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Story: Nachwirkungen

Kaputte Kaffeemaschinen und andere Notfälle bringen Thiel an seine Grenzen...

Missing Scene zu Tatort "Krumme Hunde". Die Folge zu kennen, ist von Vorteil. (Spielt in der Zeit nach der Festnahme des Gaunerpärchens und vor der Geburtstagsfeier von Boernes Onkel.)
Wörter: 4700
Genre: Freundschaft, h.c.
Warnungen: Ich weiß nicht, warum ich im Moment so oft mit Kopfschmerzen herummache


Nicht zuletzt cricri zu verdanken, die mich darin bestärkt hat, beim Radfahren etwas über Boerne und Thiel in einem Bett nachzudenken. :o)


Nachwirkungen

Als Thiel an diesem Morgen aufwachte, zeigte die Uhr schon fast zehn. Aber das machte nichts, es war Samstag und er musste heute wider Erwarten keine Wochenendschicht einlegen; zum Glück war es am Tag zuvor recht überraschend gelungen, die beiden Mordfälle aufzuklären, mit denen er sich die letzte Woche herumgeschlagen hatte.

Gähnend stand er auf und schlurfte zur Kaffeemaschine, um sich einen Wachmacher aufzubrühen, in Gedanken noch einmal ganz bei den Ereignissen des letzten Tages.


Er hatte den Großteil der Nacht auf dem kleinen Sportflughafen verbracht, auf dem er in letzter Sekunde die durchtriebene Christine Schauer und ihren windigen Partner Rummel an der Flucht gehindert hatte. Naja, was hieß schon er... ohne Boernes tatkräftige Unterstützung und mutige (oder doch eher sogar etwas lebensmüde) Aktion, das startende Sportflugzeug mit dem Auto auszubremsen, wäre ihm die Mörderin tatsächlich noch erwischt.

Schnaubend schüttelte Thiel den Kopf; das war mal wieder so ein Fall, den er ohne seinen exzentrischen Nachbarn nicht hätte lösen können. Die Anstrengungen, die Boerne unternommen hatte, um mehr über seinen ermordeten Halbbruder zu erfahren, hatten sie ganz plötzlich den entscheidenden Schritt weitergebracht. Durch den Besuch im Altenheim bei der Mutter des getöteten Privatdetektivs war Boerne die Abhörkassette in die Finger gefallen, mit der sie die kriminellen Machenschaften von Markus Rummel und seiner Geliebten aufdecken konnten. Ohne diese neuen Erkenntnisse hätten sich die beiden Gauner in der Nacht zuvor mit den Millionen davongemacht.


Genaugenommen hatte Boerne ganz schönes Glück gehabt, dass er nur einen heftigen Schlag auf den Schädel abbekommen hatte, als die skrupellose Kriminelle die Kassette wieder in ihren Besitz bringen wollte; denn das hübsche Fräulein Schauer ging bereitwillig über Leichen, wie sich ja herausgestellt hatte.

Thiel grinste, jedenfalls sollte er in den nächsten Tagen einen Bogen um Boerne machen. Der Professor würde diese seine Glanzleistung sicherlich wieder ewig auskosten, sich einen Spaß daraus machen, seiner Umgebung damit auf die Nerven zu fallen und sich das ihm gebührende Lob (das er zweifellos verdient hatte, auch wenn Thiel das niemals laut zugeben würde) gnadenlos einfordern.



Der immer noch verschlafene Kommissar hatte inzwischen Pulver und Wasser in seine Kaffeemaschine eingefüllt, den Startknopf betätigt und wollte gerade abschwenken in Richtung Bad, als ihn ein komisches, knisterndes Geräusch zurückblicken ließ. Aus dem Gerät stieg ein kleines Rauchwölkchen auf und er sah gerade noch, wie die rote Bereitschaftsleuchte erlosch - um sicherlich nie wieder anzugehen. "Och nee, so 'ne Kacke!" Thiel schlug aus Frust mit der Faust gegen den Schrank. Kein Kaffee nach solch einer Nacht, das ging echt gar nicht!

Naja, soviel zum Thema Bogen um Boerne machen. Schon wenige Sekunden später stand er bei seinem Nachbarn vor der Tür und klingelte.
Aber in dessen Wohnung rührte sich nichts; vielleicht lag er noch im Bett? Wobei das sehr unwahrscheinlich war, der Mann benötigte eigentlich extrem wenig Schlaf. Vielleicht stand er gerade unter der Dusche.


Egal, dramatische Situationen erforderten dramatische Maßnahmen; Thiel setzte den Finger auf den Klingelknopf und nahm ihn mindestens zehn Sekunden nicht mehr herunter, brüllte dabei: "Boerne, machen Sie in Gottes Namen auf, das ist ein Notfall!"

Tatsächlich hörte man nach einer Weile Schritte im Flur und Thiel fing schon an zu reden, bevor die Tür überhaupt ganz offen war. "Boerne, Sie müssen mir unbedingt helfen, mir ist gerade die Kaffeemaschine..." Er verstummte und riss überrascht die Augen auf. "...verreckt", setzte er dann lahm hinzu.

Ein leichenblasser Boerne starrte ihn ungläubig an, umklammerte den Türrahmen, an dem er sich aufrecht hielt, noch etwas fester und murmelte nur: "Über Ihre Definition des Wortes Notfall müssen wir dringend reden." Dann knickten seine Knie ein und er rutschte ein paar Zentimeter nach unten. Thiel schnappte geistesgegenwärtig seinen Arm und hinderte den sichtbar angeschlagenen Mann daran, zu stürzen. "Meine Güte Boerne, was ist denn mit Ihnen los?"


Der Professor antwortete nicht, sondern schloss kurz die Augen und schluckte ein paarmal hörbar. Dann löste er sich aus Thiels Griff und drehte sich um, um zurück in Richtung Wohnzimmer zu gehen. Taumelnd stützte er sich dabei an der Wand ab, aber das Ganze sah so unsicher aus, dass Thiel gar nicht lange überlegte, sondern zwei große Schritte in die Wohnung machte und Boernes Oberarm und seine Taille umfasste, um ihn auf seinem Weg zu stabilisieren. Zu seiner Überraschung wehrte Boerne sich nicht dagegen. Das kam sonst nie vor! Thiels Besorgnis steigerte sich drastisch.

Im Wohnzimmer angekommen drückte Thiel den bleichen Mann auf das Sofa, wo er sich gar nicht erst richtig setzte, sondern sich unmittelbar mit geschlossenen Augen auf die Seite sinken ließ. Thiel half ihm, die Beine hochzunehmen und sich auszustrecken.

Als sein Nachbar lag, starrte Thiel ihn entgeistert an. "Boerne?" fragte er leise. "Was ist denn mit Ihnen? Haben Sie sich was eingefangen?"

Der Angesprochene murmelte nur: "Commotio." Thiel schnaubte und wollte gerade etwas zynisch anmerken, dass er sein Fremdwortlexikon nicht in der Tasche trug, als Boerne die Augen plötzlich wieder aufriss, sich eine Hand vor den Mund schlug, vom Sofa rutschte und so schnell er konnte, ins Bad stolperte. Er schaffte es gerade noch, den Toilettendeckel hochzureißen, bevor er sich übergeben musste. Der beunruhigte Thiel war dem Professor gefolgt, hielt ihn nun an der Schulter und stand hilflos daneben, als er immer weiter würgte.

Nach einer Weile kam Boerne langsam zur Ruhe und ließ sich erschöpft auf die Fersen sinken. Thiel beugte sich zu ihm herab und half ihm, aufzustehen. Der zitternde Boerne ließ sich widerspruchslos hochziehen und schleppte sich ans Waschbecken, wo er sich einmal kurz den Mund ausspülte und dann mit geschlossenen Augen die Stirn an die kühle Scheibe des Spiegelschranks lehnte.
Thiel zog behutsam an seinem Arm. "Kommen Sie, legen Sie sich hin."
Aber Boerne folgte ihm nicht direkt, murmelte nur leise: "Eimer. Unten im Schrank." Thiel begriff sofort und holte das Gefäß unter dem Waschbecken hervor. Dann dirigierte er den kaltschweißigen Professor aus dem Bad, steuerte ihn am Sofa vorbei und brachte ihn ins Schlafzimmer. Was auch immer für ein Virus Boerne zu schaffen machte, so wie es aussah, würde er den heutigen Tag in der Waagerechten verbringen, da war das Bett sicher bequemer als die Couch.


Er stellte den Eimer ab und genau wie kurz zuvor half er dem Kranken, sich hinzulegen. Diesmal hatte er aber etwas mehr Schwung als er Boernes Beine anhob, und der Professor, der sich wieder ganz vorsichtig auf die Seite hatte legen wollen, kippte unvermittelt und einigermaßen unsanft auf den Rücken.
Mit einem erstickten Aufstöhnen rollte Boerne sofort wieder zurück, krümmte sich zusammen und presste beide Hände auf seinen Hinterkopf.
Und plötzlich wurde Thiel klar, was los war.


"Ach verdammt", fluchte er unterdrückt. "Lassen Sie mal sehen." Vorsichtig zog er Boernes Arme zur Seite, ignorierte dabei dessen kraftlosen Protest. Ganz behutsam fühlte er am Schädel entlang und fand die Stelle, an der Boerne von seinem eigenen Golfpokal getroffen worden war, fast sofort - da war eine taubeneigroße Beule unter seinen Fingern. "Mann, mit so einem Horn sind Sie gestern mit mir auf dem Flughafen rumgegeistert, statt sich von einem Arzt ansehen zu lassen?" Sein Entsetzen hörte man deutlich, auch wenn er nicht laut geworden war.
Trotzdem zuckte Boerne zusammen. Mit zusammengekniffenen Augen versuchte er, seinen Kopf von Thiels Fingern wegzuziehen und flüsterte: "Ich bin doch selber..." Aber Thiel fuhr dazwischen. "Herrgott, diesen Satz kann ich nicht mehr hören!" In seinem frustrierten Knurren lag allerdings nur Sorge, kein Zorn. "Was soll ich machen? Soll ich Sie ins Krankenhaus bringen?"


Boerne öffnete gequält die Augen. "Bloß nicht!" ächzte er. "Tun Sie mir das nicht an!" Ihm fielen die Augen wieder zu, als er noch etwas tiefer in seine Kissen sackte und murmelte: "Ich will einfach nur schlafen."

Thiel schluckte, und das nicht nur, weil Boernes Sprache so schleppend und verwaschen klang.
Er starrte einen Moment mit einem schlechten Gewissen auf seinen Nachbarn hinunter, während die Gedanken in seinem Kopf wirbelten. Wie hatte er so blind sein können? Das hatte sich doch gestern Nacht schon angekündigt! Boerne war bereits auf dem Flugplatz stiller und stiller geworden. Im Auto hatte er Mund und Augen quasi nicht mehr aufgemacht, sondern den Kopf an die Seitenscheibe gelehnt und sich die komplette Rückfahrt nicht gerührt. Thiel hatte gedacht, der Mann wäre todmüde, so wie er selbst auch. Aber spätestens, als Boerne mit seinem Schlüssel das Schlüsselloch nicht traf und er ihm die Tür öffnen musste, hätte ihm klarwerden müssen, dass er nicht dabei war, im Stehen einzuschlafen, sondern, dass etwas ganz und gar nicht stimmte.

Der Kommissar fluchte lautlos; Boerne hätte ja auch verdammt noch mal sagen können, dass es ihm nicht gutging. Aber wie immer hätte er sich wohl eher die Zunge abgebissen, als das zuzugeben.


Thiel seufzte und grübelte. Wie war das denn vor Jahren gewesen, als Lukas eine Gehirnerschütterung gehabt hatte? Sie sollten ihn damals nicht einfach so schlafen lassen, dass wusste er noch. Aber was hatten sie genau gemacht? Gott, wenn er doch etwas mehr Ahnung von Medizin hätte...

Plötzlich kam ihm der erlösende Gedanke. Er drehte sich auf dem Absatz um, um in seine Wohnung zu stürmen, doch dann fiel ihm etwas verspätet auf, dass Boerne nur mit T-Shirt und Pyjamahose auf dem Bett lag und keine Anstalten machte, sich zuzudecken; wahrscheinlich war ihm bei seiner Übelkeit jede Bewegung zuviel. Aber es war kühl im Raum, also zog Thiel die zerwühlte Decke vom Fußende nach oben und breitete sie sorgsam über den reglosen Mann aus.
Danach eilte er in seine Wohnung, holte sein Mobiltelefon und wählte eine ihm gut bekannte Nummer. Während der Freiton ihm zeigte, dass es am anderen Ende klingelte, wanderte er zurück durchs Treppenhaus und kaum dass er erneut in Boernes Flur trat, wurde abgehoben.



"Herr Thiel, sagen Sie mir bitte, dass Sie keine neue Leiche für uns haben!" Silke Hallers Begrüßung klang fast etwas frustriert. "Der Chef kriegt einen Anfall, wenn seine zwei freien Tage wieder draufgehen. Er wollte sich doch noch mal mit seinem Onkel treffen und die letzten Details für den 100. Geburtstag besprechen."

Na, in dem Zustand würde Boerne nirgendwo hingehen, soviel stand fest. "Ich glaube, das kann er vergessen", war Thiels trockene Antwort.
"Oh nein", stöhnte Frau Haller. "Da geht es hin, das Wochenende. Wo haben Sie denn die Leiche gefunden?"
"Nee nee, so war das nicht gemeint", beeilte sich Thiel zu sagen. Und bevor die kleine Frau weiter nachfragen konnte, sprudelte die ganze Geschichte aus ihm heraus. "Boerne geht's nicht gut, er ist eben fast umgekippt und musste sich übergeben. Jetzt liegt er halb weggetreten hier rum und erzählt mir irgendwas von Kommunion oder so ähnlich. Wenn's nach mir ginge, würde ich ihn direkt ins Krankenhaus fahren, aber das will er natürlich nicht, dabei hat er bestimmt 'ne Gehirnerschütterung vom Schlag auf den Schädel gestern."


Frau Haller seufzte. "Commotio, nicht Kommunion" verbesserte sie. "Was der Chef Ihnen sagen wollte ist genau das, was Sie gerade vermuten. Verflixt, eine Gehirnerschütterung... damit hätte ich jetzt gar nicht gerechnet, als er sich gestern vom Schockfrosten erholt hatte, ging es ihm ja eigentlich ganz gut. Aber es kommt schon mal vor, dass die Symptome erst mit einigen Stunden Verspätung auftreten." Sie blieb einen Moment still, und gerade als Thiel fragen wollte, was er denn jetzt tun solle, sagte sie entschlossen: "Ich komme vorbei. Könnten Sie bei ihm bleiben, bis ich da bin? Es ist besser, wenn er nicht allein ist, falls sich sein Zustand weiter verschlechtert. Nicht, dass am Ende noch etwas Ernsteres dahintersteckt."
Thiel war erleichtert, auf Frau Haller war doch wirklich immer Verlass. "Ja klar bleibe ich bei ihm. Bis gleich!"

Da er gerade in der Küche stand, nutzte er die Gelegenheit, in Boernes Kühlschrank nach Tiefkühlerbsen oder ähnlichem zu suchen. Im Eisfach fand er ein Gelkissen, dass er zufrieden in ein Küchentuch einwickelte. Diese Riesenbeule konnte etwas Kälte sicher gut vertragen.


Als er zurück Richtung Schlafzimmer ging, ertönten plötzlich gequälte Geräusche, die eindeutig zeigten, dass Boerne erneut unter einem akuten Übelkeitsanfall litt.
Thiel drehte direkt ab ins Bad und schnappte sich einen Waschlappen, hielt ihn unter den Wasserhahn und eilte damit zum Professor.
Der ließ sich gerade wieder zurück in sein Kissen sinken, die Stirn voller Schweißperlen.


Thiel hockte sich neben das Bett und reichte ihm den Waschlappen. "Hier." Boerne griff das Tuch mit zitternden Händen und wischte sich damit durch das beunruhigend fahle Gesicht. "Danke", flüsterte er heiser, als Thiel den Lappen zurücknahm.

"Ich hab' noch was zum Kühlen", sagte der Kommissar leise und gab dem Professor den kleinen Coolpack in die Hand.
Boerne blinzelte nicht einmal, als er das gefaltete Küchentuch griff und es mit einer unsicheren Bewegung hinten an seinen Kopf hielt. Aber nach kürzester Zeit schien ihm das zu anstrengend zu werden und er ließ den Arm erschöpft sinken.
Kurzentschlossen nahm Thiel ihm das Päckchen wieder ab, setzte sich neben Boerne auf die Bettkante und drückte den kalten Stoff vorsichtig auf die Geschwulst.
Boerne stöhnte leise auf und Thiel ließ etwas lockerer. "Geht's so?", fragte er besorgt, aber er bekam nur ein undefinierbares Seufzen zur Antwort. Das war zwar nicht viel, erschien Thiel aber besser als das schmerzerfüllte Aufstöhnen vorher, deshalb hielt er das Gelkissen einfach weiter an Boernes Kopf und hoffte, dass es helfen würde, die eindrucksvolle Schwellung zu reduzieren.

Nach einer Viertelstunde wurden Boernes Atemzüge etwas langsamer und tiefer und sein gequälter Gesichtsausdruck entspannte sich ein wenig; er schien eingeschlafen zu sein. Thiel wartete noch zwei oder drei Minuten, dann nahm er das Kühlkissen weg und stand auf, um es wieder ins Eisfach zu legen. Sie würden es später sicher noch einmal gebrauchen.




Er kam gerade zurück ins Wohnzimmer, als ein leises Klopfen an der Tür ertönte. Die Hilfe war da! Thiel öffnete, erleichtert, dass die kleine Rechtsmedizinerin so schnell gekommen war. "Moinsen, Frau Haller!"
"Hallo Herr Thiel! Wo ist denn der Chef?" Wie immer hielt sie sich nicht mit nutzlosem Geplänkel auf, sondern kam gleich zur Sache. Das war eine der Eigenarten, die Thiel an der kleinen Frau so schätzte.
"Ich hab' ihn ins Bett gelegt, das ist bequemer als das Sofa", berichtete er, während er ihr vorausging. "Jetzt gerade ist er eingedöst."
Silke folgte ihm und trat hinter ihm in Boernes Schlafzimmer. "Ohje, den hat's ja ziemlich erwischt", seufzte sie, als sie einen Blick auf den reglosen Professor geworfen hatte.

Boerne lag immer noch zusammengekrümmt auf der Seite. Nur sein blasses Gesicht und die verwuschelten Haare schauten unter der Bettdecke hervor. Er sah ein wenig aus wie ein kranker kleiner Junge.

"Er war klar und orientiert, oder? Hat er normal mit Ihnen gesprochen?"
Thiel nickte bedächtig. "Ja, orientiert schon. Aber er redet irgendwie etwas komisch, nicht so deutlich wie sonst."

Genau wie Thiel kurz zuvor setzte Frau Haller sich zu Boerne auf die Bettkante. "Wo wurde er denn von dem Schlag getroffen?", fragte sie mit gedämpfter Stimme. Thiel wies auf seinen Hinterkopf und sie nickte und beugte sich vorsichtig über ihren Chef. Ganz behutsam tastete sie den Schädelknochen ab. Boerne zuckte zusammen und stöhnte, wurde aber nicht richtig wach.
Sie runzelte die Stirn. "Meine Güte, was für ein Ei", flüsterte sie konsterniert. "Ich kann natürlich nicht mit Sicherheit sagen, ob der Knochen unter dieser Beule heil geblieben ist, aber zumindest ist sie fest, so wie es sich gehört. Wenn die Schwellung weich und nachgiebig wäre, hätten wir ein gewaltiges Problem."
Die Medizinerin wandte sich wieder zu Boerne, legte zwei Finger an seinen Hals und fühlte seinen Herzschlag, während sie das bleiche Gesicht studierte. "Kein Druckpuls, gut", murmelte sie zu sich selbst.


Dann holte sie eine kleine Taschenlampe hervor. "Das wird ihm jetzt wahrscheinlich nicht gefallen", sagte sie zu Thiel. "Ziehen Sie mal die Vorhänge zu? Der Raum muss ein wenig abgedunkelt werden."
Thiel kam ihrer Bitte umgehend nach, während Sie Boerne leicht an der Schulter berührte. "Chef? Können Sie mich hören?"
Boerne seufzte nur aber regte sich nicht.
"Professor, schauen Sie mich mal an, ja?" Sie drückte ihn ein wenig auf den Rücken und drehte seinen Kopf dann behutsam soweit, dass sie beide Augen sehen konnte. Er stöhnte auf und verzog das Gesicht, weil ihm das Liegen auf dem Kissen Schmerzen bereitete, aber als er sich zurückrollen wollte, hielt sie ihn fest. "Chef, nun helfen Sie uns doch ein bisschen."


Endlich reagierte Boerne. "Alberich, was wollen Sie denn hier?" murmelte er und blinzelte seine kleine Assistentin etwas verwirrt an. Dann ließ er die Augen wieder zufallen, bevor sie überhaupt die Taschenlampe anheben konnte.
"Herr Thiel hat mich gerufen, weil Sie mal wieder zu stur sind, um sich von einem Arzt ansehen zu lassen."
Thiel schnaubte amüsiert über diese deutlichen Worte.
"Also machen Sie jetzt kurz mit, dann lasse ich Sie auch schnell wieder in Ruhe. Öffnen Sie die Augen, ja?"
Boerne tat nichts dergleichen, schluckte nur einmal krampfhaft und flüsterte: "Mir geht's gut." Seine Aussage verlor massiv an Glaubwürdigkeit, als er sich direkt danach mit Gewalt auf die Seite warf, um sich zu übergeben.


Die kleine Frau blieb scheinbar unbeeindruckt neben ihm sitzen und rieb ihm während des Anfalls in beruhigenden Kreisen über den Rücken, während Thiel einmal mehr das Bad ansteuerte.
Als er zurückkehrte, dirigierte Frau Haller den Kranken gerade vorsichtig zurück auf sein Kissen, nahm mit einem dankbaren Nicken den frischen Waschlappen aus Thiels Hand und wischte ihrem keuchenden Chef behutsam das Gesicht ab.
Langsam entspannte sich Boerne ein wenig und als er endlich wieder normal atmete, ergriff sie erneut das Wort. "Wenn Sie mich jetzt nicht sofort ansehen, werde ich einen Krankenwagen rufen und Sie in die Uniklinik bringen lassen." Sie blickte dabei zu Thiel und zwinkerte ihm zu.

Thiel zog erstaunt die Augenbrauen hoch; Frau Haller war sich ja für keinen miesen Trick zu schade! Er hatte schon immer gewusst, dass sie nicht zu unterschätzen war.

Sie hatte recht überzeugend geklungen; tatsächlich so überzeugend, dass Boerne die Augen öffnete, obwohl es ihm sichtlich schwerfiel, sie offen zu halten und seinen Blick zu fokussieren. "Alberich, sie sind ein echter Terrorkrümel" ächzte er.
Thiel grinste, dass Boerne ein wenig Kampfgeist zeigte, war seiner Ansicht nach ein gutes Zeichen.


"Nun stellen Sie sich mal nicht so an Chef, Sie sind doch kein Baby mehr. Also, Sie wissen ja, wie es geht. Fixieren Sie mal einen festen Punkt dahinten an der Wand." Noch während sie sprach, schaltete sie die kleine Lampe ein und leuchtete damit in Boernes rechtes Auge. Im gleichen Moment zuckte er wie von einem Peitschenhieb getroffen zusammen und drehte mit einem erstickten Stöhnen den Kopf weg.

"Chef, bitte!" Frau Haller fasste seine Schulter. "Ich weiß, dass das unangenehm ist, aber Sie müssen uns schon ein wenig helfen. Wir werden doch alle unseres Lebens nicht mehr froh, wenn Sie hier unbemerkt in ein Hirnödem rutschen."
Thiel sah, dass die kleine Frau ehrlich besorgt war, es war ihr ernst mit dieser Aussage. Boerne merkte das auch. Er rollte sich mühsam auf die Seite, griff die Hand, die immer noch auf seiner Schulter ruhte, und drückte sie. "Ich habe keine Hirnblutung und auch kein Hirnödem, morgen ist alles wieder gut", murmelte er dabei mit geschlossenen Augen. "Nun machen Sie Zwerg sich mal nicht solche Riesen-Sorgen."
Frau Haller lächelte ein wenig über diesen halbherzigen Versuch, sie zu besänftigen aber schien sich mit seiner Versicherung erst einmal zufrieden zu geben. "Wenn Sie es sagen, Chef. Brauchen Sie ein Schmerzmittel? Oder was gegen Übelkeit?"
"Das würde wieder rausfliegen", flüsterte Boerne. "Ich will nur schlafen."
Frau Haller strich ihm fast liebevoll eine Haarsträhne aus der Stirn. "Dann ruhen Sie sich aus." Sie zog seine Decke etwas höher, blieb aber auf dem Bett sitzen. Boerne sackte etwas tiefer in seine Kissen und entspannte sich deutlich sichtbar, ihre Hand immer noch in seiner.

Thiel beobachtete die beiden schmunzelnd. Das besondere Verhältnis dieser grundverschiedenen Kollegen faszinierte ihn immer wieder. Als Frau Haller kurz zu ihm schaute, signalisierte er ihr, dass er im Wohnzimmer warten würde und nachdem sie ihm verstehend zugenickt hatte, verließ er den Raum. Boerne war ja bestens versorgt.




Thiel hatte die Zeitung vom Vortag fast durchgelesen, als die kleine Frau ins Wohnzimmer kam. "Er schläft wieder."
Der Kommissar blickte auf. "Meinen Sie wirklich, dass alles ok ist mit ihm?"
Sie seufzte, als sie sich neben ihm auf das Sofa setzte. "Ich hoffe, ja. Er scheint klar und orientiert zu sein. Das größte Problem im Moment sind wohl die Kopfschmerzen und die Übelkeit. Wahrscheinlich kommt bei jeder Bewegung auch noch Schwindel hinzu."


Thiel erinnerte sich nur zu gut daran, wie stark Boerne getaumelt war, nachdem er ihn aus dem Bett geklingelt hatte. "Ganz bestimmt sogar, der kann keinen Schritt geradeaus gehen. Aber er spricht inzwischen wieder etwas deutlicher."
"Das ist doch schon mal ein gutes Zeichen."



Frau Haller blieb bis es dunkel wurde und wechselte sich mit Thiel dabei ab, den Professor zu versorgen. Boerne wurde leider noch recht häufig von Übelkeit heimgesucht; wenn er dann mal eine Weile fester schlief, weckten die kleine Frau ihn regelmäßig, um sicherzustellen, dass er nicht in eine tiefe Bewusstlosigkeit rutschte. Boerne reagierte meist zu ihrer Zufriedenheit, aber eine Besserung der Symptome war nicht wirklich zu erkennen.
Am frühen Abend verabschiedete sie sich von Thiel, der ihr versprach, deshalb weiterhin jede Stunde nach dem Kranken zu sehen.
Für eine Weile hielt er das auch durch, aber dann wurde er allmählich müde; in der Nacht zuvor hatte er definitiv nicht genug Schlaf bekommen. Er überlegte kurz, sich auf Boernes Sofa zu legen, aber vielleicht würde er dann nicht hören, wenn etwas mit dem Professor war. Der hatte sich zwar zum Glück seit einigen Stunden nicht mehr übergeben, aber man wusste ja nie... Also holte er sich die Eieruhr aus der Küche, stellte sie auf 60 Minuten ein und ging in Boernes Zimmer.
Es gab dort keinen Stuhl und der Boden war ihm zu kalt, deshalb nahm er kurzentschlossen neben dem Kranken Platz, die Matratze war ja breit genug. Erschöpft lehnte er sich an das Kopfteil des Bettes.
Natürlich war er innerhalb kürzester Zeit eingenickt.


Er schlief so tief, dass er ewig nicht bemerkte, wie er an der Schulter geschüttelt wurde. Als das Rütteln endlich zu ihm durchdrang, brummte er ganz abwesend und etwas unwillig: "Noch fünf Minuten..."; aber als ihm plötzlich bewusst wurde, wo er sich befand, riss er erschreckt die Augen auf. Peinlich berührt fiel ihm auf, dass er inzwischen nicht mehr aufrecht saß, sondern tatsächlich lag und sich sogar ein Stück Decke übergezogen hatte.
Hektisch und etwas mühsam setzte er sich auf und schaute zu Boerne. Der fixierte ihn mit einem sichtbar erschöpften aber überraschenderweise ziemlich klaren Blick. "Sie sehen schrecklich aus. Gehen Sie ins Bett. In IHR Bett."
Der Kommissar brauchte einen Moment, um sich zu besinnen. "Aber ich habe Frau Haller versprochen, jede Stunde nach Ihnen zu sehen."
Boerne drehte sich behutsam auf den Rücken und verzog das Gesicht, als er scheinbar etwas zu weit rollte. "Es ist vier Stunden her, dass ihr Behelfswecker geklingelt hat. Wie Sie sehen, lebe ich noch." Er schloss seufzend die Augen und rutschte tiefer unter die Decke. "Gehen Sie schon, Thiel. Es geht mir gut. Aber es ginge mir noch besser, wenn Sie mich schlafen ließen und mich nicht durch ihr Geschnarche wachhalten würden."


Thiel schwang die Beine über die Bettkante und rieb sich die Augen. "Boerne, es tut mir leid... ich.."
Der Professor ließ ihn gar nicht ausreden. "Nun ersparen Sie uns mal Ihr somnolentes Gestammel", murmelte er. "Haben Sie kein Zuhause?"


Thiel schnaubte, Boerne war eindeutig auf dem Weg der Besserung. "Ich lege Ihnen das Telefon hin, ja? Wenn etwas ist, rufen Sie mich sofort an, verstanden?"
"Als ob Sie das Klingeln hören würden..." kam es leise unter der Bettdecke hervor.

An dem Einwand des Professors war zwar durchaus etwas dran, trotzdem stolperte der verschlafene Kommissar ins Wohnzimmer, holte das Telefon und legte es auf Boernes Nachttisch. Dann warf er noch einen Blick auf seinen Nachbarn. Der Mann war immer noch bleich, aber er sah wirklich etwas besser aus, nicht mehr so elend wie in den Stunden zuvor. Er atmete ruhig und ganz regelmäßig, schlief wohl schon wieder. Also drehte Thiel sich sich um und wollte gerade in seine Wohnung gehen, als ihn ein leises "Danke" zurückblicken ließ.
Thiel lächelte etwas. "Dafür nich'." Dann wanderte er in seine Wohnung, fiel auf sein Bett, und schlief, bis er am Mittag von den Kirchenglocken geweckt wurde.




Gähnend setzte Thiel sich auf und fuhr sich mit beiden Händen durch die Haare. Was für ein Tag gestern! Das war jetzt die zweite viel zu kurze Nacht gewesen.
Er verschwand für fünf Minuten im Bad und nachdem er sich etwas frischgemacht hatte, durchquerte er einmal mehr das Treppenhaus und klopfte leise bei seinem Nachbarn. Er hatte nun doch ein schlechtes Gewissen, weil er Boerne allein gelassen hatte.


Beim Professor rührte sich nichts. Etwas besorgt klopfte Thiel lauter an die Tür und klingelte auch. Aber niemand öffnete. Nicht, dass es Boerne wieder schlechter ging? Er wurde ganz unruhig.
Thiel eilte zurück in seinen Flur und holte den Ersatzschlüssel, den Boerne ihm vor Monaten mal gegeben hatte. Er schloss die Tür auf, trat in die Wohnung und zuckte erschreckt zusammen, als er keine zehn Zentimeter vor seinem Nachbarn stand. "Mensch Boerne, müssen Sie hier so rumschleichen!"

Boerne zog amüsiert eine Augenbraue hoch. "Es war mir nicht klar, dass ich mich in meiner eigenen Wohnung nicht frei bewegen darf."

Thiel hob abwehrend die Hände. "Sie wissen genau, wie ich das meine." Er musterte sein Gegenüber. Boerne sah wesentlich besser aus als am Vortag. Er hatte scheinbar geduscht, die Haare waren noch nass. Sein Gesicht war immer noch ziemlich bleich, aber er war nicht mehr so wackelig auf den Beinen und seine Augen funkelten schon wieder recht lebendig, als er einen gezielten Blick auf den Schlüssel in Thiels Hand warf und zynisch bemerkte: "Den hatte ich Ihnen doch nur für Notfälle gegeben."

"Ich hab geklopft und geklingelt, aber Sie haben nicht aufgemacht", murmelte Thiel lahm.
Boerne nickte verstehend. "Na kommen Sie schon rein", sagte er dann.

Während der Professor ins Wohnzimmer ging, bemerkte er: "Apropos Notfall; was Ihre eigenwillige Interpretation dieses Begriffes angeht: defekte Küchengeräte aller Art fallen unter keinen Umständen in diese Kategorie." Er warf einen Blick über seine Schulter und noch ehe Thiel überhaupt etwas erwidern konnte, setzte er hinzu. "Bevor Sie fragen, auch kaputte Kühlschränke gelten nicht. Wagen Sie nicht, jemals bei mir zu klingeln, weil Ihr degoutantes Bier warm wird!"
Thiel grinste. "Ich versuch', dran zu denken."
Boerne lächelte ebenfalls und wies mit dem Kopf in Richtung Küche. "Kaffee?"
Thiels Augen leuchteten auf. "Oh ja!"


Der Sonntag war gerettet.

Nachwirkungen

Tags: alberich, boerne, episodenbezug, fanart, fanfic, freundschaft, h/c, humor, jan josef liefers, manip, missing scene, tatort - krumme hunde, thiel
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