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Bingo-Prompt 7, Karte 2

Titel: Noch ein weiter Weg
Prompt:
Lachen
Genre: Freundschaft, ein bißchen Nachdenklichkeit; ich glaube, h/c ist das nicht
Zusammenfassung: Allmählich war wohl zu einem Großteil der Alkohol Grund für ihrer aller Erheiterung, aber Thiel war selber nun auch wahrlich nicht mehr nüchtern und lachte entspannt mit.
Und es tat gut, so zu lachen.
Anmerkungen: Das kurze Teil hier ist sozusagen eine missing scene zur Geschichte "Licht." Spielt vor dem Epilog.
Vielleicht bleibt das nicht die einzige Kleinigkeit dieser Art, mal sehen. Wenn noch die eine oder andere nachkommt, sind sie alle einzelstehend, nicht im Zusammenhang und auch ohne sinnvolle Reihenfolge. Das hängt aber sehr davon ab, wie sich meine Muse in der nächsten Zeit entwickelt. Gut möglich, dass die nach diesem Gewaltmarsch der letzten 16 Tage erst einmal Urlaub macht
Wörter: 2000



Thiel warf einen kurzen Blick über seine Schulter und signalisierte Gennadi mit dem Wink seines leeren Pilsglases, dass er gerne noch ein weiteres trinken würde. Nadeshdas Vater nickte lachend und hielt sogleich ein Glas unter den Zapfhahn. Befriedigt grinsend wandte Thiel sich zurück. Nachschub würde bald kommen.

Gott sei Dank hatte Boerne irgendwann die Initiative ergriffen und ihnen (oder wohl vor allen Dingen Thiel) auf eine recht elegante Art, ohne dass Frau Klemm sich beleidigt fühlen konnte, zur Flucht aus dem Edel-Restaurant verholfen, in das die Staatsanwältin sie heute Abend geführt hatte.
Er musste Boerne unbedingt noch beiseite nehmen und ihm dafür danken. Die zwei Stunden, die sie dort über den verschiedensten Gängen gesessen hatten, waren Thiel wie eine Ewigkeit vorgekommen. Er war sich sicher, das Boerne das nicht entgangen war; das durfte sogar der Hauptgrund gewesen sein, warum der Professor ziemlich schnell nach dem Essen gebeten hatte, die Lokalität zu wechseln, unter dem Vorwand, dass er auf den hochrückigen, geraden Stühlen des Restaurants einfach nicht mehr gut sitzen könne. Wobei diese Aussage wahrscheinlich sogar den Tatsachen entsprach, aber unter anderen Umständen hätte Boerne sicher niemals ein Wort darüber verloren.

Hier im Kalinka ging es doch wesentlich zwangloser zu als in dem Nobelschuppen zuvor, in dem Thiel doch tatsächlich in Schlips und Kragen hatte erscheinen müssen. Wäre der Grund der Einladung nicht das glückliche Ende der letzten, schrecklichen vier Monate gewesen, er hätte wahrscheinlich sogar darauf verzichtet, sie anzunehmen.
Aber die Tatsache, dass all seine Kollegen – sogar Boerne - kommen wollten, hatte ihn dann doch dazu bewegt, in den sauren Apfel zu beißen und seinen Anzug hervorzukramen. Der hatte sogar noch einigermaßen repräsentabel ausgesehen, und das Hemd hatte er extra gebügelt. Aber als er nach fünfzehn Minuten immer noch nicht geschafft hatte, einen Krawattenknoten zu binden, hatte er kapituliert und sich kurzerhand in der Nachbarwohnung Hilfe geholt.
Boerne hatte leise gelacht, als er ihm etwas verlegen die Krawatte hingehalten hatte; aber es war kein überhebliches oder zynisches Lachen gewesen, sondern ein gutmütiges. Die Augen in seinem immer noch so schmalen Gesicht hatten amüsiert gefunkelt.
Und es hatte gut getan, ihn so zu sehen.



Mit einem wohligen Aufseufzen sank Thiel noch etwas tiefer in seinen Stuhl, verschränkte die Arme und ließ den Blick über seine Kollegen schweifen. Alle hatten sich zur Feier des Tages ziemlich herausgeputzt. Naja gut, die Staatsanwältin war immer eher elegant gekleidet, bei ihr war kein wirklich großer Unterschied zu entdecken, und Boerne traf man außerhalb des Institutes eigentlich auch nur im Anzug an; wobei er im Augenblick in seiner Kleidung recht verloren wirkte, so dünn, wie er geworden war. Doch das würde sich hoffentlich in den nächsten Wochen nach und nach normalisieren.
Ebenso wie Thiel selbst sahen Nadeshda und Frau Haller jedoch ganz anders aus als sonst. Beide hatten sich an diesem Abend für ein schwarzes Kleid entschieden, und Tatsache war, dass es beiden ganz ausgezeichnet stand.


Thiels Assistentin diskutierte angeregt gestikulierend mit Frau Klemm und Frau Haller kicherte währenddessen ziemlich viel. Jemand Außenstehendes hätte denken können, dass die kleine Frau vielleicht ein Bier zu viel erwischt hatte; aber Thiel wusste, dass das nicht der Fall war. Sie war so übermütig, weil sie glücklich war. Sie lachte, weil endlich wieder alles in Ordnung war.
Und es tat gut, sie so zu sehen.


Für einen Moment blieb sein Blick an Boerne hängen. Der Professor war ungewöhnlich still, aber es war ein entspanntes Schweigen. Nadeshda hatte extra für ihn einen gepolsterten Stuhl geholt, den er schließlich, auch wenn es ihm unangenehm zu sein schien, akzeptiert hatte. Er saß zurückgelehnt, nahezu ein wenig erschlafft, hielt das Wasserglas, das vor ihm stand, lose mit einer Hand umfasst und lauschte mit einem leisen Schmunzeln im Gesicht den Gesprächen am Tisch.
Es war Thiel allerdings nicht entgangen, dass sein anderer Arm durchgängig auf seinem Oberkörper ruhte und er mit der Hand unauffällig seine Seite stützte, sobald er sich nur ein wenig bewegte. Das Schmunzeln wich dann für Sekundenbruchteilen einem schmerzvollen Gesichtsausdruck, aber er hatte sich wie immer so unter Kontrolle, dass jemand, der nicht ganz genau hinsah, dieses Aufflackern nicht bemerkt hätte.
Die Staatsanwältin richtete in diesem Moment eine Frage an den Professor und bereitwillig ging Boerne auf das Gespräch ein. Thiel verstand nicht viel davon, weil Nadeshda und Frau Haller direkt neben ihm sich nun begeistert über einen neuen Kollegen der Schutzpolizei austauschten, aber er sah, dass die großgewachsene Frau ihre Augen nicht vom Professor ließ und immer wieder sichtbar amüsiert nickte. So oft sie sich in der Vergangenheit von den Attitüden des Rechtsmediziners entnervt gezeigt hatte, war in den letzten Monaten doch eindeutig klargeworden, dass auch sie ihn zu schätzen wusste; auch wenn sie immer viermieden hatte, das zu zeigen.
Irgendwann brach sie in ihr eindrucksvolles, heiseres Lachen aus.
Und es tat gut, sie so zu sehen.




Der Abend war schon weit fortgeschritten, Frau Klemm hatte sich längst verabschiedet und das Kalinka war leer bis auf den einen Tisch, an dem Thiel und seine Kollegen saßen. Nadeshdas Vater war mittlerweile auf Boernes ausdrücklichen Wink hin zu ihnen gestoßen und inzwischen stand nicht mehr nur Bier auf dem Tisch, sondern auch eine Flasche besten Wodkas, den Gennadi für diesen speziellen Anlass als angemessen erachtete. Obwohl Thiel eigentlich Pilstrinker war, hatte auch er sich den einen oder anderen Schluck davon genehmigt, und das ohne schlechtes Gewissen. Sie hatten ja nun wirklich allen Grund zu feiern.

Nadeshda und Frau Haller erzählten sich verschiedene Episoden, die sie mit dem Team der Spurensicherung erlebt hatten und lachten immer mehr; allmählich war wohl wirklich zu einem Großteil der Alkohol Grund für die Erheiterung, aber Thiel war selber nun auch wahrlich nicht mehr nüchtern und lachte entspannt mit.
Und es tat gut, so zu lachen.


Irgendwann allerdings fiel ihm auf, dass Boerne einige Zeit zuvor Richtung Bad verschwunden und noch nicht wieder aufgetaucht war.
Mit einem Mal beunruhigt stand er vom Tisch auf, murmelte eine Entschuldigung und ging zur Toilette. Aber auf den ersten Blick war der Professor nirgends zu sehen. Thiel überprüfte sicherheitshalber die zwei Kabinen, in der plötzlichen Sorge, dass er vielleicht zusammengeklappt sein könnte; immerhin war Boerne erst letzte Woche aus dem Krankenhaus gekommen und wirkte alles andere als fit, auch wenn er selber immer wieder betonte, dass er sich gut fühle.
Doch das Bad war leer. Verwundert und weiterhin etwas besorgt trat Thiel wieder zurück in den Flur und nach einem kurzen Abstecher ins Damen-WC, das er wie vermutet ebenfalls verlassen vorfand, fielen seine Augen auf die Tür, die auf die kleine Sommerterrasse hinter dem Kalinka führte. Sie war nur angelehnt.
Mit zwei schnellen Schritten war er durchmarschiert und zu seiner Erleichterung entdeckte er Boerne am Ende der Veranda, ein wenig vorgebeugt, mit den Händen auf das Geländer gestützt.

Sein Kollege hatte anscheinend nicht gehört, dass Thiel zu ihm nach draußen gekommen war, er stand ruhig und offensichtlich gedankenverloren dort und starrte in die Dunkelheit.
Etwas unschlüssig verharrte Thiel für einen Moment; aber dann erschauderte er in der kühlen Luft und ihm wurde bewusst, dass Boerne in seinem zweifellos noch geschwächten Zustand nicht zu lange in dieser Kälte stehen sollte.
Also trat Thiel an ihn heran und lehnte sich ebenfalls an das Geländer. Boerne nahm ihn erst wahr, als er unmittelbar neben ihm stand, mit einem schlechten Gewissen beobachtete Thiel, wie der jüngere Mann überrascht zusammenfuhr und daraufhin wie so oft in den letzten Tagen eine Hand an seine Rippen presste.

„Alles ok, Boerne? Was machen Sie denn hier?“
Boernes Blick war nur kurz zu ihm gehuscht, bevor er wieder nach vorn schaute. „Ich brauchte einen Moment frische Luft.“
„Wollen Sie nicht wieder reinkommen? Sie sind doch schon ein paar Minuten hier draußen.“
„Noch einen Augenblick. Es tut einfach gut, für ein Weilchen zu stehen.“

Thiel verdrehte die Augen. „Stehen können Sie auch drinnen.“ Er legte eine prüfende Hand in Boernes Nacken, während er gleichzeitig mit der anderen nach seinen Händen griff. „Mensch, Sie sind ja saukalt! Hängen ohne Mantel hier rum, und das jetzt, wo Sie nur noch Haut und Knochen sind. Wenn Sie sich eine Lungenentzündung einfangen, wird Jaschke Ihnen den Kopf abreißen!“ Thiel war wirklich etwas aufgebracht. „Und mir auch, weil ich nicht aufgepasst habe“, setzte er in einem leisen Grummeln hinzu, zog seine Jacke aus und legte sie seinem Nachbarn über die Schultern. Dann fasste er um Boernes Taille und dirigierte ihn vorsichtig aber unnachgiebig Richtung Flur. „Rein jetzt mit Ihnen!“

Boerne wehrte sich nicht dagegen, sondern ließ sich schieben. Kaum dass sie wieder im Warmen angekommen waren, lamentierte er jedoch: „Herrgott Thiel! Drei Monate lang war der Radius, in dem ich mich frei bewegen durfte, auf eine 9m² große Zelle beschränkt oder mir wurde jeder Schritt vorgeschrieben. Die Tage im Krankenhaus waren auch nicht viel besser. Jetzt genieße ich einmal die Tatsache, dass ich endlich wieder selber bestimmen kann, wie weit ich wie lange wohin gehe, da kommen Sie und machen mir einen Strich durch die Rechnung.“


Es kam Thiel vor, als hätte sich Boernes Mund gerade selbständig gemacht, obwohl er selbst es gar nicht wollte. Er hatte noch krampfhaft versucht, locker zu klingen, zauberte sogar ein leichtes Schmunzeln in sein Gesicht. Doch Thiel kannte ihn gut genug um zu durchschauen, dass das gespielt war. Sein Kollege hatte mit diesem Satz zweifellos bedeutend mehr preisgegeben, als er vorgehabt hatte. Er schien in diesem Moment nicht die Kraft zu haben, die Fassade aufrechtzuerhalten, hinter der er sich üblicherweise versteckte; seine Augen verrieten ihn. Boerne wirkte jetzt gerade schutzlos und unsagbar müde, gezeichnet von der Zeit im Gefängnis, von der er sich weiß Gott nicht nur körperlich erholen musste. Er hatte noch einen weiten Weg vor sich, soviel stand fest.


Thiel schluckte. Er hatte sich wirklich unentwegt Sorgen gemacht, während Boerne inhaftiert gewesen war. Allerdings hatten seine Gedanken fast ausschließlich darum gekreist, wer ihm das angetan hatte, wie er seine Unschuld beweisen könnte und wie es dem Professor mit seinen Mithäftlingen ergehen würde.
Keine Sekunde hatte er sich vorgestellt, wie schwer es für einen Charakter wie Boerne gewesen sein musste, immer wieder auf engstem Raum eingesperrt und während der Minuten außerhalb der Zelle komplett fremdbestimmt gewesen zu sein.

Für ein paar Sekunden wusste er nicht, wie er reagieren sollte. Dann murmelte er nur leise. „Boerne… ich… ich wollte doch nur…“
Doch Boerne, dessen Schutzschilde jetzt offenbar wieder auf voller Kraft liefen, ließ ihn nicht ausreden. „Nun ersparen Sie uns mal Ihr hilfloses Gestammel, ich weiß, dass Sie es nur gut meinen.“ In einer ungelenken Bewegung nahm er die Jacke von seiner Schulter und hielt sie Thiel hin. „Und ich bin Ihnen dankbar. Wirklich“, setzte er fast unhörbar hinzu.
Vielleicht liefen sie doch noch nicht auf voller Kraft; Thiel hätte taub und blind sein müssen, um nicht zu begreifen, dass der Professor sich gerade auf wesentlich mehr als nur diese kurze Episode bezog.

Er seufzte. Einen seiner alten Kumpel aus Hamburg hätte er jetzt einfach kräftig in den Arm genommen und ihm auf den Rücken geklopft, aber bei Boerne ging das irgendwie nicht. Stattdessen hob er die Hand, um die Jacke anzunehmen, aber er griff bewusst nicht nur den Stoff, sondern auch Boernes kalte Finger und drückte sie. „Schon gut.“  Er schaute Boerne dabei in die Augen und versuchte, wesentlich mehr zu vermitteln als er da gesagt hatte; und er sah, dass sein Kollege ihn verstand. Diesmal reichte das Lächeln, das sich nun langsam auf Boernes Gesicht ausbreitete, bis zu den Augen. Und es tat gut, ihn so zu sehen.
Thiel lächelte zurück.



Boerne nickte ihm zu, straffte sich vorsichtig und ging dann voran, zurück in den Gastraum des Kalinkas. Thiel folgte ihm und ließ sich in seinen Stuhl fallen, während auch Boerne bedächtig Platz nahm.
Nachdem Thiel den letzten Schluck aus seinem Bierglas genommen hatte, warf er einen kurzen Blick über seine Schulter und signalisierte Gennadi, dass er gerne noch ein weiteres trinken würde. Nadeshdas Vater nickte lachend und hielt sogleich ein Glas unter den Zapfhahn. Befriedigt grinsend wandte Thiel sich zurück und beobachtete dabei aus den Augenwinkeln, wie Frau Haller für einen Moment ihre Hand auf die ihres Vorgesetzen legte und sie drückte.
Sie schien ihre eigenen Schlüsse aus ihrer beider Abwesenheit gezogen zu haben, und so wie er die kleine Frau einschätzte, lag sie mit ihren Vermutungen nicht weit von der Wahrheit entfernt. Sie konnte ihren Chef lesen wie ein offenes Buch.
Boerne blickte sie an und Frau Haller machte eine flüsternde Bemerkung, die Thiel nicht verstehen konnte. Tatsache war aber, dass Boernes Augen funkelten, als er leise lachte. Frau Haller drückte nochmals seine Hand und lachte mit.
Und es tat gut, die beiden so zu sehen.

Comments

( 4 Kommentare — Kommentar hinterlassen )
cricri_72
21. Jan 2013 21:17 (UTC)
Ach, schön. Meinetwegen kannst Du gerne noch ein bißchen um "Licht" drumrum schreiben :)

Ich bin quasi schon dabei, ins Bett zu fallen, aber das war noch ein sehr schöner Abschluß dieses Tages!
baggeli
21. Jan 2013 22:15 (UTC)
Meinetwegen kannst Du gerne noch ein bißchen um "Licht" drumrum schreiben :)
Mal sehen, wie es so läuft... das Problem ist, die meisten Ideen beziehen sich auf die Zeit kurz nach der ganzen Episode und das würde dann doch auch oft wieder h/c beinhalten. Und eigentlich will ich hier ja nicht jeden Leser vergraulen, denn so schlimm wie wir beide ist sonst keiner. ;o)

aber das war noch ein sehr schöner Abschluß dieses Tages!
Schön, dass es dir etwas gefallen hat!
Es ist schwierig, auf einmal wieder so ohne roten Faden zu hantieren. Es war doch praktisch, die ganze Zeit auf ein Ziel hinzuarbeiten
iskandra
21. Jan 2013 21:42 (UTC)
Ich hoffe auch, die Muse bleibt noch ein wenig- nach dieser schönen Story könnte ich noch mehr rund um "Licht" vertragen. Ich fand das Ganze auch sehr schön strukturiert - "das tut gut"! :-)
baggeli
21. Jan 2013 22:16 (UTC)
Ich hoffe auch, die Muse bleibt noch ein wenig
s.o. bei cricri

Ich fand das Ganze auch sehr schön strukturiert - "das tut gut"! :-)
Danke!! *freu*
( 4 Kommentare — Kommentar hinterlassen )

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