-08 21:19 (UTC)
baggeli
8. Jan 2013 21:26 (UTC)
Soll ich verraten, was ich denke? ... oder nimmt das die Spannung? Ich vermute ja einen rachsüchtigen alten Konkurrenten *hust*
Immer her mit den wilden Vermutungen! :D

Also, reden will er natürlich am liebsten alleine, aber zurück will er Aufmerksamkeit und Bewunderung ;)
Ja, ich denke, das bringt es auf den Punkt. Zumindest sehe ich das exakt so. *kicher*

Aber Du spannst uns ja ganz schön auf die Folter - ich bin sehr neugierig, was genau passiert ist. Und was es mit dem Blut auf sich hatte, an das Thiel sich erinnert hat.
Kommt im übernächsten Kapitel, ich hab's heute Morgen geschrieben.

Ich freu mich schon aufs nächste Kapitel! :)
Aber versprich dir nicht zu viel; ich habe ja schon mal bei Jo angedeutet, dass es von jetzt an ein Stück weit bergab geht mit der Story.

Beta-Anmerkung übernommen. Danke!


( 2 Kommentare — Kommentar hinterlassen )

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