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Bingo-Prompt 15, Karte 2

Titel: Ein undankbarer Auftrag II
Prompt: Anziehend
Genre: grenzdebiler Blödsinn. SEID HIERMIT GEWARNT. Das ist alles die Bingo-Karte schuld.
Zusammenfassung: Es hatte schon seine Gründe, warum Thiel Kriminalkommissar geworden war und nicht Krankenpfleger.
Wenn er gewusst hätte, mit was Boerne ihm heute kommen würde, er wäre mit Nadeshda in die Kantine gegangen, statt ihn zu besuchen.
Anmerkungen: Missing Scene zu "Licht".
A.N.: wie immer ohne Beta.
Wörter: 2000


Wenn er gewusst hätte, mit was Boerne ihm heute kommen würde, er wäre mit Nadeshda in die Kantine gegangen, statt ihn zu besuchen.


Thiel hatte sich selbst immer für einen Mann gehalten, der sich so schnell nicht aus der Ruhe bringen ließ, aber das jetzt, das war zu viel. Jetzt gerade fühlte er sich vollständig überfordert.
„Thiel, bitte…“
Boernes leise Stimme klang so flehentlich, wie er ihn noch nie gehört hatte; das änderte aber nichts an der Tatsache, dass er ihm nicht helfen wollte. Helfen konnte. Also, prinzipiell durchaus helfen wollen würde, aber in diesem speziellen Fall einfach nicht... wie auch immer. Es ging nicht.

Während Thiel sich noch verzweifelt das Hirn nach Argumenten zermarterte, wie er seinem Kollegen diese Idee ein für alle Mal ausreden könnte, öffnete sich die Tür, und Frau Haller trat in den Raum.
Die Rettung!


„Frau Haller, schnell!“ Thiel stürmte geradewegs auf sie zu und fasste sie am Arm, um sie mit sich zu ziehen.
„Was ist denn los? Geht’s ihm nicht gut?“ Boernes Assistentin schien ganz erschreckt. Sie eilte mit ihm ans Bett und ließ ihre forschenden, besorgten Blicke über ihren bleichen, nun mit geschlossenen Augen daliegenden Chef und alle Monitore und Gerätschaften wandern, bevor sie sich etwas verwundert zu Thiel umdrehte.
„Herr Thiel, was ist denn? Er schläft doch ganz ruhig.“
„Ja, jetzt! Gerade war er noch wach!“ Toll, kaum drehte man ihm den Rücken zu, driftete er wieder weg und wirkte völlig unschuldig. „Sie müssen Ihn zur Vernunft bringen!“ Er klang so geschockt, wie er war. „Ich soll ihn anziehen!!“

Frau Haller zog eine Augenbraue hoch. „Anziehen?“
„Ja!“ Thiel fuhr sich aufgebracht durch die Haare. „Ich hab neulich seine Tasche gepackt und sie ihm gebracht, weil er mich darum gebeten hat. Gestern war ja nicht daran zu denken, so elend wie er war, aber jetzt will er, dass ich ihm in den Schlafanzug helfe!“
Frau Haller hatte seinen aufgebrachten Ausführungen sichtbar verblüfft zugehört. „Und das ist ein… Problem?“, fragte sie jetzt ganz vorsichtig.
Thiel starrte sie ganz fassungslos an. „Aber… ja, was denken Sie denn? Schauen Sie sich ihn doch mal an! Tausend Kabel und Schläuche und er ist doch noch total… er ist doch noch völlig…“  Er merkte, dass ihm die Adjektive ausgingen, um nur ansatzweise zu beschreiben, wie krank Boerne noch war und nun doch wirklich nicht in der Verfassung, um von ihm, Thiel, angezogen zu werden! Ganz zu schweigen davon, dass er, Thiel, nicht in der Verfassung war, Boerne anzuziehen!

Frau Hallers Augenbraue wanderte immer höher. „Haben Sie das Pflegepersonal gefragt?“
Spitzenidee, soweit reichte sein Grips nun auch noch. „Natürlich, was denken Sie denn! Aber die sind knapp besetzt und haben mehrere Patienten, denen es mächtig schlecht geht. Die haben heute einfach keine Zeit dafür!“
Er hörte selber die Verzweiflung in seiner Stimme, doch an Frau Haller schien das abzuprallen. „Ja, hier ist wirklich viel los, ich habe das schon bemerkt in den letzten Tagen. Dann machen Sie das doch besser schnell, er wird sich freuen.“
Thiel blieb der Mund offen stehen. Hatte sie denn wirklich nicht ein Wort von dem verstanden, was er ihr gerade zu sagen versuchte? Sie sollte Boerne klarmachen, dass er ihm nicht helfen konnte und stattdessen unterstützte sie ihn noch! Also so kam er nicht weiter.


„Ich weiß gar nicht, wie ich das machen soll!“ entfuhr es ihm schließlich, auch wenn das nicht ganz die Wahrheit war. Zumindest klang es sehr glaubwürdig.
Nur dass das bei Frau Haller nicht zog.
Sie verschränkte die Arme. „Herr Thiel, Sie sind ein erwachsener Mann und Vater eines Kindes, Sie wissen doch, wie man jemanden anzieht. Ist es so ein großes Problem für Sie, ihm kurz zu helfen? Die Sache ist in ein paar Minuten erledigt!“ Sie schien ehrlich verwundert. „Das ist doch keine Schwierigkeit, er kann sich doch inzwischen wieder auf die Bettkante setzen mit etwas Hilfe.“
Grundgütiger, verstand sie denn nicht… Thiel wollte ihn nicht auf die Bettkante setzen. Vielmehr wollte er ihn da nicht...

„Ich will ihm nicht wehtun!“ Hammer-Argument. Dagegen konnte sie nichts sagen.
Sie winkte nur ab. „Der Chef ist vollgedröhnt bis unter die Haarspitzen, sonst würde er vor Schmerzen nicht tief genug atmen. Keine Sorge, dem tun Sie so schnell nicht weh.“
Großer Gott, die Frau war nicht kleinzukriegen…

„Aber… aber… ihm ist immer so kalt und dann muss ich ihm die Decke wegnehmen und…“ Thiel merkte, wie ihm allmählich die Ausreden ausgingen.
Frau Hallers verwunderter Gesichtsausdruck wandelte sich ganz langsam in etwas anderes. Amüsiert zogen sich ihre Mundwinkel nach oben, als Sie den Kopf schräglegte. „Haben Sie Angst vor dem, was da unter der Decke ist? Ich würde wetten, das ist nichts anderes als das, was Sie auch haben.“
Sie fing an zu grinsen, als ihm die Gesichtszüge entglitten. Also darüber hatte er nun wirklich nicht nachgedacht.
„Mensch, Frau Haller, machen Sie sich doch nicht lustig über mich“, grummelte er mürrisch.
 
„Och Herr Thiel, nun lassen Sie sich doch nicht ärgern.“ Sie fasste wie entschuldigend seinen Arm. „Ich verstehe nur Ihre Aufregung nicht, das ist alles keine große Sache. Der Chef sagt Ihnen schon, wie es geht. Im Liegen die Hose an, auf die Bettkante setzten, und das Oberteil an. Die Kabel und Schläuche müssen Sie gar nicht groß berühren.“
„Aber ich muss sie anschauen.“ Thiel war mit den Ausflüchten am Ende.

Und in dem Moment sah er Verständnis in Frau Hallers Augen aufblitzen. „Sie können das nicht sehen, obwohl alles sauber und dick verbunden ist?“
Thiel nickte nur stumm.
Sie lächelte gutmütig. „Warum sagen Sie das denn nicht einfach?“
Er zuckte nur wortlos mit den Schultern.


Die kleine Frau ersparte sich  weitere Kommentare, drückte nur nochmals aufmunternd seinen Arm und runzelte die Stirn, als sie sich ihrem schlafenden Vorgesetzten zuwandte. „Ich kann das gerne übernehmen, aber ich habe nur ein paar Minuten Mittagspause. Entweder, wir wecken ihn jetzt kurz, oder er muss sich bis heute Abend gedulden.“
„Ich glaube, es war ihm ziemlich wichtig“, murmelte Thiel leise. Zumindest hatte Boerne so bittend geklungen wie noch nie.

Frau Haller nickte und nahm vorsichtig Boernes Hand. „Meine Güte, er ist ja wirklich total kalt. Kein Wunder, dass er sich wünscht, etwas überzuziehen.“ Sie blickte auf. „Was haben Sie denn eingepackt?“
Thiel fing gleich an, aufzuzählen: „Schlafanzughose, Jogginghose, T-Shirts und Wäsche….“
Boernes Assistentin schüttelte den Kopf. „Ein T-Shirt können wir vergessen. Es würde ihm nie gelingen, die Arme hoch genug zu bekommen um es überzustreifen und außerdem müssen die Kabel und Schläuche frei zugänglich bleiben. Haben Sie ein Oberteil zum Knöpfen dabei?“
Thiel nickte schnell. „Ja, ein Pyjamaoberteil.“
Frau Haller lächelte. „Das ist doch bestens. Können Sie die Sachen holen?“


Während Thiel zum Schrank ging und die Kleidungsstücke heraussuchte, hörte er, wie die Rechtsmedizinerin ihren Vorgesetzten behutsam weckte.
„Chef? Chef, machen Sie mal die Augen auf?“
Boerne flüsterte etwas, das entfernt nach „Alberich?“ klang.
Frau Haller ergriff wieder das Wort. „Wollen Sie sich etwas Warmes anziehen, oder soll ich Ihnen eine zweite Decke besorgen? Das ist nicht so anstrengend für Sie.“
Mit dem Schlafanzug bewaffnet kehrte Thiel zum Bett zurück, als Boerne gerade ein wenig den Kopf schüttelte. „Zwei Decken hatte ich schon“, murmelte er. „Die sind so schwer. Ich kann dann kaum atmen.“
„Oh ja, das kann ich mir vorstellen.“ Frau Haller nahm ihm dankend die Kleidung ab, bevor sie sich wieder ihrem Vorgesetzten zuwandte. „Ist es in Ordnung für Sie, wenn ich Sie anziehe? Herr Thiel fühlt sich bei dem Gedanken nicht ganz wohl und der Anblick Ihrer Kabelage wird das sicher nicht besser machen. Und bevor er uns hier umkippt…“

„Gott bewahre.“ Thiel registrierte verwundert, dass Boerne auch im Halbschlaf ziemlich entsetzt aussehen konnte. Er reagierte auf diesen Blick mit einem verlegenen Schulterzucken, bevor sein Kollege sich wieder auf seine Assistentin konzentrierte. „Und Ihnen macht es wirklich nichts aus?“ Er klang ziemlich müde aber hoffnungsvoll.
„Ach Chef, wenn es mir etwas ausmachen würde, hätte ich es doch nicht vorgeschlagen.“ Sie drückte seine Hand, blicke dann Thiel an und meinte: „Wenn Sie das nicht so gerne sehen wollen, drehen Sie sich jetzt am besten kurz um, ja?“

Diese Aufforderung musste Thiel nicht zweimal hören, im Bruchteil einer Sekunde war er herumgewirbelt. Er erinnerte sich noch zu gut daran, wie übel ihm geworden war, als er an diesem ersten Abend freien Blick auf Boernes malträtierte Brust gehabt hatte, das musste er echt nicht noch mal haben.


Im Hintergrund hörte er Frau Haller leise Anweisungen geben. Die Hose anzuziehen, schien recht gut zu klappen, doch nach kurzer Zeit kicherte die Rechtsmedizinerin. „Meine Güte Chef, so sollte die Krankengymnastin aber besser nicht mit Ihnen aufstehen. Die Hose ist so weit, die hängt Ihnen nach zwei Sekunden an den Knöcheln und Sie klatschen lang hin.“ Man hörte noch etwas Stoff rascheln, dann fügte sie hinzu: „Jetzt gerade kann ich das nicht ändern, da brauche ich eine Schere. Ich komme heute Abend noch mal vorbei und mache Ihnen das Gummi etwas enger, einverstanden?“

Nach einem bestätigenden Geräusch von Boerne fing sie an, ihn auf die Bettkante zu dirigieren, was von Boernes Seite aus mit dem einen oder anderen unterdrückten, definitiv doch schmerzerfüllten Laut verbunden war.

Letztendlich dauerte es aber wirklich nur ein paar Minuten, bis sie fragte: „Herr Thiel, können Sie ihn etwas stützen, wenn er sich wieder hinlegt, damit er nicht nach hinten kippt? Er wird etwas wackelig, weil er müde ist.“
Thiel drehte sich um und blinzelte vorsichtig aus einem Auge, stellte dann aber erleichtert fest, dass Boerne tatsächlich seinen Schlafanzug trug und die von Thiel so verhassten Schläuche ganz unauffällig unter der Jacke her zum Bett verliefen. Das konnte sogar er gut ertragen.

Für einen Moment nahm er Boernes Anblick erleichtert in sich auf. Vor wenigen Tagen noch hatte er Sorge gehabt, dass sein Kollege vielleicht nie wieder aufwachen würde und nun saß er angezogen auf der Bettkante und sah beinah aus wie immer. Naja ganz beinah. Ganz ganz beinah. Also mal abgesehen von der unnatürlichen Blässe; und abgesehen von der Tatsache, dass er schätzungsweise zehn Kilo weniger wog als sonst; und abgesehen von den verstrubbelten Haaren, mit denen man ihn normalerweise niemals antreffen würde; und abgesehen von dem Bartschatten, der eindeutig zeigte, dass die Krankenschwestern heute keine Zeit gehabt hatten, ihn zu rasieren und er selber das wohl noch nicht schaffte; aber insgesamt gesehen war er… beinah wiederzuerkennen. Unwillkürlich fing er an zu grinsen; als er jedoch bemerkte, dass Boerne vor Kälte oder aber Erschöpfung zitterte, eilte er zum Bett.

Mit Frau Hallers Hilfe war der Professor innerhalb kurzer Zeit wieder bequem gelagert und in einem seltenen Anfall von krankenpflegerischen Anwandlungen zog Thiel ihm die Decke bis unter das Kinn.

„Na, das hat doch prima geklappt, Chef.“ Frau Haller strahlte ihn an. „Ist Ihnen jetzt wärmer?“
Boerne rutschte mit einem leisen, wohligen Seufzen noch etwas tiefer. „Alberich, ich glaube, ich liebe Sie!“
Die kleine Frau lachte laut auf. „Ich bin ja auch eine anziehende Persönlichkeit!“
Daraufhin verzog Boerne das Gesicht wie im Schmerz und blinzelte sie nochmals an. „Mein Gott Alberich, nur weil Ihre Körpergröße unterdurchschnittlich ist, müssen Ihre Witze nicht auf dem gleichen Niveau angesiedelt sein.“

Sie lachte weiter und nahm der drohenden Handbewegung, die sie dabei machte, irgendwie die Spitze. „Vorsicht Chef, sonst ziehe ich Ihnen die Klamotten wieder aus! Im Moment sitze ich am längeren Hebel, vergessen Sie das bloß nicht!“
„Ja, der Hebel ist tatsächlich länger als die ganze Frau“, murmelte Boerne leise und ließ die Augen langsam wieder zufallen.
Thiel schnaubte amüsiert und die Rechtsmedizinerin lächelte. „Ich muss wieder ins Institut, ich schaue nach Feierabend noch mal rein. Und Sie passen mal auf, dass Sie nicht lang hinschlagen, wenn Sie heute nochmal aufstehen müssen, ok?“
Mehr als ein leises „mhmmm“ bekam sie allerdings nicht mehr als Antwort.

Das schien Thiel eine gute Gelegenheit, sich ebenfalls dezent zu verdrücken. Boerne schlief schon fast, und er sollte besser nicht warten, bis er wieder aufwachte. Wer wusste schon, was ihm als nächstes einfallen würde?
„Ich muss auch wieder los, Boerne. Nadeshda hockt allein über den Akten.“
Boerne nickte nur noch schwach und Thiel drückte noch einmal seine Hand, bevor er Frau Haller aus dem Zimmer folgte und auf dem Flur erleichtert aufatmete.

Morgen würde er in die Kantine gehen und Nadeshda schicken.

Comments

( 2 Kommentare — Kommentar hinterlassen )
cricri_72
29. Jan 2013 22:03 (UTC)
*snicker*

Obwohl ich mit Thiel fühle, ich hätte damit auch Probleme. Als ich selbst im Krankenhaus war und diverse Schläuche an mir hingen, fand ich das zwar eher faszinierend und gar nicht mal so schlimm, aber bei jemand anderem kann ich das kaum sehen. Merkwürdig.
baggeli
29. Jan 2013 22:10 (UTC)
Hehe, ich habe bislang nur Erfahrung mit Schläuchen an Patienten, keine Ahnung, wie ich es bei mir selber finden würde. *am-Kopf-kratz*

Aber das Thiel für so etwas niemals zu gebrauchen wäre, ist bei mir einfach so. Dazu wird ihm in der Rechtsmedizin zu oft übel.
(Wobei ihm dieser verblutende Schauspieler aus Der doppelte Lott komischerweise nicht sehr viel ausmacht...)
( 2 Kommentare — Kommentar hinterlassen )

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