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Bingo-Prompt 13, Karte 2

Titel: Allein
Prompt: Singen unter der Dusche
Genre: Freundschaft, Angst?, h/c
Zusammenfassung: Es war Thiel, der dort sang. Und dem Geräusch des laufenden Wassers und dem gelegentlichen Prusten nach zu urteilen, sang er unter der Dusche.
Anmerkungen: Kurzer Nachschlag zu "Licht".
A.N.: wie immer ohne Beta.
Wörter: 1200


Er war allein. Er war ihnen ausgeliefert.
In dem Moment, in dem er von hinten gefasst wurde und sah, wie sein Widersacher sich mit einem schnellen Griff bewaffnete, wusste er, diesmal wollten sie ihn nicht mit Prellungen davonkommen lassen.

Die Angst vervielfachte seine Kräfte, in einem unkontrollierten Ausbruch von Panik wäre es ihm beinah noch gelungen, sich von seinen Angreifern loszureißen. Aber nur beinah.
In der Sekunde, in der der Feuerlöscher seine Rippen zertrümmerte, explodierte seine Welt in unfassbarem Schmerz.

Doch statt dass seine Angreifer nun von ihm abließen, waren sie noch nicht fertig mit ihm. Er spürte nur vage, wie er nochmals hochgerissen wurde und sah aus dem Augenwinkel den roten Metallzylinder ein weiteres Mal auf sich zurasen.
Diesmal wollten sie ihn umbringen.


Er kam noch einmal zu sich. Allein. Auf dem Fußboden. Erschreckend klar, für kurze Zeit. Vollständig hilflos, unfähig, sich zu rühren. Er spürte keine Schmerzen, nur Taubheit.
Seltsam distanziert wurde ihm bewusst, dass Blut aus seinem Ohr rann und langsam aber sicher eine Lache unter seinem Kopf bildete.
Schädelbasisbruch registrierte der kleine Teil seines Gehirnes, der - trotz der Panik, die seine Unfähigkeit, atmen zu können, in ihm auslöste -  noch funktionierte.
Doch diese Panik konsumierte innerhalb von zwei Sekunden jeden weiteren Gedanken.
Er bekam keine Luft, egal, wie sehr er sich anstrengte. Bekam keine Luft, egal wie verzweifelt er versuchte, seine Lungen mit Sauerstoff zu füllen. Dabei kämpfte er wie nie zuvor. Kämpfte um jeden keuchenden, oberflächlichen Atemzug.
Er wollte nicht aufgeben, er hatte es Thiel versprochen.
Langsam wich die Taubheit anderen Sinneseindrücken. Er spürte, dass er eiskalt war, spürte, dass er unkontrolliert zitterte. Spürte Schmerzen, von denen er dachte, sie müssten ihm den Verstand rauben.

Agonie. Das Wort blitzte noch kurz auf, bevor jegliche bewusste Wahrnehmung langsam schwand. Bevor die Welt ganz allmählich wieder schwarz wurde.

Dann war er plötzlich nicht mehr allein. Jemand kümmerte sich um ihn, sprach ihm Mut zu.
Er war dankbar, doch seine Kräfte waren verbraucht. Er konnte einfach nicht mehr, selbst wenn er gewollt hätte. Irgendwann gelang es ihm nicht mehr, seine gequälten Lungen abermals mit Luft zu füllen. Er versuchte es auch nicht mehr.
Er konnte sein Versprechen nicht halten.
Als er aufhörte zu atmen und sich der Schwärze ergab, wurde ihm eines bewusst: es war vorbei.
Seine Zeit war abgelaufen.






Verzweifelt nach Luft schnappend fuhr er aus dem Schlaf hoch und sackte im nächsten Moment mit einem erstickten Aufschrei zurück. Seine Brust brannte wie Feuer, er konnte kaum atmen.
Keuchend versuchte er, seine Position zu verändern, versuchte, sich aufzusetzen um besser Luft zu bekommen, doch er konnte seine Arme nicht bewegen, sie waren wie gefesselt. In blinder Panik, wieder gefangen in seinem Alptraum, versuchte er, wegzukommen, auf die Beine zu kommen, aber es wollte ihm nicht gelingen.
Irgendwann schaffte er, seine Arme loszureißen und sich aufzurichten, versuchte, die Angreifer abzuwehren, die nur in seiner Einbildung existierten.


Langsam nahmen seine von der Deckenleuchte geblendeten Augen wieder seine Umgebung wahr, langsam schaltete sich sein Gehirn wieder ein. Er war nicht mehr im Gefängnis. Er war nicht mehr allein auf sich gestellt. Er war in Thiels Wohnzimmer, auf Thiels Sofa. War wieder einmal eingeschlafen, ohne es zu wollen.
Doch trotz dieser Erkenntnis gelang es ihm nicht, die beängstigenden Bilder, die sich wieder und wieder vor seinem inneren Auge abspielten, zu dem verblassen zu lassen, was sie waren: eine schreckliche Erinnerung.


Dann, mit einem Mal, wurde ihm bewusst, dass er etwas hörte. Mit aller Kraft die er hatte, wie ein Ertrinkender, der sich an einem Rettungsring festklammerte, konzentrierte er sich auf das Geräusch.
Jemand sang.
Der Raum begann, sich um ihn zu drehen, der Schwindel, ausgelöst durch sein panisches Hyperventilieren, ließ dunkle Punkte vor seinen Augen tanzen. Er merkte, wie seine Muskeln langsam nachgaben und rutschte entkräftet an der Sofalehne herab auf die Seite. Aber er wurde ruhiger, versuchte, auf nichts anderes als auf diesen Gesang zu achten.
Es war Thiel, der dort sang. Und dem Geräusch des laufenden Wassers und dem gelegentlichen Prusten nach zu urteilen, sang er unter der Dusche.

Ermattet blieb er liegen, die Augen fest zusammengepresst, keuchend. Es dauerte eine Weile, bis das höllische Brennen in seinem lädierten Brustkasten minimal nachließ; es dauerte eine Weile, bis ihm bewusst wurde, dass er nicht nur in seinem Traum vor Kälte gezittert hatte, sondern dass er schweißgebadet war und tatsächlich zitterte wie Espenlaub.
Doch die ganze Zeit konzentrierte er sich auf den Gesang. Ließ sich davon ankern im Hier und Jetzt.


Thiel klang fröhlich und entspannt. Mit sich und der Welt im Reinen. Er sang etwas von Udo Lindenberg und in jeder anderen Situation hätte es ihn wahrscheinlich extrem amüsiert, wie gut sein Kollege die Stimme zu imitieren vermochte.
Doch nun konzentrierte er sich einfach auf das Gefühl, nicht allein zu sein. Er versuchte, nicht zu denken, nicht zu fühlen, er hörte nur zu. Und je länger er Thiel lauschte, desto ruhiger wurde er.


Als sein Adrenalinspiegel langsam sank, fühlte er sich völlig erschöpft, wie betäubt. Er hatte nicht mehr die Kraft, die Beine wieder auf das Sofa zu nehmen. Nicht mehr die Kraft, sich wieder auf den Rücken zu rollen, obwohl es für seine Rippen eine Qual war, seitlich auf der faltigen, zerwühlten Decke zu liegen, die bis eben wohl über ihm ausgebreitet gewesen war.


Es fiel ihm nicht auf, dass das Wasser längst abgestellt worden war; es fiel ihm nicht auf, dass Thiels Gesang kurz leiser und etwas gedämpft geklungen hatte, weil er sich ein T-Shirt und einen Pulli über den Kopf gezogen hatte, so beschäftigt war er damit, einfach nur zu atmen und die Schmerzen in den Griff zu bekommen.


Als ein verwundertes: „Boerne? Alles in Ordnung?“, in seinem Rücken ertönte, fuhr er zusammen und konnte ein erneutes gequältes Aufstöhnen nicht verhindern.
Mit ein paar schnellen Schritten war sein Nachbar bei ihm, hob seine Beine auf die Couch und lagerte ihn in eine bequeme Position, zog behutsam die Decke unter ihm hervor und breitete sie über seinem zitternden Körper aus.
Mit einem erschöpften Seufzen erschlaffte er auf den weichen Polstern, es gelang ihm nicht mehr, die Augen offen zu halten.

„Boerne? Was ist los? Brauchen Sie einen Arzt?“ Thiel war beunruhigt, er hörte es sofort. Das Sofa sank etwas herab, als sein Kollege sich zu ihm setzte und er zuckte ein wenig zusammen, als eine warme Hand seine verschwitzten Haare beiseite strich und dann für einen Augenblick auf seiner Stirn ruhte.

„Nein, alles in Ordnung.“ Er gab sich Mühe, ruhig zu klingen, doch er scheiterte kläglich, das merkte er selber. 
„Herrgott, verarschen kann ich mich alleine.“ Thiel war aufgewühlt und aufgebracht, beides gleichzeitig. „Was ist los? Und ich will die Wahrheit!“

„Ich hatte einen Alptraum.“ Er flüsterte es gegen seinen eigenen Willen; aber er hatte gerade nicht die Kraft, sich irgendetwas auszudenken; hatte keine Kraft, ihm etwas vorzuspielen. „Ich war zurück im Gefängnis... ich war allein…“ Er schluckte mühsam und erschauderte, als sich wieder die Bilder in seine Gedanken schoben.

Die Decke wurde noch höher gezogen und Thiel legte eine Hand auf seine Schulter. „Boerne... das ist vorbei.“ Seine Stimme klang mitfühlend und besorgt.
Er nickte schwach, die Erschöpfung so knochentief, dass er es nicht mehr schaffte, zu antworten.

„Ruhen Sie sich aus.“
Er merkte, wie Thiel aufstehen wollte und im ersten Reflex griff er blind nach ihm. In der Sekunde, in der ihm bewusst wurde, wie kindisch er sich aufführte, ließ er seine Hand auf die Decke fallen, doch Thiel hatte seine Bewegung bemerkt.
Aber er machte sich nicht lustig. Stattdessen ließ er sich zurück auf das Sofa sinken. „Ich bleibe hier bei Ihnen sitzen, ok? Schlafen Sie.“


Als er aufhörte zu kämpfen und sich der Schwärze ergab, wurde ihm eines bewusst: Thiel hatte Recht. Es war vorbei.
Er war nicht mehr allein.

allein


Comments

( 5 Kommentare — Kommentar hinterlassen )
cricri_72
28. Jan 2013 18:57 (UTC)
Auch das ist eine tolle Umsetzung - daran hätte ich ja nun wirklich nicht gedacht bei "unter der Dusche singen". Aber es paßt sehr gut.

Ich habe den Text schon heute morgen gelesen, und er geht mir auch beim dritten und vierten Lesen noch sehr nahe. *huggles Boerne* Es ist sehr schön, daß Du Thiel bei ihm sitzen läßt. Und singen.

Ich brauche unbedingt ein h/c-Icon ...
baggeli
28. Jan 2013 19:21 (UTC)
...daran hätte ich ja nun wirklich nicht gedacht bei "unter der Dusche singen".
Naja, du hast ja selber mal gesagt, es ist ganz nett, wenn die Prompts sich anders entwickeln, als man erwartet. Deshalb dachte ich, ich mach mal...

Ich habe den Text schon heute morgen gelesen, und er geht mir auch beim dritten und vierten Lesen noch sehr nahe
Ich war mir nicht sicher, ob es mir gelungen ist, ihn einigermaßen intensiv hinzubekommen. Aber vielleicht hat es ja geklappt.

Es ist sehr schön, daß Du Thiel bei ihm sitzen läßt
Ich finde, nichts anderes ging in diesem Moment, das war das einzig Richtige. Auch wenn so etwas im Canon undenkbar wäre.

Und singen.
Ich liebe es, wenn Thiel singt. Leider durfte er bislang erst zweimal (stimmt das jetzt?)
Aber das war genau, was Boerne brauchte.

Ich brauche unbedingt ein h/c-Icon ...
Wenn's danach geht, brauche ich einen h/c-Header. Hier gibt's ja eh nix anderes.
iskandra
31. Jan 2013 01:04 (UTC)
Awwww....group hug?

Das war dann doch sehr intensiv, ich hätte beinahe selbst 'ne Panikattacke bekommen...und als Kontrapunkt ein Udo Lindenberg-singender Thiel - wo der doch immer sein PANIKorchester dabei hat (Udo, nicht Thiel ;-))

Jetzt würde ich zu gerne wissen, was für ein Lied es war, um es mir richtig vorzustellen (vermutlich was aus den 70ern...) - ich hab als Kind Ende der 70er mit meiner Mutter das erste Mal Hamburg besucht, als wir Udo zu Hause besucht haben-ich habe also diese verquere Erinnerung von einem Udo L. der mich als Kind mal auf dem Arm hält...aber das sind dann nur meine sonderbaren Assoziationen, sobald irgendwo Herr Lindenberg vorkommt :-D
baggeli
31. Jan 2013 06:47 (UTC)
Sowas... Ich glaube, bei Udo auf dem Arm hätte ich Panikattacken... :D
Ich kann dir nicht sagen, was das für ein Lied ist, Thiel singt es in Ruhe sanft in der Dusche. :-p

Schön, wenn dir der kurze Text etwas gefallen hat. Ich möchte auch beide knuddeln. ;-)

Edit: also wenn ich das jetzt richtig recherchiert habe, heißt das Lied "Gerhard Gösebrecht".
(ich gebe zu, den Titel finde ich relativ absonderlich)

Edited at 2013-01-31 08:44 (UTC)
iskandra
1. Feb 2013 03:28 (UTC)
Das hatte ich ja völlig verdrängt-ich hab mir die Folge gerade nochmal angesehen-das ist tatsächlich Gösebrecht. So ein schwachsinniges Lied über einen außerirdischen Anhalter... *Kindheits-Flashback*

Aber vermutlich würde ich denken, ich hätte Wahnvorstellungen, wenn ich beim Aufwachen "Udo-Thiel" hören würde! *snicker* Ich könnte mir auch "Auf der Reeperbahn nachts um halb eins" von Thiel unter der Dusche gesungen vorstellen!

(Ich fand Udo damals toll-der hat mich einfach in seiner Wohnung rumstöbern lassen...ach ja, die 70er....)
( 5 Kommentare — Kommentar hinterlassen )

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