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Bingo-Prompt 12, Karte 2

Titel: Der Mörder ist immer der Gärtner
Prompt: Klischee aus gutem Grund
Genre: Freundschaft, Schwachfug
Zusammenfassung: Thiel lehnte sich genüsslich zurück. Es war schön, Boerne wie schon im Institut so animiert und lebendig zu sehen, und es machte noch mehr Spaß, ihn ein wenig auf die Folter zu spannen.
Anmerkungen: Nachschlag zu "Licht". Ein Ausflug in die toxikologische Botanik. Ich weiß jetzt verdammt viel mehr über Giftpflanzen, als ich je wissen wollte.
A.N.: wie immer ohne Beta. Morgen schau ich noch mal drüber
Wörter: 3200




Eilig nahm Thiel die Stufen ins Kellergeschoß des Rechtsmedizinischen Instituts. Boerne hatte ihn am Morgen angerufen und gebeten, vorbeizukommen. „Es gibt Arbeit“, waren seine Worte gewesen. Und so etwas sagte er nicht ohne Grund.

Thiel hatte keine Zeit gehabt, am Telefon nachzuhaken, er hatte dringend an einer Besprechung teilnehmen müssen. Die zog sich leider extrem in die Länge und erst eine ganze Weile später als versprochen hatte er sich auf den Weg ins Institut machen können.
Am Tag zuvor, nachdem Thiel und Nadeshda ihre Mittagspause ein wenig ausgedehnt hatten, hatte der Professor sich leicht entnervt darüber ausgelassen, dass Thiel dem Bild des pünktlichen Deutschen ja nun in keiner Weise entsprechen würde; heute hing er dem Zeitplan – wenn diesmal auch wirklich nicht durch seine Schuld - schon wieder hinterher, deshalb erwartete er, erneut von einem beleidigten Boerne empfangen zu werden.
Stattdessen wurde er von Frau Haller begrüßt.


„Ah, hallo Herr Thiel. Ich nehme an, der Chef hat Sie angerufen?“ Sie strahlte, wie so oft in den letzten Tagen. Es war erst eine kurze Zeit, seit Boerne wieder bei ihr im Institut arbeitete aber sie war im Vergleich zu den Monaten zuvor regelrecht aufgeblüht und wieder ganz die Alte.
Thiel konnte sich nicht helfen, er strahlte ebenfalls. Ihre gute Laune war einfach ansteckend. „Ja, hat er. Was gibt’s den so Dringendes?“
Frau Haller machte eine Kopfbewegung, die ihm zeigte, dass er ihr folgen solle, als sie Richtung Boernes Arbeitsraum ging. „Er knöpft sich nach und nach die Akten der letzten Wochen vor, die Diebeck bearbeitet hat. Und da gibt es eine Auffälligkeit. Ich zeige es Ihnen.“

Während Thiel ihr in das Büro folgte und sich gerade fragte, warum sein Kollege ihm nicht längst auf den Füßen stand, blieb er mit einem Male stehen. Boerne lag auf der Couch in der Ecke des Büros, eingepackt in eine dicke Wolldecke, und schlief.
Nicht übermäßig verblüfft, aber doch etwas beunruhigt trat er einen Schritt näher und ließ seinen Blick prüfend über das immer noch zu bleiche Gesicht des Rechtsmediziners wandern. „Ist alles in Ordnung mit ihm?“ Er sprach unwillkürlich mit gedämpfter Stimme.
Frau Haller trat neben ihn und nickte. „Ja, alles gut. Vorhin habe ich ihm angemerkt, dass er müde wurde und wohl auch Schmerzen hatte, also habe ich ihn überredet, dass er sich etwas hinlegt. Er braucht noch viele Pausen.“ Sie zuckte mit den Schultern, als sie lächelnd hinzufügte. „Jeder andere mit gesundem Menschenverstand hätte sich noch vier Wochen krankgemeldet. Aber Sie kennen ihn ja.“

Thiel seufzte leise. Gesunder Menschenverstand und Boerne waren Wörter, die definitiv nicht gemeinsam in einen Satz passten.
Die vergangenen Tage hatten eindeutig gezeigt, wie mitgenommen der Rechtsmediziner von den Ereignissen der letzten Wochen war. Thiel hatte einige Male geschluckt, wenn er beobachtet hatte, wie der sonst so energiegeladene Mann auf sein Sofa sank, so entkräftet, dass er innerhalb kürzester Zeit einschlief, oder weil er seine Schmerzen nur noch im Liegen aushalten konnte.
Der Oberarzt der Uniklinik, Professor Jaschke, hatte vergeblich versucht, Boerne zu einem Urlaub zu überreden; der Gedanke, ihm eine Kur vorzuschlagen, war dermaßen lächerlich, dass das niemand versucht hatte.
Aber nicht einmal zu Hause hielt er es aus, das hatte sich schnell herausgestellt. Boerne gehörte zu den Menschen, für die Arbeit Erholung und Ablenkung war, trotzdem hatte Thiel ein schlechtes Gefühl dabei, dass er so kurz nach seinem Krankenhausaufenthalt schon wieder das Institut unsicher machte.
Zum Glück war auf Frau Haller Verlass. Sie hielt ihn im Zaum und achtete auf seine Grenzen, wenn er selber es nicht tat. Boerne war bei ihr gut aufgehoben.


Er nickte also nur auf ihre Worte hin und folgte ihr dann zum Schreibtisch.
„Also, was haben Sie denn für mich?“
„Eine wohlhabende ältere Dame. Averbeck, der Bestatter der sie gebracht hat, kannte sie ganz gut, er hat ein bisschen von ihr erzählt. Alleinstehend, großes Anwesen, Köchin, Gärtner… das ganze Programm. Sie wurde im Laufe des Vormittags von ihrer Reinigungsfrau tot aufgefunden.“
Die kleine Frau blätterte eine Akte auf und hielt sie ihm hin. „Der Hausarzt hat Todesursache unbekannt im Totenschein angekreuzt, deshalb ist sie bei uns gelandet. Diebeck hat sie obduziert und alle Anzeichen sprachen für einen plötzlichen Herztod. Ihre einzige Verwandte, eine Cousine, bezweifelt das aber.“

Als sie an dieser Stelle innehielt, runzelte Thiel die Stirn und sah sie an. „Und was denkt Boerne?“
Bevor Frau Haller antworten konnte, ertönte eine leise Stimme aus der Ecke des Raumes. „Es war Mord.“
Wie auf Kommando drehten Thiel und die Rechtsmedizinerin sich zum Sofa, auf dem Boerne sich gerade aufsetzte und sich durch die Haare fuhr.
„Ah ja.“ Thiel hatte die Arme verschränkt und beobachtete schweigend, wie Boerne langsam aufstand und dann zu ihnen an den Schreibtisch trat.
Dort angekommen, nahm er in seinem Schreibtischstuhl Platz und starrte Thiel amüsiert an.
Thiel starrte verwundert zurück, doch nach ein paar Sekunden wurde es ihm zu bunt. „Und? Gedenken Sie, mich an Ihrer Weisheit teilhaben zu lassen?“


Neben Boernes offensichtlichen körperlichen Problemen machte Thiel zu schaffen, wie still sein Kollege zuweilen wurde, regelrecht in sich gekehrt. Er fühlte sich immer etwas hilflos, wenn er ihn so erlebte; doch das schien sich nach und nach wieder zu normalisieren, die Phasen, in denen die für Boerne so typische, anstrengende Art und Weise durchschimmerte, häuften sich allmählich. So auch jetzt.
Thiel musste sich gar nicht viel Mühe geben, bei seiner Frage ein wenig mürrisch zu klingen, sein Kollege war auf bestem Wege, ihn schon wieder zu nerven.
Gott, er hatte das vermisst.

„Ich dachte schon, Sie fragen nie.“ Boernes Augen funkelten belustigt, als er sich ungelenk in seinem Stuhl vorbeugte und die Akte zu sich zog. „Die Frau wurde vergiftet.“
„Toll.“
Boerne runzelte auf diese wenig enthusiastische Bekundung hin die Stirn und blickte auf. „Toll? Das ist alles, was Sie dazu zu sagen haben?“
Thiel ließ sich in seinen üblichen Stuhl vor Boernes Schreibtisch fallen und musste sich ein Lächeln verbeißen. Boerne klang recht entrüstet und so lebendig wie schon lange nicht mehr. Anscheinend tat es ihm wirklich gut, zu arbeiten. Solange er es nicht damit übertrieb, zumindest.

Begütigend winkte er ab. „Nun mal raus mit der Sprache, ich bin ganz Ohr.“
Boerne warf ihm über den Rand seiner Brille noch einen skeptischen Blick zu, bevor er sich in Details über die Obduktion der Frau erging. „Wie so ziemlich jeder Rechtsmediziner in Deutschland Ihnen bestätigen wird, ist sie an einem plötzlichen Herzstillstand gestorben, ausgelöst durch Kammerflimmern. Diebeck war ebenfalls dieser Meinung. Aber Tatsache ist, dass das eine Fehldiagnose ist.“
Er schob die Brille hoch. „Es waren ein paar Details, die mich stutzig gemacht haben. Zum einen die Cousine, die nicht an einen natürlichen Tod glaubt und mehrfach hier bei Diebeck auf der Matte stand. Dann die Tatsache, dass die Frau vor ihrem Tod unter Magen-Darm-Beschwerden, wohl vor allem Diarrhöen gelitten haben muss. Sie war ein wenig ausgetrocknet und die Blutwerte zeigen entsprechende leichte Entgleisungen der Elektrolyte. Allerdings reichen diese Verschiebungen bei weitem nicht für einen Herzstillstand.“

Er blätterte eine Seite um und wies mit dem Finger auf eine bestimmte Textpassage. „Der Mageninhalt und die Standard-Blutuntersuchungen gaben keinen Hinweis auf irgendeine Besonderheit. Wir wissen lediglich, dass sie scharf gegessen hat, einige Stunden bevor sie gestorben ist. Insgesamt sehr unauffällig und verführerisch eindeutig. Deshalb hat Diebeck auch nichts bemerkt.“
Nun hob er den Kopf und warf einen kurzen Blick auf seine Assistentin, bevor er fortfuhr: „Zum Glück hat unsere Alberich hier alles richtig gemacht und reichlich Asservate archiviert. Besonders hat sie eine Probe aufgehoben, der Diebeck keinerlei Beachtung geschenkt hat, die ich aber für extrem wichtig halte.“ Er lehnte sich in seinem Stuhl zurück, zwar ruhig aber eindeutig fasziniert von diesem Fall.
„Zwischen zwei Backenzähnen der Frau fanden sich Reste von etwas, das klein gehackte Kerne gewesen sein dürften. Kerne, die ich dem Cerbera odollam, oder auch Zerberus- oder Selbstmordbaum, wie er genannt wird, zuordnen würde. Sie sind hochgiftig, ca. sechs Stunden nach der Einnahme stirbt das Opfer. Es würde zu weit gehen, Ihnen das alles zu erklären, auf jeden Fall blockiert ein Inhaltsstoff dieser Kerne die Calzium-Ionen-Kanäle in der Herzmuskulatur, was den Herzschlag unterbricht.“


„Was Sie nicht sagen.“ Thiel runzelte die Stirn und wandte sich an Frau Haller. „Ich weiß ja nicht, ob an dieser Idee etwas dran ist, aber falls ja, wieso ist Diebeck das nicht aufgefallen? Er muss die Kerne doch gesehen haben, oder haben Sie sie ihm nicht gezeigt?“
Frau Haller zuckte mit den Schultern. „Natürlich habe ich sie ihm gezeigt. Aber er ist nicht drauf gekommen, was das sein kann, weil…“
„Weil er ein fantasieloser Giftmischer ist“, brummte Boerne, während Frau Haller ungerührt fortfuhr: „…weil er die Pflanze vielleicht gar nicht kennt, sie ist hier nicht heimisch.“
Sie setzte sich nun ebenfalls. „Ich musste mich selber erst einmal wieder belesen, es ist ewig her, dass ich mal davon gehört habe. Weltweit gilt das Gift als nahezu unauffindbar, die Dunkelziffer an Todesfällen durch Mord und Selbstmord damit ist wahrscheinlich viel höher als man denkt. Normalerweise finden sich eben keine Spuren davon und die Symptome der Vergiftung sind derart unspezifisch, dass ihnen keine Beachtung geschenkt wird. Dass die Frau ein paar Stückchen der Kernhüllen zwischen den Zähnen hatte, war der pure Zufall. Und dass der Chef darauf gekommen ist, was dahinterstecken könnte, hat…“
„…hat mit Zufall ganz bestimmt nichts zu tun, Alberich“, schoss Boerne warnend dazwischen. „Das nennt man Brillanz.“

Frau Haller war über die erneute Unterbrechung nicht böse, sondern lachte nur gutmütig und ignorierte seinen Einwurf erneut. „Ich gebe zu, im ersten Moment habe ich ihn für verrückt erklärt. Aber je mehr ich über diese Samen in Erfahrung gebracht habe, desto mehr muss ich zugeben, dass das hervorragend passen würde. Aber auch mir wäre das niemals in den Sinn gekommen.“

So absurd das jetzt alles klang, uninteressant war es jedenfalls nicht. Thiel beugte sich vor. „Und können Sie denn schon beweisen, dass sie daran gestorben ist?“
Boerne schüttelte den Kopf. „Noch nicht, es laufen Spezialuntersuchungen, die das bestätigen müssen. Aber ich bin mir trotzdem sicher, dass es ein Mord war.“
„Sie machen mir Spaß. Haben noch keine Beweise und ich soll ermitteln…“ Thiel lehnte sich zurück und verschränkte die Arme. „Und woher wollen Sie überhaupt wissen, dass es ein Mord war und kein Selbstmord? Der Name dieses Baumes klingt ja schon sehr eindeutig.“
Auf Boernes Gesicht breitete sich ein leichtes, zufriedenes Lächeln aus. „Mein lieber Thiel, Sie müssen immer gleich den Finger in die Wunde legen, was?“ Er schob sich die Brille hoch, bevor er ganz animiert erklärte: „Ein Selbstmörder mischt sich die Kerne mit Unmengen an Zucker, um seinen Abgang möglichst angenehm und den bitteren Geschmack erträglicher zu machen. Mörder dagegen arbeiten mit scharfen Gewürzen, um die Bitterkeit zu verschleiern. Zuviel Zucker würde auffallen.“

Als er fertig war, schüttelte Thiel den Kopf. „Super Theorie.“ Er war kurz davor, Boerne einen Vogel zu zeigen. „Und auf diese verrückte Idee hin soll ich jetzt anfangen, Nachforschungen anzustellen?“
Doch Boerne zeigte sich von seinem Unglauben völlig unbeeindruckt. „Wenn Sie sich selbst einen Gefallen tun wollen, ja. Leider ist der Fall inzwischen fünf Wochen alt, es wird Ihnen wahrscheinlich nicht mehr möglich sein, im Abfall der Frau Essensreste zu sichern. Aber Sie können ja schon mal das Personal und die Cousine befragen. Ich würde mich an Ihrer Stelle intensiv mit dem Gärtner des Herrenhauses befassen, Sie wissen um den dubiosen Ruf dieses Berufsstandes.“ Bei diesen Worten funkelten seine Augen spitzbübisch.

Thiel tauschte einen erheiterten Blick mit Frau Haller aus, als Boerne fortfuhr: "Andererseits werden Giftmorde von Frauen verübt. Sie werden wohl doch nicht umhin kommen, auch alle weiblichen Hausangestellten genauer unter die Lupe zu nehmen.“ Er schüttelte sichtbar amüsiert den Kopf. „Aber wenn der Gärtner zufällig weiblichen Geschlechts ist, gibt’s keinen Zweifel mehr, dann können Sie gleich zuschlagen.“


Ebenso wie Frau Haller konnte Thiel ein Grinsen nicht mehr verkneifen, als er aufstand. „Wenn Ihr Hexenwerk eindeutige Ergebnisse bringt, lassen Sie es mich wissen. Dann werden Nadeshda und ich uns drum kümmern.“
„Morgen um diese Zeit liegen die Resultate der Hochdruckflüssigkeitschromatographie und Massenspektrometrie vor.“ Boerne widmete sich wieder den Akten auf seinem Schreibtisch. „Und dann bin ich gespannt, wie es Ihnen gelingt, den Gärtner zu überführen“, setzte er todernst hinzu.
Thiel verdrehte die Augen. „Wenn Sie jetzt noch ein einziges Klischee erwähnen, springe ich aus dem Fenster.“
Boernes Antwort war staubtrocken. „Das wird nicht viel bringen, wir sind hier im Keller.“

Thiel verabschiedete sich lachend.

***

Ein paar Abende später, als Thiel müde die Stufen zu seiner Wohnung nach oben stieg, sah er, dass beim Professor noch Licht brannte. Kurzentschlossen schwenkte er ab und klingelte er bei seinem Nachbarn. Es durfte Boerne interessieren, was Nadeshda und er herausgefunden hatten.

Es dauerte ein Weilchen, doch dann hörte er Schritte im Flur und gleich darauf wurde die Tür geöffnet.
Thiel registrierte etwas unangenehm berührt, dass Boerne so aussah, als sei er schon im Bett gewesen. Er trug nur ein T-Shirt und eine dunkle Pyjamahose und seine Haare am Hinterkopf standen in alle Richtungen.
„Thiel? Was kann ich für Sie tun?“ Er klang ein wenig heiser und Thiel fühlte sich noch unwohler. Er zuckte etwas unbeholfen mit den Schultern. „‘Tschuldigung Boerne…  ich hatte das Licht gesehen… ich dachte, Sie sind noch wach.“
Sein Kollege winkte gleich ab. „Es ist gut, dass Sie geläutet haben. Ich bin auf der Couch eingeschlafen, aber wenn ich die ganze Nacht da liegengeblieben wäre, könnte ich mich morgen nicht mehr bewegen.“ Er warf Thiel über seine Brille hinweg einen fragenden Blick zu. „Sie haben doch sicher nicht geklingelt, um hier vor der Tür herumzustottern. Kommen Sie rein.“

Er drehte sich um und nach kurzem Zögern folgte Thiel ihm ins Wohnzimmer. Boerne schien recht munter, trotz dass er ihn aus dem Schlaf gerissen hatte.
Als er in den Raum trat, schob sein Nachbar gerade die Wolldecke beiseite, die noch in einem zerknautschten Haufen auf dem Sofa lag und ließ sich bedächtig nieder.
Thiel ließ sich in den Sessel fallen und fing dann einfach an zu berichten, was die Nachforschungen im Fall der älteren Dame ergeben hatten.


„Wir haben das Umfeld der vergifteten Dame genauer durchleuchtet. Und das hat sich als recht spannend erwiesen.“ Er machte eine bedeutungsschwangere Pause.
Boerne reagierte wie erwartet, er war sogleich ganz interessiert. „Na, worauf warten Sie noch? Dann mal raus mit der Sprache!“

Thiel lehnte sich zuerst einmal genüsslich zurück. Es war schön, Boerne wie schon im Institut so animiert und lebendig zu sehen, und es machte noch mehr Spaß, ihn ein wenig auf die Folter zu spannen. Aber als Boernes Gesichtsausdruck sich langsam in ein Stirnrunzeln wandelte, rückte er mit der Sprache heraus. „Sie hat ihre Cousine zwar als Haupterbin eingesetzt, aber einen beträchtlichen Teil ihres Vermögens an ihre Bediensteten vermacht. Und bei diesem Trüppchen taten sich dann ein paar interessante Details auf.“ Er musste selber den Kopf schütteln über seinen nächsten Satz. „Der Gärtner hat einen Riesenberg Schulden, ihm ist der Tod dieser Frau sicherlich mehr als gelegen gekommen.“

„Sieh an.“ Boerne hatte die Augenbrauen hochgezogen. „Und, denken Sie, er hat Hand angelegt?“
„Ich bin mir verdammt sicher, dass es so ist.“ Thiel schmunzelte, als er Boernes verwundert amüsierten Gesichtsausdruck sah und erklärte dann: „An dem Abend, als sie starb, war die Köchin nicht im Haus, es war ihr freier Tag. Sie hat die Kerne jedenfalls nicht ins Essen gemischt, sie war ausgegangen. Es gibt genügend Zeugen dafür.“
Er holte kurz seinen kleinen Block hervor, um die Details richtig wiederzugeben. „Die Köchin hat früh am nächsten Morgen gesehen, dass die Dame zum Abendbrot indisches Essen bestellt hatte. Ahnungslos hat sie natürlich die Reste entsorgt, aber es sind auf jeden Fall zwei Portionen gewesen. Das war nicht ungewöhnlich, öfter haben ihr abends ihre Angestellten etwas Gesellschaft geleistet.“

Er blickte auf, als Boerne ein ungläubiges Geräusch machte und fuhr dann fort: „Wir haben das Gewächshaus unter die Lupe genommen, dort war allerdings alles unauffällig. Aber in der Wohnung des Gärtners haben wir eine Pflanze sichergestellt, die der Beschreibung nach tatsächlich so ein Selbstmordbaum ist. Sie ist auf dem Weg zu Ihnen ins Institut, Sie müssen dann Morgen mal drüberschauen.“
Boerne lächelte und nickte. „Das wird sich machen lassen.“
Thiel lehnte sich zurück. „ Wir konnten aber dank der Köchin den Schnellimbiss ausfindig machen, der das Essen geliefert hat. Der Fahrer kennt die Dame und die Angestellten des Hauses ganz gut, sie haben dort alle paar Wochen etwas bestellt. An dem Abend hat der Gärtner das Essen an der Tür angenommen und bezahlt. Es gab kein Trinkgeld, deshalb war der Lieferant ziemlich sauer und schwört, dass er sich nicht irrt. Alle anderen Bediensteten haben für den Abend Alibis, auch die Cousine.“ Er fuhr sich durch die Haare, als er abschloss: „Jetzt müssen wir nur noch beweisen, dass es ein Mord war und kein Selbstmord.“

„Ach, das wird Ihnen schon gelingen.“ Boerne winkte lässig mit der Hand ab. „Ich habe Ihnen das mit dem scharfen Essen ja schon erklärt. Und jeder Richter auf dieser Welt weiß, der Mörder ist immer der Gärtner. Also, der Fall ist so gut wie wasserdicht.“
Thiel schnaubte belustigt. „Nu‘ bleiben Sie mir mal mit dieser albernen Theorie vom Hals.“
„Alberne Theorie? Na kommen Sie Thiel, das ist ein Klischee aus gutem Grund, das können Sie nicht wegdiskutieren.“ Sein Kollege hatte sichtlich Spaß an der ganzen Entwicklung dieses Falles.
Thiel selber nickte ergeben. „Ja, ausnahmsweise scheint wirklich etwas dran zu sein. Mal sehen, ob wir ihn weichgekocht kriegen.“
„Ich bin da ganz optimistisch.“


Boerne blickte etwas verwundert, als Thiel sich auf diese Worte hin aus seinem Sessel erhob. „Wollen Sie schon gehen?“
Thiel nickte und streckte sich. „Ja, ich bin müde. Und wir haben doch Morgen um halb acht schon einen Termin bei Frau Klemm. Da ist die Nacht jetzt schon zu kurz.“
Boerne blickte ihn stirnrunzelnd an. „Wir? Morgen früh? Bei Frau Klemm?“
Jetzt war es an Thiel, verwundert zu schauen. „Ja, klar! Haben Sie das vergessen?“
Boerne schien ganz verdattert. „Ich weiß nichts von einem Termin.“

Thiel merkte, wie seine Augenbrauen nach oben wanderten. „Ich stand daneben, als Frau Haller es Ihnen gesagt und sogar in Ihren Terminkalender geschrieben hat. Sie waren da gerade dabei, diesen Autopsiebericht zu tippen, der Ihnen so wichtig war.“
Boerne rieb sich eindeutig verblüfft über die Stirn, als er nun ebenfalls aufstand. „Also das muss mir irgendwie entgangen sein…“
Thiel konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. „Dass ich das noch erleben darf! Das bestätigt die Behauptung, dass Männer nicht multitaskingfähig sind. Und das Professoren zerstreut sind. Und das…“
Bevor er noch ein weiteres Argument auspacken konnte wurde er von Boerne am Arm gefasst und zur Tür gedreht. „Ja danke, Thiel, ich habe es verstanden. Noch ein weitere alberne Theorie von Ihnen und ich muss Sie knebeln.“
Thiel kicherte, als er sich von seinem Nachbarn zur Tür schieben ließ. „Es sind Klischees aus gutem Grund, das können Sie nicht wegdiskutieren…“ Er musste Boernes Spruch von vorhin einfach noch einmal wiederholen.
„Thiel…“ Boerne klang halb entnervt, halb amüsiert und Thiel hob beschwichtigend die Hände. „Schon gut schon gut! Kann ich vielleicht mit Ihnen mitfahren? Ist mieses Wetter gemeldet für morgen.“
Boerne lehnte sich in den Türrahmen. „Wenn Sie pünktlich sind….“
„Ich werde typisch deutsch überpünktlich sein.“ Thiel richtete sich zu seiner vollen Größe auf, als er das so ernst er konnte klarstellte.

Boerne schüttelte nur den Kopf. „Wenn Sie jetzt noch ein Klischee erwähnen, springe ich aus dem Fenster.“
Thiels Antwort war staubtrocken. „Das wird nicht viel bringen. Wir sind im ersten Stock.“

Boerne verabschiedete sich lachend.





Comments

( 4 Kommentare — Kommentar hinterlassen )
cricri_72
27. Jan 2013 21:56 (UTC)
:D

Das war aber auch ein hübsches Prompt! *fällt um ins Bett*

baggeli
27. Jan 2013 21:58 (UTC)
:D

Gute Nacht!
iskandra
27. Jan 2013 23:08 (UTC)
Oooh, das Zerberusbäumchen-und Boerne beim Aufräumen des Mists, den Diebeck hinterlassen hat...

Zum Klischee sag ich mal nur, ich hab in mehreren Gärtnereien gejobbt, und die Gärtner waren allesamt komische Leute....allerdings sind Giftpflanzen so ein kleines Hobby von mir, seit ich unter Enfluss meiner Mutter (Floristin, *keine* Gärtnerin!) mit 12 angefangen hatte, mich mit (Wild)Kräutern zu beschäftigen. Den Giftkram natürlich nur theoretisch! *grins*

Und das ausgerechnet in indisches Essen zu stecken- das Zeug kommt ja aus Indien...fies!
baggeli
27. Jan 2013 23:14 (UTC)
Jaaaaaa, das Zerberus-Bäumchen! Ich kannte es bis vorgestern nicht!
Ich habe lange nach einem schönen Klischee gesucht, bis mein Mann mir irgendwann sagte: 'Der Mörder ist immer der Gärtner'. Und da hab ich mich so amüsiert, da war alles vorbei. Passte ja perfekt zu einem Tatort. Ich hatte vorher nur so langweiligen Kram im Kopf, dagegen war dies einfach eine Steilvorlage.
Also habe ich angefangen zu forschen, wie ich die arme Redshirt-Dame über die Wupper bringen kann...

Ich meine mit dem Klischee aber nun ganz bestimmt nicht, dass alle Gärtner sonderlich sind! Mitnichten!!!
Ich tobe mich rein am Lied von Reinhard Mey aus. :D

Naja, und das mit dem indischen Essen bot sich an, es musste nun mal scharf gewürzt sein. ;o)

( 4 Kommentare — Kommentar hinterlassen )

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