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Story: 48 Stunden - Kapitel 6

Titel: 48 Stunden
Genre: Freundschaft, Krimi
Zusammenfassung: Es hätte ein schönes Wochenende in Hamburg werden sollen. Doch es war der Beginn eines Alptraums.
Wörter: 7900


Sie hatten keine andere Spur, keinen anderen Verdächtigen als diesen unbekannten, jungen Mann, den Frau Jansen als Mick bezeichnet hatte. Also hatten Nadeshda und Thiel den ganzen Sonntag die Studentenkneipen abgeklappert, die Frau Jansen ihnen genannt hatte, waren in der Eisdiele gewesen, dessen Besitzer ein paar Monate zuvor so energisch eingegriffen hatte, als der Verdächtige die jungen Frauen rüde beschimpft hatte, aber niemand konnte ihnen helfen. Der eine oder andere meinte, das Gesicht schon einmal gesehen zu haben, doch einen Namen nennen konnte keiner von ihnen.

Thiel hatte sogar seinem Vater einen Stapel Steckbriefe in die Hand gedrückt, die er an seine Taxikollegen verteilen sollte, doch auch aus der Truppe gab es bislang keine Rückmeldung.

Was Thiel jedoch am meisten zu schaffen machte, war die Tatsache, dass Margit Breuer sich nicht meldete. Er hatte sogar Staatsanwältin Klemm in ihrem Wochenende gestört und sich von ihr das Einverständnis zu einer Handyortung geben lassen, aber auch das war ergebnislos gewesen. Die junge Frau blieb verschwunden.
Aus einem Bauchgefühl heraus hatte Thiel mittlerweile bei Sabine Jansen angerufen und sich von ihr versichern lassen, bei ihren Eltern zu bleiben und keinesfalls vor die Tür zu gehen; wobei dieser Anruf anscheinend nicht nötig gewesen war, sie selber hatte ohne Erfolg versucht, ihre Freundin zu erreichen und es inzwischen ebenfalls mit der Angst zu tun bekommen. Dass sie so einsichtig war, beruhigte Thiel ein Stück weit.


Von Boerne hatten sie ebenfalls den ganzen Tag nichts gehört. Das war kein gutes Zeichen, hätte er bei seinen Untersuchungen wichtige Resultate erzielt, wären sie mit Sicherheit innerhalb von Minuten von ihm ins Institut zitiert worden.


Als Thiel am späten Abend endlich heimkam, hatte er die Nase gestrichen voll.
Er war unbeschreiblich frustriert von diesem Fall, in dem es keinen Schritt voranging; mehr und mehr besorgt über die Tatsache, dass von der Psychologiestudentin weiterhin jede Spur fehlte und zu allem Überfluss noch extrem entnervt über die Tatsache, dass den Radioreportern zufolge St. Pauli grandios gegen den FC Bayern München gekämpft hatte und er es nicht live hatte verfolgen können.

Trotz der späten Stunde machte Thiel sich ein wenig zu essen und setzte sich dann mit einer Flasche Bier auf den Balkon und genoss für ein Weilchen die wirklich noch angenehm warme Nachtluft. Er war zwar müde, aber zu schlafen würde ihm jetzt noch nicht gelingen, dazu war er zu aufgewühlt.

Nachdem er eine halbe Stunde in der Dunkelheit gesessen und langsam und gedankenverloren sein Bier ausgetrunken hatte, war er endlich an einem Punkt angekommen, an dem er meinte, einschlafen zu können. Als er im Schlafzimmer die Vorhänge zuzog, registrierte er, dass Boernes Parkplatz vor dem Haus immer noch frei war.
Das sah wiederum nach einer langen Nacht für den Professor aus.



Schon am Vortag, als Thiel bei Frau Klemm angerufen hatte, hatte sie ihm unmissverständlich klargemacht, dass Nadeshda und er sich am Montagmorgen um acht Uhr in der Rechtsmedizin zur Fallbesprechung einzufinden hatten.

Also trafen sie wie so oft eine Viertelstunde zu früh im Institut ein, in der Hoffnung, noch einen guten Kaffee abstauben zu können; die Brühe, die es im Präsidium im Automaten gab, konnte mit dem Kaffee, den Boerne und Frau Haller kochten nämlich weiß Gott nicht konkurrieren.
Mit Schwung öffnete Thiel die graue Schiebetür. Der erste Weg führte sie zu Boernes Büro, durch die großen Glasfenster sahen sie allerdings gleich, dass es leer war. Auch in der kleinen Küche fanden sie den Professor nicht und zu ihrer Enttäuschung auch keinen frischen Kaffee.

Sie entdeckten Boerne schließlich im Labor. Er war dort über seiner Tastatur zusammengesunken und schlief; mehrere Gerätschaften um ihn herum gaben leise Signaltöne von sich und auf zwei Monitoren blinkten irgendwelche Meldungen, aber er nahm von seiner Umgebung offensichtlich nichts wahr.
„Moin, Boerne!“ Thiel klopfte ein wenig an den Türrahmen, doch Boerne reagierte nicht auf ihn. „Hey, Sie haben Besuch!“ Diesmal war er schon lauter – und weiterhin erfolglos.
Nadeshda zog mitfühlend die Augenbrauen hoch, als Thiel ihr einen kurzen Blick zuwarf und dann zum Stuhl trat, sich herunterbeugte und den reglosen Mann leicht an der Schulter rüttelte. „Boerne, wachen Sie auf. Frau Klemm wird jeden Moment hier sein."

Endlich schien er zu ihm durchzudringen, jedenfalls seufzte Boerne leise, hob den Kopf und versuchte dann, sich aufzurappeln. Sein Seufzen ging in ein unterdrücktes Stöhnen über; seine unbequeme Schlafposition schien sich gerade zu rächen.
Thiel und Nadeshda sahen schweigend zu, wie er sich in eine aufrechte Position kämpfte und sie erschöpft anblinzelte. „Thiel. Frau Krusenstern“, murmelte er heiser, als er auf dem Schreibtisch nach seiner Brille tastete und sie schließlich aufsetzte. „Wie spät ist es?“ Er wirkte ein wenig benommen, so aus dem Tiefschlaf gerissen. Unter normalen Umständen hätte er eine solch überflüssige Frage auch wohl niemals gestellt.
Aber für den Moment ersparte Thiel sich einen ironischen Kommentar. Wenn er die Zahlen auf dem Monitor korrekt interpretierte, hatte Boerne gegen halb fünf die letzte Testreihe gestartet, er hatte vielleicht gut drei Stunden geschlafen. Das war selbst für den Professor nicht genug, besonders nicht nach der zweiten, mehr oder weniger durchgearbeiteten Nacht. Also antwortete er nur ruhig: „Es ist gleich acht. Frau Klemm ist auf dem Weg hierher.“
Ob das leise Geräusch, das Boerne daraufhin von sich gab, sich auf seine schmerzenden Knochen bezog oder auf die Aussage, dass die Staatsanwältin gleich kommen würde, wusste Thiel nicht genau zu sagen. Auf jeden Fall klang es ziemlich gequält.

„Was halten Sie davon, wenn ich einen Kaffee koche?“, schlug Nadeshda lächelnd und nebenbei auch nicht ganz uneigennützig vor. „Sie sehen aus, als könnten Sie einen gebrauchen.“
„Genaugenommen sehen Sie aus, als könnten Sie eine ganze Kanne gebrauchen.“ Nun konnte Thiel ein leichtes Grinsen doch nicht mehr unterdrücken.
Dass Boerne nur nickte statt einen bissigen Kommentar zurückzuschießen, sagte genug darüber aus, wie er sich gerade fühlen musste.


Sie hatten kaum den ersten Schluck getrunken, als energische Schritte auf dem Flur die Staatsanwältin ankündigten.



Frau Klemm war wie erwartet wenig erbaut über den Stand der Ermittlungen. Daran änderte auch die Tatsache nichts, dass Boerne es trotz der kurzen Zeit geschafft hatte, sämtliche Proben aus Britta Schütts Wohnung zu untersuchen. Sie waren ausnahmslos unauffällig und deshalb in keiner Weise geeignet, Frau Klemms Unmut zu besänftigen. Und auch die vielen Wege und Befragungen, die Thiel und Nadeshda abgeleistet hatten, stimmten sie nicht gnädiger. Die Arbeit, die dahintersteckte, betrachtete sie als selbstverständlich und würde sie niemals würdigen.

Als die Staatsanwältin nach einer halben Stunde erregter Diskussionen und einem Schwall nutzloser Vorwürfe schließlich aufstand und abrauschte, sah Thiel ihr stirnrunzelnd hinterher. Das war ein Start in die Woche, wie er ihn liebte.
Nadeshda grummelte nur leise: „Wenn sie alles besser weiß, soll sie doch den Fall lösen“, Boerne dagegen war noch ein Stückchen tiefer in seinen Stuhl gerutscht und hatte die Augen wieder zufallen lassen.
Thiel trank den letzten, inzwischen kalten Schluck aus seiner Tasse, erhob sich und wandte sich dann an seinen Kollegen. „Boerne, jetzt pennen Sie nicht nochmal im Sitzen ein, da tut mir der Rücken schon vom Zusehen weh. Ab nach Hause.“
Der Professor blinzelte ihn daraufhin müde an und schüttelte nur den Kopf. Dann richtete er sich seufzend wieder auf und fuhr sich durch die Haare. „Ich kann nicht heimfahren, ich habe zwei Drogentote hinten in den Fächern. Ich hätte mich längst um sie kümmern sollen, es ist gut möglich, dass verunreinigter Stoff die Todesursache ist. Ihre Kollegen von der Drogenfahndung machen mir schon seit gestern die Hölle heiß, die beiden muss ich mir jetzt ganz dringend vornehmen.“
Damit stand auch er auf und streifte seinen Arztkittel ab, um sich für die Obduktion umzuziehen.

Thiel schüttelte den Kopf. „Warum rufen Sie denn nicht Frau Haller an, so viel wie hier los ist? Sie würde Ihnen doch bestimmt helfen.“
Boerne schnaubte theatralisch. „Alberich anrufen? Das würde ihr gefallen, sie würde wochenlang darauf herumreiten, dass ich ohne sie nicht klarkomme. Nein nein, kommt nicht in Frage.“
Thiel wollte schon ungläubig den Mund öffnen, doch sein Kollege winkte ab und war mit einem Mal nicht mehr sarkastisch, sondern ganz ernst. „Thiel, lassen Sie’s gut sein. Ich habe meine Gründe, sie nicht anzurufen.“ Damit drehte er sich um und ging Richtung Tür. „Wenn ich mit den beiden fertig bin, fahre ich nach Hause. Dann sind hier alle wichtigen Arbeiten erledigt und ich kann den Rest des Tages freinehmen.“
Damit war er aus der Tür und Nadeshda und Thiel waren entlassen.



Die nächsten Stunden verbrachten sie mit erfolglosen Nachforschungen in der Uni, bei den Taxifahrern und dem erneuten durchforsten der Verbrecherkartei der Polizei. Sie fanden weder den Hauch eines Hinweises auf den Verdächtigen, noch gab es eine Spur von Margit Breuer.


Es war gegen achtzehn Uhr und Thiel kam gerade mit zwei Kaffeebechern in der Hand aus dem Flur, als das Telefon auf seinem Schreibtisch klingelte. Nadeshda hob an seiner statt den Hörer ab. Schon nach einer Sekunde hob sie den Kopf. "Eine tote Frau? Wo?" Nachdem sie einen Moment gelauscht hatte, fragte sie tonlos: „Wie sieht sie aus?“
Bei dem Blick, den sie nun auf Thiel richtete, zog sich ihm der Magen zusammen. Kurz darauf fragte sie noch leiser: „Wie wurde sie getötet? Ein Schuss in den Hinterkopf?“

Und Thiel musste die Antwort nicht hören, er sah sie an ihrem Gesicht.

Comments

( 4 Kommentare — Kommentar hinterlassen )
cricri_72
13. Feb 2013 22:05 (UTC)
Ob das leise Geräusch, dass Boerne daraufhin von sich gab, sich auf seine schmerzenden Knochen bezog oder auf die Aussage, dass die Staatsanwältin gleich kommen würde, wusste Thiel nicht genau zu sagen. Auf jeden Fall klang es ziemlich gequält.
Da habe ich ja noch gelacht ...

... aber das Ende :( Die Ärmste.

Und irgendwann am Wochenende kommentiere ich nochmal wach.
baggeli
13. Feb 2013 22:19 (UTC)
... aber das Ende :( Die Ärmste.
Ich weiß, dass ich gemein bin.

Aber ihr kennt mich ja inzwischen.
cricri_72
16. Feb 2013 16:30 (UTC)
O.K. - wach :) Naja, so halbwegs ...

Also erstmal - hübsche Idee, Vaddern mit reinzubringen. Ich bin gespannt, ob aus der Ecke nochmal was kommt.

und zu allem Überfluss noch extrem entnervt über die Tatsache, dass den Radioreportern zufolge St. Pauli grandios gegen den Bayern München gekämpft hatte und er es nicht live hatte verfolgen können.
*huggles Thiel* ;)

Sie entdeckten Boerne schließlich im Labor. Er war dort über seiner Tastatur zusammengesunken und schlief; mehrere Gerätschaften um ihn herum gaben leise Signaltöne von sich und auf zwei Monitoren blinkten irgendwelche Meldungen, aber er nahm von seiner Umgebung offensichtlich nichts wahr.
*huggles Boerne* ...

schlug Nadeshda lächelnd und nebenbei auch nicht ganz uneigennützig vor
*grins*

Und Thiel musste die Antwort nicht hören, er sah sie an ihrem Gesicht.
hammerharter Schlußsatz :(

Und die Staatsanwältin kommt bei Dir ja diesmal auch nicht sehr gut weg ... aber ich bin sicher, Du wirst sie noch rehabilitieren!
baggeli
16. Feb 2013 17:30 (UTC)
Und die Staatsanwältin kommt bei Dir ja diesmal auch nicht sehr gut weg ... aber ich bin sicher, Du wirst sie noch rehabilitieren!
Ja, ich bin wieder nicht so nett. Aber sie ist halt etwas unwirsch, wenn es nicht vorangeht, das hat sie schon oft genug bewiesen.

hammerharter Schlußsatz :(
Genaugenommen sind es doch immer nur die Schlusssätze, die interessant sind. Alles andere ist Beiwerk, auf das man fast verzichten könnte.
Aber eine Story nur aus Schlusssätzen funktioniert irgendwie nicht. :D
( 4 Kommentare — Kommentar hinterlassen )

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