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Story: 48 Stunden - Kapitel 3

Titel: 48 Stunden
Genre: Freundschaft, Krimi
Zusammenfassung: Es hätte ein schönes Wochenende in Hamburg werden sollen. Doch es war der Beginn eines Alptraums.
Wörter: 3800


Seit einer gefühlten Ewigkeit saßen Nadeshda und Thiel nun schon bei den fassungslosen Eltern der jungen Frau und forschten so behutsam wie es ging nach allem, das ihnen bei ihren Ermittlungen irgendwie behilflich sein konnte. Während die Mutter nur apathisch auf dem Sofa saß, hatte der Vater von Britta Schütt viel über seine Tochter gesprochen.
Es war schwer, das Gespräch in geordneten Bahnen zu halten, der Mann schweifte ständig ab, kam vom hundertsten ins tausendste. Verzweifelt, liebevoll, und es war sicher gut gemeint, aber es war nichts, was in irgendeiner Form mit der Tat in Verbindung zu stehen schien.


Die einzige Erkenntnis, die Thiel aus den Befragungen des heutigen Tages gewonnen hatte, war, dass Frau Schütt eine unkomplizierte, recht fröhliche Person gewesen zu sein schien, ohne nennenswerte Auffälligkeiten. Normaler Freundeskreis, Single, die letzte Partnerschaft war schon zwei Jahre her. Sie hatte nur ein paar Monate angedauert, die beiden hatten sich laut Aussage des Vaters einvernehmlich getrennt. Von anderen Partnern war ihm nichts bekannt.

In dem Wissen, dass sie hier nicht vorankamen, war Thiel mit einer gemurmelten Entschuldigung aus dem Raum getreten, um mit Boerne in der Rechtsmedizin zu telefonieren. Vielleicht hatte er inzwischen zusätzliche Details, die ihnen helfen konnten.
Der Professor hatte die Obduktion tatsächlich schon abgeschlossen und in Ermangelung anderer Ideen beschloss Thiel, dass Nadeshda und er sich auf den Weg zu ihm machen würden. Er gab Boerne Bescheid, daraufhin kehrte er ins Wohnzimmer zurück und teilte dem Ehepaar mit, dass seine Kollegin und er nun aufbrechen müssten.


So schnell wie Nadeshda aufsprang, zweifelte Thiel keine Sekunde daran, dass sie sich während dieses Gesprächs ebenso unbehaglich gefühlt hatte, wie er selber.
Nachdem sie sich verabschiedet hatten, verließen sie das kleine Reihenhaus und stiegen aufatmend in den Wagen. Nadeshda, die wie immer hinter dem Steuer Platz genommen hatte, warf ihm einen Blick zu, als er sich anschnallte. „Wo soll’s hingehen?“
„Boerne.“ Der Gurt klickte und Thiel lehnte sich zurück. „Er ist schon fertig mit der Autopsie. Vielleicht kann er uns weiterhelfen.“ Nadeshda nickte und startete den Wagen.



Eine Fahrt durch den noch ruhigen, frühen Nachmittagsverkehr und eine hungrig verschlungene Pommes mit Currywurst später kamen sie in der Röntgenstraße an und machten sich gleich auf in die Kellerräume.
Sie fanden Boerne im Labor über sein Mikroskop gebeugt. Als er sie eintreten hörte, richtete er sich auf und setzte die Brille, die mit nur einem Bügel an seinem Ohr und unter dem Kinn hing, wieder richtig auf. „Das verstehen Sie unter wir sind gleich da? Haben Sie sich verfahren oder warum hat das so lange gedauert?“

Bei dieser unmöglichen Begrüßung verdrehte Thiel gleich wieder entnervt die Augen. „Meine Fresse Boerne, wir haben noch kurz etwas gegessen. Immerhin sind wir in aller Herrgottsfrühe zum Tatort gerufen worden und haben bislang nur von Kaffee gelebt.“
Das schien Boerne jedoch nicht zu beschwichtigen, ganz im Gegenteil. „Denken Sie, es geht mir anders? Aber es ist Ihnen natürlich nicht in den Sinn gekommen, mir etwas mitzubringen.“ Er klang brummig und angreifend, während er sich erhob und ihnen voran in den Sektionsraum stürmte. „Dabei wissen Sie doch genau, dass ich hier im Moment nicht wegkomme, um mir selber etwas zu besorgen.“

In dem Moment erinnerte Thiel sich wieder daran, dass Frau Haller ja nicht anwesend war. Und im gleichen Augenblick fiel ihm auf, dass es in der Rechtsmedizin auch schon entschieden unordentlicher aussah als sonst, weil Boerne sich wohl wieder zu fein zum Aufräumen war.
Doch ein genauerer Blick zeigte, dass das so nicht ganz stimmte; die vielen Kisten und Tüten, die kreuz und quer auf den Arbeitsflächen im Labor verteilt standen, waren allesamt von der KTU beschriftete Gegenstände aus der Wohnung des Mordopfers und nicht willkürlich liegengebliebene Instrumente.


Die Mitbewohnerinnen waren am Abend ihres Verschwindens nicht daheim gewesen, wussten aber, dass Britta Schütt nicht hatte ausgehen wollen. Es bestand also die Möglichkeit, dass ihr Mörder bei ihr an der Wohnungstür aufgetaucht war, vielleicht hatte sie ihn sogar noch hineingelassen. Deshalb waren dutzende Proben und unzählige Fingerabdrücke sichergestellt worden, die Boerne jetzt alle untersuchen musste.

Thiel zog die Augenbrauen hoch. Das sah nach einer Menge Arbeit aus, besonders für eine einzelne Person. Es war wohl wirklich ein unglücklicher Zeitpunkt, den Frau Haller sich für ihren Urlaub ausgesucht hatte... auch er wenn das Boerne gegenüber natürlich niemals laut geäußert hätte.
Stattdessen tauschte er mit Nadeshda einen amüsierten Blick aus, bevor er gemächlich brummte. „Dann bestellen Sie sich doch `ne Pizza. Oder wissen Sie nicht, wie das geht, weil Frau Haller Ihnen auch die Arbeit immer abnimmt?“
Der giftige Blick, den Boerne ihm daraufhin zuwarf, war einfach nur herrlich.


Ganz entgegen seiner üblichen Art verzichtete Boerne allerdings auf eine Erwiderung sondern schlug nur mit einer energischen Bewegung das Laken zurück, mit dem die junge Frau zugedeckt gewesen war. Das war für Thiel allerdings weiß Gott Strafe genug.

In dem Moment, in dem sein Blick unfreiwillig auf die Leiche gefallen war, schloss er für eine Sekunde die Augen. Kein Wunder, dass die Studentinnen völlig aufgelöst gewesen waren; auch wenn Blut und alles andere, was Thiel sich gar nicht genauer vorstellen mochte, inzwischen von ihrem Gesicht abgewaschen waren, war der Anblick verstörend.
Unauffällig wanderte er um den Tisch herum, so dass er auf der Seite zu stehen kam, die nahezu intakt schien, während die zweite Hälfte des Gesichtes mehr oder weniger fehlte. Innerhalb von zwei Sekunden stand Nadeshda neben ihm.

Boerne hatte inzwischen Handschuhe übergestreift und drehte nun den Kopf der Frau, zum Glück so, dass die zerstörte Seite nach unten zeigte. Trotzdem musste Thiel schlucken, das Einschussloch war immer noch fürchterlich genug.
„Also, Grund für ihr Ableben war zweifellos der Schuss in den Hinterkopf. An der Beschaffenheit der Wunde sollten sogar Sie erkennen, dass es ein aufgesetzter Schuss war. Die Tatsache, dass die Stanzmarke einen recht großen Durchmesser aufweist und nahezu keine Schmauchspuren vorhanden sind, beweist weiterhin eindeutig, dass die Waffe mit einem Schalldämpfer versehen war.“

Boerne wartete keine Erwiderung ab, deckte das Gesicht wieder zu und holte einen Fuß und eine Hand unter dem Laken hervor. „Die Schnürfurchen hier stammen ziemlich sicher von breiten Kabelbindern, ich habe mikroskopisch kleine Plastikpartikel in den Wunden gefunden. Sie muss verzweifelt versucht haben, sich zu befreien, aber das war ihr nicht möglich, sie waren zu stramm gezogen. Die Extremitäten waren definitiv über einen längeren Zeitraum minderdurchblutet, es gab schon deutliche Gewebeschäden.“ Er deutete mit dem Finger auf die Verletzungen. „Der Tiefe der Furchen und der Beschaffenheit des Gewebes nach ist davon auszugehen, dass sie ca. 48 Stunden gefesselt gewesen ist, bevor er sie erschossen hat.“ Er richtete sich auf wieder auf und zog die Handschuhe aus. „Erste Blutwerte, der quasi nichtexistente Mageninhalt und Grad der Austrocknung zeigen, dass sie in der Zeit keinen Bissen zu essen und zu trinken bekommen hat.“

Thiel holte tief Luft. Was für ein Martyrium.

Boerne deckte Fuß und Arm gewissenhaft wieder zu bevor er sich mit beiden Händen auf den Seziertisch stützte. Er klang nicht so enthusiastisch wie sonst, sondern regelrecht leise. „Sie wurde nicht vergewaltigt, das steht fest. Aber sie für zwei Tage derartig zu fesseln war Folter, und der Abschluss eine Hinrichtung. Anders kann man es nicht sagen.“
Thiel nickte nur stumm; Nadeshda neben ihm schluckte hörbar.


„Denken Sie, sie war ein zufälliges Opfer?“ Es war ihm wichtig, Boernes Einschätzung dazu zu hören.
Sein Kollege schüttelte langsam den Kopf, als er Thiels Gedanken zu dem Thema mehr oder weniger bestätigte. „Die Kaltblütigkeit und Grausamkeit dieser Tat deuten für mich auf ein persönliches Motiv hin. Aber ganz sicher sein kann man natürlich nie.“ Er schob sich die Brille hoch. „Haben Sie denn inzwischen irgendwelche Anhaltspunkte?“

„Nein, wir stehen mit leeren Händen da. Die Befragungen der Eltern und der Mitbewohnerinnen waren ergebnislos. Ihre beiden Freundinnen sind für heute total durch den Wind gewesen, die muss ich mir morgen noch einmal in Ruhe vornehmen. Und die Eltern sind auch keine Hilfe." Thiel fuhr sich mit einem Seufzen durch die Haare als er nüchtern zusammenfasste: „Wir wissen bislang absolut nichts, außer dass da draußen ein Wahnsinniger herumläuft."
Nadeshda murmelte leise: „Hoffen wir nur, dass er nicht noch einmal zuschlägt.“



Zur gleichen Zeit lag eine junge Frau geknebelt und mit Kabelbindern gefesselt auf einem schmutzigen Holzfußboden und wusste, dass ihre letzte Stunde geschlagen hatte.



Comments

baggeli
12. Feb 2013 11:22 (UTC)
Keine Panik - ich bin nur so schlimm bei meinen eigenen Texten
Dann ist es ja gut...

Und was die Frisur angeht - da haben wir wohl einen gänzlich unterschiedlichen Geschmack
Ja, denke auch. Ich liebe "Der Fluch der Mumie", "Mörderspiele" und auch "Das Wunder von Wolbeck" nicht zuletzt wegen der schönen kurzen Haare. Aber mit einem vernünftigen Schnitt gefallen sie mir auch länger, wie zum Beispiel in "Krumme Hunde". Da hat er auch ziemlich Wolle auf dem Kopf, da ist es allerdings attraktiv.
Aber diese Schmalztolle wie in Hinkebein, die geht echt gar nicht.

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