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Bingo-Prompt 5, Karte 2

Titel: Licht - Kapitel 13
Prompt:
Regenbogen
Genre Angst, Krimi, h/c
Zusammenfassung: Er nahm den Pokal in die Hand und starrte versonnen auf das Licht, das sich wirklich wundervoll in dem prismaartig geschliffenen Glasfuß der Trophäe brach. Je nachdem, wie er sie drehte, konnte er alle Farben des Regenbogens darin erkennen.
Anmerkungen: Da habe ich den Regenbogen doch glatt ein zweites Mal bekommen. Das ist ein Zeichen...
A.N. 1: In diesem Leben wird das nix mehr mit Beta
Wörter: 15000

A.N. 2: Nach ein paar kurzen Erläuterungen von isti83 ist hiermit klar, dass ein Großteil meiner Ideen völlig unrealistisch ist. Ich möchte mal sagen, nahezu Bullshit. Ich habe kein völlig schlechtes Gewissen, Münster ist ja immer etwas daneben. Aber ihr seid hiermit gewarnt.

A.N. 3: Im folgenden Kapitel habe ich mir frech erlaubt, das Aufgabengebiet eines Rechtsmediziners auszuweiten und nicht den Hauch einer Ahnung, ob es so etwas, wie ich es beschreibe, gibt. Wahrscheinlich nicht; aber für die Geschichte war es wichtig.
Ihr seid wiederum gewarnt.


Mit neuer Energie sprang Thiel auf. „Ich muss ins Präsidium. Können Sie mich begleiten? Es wäre das Beste, wenn Sie Ihre Aussage in Gegenwart der Staatsanwaltschaft wiederholen.“
Jaschke war ebenfalls schon aufgestanden. „Meinen Sie, das reicht aus, um Karl aus dem Gefängnis zu bekommen?“ Er wirkte aufgeregt.
„Ich hoffe es!“ Thiel war schon fast an der Tür. „Haben Sie ein Auto? Dann kommen Sie.“


Noch auf dem Weg in die Tiefgarage telefonierte Thiel mit Staatsanwältin Klemm. Er ersparte sich größere Erklärungen, bat sie nur, dringend ins Präsidium zu kommen. Sie schien an seinem Tonfall zu hören, dass etwas Entscheidendes passiert war und versicherte ihm lediglich, sich gleich auf den Weg zu machen.



Die Fahrt durch den Münsteraner Nachmittagsverkehr schien Thiel eine Ewigkeit zu dauern. Er konnte seine Ungeduld und seine Aufregung fast nicht mehr unter Kontrolle halten. Als sie endlich vor dem Präsidium geparkt hatten, rannte er regelrecht auf das Gebäude zu und in den zweiten Stock hinauf, Jaschke immer nur einen halben Meter hinter ihm.


Die Tür zu Thiels Büro stand glücklicherweise offen, bei seiner ungezügelten Energie wäre sie vermutlich derart heftig an die Wand geschlagen, dass sie irreparable Schäden davongetragen hätte.
Trotzdem polterte Thiel mit einer solchen Wucht in den Raum, dass Frau Haller, die mit Nadeshda über eine Mappe der Rechtsmedizin gebeugt stand, erschreckt auffuhr.

„Chef, wird’s denn gehen?“ Nadeshda hatte sich wie immer nicht von seinem Auftritt aus der Ruhe bringen lassen und schaute amüsiert auf. Doch ihr Gesichtsausdruck veränderte sich bei seinem Anblick innerhalb von einer Sekunde. „Professor Jaschke? Chef? Was ist passiert?“
Thiel war auf sie zugestürmt und fasste sie aufgeregt an beiden Oberarmen. „Nadeshda… Boernes Fall, es gibt neue Erkenntnisse!“
„Was für Erkenntnisse?“ Die aufgeregte Frage kam von Frau Haller, doch bevor Thiel etwas erklären konnte, betrat die Staatsanwältin das Büro.
Sie ließ ihren Blick über die aufgeregten Personen schweifen, bevor sie nur ruhig fragte: „Thiel, was zur Hölle ist los?“


Thiel holte tief Luft und berichtete dann knapp und präzise von den Erkenntnissen, die er im Gespräch mit Professor Jaschke gewonnen hatte.
Als er geendet hatte, herrschte für einen Moment Stille, dann ergriff die Staatsanwältin das Wort. „Lassen Sie mich das zusammenfassen: in Boernes Wohnung ist nachts um fünf nach drei ein einzelner Schuss gefallen, alle Bewohner des Hauses stimmen da mit ihren Aussagen überein.“ Eindringlich wandte sie sich nun an Professor Jaschke. „Aber Sie sind sicher, dass dieser besagte Schuss die Verletzung der Frau nicht verursacht hat?“
Er nickte energisch. „Absolut sicher. Der Zustand der Wunde bei OP-Beginn lässt keinen anderen Schluss zu, sie wurde ihr eindeutig zu einem früheren Zeitpunkt zugefügt.“
Frau Klemm erhob sich von ihrem Stuhl. „Und das kann nicht in Boernes Wohnung geschehen sein, die Mieter hätten das gehört. Es beweist, dass sie an einem anderen Ort niedergeschossen worden ist.“
Sie zerrte sich ihre Haarklammer aus der Frisur und drehte sie erregt in den Händen. „Wo das passiert ist und wer ihr das angetan hat, ist unklar. Tatsache ist aber, dass sie schon schwer verletzt gewesen sein muss, als sie – auf welche Art auch immer - in Boernes Wohnung gebracht wurde.“ Sie blickte wieder auf. „Sie wissen, dass Thiel den Professor auf dem Boden vorgefunden hat, umgeben von den Scherben einer Vase, desorientiert und verletzt. Kann sie Boerne in ihrem Zustand mit dieser Vase niedergeschlagen haben?“
Jaschke schüttelte den Kopf. „Auf keinen Fall. Sie wäre mit dieser dramatischen Verletzung niemals in der Lage gewesen, ihm eine derart schwere Gehirnerschütterung zuzufügen.“
„Aber ihre Fingerabdrücke sind auf den Scherben gefunden worden!“
Jaschke schüttelte nochmals nachdrücklich den Kopf. „Sie kann diese Vase in ihrem Zustand nicht selber gehoben oder gar geschlagen oder geworfen haben. Das ist absolut unmöglich, glauben Sie es mir. Sie ist zum Zeitpunkt des Schusses in Boernes Wohnung garantiert schon bewusstlos gewesen.“

„Damit ist bewiesen, dass eine dritte Person beteiligt gewesen sein muss, so wie Boerne es von Anfang an beteuert hat." Ein Lächeln wie das, das sich nun auf Frau Klemms Gesicht ausbreitete, hatte Thiel noch nicht an ihr gesehen. Leise fügte sie hinzu: „Das reicht aus. Dieser Fall wird neu aufgerollt werden, und das ganz schnell.“


Thiel konnte nicht anders, er strahlte wie ein Honigkuchenpferd, während Nadeshda eine Faust ballte und Jaschke eine bleiche Frau Haller für einen Moment in seine Arme zog.
„Thiel, ich muss telefonieren.“ Ohne weiteres Wort ließ Frau Klemm sich in seinen Schreibtischstuhl fallen.




Die Staatsanwältin sprach eine ganze Weile.
Nadeshda hatte inzwischen für alle Anwesenden einen Kaffee besorgt, den Frau Klemm, nachdem sie den Hörer endlich aufgelegt hatte, allerdings ignorierte. Stattdessen durchwühlte sie ihre Handtasche nach einer Zigarette und zündete sie an. Dann stand sie auf und lehnte sich an die Fensterbank. „Die Kollegen der Staatsanwaltschaft, die Boernes Fall bearbeiten, sind auf dem Weg hierher, auch der Richter ist informiert. Wenn er einsichtig ist, sollten wir Boerne innerhalb kürzester Zeit da raus haben.“

Dann schüttelte sie den Kopf und hob in einer fast hilflosen Geste die Hände. „Ich kann ehrlich gesagt nicht verstehen, dass diese zeitliche Diskrepanz nicht früher aufgefallen ist, das hätte doch jemand bemerken müssen. Professor, was haben Sie denn in Ihren Operationsbericht geschrieben? War das für niemanden ersichtlich?“

Jaschke ging gleich in Abwehrstellung. „Doch, auf jeden Fall! Ich habe die Menge des Sekrets, das wir nach Eröffnung der Bauchdecke absaugen mussten, genau dokumentiert, und natürlich auch die Größe und Lokalisation der vielen kleinen Gefäß- und Darmverletzungen. Daraus lässt sich leicht ableiten, dass die Defekte über einen längeren Zeitraum unversorgt geblieben sind, sonst hätte diese massive Blut- und Stuhlansammlung in der Bauchhöhle niemals zustande kommen können. Und auf die Verletzungen an ihren Fingerkuppen hatte ich ebenfalls noch hingewiesen.“ Er zuckte verständnislos mit den Schultern. „Jeder Mediziner, der mit dem Tathergang vertraut war, konnte aus meinem Bericht die richtigen Schlüsse ziehen.“
„Meine Güte, dann muss der zuständige rechtsmedizinische Berater das doch gesehen haben, so etwas darf ihm doch nicht entgehen!“ Frau Klemm wurde immer ungehaltener. „Frau Haller, wer hat das bearbeitet?“
Die jüngere Frau antwortete sofort. „Das war Professor Diebeck.“
„Das ist nicht Ihr Ernst!“ Thiel ballte frustriert die Fäuste. „Gott, er ist so ein Idiot. Wenn er nicht so blind gewesen wäre, es wäre niemals so weit gekommen!“ Er war richtig aufgebracht.


Doch die Staatsanwältin wies ihn überraschenderweise zurecht „Thiel, halten Sie sich etwas zurück, ja?“ Sie runzelte ganz nachdenklich die Stirn, als sie hinzufügte: „Erstaunlicherweise hat nicht einmal Boerne selber etwas bemerkt, dabei hat sein Rechtsanwalt den OP-Bericht natürlich ebenfalls erhalten. Und Sie können Gift drauf nehmen, dass der Professor ihn gründlich studiert hat.“

Nun schüttelten Jaschke und Frau Haller gleichzeitig den Kopf.
„Frau Klemm, ein solch wichtiges Detail wäre Karl niemals entgangen. Niemals. Er kann den Bericht nicht gelesen haben.“ Jaschke war inzwischen sichtbar irritiert von seinem Stuhl aufgestanden.
„Und auch Diebeck ist nicht dumm“, mischte Frau Haller sich ein. „Er ist ein unangenehmer Zeitgenosse, aber er hat einen scharfen Verstand. Es ist kaum vorstellbar, dass er das übersehen haben soll.“
Jaschke hatte dem noch etwas hinzuzufügen. „Das ist wirklich mehr als verwunderlich. Er war bestens vertraut mit dem Fall und auch sehr interessiert daran, er hat sich bei meinen Kollegen regelmäßig nach der jungen Frau erkundigt.“

Nadeshda blickte nur verwundert von einem zum anderen. „Also da stimmt doch irgendetwas nicht.“ Sie wandte sich an Jaschke. „Kann es sein, dass die Klinik einen fehlerhaften oder unvollständigen OP-Bericht abgeschickt hat?“
Er wehrte das energisch ab. „Nein, unter keinen Umständen. Nachdem meine Sekretärin ihn getippt hat, habe ich ihn gegengelesen und unterzeichnet und dann selber an die Rechtsmedizin gefaxt.“


Thiel war während dieser Diskussion immer stiller geworden.
Irgendetwas klingelte in seinem Hinterkopf, eine Idee, die sich langsam weiter nach vorne drängte, auch wenn er sie noch nicht recht fassen konnte. Aber dann, mit einem Mal, fielen alle Puzzleteile an ihren Platz. Für einen Moment traute er sich kaum, seine Gedanken in Worte zu fassen, sie kamen ihm selber zu ungeheuerlich vor. Doch dann sprang er auf.
„Nadeshda, wir haben doch Professor Jaschkes OP-Bericht im Computer. Zeigen Sie ihn uns!“ Thiel war derart angespannt, dass seine Kollegen verwunderte Blicke austauschten.


Innerhalb kürzester Zeit hatte Nadeshda den entsprechenden Bericht aufgerufen und Jaschke kam schon an den Schreibtisch, ohne dass Thiel ihn extra bitten musste. Er hatte kaum angefangen zu lesen, als er sich stirnrunzelnd vorbeugte. „Das kann nicht sein…  hier steht eine falsche Zahl, die freie Flüssigkeitsmenge im Bauch war signifikant größer als das, was hier angegeben ist!“ Er wirkte regelrecht geschockt. „Das habe ich so nicht unterschrieben! Der Bericht meiner Sekretärin war korrekt, ich bin mir da absolut sicher!“

Thiel knurrte nur leise. „Keine Sorge, ich auch.“
Die Staatsanwältin trat nun ebenfalls näher. „Thiel, was wird das? Worauf wollen Sie hinaus?“

Aber Thiel war noch nicht fertig. „Frau Haller! Als ich den Professor im Gefängnis besucht habe, hat er Diebeck als vergnügungssüchtigen Giftmischer bezeichnet. Giftmischer ist klar, aber wieso vergnügungssüchtig, wie kommt er darauf? Er sagt so etwas doch nicht ohne Grund?“

Frau Haller schaute verwundert. „Das hat der Chef wirklich gesagt? Ich dachte immer, er hätte davon nichts mitbekommen.“ Die kleine Frau verdrehte die Augen, bevor sie erklärte: „Es halten sich schon seit längerem die Gerüchte, dass Diebeck sich neben seiner Ehefrau mit ein paar anderen Liebschaften vergnügt. Vorzugsweise Frauen aus dem… horizontalen Gewerbe.“
Frau Klemm schnaubte amüsiert, Thiel jedoch war nicht zum Lachen zumute.


Wenn die meisten seiner Kollegen auch noch nicht gemerkt hatten, worauf er abzielte, Nadeshda war in dieser Sekunde ein Licht aufgegangen. „Sein Mercedes ist anthrazitfarben. Die Farbe ist im Dunkeln von schwarz kaum zu unterscheiden.“
Sie begann, hektisch an ihrem Computer zu arbeiten, rief alle Informationen auf, die sie innerhalb kürzester Zeit über den Professor finden konnte.


Nun begriff auch Frau Klemm. „Thiel, das kann nicht Ihr Ernst sein! Sie wollen doch nicht andeuten… warum sollte er das tun?“

„Warum? Ich hab‘ verdammt noch mal keine Ahnung, warum! Ich weiß nur, dass er dahinter steckt!!“ Thiel verspürte einen Zorn wie selten zuvor in seinem Leben.
Jaschke und Frau Haller dagegen blickten verwirrt von einem zum anderen. „Herr Thiel, verdächtigen Sie etwa Professor Diebeck?“ Die kleine Frau starrte ihn betroffen an, während Frau Klemm nur ungläubig den Kopf schüttelte.


„Oh ja, das ist genau das, was ich tue!“ Wutentbrannt marschierte er durch das Büro und zählte an den Fingern ab, als er seinen Kollegen Argument für Argument vorbrachte. „Er verfügt über das nötige Fachwissen, einen solchen Coup zu planen und durchzuziehen, er kennt sich aus mit Schmauchspuren, Fingerabdrücken, mit allen Methoden, die wir haben. Er ist in der perfekten Position gewesen, den OP-Bericht zu manipulieren. Er fährt ein passendes Auto. Er verkehrt mit Prostituierten. Und dieses rege Interesse an der Verletzten…“ Thiel schnaubte bitter. „Er hat wohl nicht damit gerechnet, dass sie überleben würde. Ein Punkt in seinem perfekten Plan, der nicht funktioniert hat, wie er sollte, sie könnte ihm noch gefährlich werden.“ Er drehte sich nun Jaschke zu. „Sobald sie Anzeichen zeigt, wieder zu Bewusstsein zu kommen, wird er handeln, da bin ich mir sicher.“


Er wollte sich gerade weiter Luft machen, als Nadeshda ihm ins Wort fiel. „Chef.“ Sie hatte die Augen weit aufgerissen. „Diebeck ist in der Nacht, in der Boerne verhaftet wurde, geblitzt worden. Um 3:15 Uhr, in der Josefstraße. Die liegt auf halber Strecke zwischen Professor Boernes Haus und Diebecks Wohnung.“
Thiel fuhr wieder herum und starrte die Staatsanwältin an. „Herrgott Frau Klemm, was brauchen Sie noch?

Offensichtlich brauchte sie nichts weiter. „Schaffen Sie mir den Mann aufs Präsidium. Sofort.“ Ihre Stimme war eisig.

Tief befriedigt wandte Thiel sich an die Rechtsmedizinerin. „Frau Haller, wissen Sie, wo Diebeck gerade ist? Im Institut?“
Sie schüttelte gleich den Kopf. „Nein, er ist in seinem Schützenverein. Dahin geht er jeden Montagnachmittag, schon seit Jahren.“
Thiel stoppte abrupt. „Er schießt?“
Frau Haller winkte nur ab. „Ja, sogar begeistert. Wenn er denn mal die Klappe aufmacht, muss man sich anhören, dass er wieder aus irgendeiner dubiosen Quelle eine neue Waffe für sein Sammelsurium aufgegabelt hat. Ich weiß nicht, wie viele Pistolen er inzwischen besitzt, aber es dürften einige sein.“

Fassungslos schüttelte Frau Klemm den Kopf. „Es passt wirklich alles.“ Sie machte eine ungeduldige Geste, als wolle sie Thiel wegscheuchen. „Worauf warten Sie noch?“
Während sie das sagte, klingelte ihr Mobiltelefon und nach einem kurzen Blick auf das Display nahm sie es ans Ohr. „Hermann, was gibt’s?“
Der grinsende Thiel hatte gerade seine Dienstwaffe aus der Schublade gerissen und schnappte eben seine Jacke vom Schreibtisch, als Frau Klemm wortlos auf einen Stuhl sank.


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Tags: action, alberich, angst, bingo 2012, boerne, drama, fanfic, freundschaft, h/c, krimi, nadeshda, staatsanwältin klemm, thiel
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