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Story: Alptraum - Kapitel 3

Eine Bekannte von Staatsanwältin Klemm wurde ermordet. Thiel und Nadeshda kommen bei ihren Ermittlungen kaum voran, bis sie Professor Boerne mit ins Boot nehmen. Der kann Licht ins Dunkel bringen; aber der Preis, den sie dafür bezahlen, ist hoch…

Wörter: 9300
Genre: Freundschaft, Drama
Warnungen: Ich lebe meinen Hang zum Drama aus
Beta: cricri. Vielen Dank dafür, ohne Dich hätte ich wahrscheinlich nie was veröffentlicht!




Thiel verfiel in Panik, als der Verletzte in seinen Armen erlahmte. Das konnte Boerne ihm nicht antun, nicht jetzt, wo die Hilfe so nah war!
Er wand sich hektisch unter seinem leblosen Kollegen hervor und legte ihn behutsam auf den Boden, als im Haus die Tür aufgerissen wurde. Erste Gesprächsfetzen drangen an sein Ohr, während Nadeshda sich im Laufschritt mit dem Notarzt näherte.
Thiel drehte sich zu den heraneilenden Helfern um und wollte um Hilfe schreien, doch seine Stimme versagte ihm den Dienst.

Aber dann war der Arzt auch schon neben ihm und einen kurzen Moment später kamen die beiden Rettungsassistenten mit der Trage. Im nächsten Augenblick hatten die Fachleute ihm den Verletzten abgenommen und Nadeshda zog ihn ein wenig zurück, damit er nicht im Weg war.


"Patient bewusstlos, Puls tachykard. Atmung insuffizient, Sauerstoff auf neun Liter!" Als Thiel die ruhige Stimme des Notarztes hörte und realisierte, was seine Worte bedeuteten, verschwamm für einen Moment die Welt vor seinen Augen. Boerne lebte.

Innerhalb weniger Sekunden stülpte einer der beiden Sanitäter dem Professor eine Sauerstoffmaske über Mund und Nase, presste Verbandszeug auf die Schusswunde, trocknete hastig den Brustkorb ab und schloss ihn an einen Überwachungsmonitor an. Seine Kollegin beschäftigte sich zeitgleich mit verschiedenen Messungen und rasselte die entsprechenden Ergebnisse laut herunter. Dem Notarzt entging kein Wort, während er mit ein paar gekonnten Griffen eine Infusionsnadel legte, worüber er gleich Medikamente verabreichte und dann eine Infusion anschloss. Danach holte er ein Stethoskop hervor und hörte mit einem Stirnrunzeln Boernes Lunge ab.
„Kein Pneumothorax", sagte er, nachdem er ein paar Sekunden intensiv gelauscht hatte. Thiel fiel auf, dass seine Stimme erleichtert klang. Das war also wohl endlich mal eine gute Nachricht, auch wenn er nicht wusste, wovon der Arzt gerade sprach.
Der Rettungsassistent klebte den großen Stapel Mullkompressen auf die Verletzung, als die Sanitäterin irgendetwas über Sauerstoffwerte rief, die sich nicht erholten.
"Ach verdammt", murmelte der Arzt. Lauter kam dann die nächste Anweisung: „Wir intubieren!"
Wieder wurden die Sanitäter ganz flink. Die Frau legte verschiedenste Materialien zurecht, während ihr Kollege und der Arzt den Bewusstlosen vorsichtig auf die Trage hoben und ihn dort sorgsam lagerten.
Und dann, innerhalb kürzester Zeit, hatte der Notarzt mit Hilfe irgendeines viel zu großen Folterinstrumentes einen Schlauch in Boernes Luftröhre eingeführt. Nach ein paar weiteren Handgriffen fixierte der Sanitäter das biegsame Rohr und steckte einen Beatmungsbeutel auf, um damit in regelmäßigen Stößen Luft in seine Lungen zu pumpen. All das ging so schnell, Thiel war ganz bestürzt.

Er merkte kaum, dass Nadeshda ihm ein Handtuch um die Schultern gelegt hatte, beobachtete nur niedergeschlagen, wie die Mediziner Boerne mit einer Wärmefolie zudeckten, die Rollbeine der Trage auseinanderklappten und ihren Patienten schnellen Schrittes in Richtung Krankenwagen schoben.



Der Notarzt drehte sich zu ihnen um. „Wie lange dauerte es von seinem Sturz ins Wasser bis zu Beginn der Reanimation?"
Thiel musste sich eingestehen, dass er keine Ahnung hatte, wie viel Zeit eigentlich vergangen war, aber Nadeshda erwiderte ohne zu Zögern: "Keine drei Minuten!"
„Das ist gut." Der Arzt nickte befriedigt, dann blickte er Thiel an. „Wollen Sie mitfahren?"

Der Kommissar schaute zu Nadeshda auf, aber bevor er überhaupt ein Wort äußern konnte, streckte sie ihm eine Hand hin und zog ihn hoch. „Sie gehen mit, Chef. Ich regle hier alles und treffe Sie dann im Krankenhaus." Zum Arzt gewandt fragte Sie: „Wohin bringen Sie ihn?"
„Uniklinik!", rief er ihr zu, als er schon seinen Kollegen hinterherlief. Thiel zögerte nicht mehr lange, sondern drückte nur dankbar Nadeshdas Hand, dann hastete er den Medizinern nach.

Als er durch die protzige Haustür nach draußen eilte, waren gerade die ersten Kollegen von der Schutzpolizei an der Villa eingetroffen. Sie hatten natürlich über Funk erfahren, dass ein Kollege niedergeschossen worden war und beobachteten besorgt, wie der schwerverletzte Mann in den Krankenwagen verladen wurde. Bevor Thiel ebenfalls in das Rettungsfahrzeug kletterte, nickte er ihnen einen wortlosen Gruß zu, den sie mit grimmigem Gesichtsausdruck erwiderten. Der Kommissar war sicher, wenn Nadeshda die Koordination der Truppe in ihre fähigen Hände nahm, würde Stein nicht entkommen. So eine Tat wühlte die Gemüter auf, die Beamten würden nicht ruhen, bis sie den Schützen hatten.

Während der Sanitäter den Rettungswagen mit Blaulicht und Martinshorn durch die Stadt steuerte, schlossen seine Kollegen Boerne an ein Beatmungsgerät an und hingen zusätzliche Infusionen auf. Die Rettungsassistentin überwachte alle Zahlen auf dem Monitor, und auch der Arzt ließ den Professor keinen Moment aus den Augen. Sein Blick war fast die ganze Zeit besorgt auf Boernes Gesicht gerichtet, so dass der Kommissar immer unruhiger wurde.
Die Angst, dass Boerne diese Geschichte nicht überleben würde, schlug erneut wie eine eisige Welle über ihm zusammen. Thiel erschauderte heftig, und das nicht nur, weil ihm in seinen nassen Kleidungsstücken langsam kalt wurde.

Tausend Gedanken gingen ihm durch den Kopf, als er erschöpft an die Wand des Wagens gelehnt saß. Er konnte das erdrückende Gefühl nicht abschütteln, dass es seine Schuld war, dass Boerne hier so lag. Warum hatte er den Bericht nicht gründlicher gelesen? Naja, gelesen hatte er ihn genau, aber diesen wichtigen Zusammenhang zwischen der Substanz in Lena Maihöfers Ohr und dem Poolfilter hatte er nicht erkannt. Dabei hatte der Professor natürlich darauf hingewiesen, dass die Kohle in Filteranlagen benutzt wurde. Kaum zu glauben, dass ihm das nicht aufgefallen war!
Ohne dass es ihm bewusst wurde, seufzte er laut auf.

Völlig unvermittelt blickte der Arzt sich um. „Sie sind Hauptkommissar Thiel, nicht wahr?"
Der Kommissar riss seinen Blick von Boerne los und sah ihn erstaunt an. „Woher wissen Sie meinen Namen?"
Der Mediziner lächelte ein wenig. „Karl erwähnt Sie öfters, es war nicht schwer zu erraten, wer Sie sind."
Thiel hätte es sich eigentlich denken können, es gab im Prinzip kaum einen Mediziner in Münster, den Boerne nicht kannte. „Sie sind befreundet", stellte er fest.
Der Notarzt nickte bestätigend und drehte sich wieder zurück zu seinem Patienten. „Er berichtet immer recht enthusiastisch davon, wenn Sie ihn an Ihren Nachforschungen beteiligen. Ich glaube, manchmal ist ihm sein Keller ein wenig zu langweilig."
Thiel starrte düster auf seine Füße. „Ich wette, nach diesem Fall sieht er das ganz anders."


Er drehte den Kopf weg, solange die Sanitäterin dem Arzt half, die nun blutdurchtränkten Kompressen gegen saubere auszutauschen. An so einen Anblick würde er sich nie gewöhnen. Aber als die Mediziner damit fertig waren, nahm Thiel all seinen Mut zusammen; er musste einfach wissen, wie die Dinge standen. „Wird er durchkommen?" Er wunderte sich selber, wie erstickt seine Stimme klang.
Der Arzt sah ihn noch mal kurz an, das leichte Lächeln war längst wieder aus seinem Gesicht verschwunden. „Ich weiß es nicht. Aber ich werde alles dafür tun."
Thiel lehnte sich zurück an die Wand und schloss für einen Moment die Augen.

Nach wenigen Minuten kamen sie an der Uniklinik an. Die Sanitäter rissen die Türe des Rettungswagens auf und rollten den Verletzten im Laufschritt in die Notaufnahme.
Der Arzt nahm sich noch Zeit für ein paar kurze Worte. „Warten Sie dort drüben in der Sitzecke, ich komme zu Ihnen, sobald ich nähere Informationen habe." Er drückte Thiel ermutigend die Schulter und wies ihm die richtige Richtung, bevor er sich umdrehte und seinen Kollegen durch die graue Tür mit der großen Aufschrift ZUTRITT VERBOTEN folgte.

Der Kommissar blickte ihm noch ein paar Sekunden nach, dann ging er langsam auf die Sitzecke zu, die der Notarzt ihm gezeigt hatte. Er fühlte sich wie ein alter Mann, müde und zerschlagen.
In der Warteecke angekommen, ließ er sich schwer auf einen der Besucherstühle fallen.

 

Thiel wusste nicht, wie viel Zeit vergangen war, als plötzlich Nadeshda vor ihm stand. „Chef?", fragte sie leise. Er brauchte einen Moment, um seinen Blick zu fokussieren, hatte eine Ewigkeit ohne zu sehen auf die Wand vor ihm gestarrt; alles war verschwommen. „Nadeshda", krächzte er, die Stimme heiser, als hätte er sie Stunden nicht benutzt.
„Ich habe Ihnen was zum Anziehen mitgebracht." Seine Assistentin hielt ihm eine Tasche hin.
Erst jetzt merkte Thiel, wie durchgefroren er war. Mit der feuchten Kleidung in der klimatisierten Luft der Uniklinik zu hocken, hatte ihn komplett ausgekühlt. „Danke", sagte er tonlos, während er ihr mit bebenden Händen den Beutel abnahm.
„Wie geht es ihm? Wissen Sie schon was?" Ihre großen Augen waren ängstlich auf ihn gerichtet. Als Thiel verneinend den Kopf schüttelte, senkte Nadeshda den Blick und seufzte. Ihr Gesichtsausdruck war schwer zu deuten, jedoch war Thiel sich sicher, dass er neben der Sorge um den Professor noch etwas anderes entdeckte, auch wenn er nicht recht greifen konnte, was. Aber als die junge Frau den Kopf wieder hob, war davon nichts mehr zu sehen.

„Ziehen Sie sich um, Chef, sonst holen Sie sich noch eine Lungenentzündung. Außerdem erschrecken Sie die Leute, wenn Sie hier so rumlaufen." Der Kommissar schaute sie verständnislos an und erst als sie mit einem müden Lächeln an seinem Hemd zupfte, blickte er an sich herab. Die ganze Front seines Poloshirts war blutverschmiert.
Wieder einmal erschauderte er.


Thiel suchte sich eine Besuchertoilette und zog sich um. Es war eine Wohltat, aus den klammen Sachen herauszukommen, er fühlte sich definitiv etwas besser, als er zur Sitzecke zurückkehrte.
Dort angekommen, erwartete Nadeshda ihn mit einem dampfenden Becher Kaffee in der Hand, den er dankbar annahm. Der Kaffee tat ihm gut, auch wenn er bei weitem nicht so schmeckte wie der, den Boerne am Morgen mit ins Präsidium gebracht hatte. Seitdem waren erst ein paar Stunden vergangen, aber es kam ihm vor, als läge eine Ewigkeit dazwischen.

Der Kommissar setzte sich wieder hin, lehnte den Kopf an die Wand und wärmte beide Hände an seinem heißen Becher. Nadeshda nahm auf dem Stuhl neben ihm Platz und brachte ihn auf den neuesten Stand, was die Ermittlungen anging.
„Die Großfahndung läuft, alles was Beine hat, ist hinter Stein her. Aber bis jetzt haben wir ihn noch nicht gefunden", berichtete sie. „In der Villa hat die KTU den ganzen Pumpenraum auseinander genommen. Die Umgebung des Filters ist nach dem Mord gründlich gereinigt worden, doch unten unter dem Bodenblech fanden sich Spuren von Blut. Der Professor hatte also Recht. Frau Haller überprüft es gerade, aber wir gehen davon aus, das es sich um das Blut des Opfers handelt."
Thiel schnaubte grimmig. „Die Arbeit kann man sich doch sparen", knurrte er wutentbrannt. „Wie dieser Wahnsinnige heute durchgedreht ist, war ja wohl Geständnis genug."
Nadeshda zuckte zusammen, als sie seine Worte hörte. Und dann platzte es auf einmal aus ihr heraus. „Chef, es tut mir leid! Es ist meine Schuld, wenn Stein mich nicht gehört hätte, wäre das nicht passiert!"

Thiel drehte den Kopf zur Seite und starrte sie sprachlos an. Seine Assistentin hatte Tränen in den Augen und rang verzweifelt die Hände. Jetzt wurde Thiel klar, was er zuvor in ihrem Gesicht gesehen hatte.
„Was reden Sie denn da?" fragte er ungläubig. „Der Kerl war eine tickende Zeitbombe! Spätestens, wenn wir ihn mit unserem Verdacht konfrontiert hätten, wäre er hochgegangen. Wer weiß, wen es dann erwischt hätte? Das Unglück war vorprogrammiert, oder wollen Sie mir weismachen, Sie hätten ihn noch vor unserem Gespräch nach Waffen abgetastet?"
Seine Assistentin schüttelte nur stumm den Kopf und fuhr sich mit einer zitternden Hand über die Augen.

Thiel holte tief Luft, dachte noch mal an die bangen Minuten, direkt nachdem sie Boerne leblos aus dem Wasser gezogen hatten. „Wenn Sie nicht gewesen wären, wäre Boerne jetzt schon tot! Ohne Ihre Hilfe wäre er mir unter den Händen weggestorben! Ich… ich war wie vor den Kopf geschlagen, ich wusste nicht, was ich machen sollte. Also hören Sie auf mit diesen Selbstvorwürfen! Dass er überhaupt noch eine Chance bekommen hat, hat er nur Ihnen zu verdanken."
Aber alles was er sagte, schien sie nicht wirklich zu überzeugen. Nadeshda blieb stumm und schaute ihn mit Augen an, die unendlich müde waren; sie wirkte verletzlicher und jünger denn je.
„Ach Mädchen", murmelte Thiel leise, legte seinen Arm um sie und zog sie sanft an sich. Die niedergeschlagene Nadeshda lehnte sich an ihn, ließ erschöpft ihren Kopf an seiner Schulter ruhen. So blieben sie schweigend nebeneinander sitzen und warteten.



Nadeshdas Kopf wurde nach einer Weile immer schwerer, sie war eingeschlafen. Thiel hütete sich, sie aufzuwecken, er gönnte ihr die Ruhe. Ihm selbst fielen die Augen auch ständig zu, aber er riss sie sofort wieder auf, wenn ihm sein Kinn langsam auf die Brust sackte; nicht zuletzt, weil sich jedes Mal in seinem Kopf die gleiche schreckliche Szene abspielte, wenn er kurz eindöste.

Plötzlich ertönte eine sonore, rauchige Stimme draußen auf dem Flur. „Thiel? Thiel, sind sie hier irgendwo?"
Der Kommissar zuckte zusammen und Nadeshda neben ihm wachte auf, als die hochgewachsene Gestalt von Staatsanwältin Klemm im Türrahmen auftauchte.
Ganz anders als am Morgen sah sie aufgewühlt und besorgt aus.
„Thiel, was ist denn los? Wie geht es Ihnen?" Mit schnellen Schritten trat sie auf den Kriminalbeamten zu, fasste ihn an der Schulter und musterte ihn von oben bis unten. Sie wartete aber gar keine Antwort ab, sondern redete gleich weiter. „Ich habe seit Stunden versucht, Sie zu erreichen, aber man kriegt ja keinen von Ihnen ans Telefon!" Die Stimme der Staatsanwältin klang in dem Moment fast vorwurfsvoll. „Irgendwann hat mich jemand von Ihrer Truppe angerufen, einen Haftbefehl für Alexander Stein angefordert und mich über die Großfahndung aufgeklärt, die Frau Krusenstern in die Wege geleitet hat. Dabei erwähnte er, dass es in der Villa zu Schüssen gekommen ist und dass Sie mit dem Rettungswagen in die Klinik gefahren wurden. Ist alles in Ordnung mit Ihnen? Sind sie verletzt?"

Thiel hielt abwehrend die Hände hoch, als dieser Redeschwall auf ihn einprasselte. „Nein, ich bin nicht verletzt", antwortete er fast ungehalten. „Ich bin doch nur als Begleitung mit in die Klinik gefahren."
„Gott sei Dank!" Die Staatsanwältin klang ehrlich erleichtert und ließ ihn endlich wieder los. Aber dann schien ihr klarzuwerden, was diese Aussage implizierte. Sie verengte die Augen und fragte argwöhnisch: „Wen haben Sie in die Klinik begleitet? Was ist passiert, Thiel?"

Der Kommissar fuhr sich mit beiden Händen durch die Haare. Dass die Klemm hier im Krankenhaus auftauchen würde, hatte er nicht erwartet. Dies Gespräch hätte er gerne noch ein wenig hinausgezögert, aber nun hatte er keine Wahl als ihr zu antworten. Erfahren würde sie es ja doch, dass er Boerne wieder einmal an seinen Ermittlungen hatte teilnehmen lassen, obwohl er genau wusste, dass ihr das nicht gefiel. Also holte er tief Luft und fügte sich in das Unvermeidliche. „Alexander Stein hat Professor Boerne niedergeschossen."

Die Staatsanwältin riss ungläubig die Augen auf. „Boerne? Was um alles in der Welt hatte der denn in der Villa zu suchen?"
Thiel seufzte, genauso hatte er sich das vorgestellt.
Etwas verspätet fiel der Staatsanwältin ein, dass es wohl noch eine wichtigere Frage gab. „Wie geht es ihm?" setzte sie mit wesentlich leiserer Stimme hinzu.
Thiels wortloses Schulterzucken und Nadeshdas gequälter Gesichtsausdruck waren Antwort genug.

Frau Klemm atmete einmal tief ein und aus, zwang sich sichtlich zur Ruhe. Dann forderte Sie mit fester Stimme: „Ich will jetzt genau wissen, was passiert ist. Lassen Sie sich nicht alles einzeln aus der Nase ziehen, ja?"
Sie blickte dabei zu Thiel, der der unmissverständlichen Aufforderung nachkam und den Vorfall in ein paar bitteren Worten zusammenfasste. Aber mitten in seinem Bericht brach er ab und schluckte krampfhaft. Als er nicht mehr weiterreden konnte, sprang Nadeshda ein.

Die Staatsanwältin hatte sich bei Thiels Erläuterungen entsetzt eine Hand vor den Mund geschlagen, aber nachdem Nadeshda endete, wurde sie blass und sank langsam auf einen der harten Plastikstühle. Es dauerte eine Weile, bis sie ihre Sprache wiederfand. „Sie mussten ihn reanimieren? Waren… waren Sie erfolgreich?" Ihre Stimme klang ungewohnt weich.
„Er war für eine Weile bei Bewusstsein", antwortete Thiel ihr müde. „Aber dann ging es ihm immer schlechter. Der Notarzt ist nicht sicher, ob er es schafft."


Die Staatsanwältin schien fassungslos. Aufgewühlt zerrte sie sich die Haarklammer aus ihrer Frisur und drehte sie erregt in den Händen.
„Aber warum hat Stein denn auf den Professor geschossen?" fragte sie schließlich. „Er war unbewaffnet, Sie beide waren doch eine viel größere Bedrohung?"
Thiel schnaubte grimmig. „Wir da oben im zweiten Stock waren weit weg. Aber Boerne stand höchstens fünf Meter entfernt, er hätte ihn an seiner Flucht hindern können. Also hat Stein ihn abgeknallt, ohne mit der Wimper zu zucken."
„Mein Gott", sagte die Staatsanwältin in einem so erschütterten Tonfall, wie ihn Thiel in den Jahren noch nicht von ihr gehört hatte.

 

Für eine Weile schwiegen sie alle, es gab nichts zu sagen. Aber nachdem Frau Klemm die erschreckenden Neuigkeiten ein Stück weit verdaut hatte, kam exakt das, was der Kommissar von Anfang an befürchtet hatte.
„Thiel, warum in Dreiteufelsnamen haben Sie den Professor mit in die Villa genommen?" Die rauchige Stimme klang halb fragend, halb vorwurfsvoll.
Genau dieses Gespräch wollte Thiel jetzt nicht führen; in ihm begann es zu brodeln. „Weil er schon mehr als einmal dabei geholfen hat, einen Fall zu lösen. Auch wenn Sie das nicht gerne zugeben!" Die Spitze konnte er sich nicht verkneifen.

Frau Klemm erkannte diese zwischen den Zähnen hervorgebissene Antwort nicht als die Sturmwarnung, die sie war.
„Ich kann gar nicht verstehen, was Boerne eigentlich bei Ihnen im Präsidium gemacht hat, ich hatte ihm doch deutlich zu verstehen gegeben, dass seine Arbeit an diesem Fall abgeschlossen war." Die aufgewühlte Frau bemerkte nicht, dass der sonst so ruhige Hanseat sich gerade seinem Siedepunkt näherte. „Und Sie wissen genauso gut wie ich, dass er bei den aktiven Ermittlungen nichts zu suchen hat, Sie hätten ihn überhaupt nicht mitnehmen dürfen."

Die Staatsanwältin hatte wohl nicht damit gerechnet, dass diese völlig überflüssige Zurechtweisung bei Thiel alle Schleusen öffnen würde.

Er sprang von seinem Stuhl und baute sich vor ihr auf, das Gesicht weiß vor Erregung. "Verdammt nochmal Frau Klemm, Ihre bescheuerten Belehrungen können Sie sich sparen! Vorwürfe mache ich mir selber schon genug!", zischte er sie an.
Die Staatsanwältin rutschte unwillkürlich etwas nach hinten, als sich Thiels Anspannung der letzten Stunden mit Gewalt entlud. „Ja, diese ganze Kacke ist MEINE SCHULD! Ich hätte den Fall am Schreibtisch lösen können, Boerne hat mir mit seinem Bericht alle nötigen Hinweise in die Hand gegeben. Aber ich habe die Zusammenhänge nicht erkannt. Stattdessen habe ich zugelassen, dass er mit uns kommt und von einem Wahnsinnigen über den Haufen geballert wird!"
Jetzt, da Thiel einmal angefangen hatte zu reden, gab es kein Halten mehr. Die Hände zu Fäusten geballt, knallte der der Staatsanwältin jedes weitere Wort wie eine Ohrfeige ins Gesicht. „Was glauben Sie, wie ich mich gefühlt habe, als ich ihm hundertmal den Brustkorb eindrücken musste? Als er kaum Luft bekam und vor Schmerzen nicht wusste, wohin? Als er sagte, er kann nicht mehr, während ich ihn angebettelt habe, nicht aufzugeben? Als er sich einfach nicht mehr bewegt hat und ich dachte, sein Herz wäre in dem Moment zum zweiten Mal stehen geblieben?"
Thiels Stimme war zum Ende hin immer lauter geworden, aber nun sackte er förmlich in sich zusammen und murmelte nur noch leise: „Sie haben doch keine Idee, wie es sich anfühlt, an so etwas schuld zu sein! Also bleiben Sie mir mit Ihren hirnverbrannten Vorhaltungen vom Hals, die brauche ich echt nicht!"
Damit wandte er sich ab, während die Staatsanwältin ihn mit offenem Mund anstarrte, fassungslos über die Details, die ihr gerade zu Ohren gekommen waren.
Nadeshda ging es ähnlich; sie hatte nicht geahnt, was sich in den wenigen Minuten ihrer Abwesenheit abgespielt hatte und saß mit hängendem Kopf stumm auf ihrem Stuhl.


Thiel drehte sich noch einmal mit funkelnden Augen zurück, ganz fertig war er mit der Staatsanwältin noch nicht. „Eins will ich Ihnen sagen: Sie waren der Hauptgrund, warum Boerne überhaupt im Präsidium aufgetaucht ist. Ihr Auftritt heute Morgen in der Rechtsmedizin hat ihn dazu gebracht, zu uns zu fahren! Statt sich endlich ins Bett zu legen, so wie es jeder andere nach zwei durchgearbeiteten Tagen getan hätte, kam er zu uns ins Büro, um zu helfen. Also ehrlich, ihm vorzuwerfen, dass er seine Arbeit nicht hundertprozentig erledigt... das ist doch lächerlich! Und jetzt..."
Er ließ den angefangenen Satz in der Luft hängen und begann, auf und ab zu marschieren wie ein Tiger im Käfig.


Frau Klemm schien wie vor den Kopf geschlagen. Sie war zwar ab und an Zeugin geworden, wie der Kommissar die Beherrschung verlor, aber eine solche Rede hatte sie in all den Jahren noch nicht von ihm gehört. Und niemals zuvor war sein Zorn so heftig gegen sie gerichtet gewesen.

"Ich... also... Thiel, ich wollte Ihnen… so habe ich das nicht… Sie trifft doch keine…" Sie unterbrach ihr unsicheres Gestammel und versuchte, sich zu sammeln.
Derart verstört hatte Thiel die sonst so wortgewandte Frau noch nie erlebt, fast hätte er gelacht. Aber dazu war die Situation zu bitter.

Die Staatsanwältin schien zu fühlen, dass Thiels Zorn nicht ganz unberechtigt war und dass sie tatsächlich ihren Teil zu dem unglücklichen Verlauf dieses Tages beigetragen hatte. Aber ganz so wollte sie die Sache dann doch nicht auf sich sitzen lassen. „Das heute Morgen in der Rechtsmedizin war nicht so gemeint; ich kann gar nicht glauben, dass Boerne das ernstgenommen hat... ja, ich war etwas aufgewühlt, aber sowas prallt doch eigentlich an ihm ab…" Langsam wurde ihre Stimme wieder selbstsicherer. „Hören Sie, der Professor weiß ganz genau, dass die Staatsanwaltschaft große Stücke auf ihn hält."
Thiel war immer noch aufgebracht und fuhr wieder herum. „Weiß er das wirklich?" Sein Tonfall war beißend. „Ich bin mir da nicht so sicher!"
Er ließ der Staatsanwältin keine Zeit, zu antworten, sondern drehte sich weg. „Hoffen wir, dass Sie noch mal eine Gelegenheit bekommen, die Geschichte mit ihm zu klären." Er hielt auf die Tür zu. „Ich brauch frische Luft", knurrte er dabei. Die beiden Frauen sahen ihm wortlos nach.

Draußen auf dem Gang stapfte der Kommissar erst einmal blind Richtung Notaufnahme. Es war ihm klar, dass er überreagiert hatte, aber das war nun nicht zu ändern. Nach diesem Horrortag lagen seine Nerven einfach blank.


Gerade als er das Ende des Flurs erreicht hatte, flog die graue Tür vor ihm auf und der Arzt, der Boerne betreut hatte, stürmte hindurch. Ohne Thiel zu bemerken, riss er sich seinen Mundschutz samt OP-Haube vom Kopf, fuhr in einer flüssigen Bewegung herum und versetzte der sich langsam schließenden Tür einen heftigen Tritt. Danach ließ er den Kopf hängen, stützte sich einen Moment schweratmend an der Wand ab und rieb sich mit einer zitternden Hand die Augen.

Der Kommissar fühlte sich, als hätte ihm jemand den Boden unter seinen Füßen weggezogen.

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Comments

( 2 Kommentare — Kommentar hinterlassen )
joslj
5. Aug 2012 17:10 (UTC)
Eine supertolle Geschichte, die wirklich sehr spannend ist! Die Charaktere hast du gut hinbekommen. Interessant finde ich, wie sich der Frust aufgrund der erfolglosen Ermittlungen bei den verschiedenen Personen unterschiedlich ausdrückt. Thiel finde ich sehr IC. Ich glaube schon, dass er Boerne bisher für "unverwundbar" gehalten hat und ihn das schlechte Gewissen zunächst davon abhält, mit der notwendigen Professionalität zu reagieren. Ich hoffe, er fängt sich jetzt schnell, unabhängig von Boernes Zustand. Seine Reaktion auf die Klemm finde ich sehr passend (außerdem mag ich ihn, wenn er so richtig explodiert :-)) Auch die Klemm gefällt mir, und Nadeshda sowieso. Sie muss halt immer die Vernünftige sein ...
Ich freue mich schon auf den nächsten Teil. Hast du die Story schon fertig ?
baggeli
5. Aug 2012 19:08 (UTC)
Danke für deine lieben Worte!! *freu* Gut, dass die Geschichte spannend ist! Eine richtige Krimihandlundg kriege ich nicht hin, aber dies soll auch irgendwie ein Krimi sein - wenn auch auf eine andere Art. :D
Der nächste Teil ist fertig und am Epilog schreibe ich gerade. Es geht also voran. :D
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