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Bingo-Prompt 8, Karte 2

Titel: Fortschritte
Prompt:
Packen
Genre: Freundschaft, ein bißchen h/c, Gefühlsduselei... keine Ahnung
Zusammenfassung: Eigentlich hasste Thiel diese Arbeit. Doch jetzt gerade, wohl zum ersten Mal in seinem Leben, machte sie ihm absolut nichts aus.
Anmerkungen: Das kurze Teil hier ist wieder eine missing scene zur Geschichte "Licht." Spielt ebenfalls vor dem Epilog.
A.N.: Ich bin gerade ziemlich verpeilt, hab mir irgendetwas eingefangen. Ich werde es morgen noch mal in Ruhe überarbeiten, jetzt muss ich ins Bett.
Wörter: 1700


Eigentlich hasste Thiel diese Arbeit.
Doch jetzt gerade, wohl zum ersten Mal in seinem Leben, machte sie ihm absolut nichts aus.
Schwungvoll aber besonnen suchte er alles zusammen, was er benötigte und verstaute es ordnungsgemäß. Dabei wanderten seine Gedanken zurück zu dem Anruf, den er am Abend zuvor erhalten hatte.


***


Es war gegen 22:30 Uhr und Thiel hatte schon seit einer Weile auf dem Sofa vor dem Fernseher gedöst, als sein Mobiltelefon zu läuten begann. Erschreckt fuhr er hoch. Ein Anruf um die Zeit? Das verhieß nichts Gutes; wahrscheinlich war es etwas Dienstliches. Bestimmt war es Nadeshda.
Hoffentlich war es Nadeshda.
Eilig sprang er auf, schnappte das Handy von der Anrichte und warf einen Blick auf das Display. Doch zu seinem Schrecken stand dort nicht der Name seiner Assistentin, sondern Jaschke, Uniklinik. Und Thiel wurde eiskalt.

Seine Finger zitterten, als er das Gerät ans Ohr nahm und vor seinem inneren Auge blitzen innerhalb von zwei Sekunden nochmals Bilder und Szenen auf, die er gut zweiundsiebzig Stunden zuvor auf der Intensivstation erlebt hatte.



Professor Jaschke, ratlos und ein Stück weit verzweifelt, weil Boernes Zustand sich kontinuierlich verschlechterte und er nichts dagegen tun konnte.
Boerne, an unzählige Maschinen angeschlossen, reglos. So blass und still, dass Thiel das Gefühl hatte, er sei kaum noch lebendig; als sei er so weit weg, dass es ihm schwer werden würde, zurückzukommen.
Das Versprechen, an das er ihn eindringlich erinnert hatte; von dem er sicher war, das Boerne es nicht freiwillig brechen würde, wenn es ihm irgendwie möglich wäre.
Frau Haller, die sich irgendwann wortlos zu ihm gesetzt hatte und mit ihm gemeinsam Wache hielt.
Der laut alarmierende Monitor, der ihn aus seinem apathischen Zustand riss. Der keinen Pulsschlag mehr signalisierte, sondern einen Herzstillstand. Flache, gerade Linien, die ihm in entsetzlicher Deutlichkeit zeigten, dass Boerne zu entkräftet gewesen war, sein Versprechen zu halten.

Fassungslosigkeit. Schock. Das Gefühl, wie gelähmt zu sein. Frau Haller, die ihm schluchzend in die Arme stürzte; die Zeit, in der er nur funktionierte, alles Denken und Fühlen einstellte und sie festhielt, während das Pflegepersonal um Boernes Leben kämpfte.


Jaschke, der eine undefinierbare Zeitspanne später aus dem Zimmer kam und sich neben ihnen zu Boden sinken ließ. Dessen Hände zitterten, als er sich durch die Haare fuhr und ihnen sagte, dass es nur ein Fehlalarm gewesen sei. Ein Wackelkontakt an dem Kabel, das Boernes Brust mit dem Monitor verband. Das alles gut sei.
Im Moment.
Unglaube und unglaubliche Erleichterung als erste Reaktion; ein kurzzeitiges Gefühl von Schwindel, das ihn für einen Moment die Augen schließen ließ, bevor er wirklich verstand, was in dieser kurzen Zeit alles passiert war.
Die Angst, dass solch ein Ereignis wirklich noch eintreten könnte, die ihn gleich darauf wie eine Welle überrollte.





Denn Boernes Zustand war kritisch, die Tatsache war unumstößlich.
Und in dem Moment, in dem Thiel den Namen des Professors auf seinem Mobiltelefon sah, war die Angst größer als je zuvor.

Doch sie war unbegründet. An Jaschkes Stimme konnte er unmittelbar erkennen, dass der Grund für den späten Anruf kein negativer war; für einen Moment war er so unfassbar erleichtert, dass er die ersten Worte des Professors gar nicht verstand.
Aber irgendwann hatte er begriffen, was Jaschke ihm zu sagen versuchte. Dass Boerne langsam aufwachte. Dass er sich tatsächlich langsam aber sicher ins Leben zurückkämpfte.
Der Oberarzt erklärte, dass Boerne seit Thiels Besuch am Mittag des Tages immer selbständiger zu atmen begonnen hatte, dass das Beatmungsgerät in den letzten Stunden nur mehr eine unterstützende Funktion wahrgenommen hatte. Er berichtete, dass Boerne immer unruhiger wurde, seine Vitalzeichen sich kräftigten. Dass er sich mit Absicht nicht zu früh gemeldet hätte, keine Hoffnungen schüren wollte, um sie danach wieder zu zerstören. Aber dass er inzwischen sicher sei, noch im Laufe der Nacht den Tubus entfernen zu können. Und dass Boerne dann bald wieder ansprechbar sein müsse.

In dieser Nacht hatte Thiel zum ersten Mal seit Wochen einfach nur ruhig und traumlos geschlafen.



Es war schon nach zehn, als er sich endlich auf den Weg zur Intensivstation machte. Eigentlich hatte er viel früher hinfahren wollen, aber er hatte schlicht verschlafen.
Die Krankenschwester, die ihm die Tür öffnete, grüßte ihn freundlich. Das gesamte Pflegepersonal kannte ihn inzwischen, alle wussten, dass für ihn die normalen, kurz gefassten Besuchszeiten der Station nicht galten, das hatte Jaschke von Anfang an mit seinem Team geklärt.
So schnell wie noch nie hatte Thiel sich umgezogen und die Hände desinfiziert und war dann über den Flur geeilt.

Als er leise in das Zimmer trat, merkte er selber, wie sich ein Lächeln auf seinem Gesicht ausbreitete. Er sah es schon von der Tür aus: der Beatmungsschlauch war weg. Boerne hatte nur noch die biegsamen Röhrchen einer dünnen Sauerstoffbrille in der Nase, er atmete komplett selbständig. Es war eine unglaubliche Erleichterung, ihn so zu sehen.
Das Gerät, das ihn in den letzten Tagen am Leben erhalten hatte, stand zwar noch neben dem Bett und war so vorbereitet, dass es im Notfall sicherlich unmittelbar einsatzbereit war, aber im Augenblick wurde es eindeutig nicht gebraucht.


Thiel hatte Zeit, es war Samstag und er hatte dienstfrei. Also nahm er sich einen Stuhl und setzte sich neben seinen Kollegen.
Auf den ersten Blick erkannte er, dass die Schwestern des Frühdienstes mit der morgendlichen Pflege schon fertig waren. Boernes kurzen Haare waren gekämmt, sie hatten ihn rasiert und das Bettlaken, das am Mittag zuvor einen kleinen Flecken davongetragen hatte, als ein junger Arzt Blut abgenommen hatte, war gewechselt worden.

Boerne war ein wenig seitlich gelagert, die Decke bis zu den Schultern hochgezogen. Thiel war froh, dass er so weit zugedeckt war, er hatte sich immer noch nicht mit dem Anblick der großen Drainagen angefreundet, die nach wie vor in seinem Brustkorb steckten.

Anfangs hatte er sich gefragt, warum sein Kollege nicht wie die meisten anderen Patienten auf dieser Station so ein komisches weißes Flügelhemd trug. Aber Jaschke hatte Tage zuvor in einem Nebensatz erwähnt, wie sehr Boerne diese Hemden hasste und dass sie ihm deshalb niemals eines anziehen würden; hatte leise gefrotzelt, dass er sich die Vorhaltungen darüber ansonsten ein Leben lang würde anhören müssen.
Er hatte es nicht ausgesprochen, aber es war eindeutig, dass er in diesem Augenblick jeden noch so absurden Vorwurf bereitwillig ertragen hätte, solang es bedeutete, dass der Mann im Bett sie ihm machen konnte. Und Thiel war es genauso ergangen.


Er wurde aus diesen Gedanken gerissen, als sich bekannte Schritte näherten. Zwei Sekunden später kam Professor Jaschke in den Raum.
Thiel war nicht wirklich verwundert darüber, er schien mit seiner Station verheiratet zu sein. Egal zu welcher Tages- oder Nachtzeit Thiel auftauchte, es war nicht unwahrscheinlich, dass Jaschke anwesend war.


„Ich glaube, Sie sehen selber, dass es ihm besser geht.“ Jaschkes Augen leuchteten, als er nah an das Bett trat. Dann, ohne eine Antwort von Thiel abzuwarten, beugte er sich über Boerne, legte eine Hand auf seine Schulter und drückte sie vorsichtig. „Karl? Du wolltest, dass ich dich wecke.“
Thiel, völlig verblüfft über diese Aktion, riss die Augen noch weiter auf, als Boerne sich mit einem leisen Seufzen regte.
Überrascht sprang er aus seinem Stuhl auf und stand mit einem großen Satz neben Jaschke.

Die Augen zu öffnen, fiel ihm eindeutig noch schwer, aber Boerne schaffte es tatsächlich. Und als er Thiel erkannte, erschien der Hauch eines Lächelns auf seinem Gesicht, bevor seine Lider langsam wieder herabsanken.
Thiel konnte es fast nicht glauben. Nach diesem Horrorabend, an dem der Monitor verrückt gespielt hatte und Frau Haller und er für ein paar Minuten gedacht hatten, das sei das Ende; nach diesen Tagen der Sorge, in denen es keinen Fortschritt gab, nur Stillstand, war er nun endlich wieder wach.
Thiel konnte sich nicht helfen, er begann zu strahlen.

Jaschke berührte ihn kurz am Arm. „Zwei oder drei Minuten, länger wird er wohl nicht ansprechbar sein. Aber das ist in Ordnung, lassen Sie ihn einfach schlafen.“ Er drückte noch einmal Thiels Arm und ging dann Richtung Tür.
Thiel nickte nur abwesend, konnte die Augen nicht von Boernes blassem, aber eindeutig wieder lebendigem Gesicht lassen.

Jascke war noch nicht aus dem Raum, als er sich nicht mehr zurückhalten konnte. „Mensch Boerne. Ich hätte nie gedacht, dass ich das mal sage, aber es tut gut, Sie zu sehen.“
Sein Kollege blinzelte ihn mühsam an und zog eine leichte Grimasse. „Nun werden Sie mal nicht gleich rührselig, Thiel.“ Er war leise und sehr heiser, aber unverkennbar Boerne.
Bevor Thiel noch etwas sagen konnte, ergriff Boerne wieder das Wort. „Ich brauche Ihre Hilfe… Sie müssen mir einen Gefallen tun.“ Er sprach langsam, musste zwischendurch pausieren, um zu Atem zu kommen.

Thiel verdrehte schon die Augen, wusste er doch genau, was jetzt kommen würde. „Vergessen Sie’s! Fragen Sie mich gar nicht erst, ich werde den Teufel tun und Ihnen helfen! Sie werden sich exakt an das halten, was Jaschke Ihnen sagt, und wenn ich Sie persönlich hier ans Bett ketten muss!“
Als Boerne bei diesem Ausbruch die Stirn runzelte und sein Gesicht verzog, wurde Thiel bewusst, dass er vielleicht etwas heftig geworden war. Er seufzte müde und fuhr leiser fort: „Boerne bitte. Es war alles knapp genug, nerven Sie jetzt nicht gleich damit, dass Sie nach Hause wollen.“
„Aber… ich wollte doch nur etwas Kleidung… mir ist immer so kalt.“ Boerne versuchte, ihn nochmals anzusehen, aber schaffte nur für wenige Sekunden, die Augen offen zu halten. „Eine Hose und ein Oberteil vielleicht… etwas Unterwäsche….diese Netzhosen sind abartig...“ Die letzten Worte waren nur noch ein leises Murmeln.

Thiel fuhr sich auf diese Worte hin verwundert durch die Haare. Damit hatte er nun nicht gerechnet. „Tut mir leid. Klar, darum kümmere ich mich, ich bring‘ Ihnen was vorbei, ok?“
Er meinte, Boerne leicht nicken zu sehen, aber ganz sicher war er sich nicht. Auf jeden Fall bekam er keine Antwort mehr, als er Boernes Hand vorsichtig drückte und ihm versicherte: „Ich fahre jetzt heim und packe Ihnen was zusammen. Bin gleich wieder da.“


***


Schwungvoll aber besonnen suchte er alles zusammen, was er benötigte. Ein paar T-Shirts, ein paar Pyjamahosen, Unterwäsche, Badutensilien. Er faltete die Sachen und verstaute sie gewissenhaft in der Reisetasche, die auf Boernes Bett stand.
Eigentlich hasste Thiel diese Arbeit.
Doch jetzt gerade, wohl zum ersten Mal in seinem Leben, machte sie ihm absolut nichts aus.

Comments

( 6 Kommentare — Kommentar hinterlassen )
cricri_72
23. Jan 2013 06:25 (UTC)
Dann wünsche ich Dir und Boerne gute Besserung ;)
baggeli
23. Jan 2013 07:46 (UTC)
Danke! Geht schon. :)
anja79
23. Jan 2013 12:06 (UTC)
Schön geschrieben. Gefällt mir echt gut. Ich freue mich, dass du Ergänzungen zu Licht veröffentlichst. Hatte darauf gehofft, da ich gerne Sachen von dir lese.
baggeli
23. Jan 2013 12:46 (UTC)
Schön geschrieben. Gefällt mir echt gut
Das ist lieb, dass du das sagst, danke! Wobei es sich für mich etwas komisch anfühlt, diese Einzelstücke an die Story anzuflicken, aber da ist noch so viel in meinem Kopf, das dazu passen würde irgendwie...

Naja, über die Qualität dieser beiden Nachschläge lässt sich sicher auch streiten.
Ich tröste mich damit, dass ihr sie nicht lesen müsst. :D
cricri_72
23. Jan 2013 21:42 (UTC)
Ich mag das selbst auch sehr gerne - wie man merkt - noch lose Szenen zu einem Text zu schreiben. Und ich lese sie ebenso gerne. Wenn man erst mal so richtig in der Stimmung einer solchen Geschichte gefangen ist, gibt es immer vieles, was man noch wissen will. Das ist doch das schöne an Fanfiction - es kann immer weitergehen :)
baggeli
23. Jan 2013 21:45 (UTC)
Ich werde hin und wieder noch etwas dran weiterschreiben... ganz wie es mir so einfällt. :D
( 6 Kommentare — Kommentar hinterlassen )

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