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Story: 48 Stunden - Kapitel 7

Titel: 48 Stunden
Genre: Freundschaft, Krimi
Zusammenfassung: Es hätte ein schönes Wochenende in Hamburg werden sollen. Doch es war der Beginn eines Alptraums.
Wörter: 9450


Keine Stunde später stand Thiel wieder in dem Waldgebiet südlich vor Münster, in dem er sich am Freitagmorgen schon von seinen Wochenendträumen verabschiedet hatte, und fixierte wie erstarrt die Leiche von Margit Breuer.
Nadeshda neben ihm hatte die Lippen zu einem schmalen Strich zusammengepresst und Thiel selber wusste nicht, was ihm gerade am meisten zu schaffen machte; der Zorn, der ihn ihm brodelte, Fassungslosigkeit oder seine Hilflosigkeit - oder das Gefühl, dass er es irgendwie die ganze Zeit geahnt aber nicht hatte verhindern können.
Oder hätte er es verhindern können? Wenn er die Frauen schon am Freitag zum Reden gebracht hätte?

Thiel hatte bis vor kurzer Zeit nicht einmal ganz sicher sein können, ob Nadeshda und er überhaupt den richtigen Mann jagten. Aber nun gab es wohl keinen Zweifel mehr.


Sein Seufzen fiel etwas lauter aus als beabsichtigt, woraufhin Boerne, der über der Leiche kauerte, aufblickte und sich mit beiden Handgelenken die Brille hochschob. „Auf den ersten Blick sieht alles exakt so aus, wie bei Frau Schütt, nur dass sie hier später gefunden wurde. Ich denke, sie ist vor ca. 26 Stunden erschossen...“
Er sprach seinen Satz nicht zu Ende, denn in dem Moment ertönte eine sonore Stimme hinter ihnen. „Thiel? Was ist hier los? Stimmt das, was ich gehört habe? Das ist die beste Freundin von der Toten von Samstag?“ Es war eindeutig Frau Klemm, die sich da über den Waldweg näherte. Und sie war aufgebracht, das war nicht zu überhören.

Boerne gab ein leises Unmutsgeräusch von sich, zog seine Handschuhe aus und warf sie in seinen Koffer, Thiel dagegen schloss für einen Moment die Augen und zählte lautlos bis fünf, bevor er sich umdrehte.
„Ja, Sie haben richtig gehört. Das ist die Mitbewohnerin von Frau Schütt.“
„Großer Gott.“ Frau Klemm, die inzwischen herangekommen war, hielt sich entsetzt eine Hand vor den Mund, als sie die junge Frau mit weit aufgerissenen Augen ansah. Doch nach einem kurzen Moment riss sie ihren Blick von der Leiche los und baute sich in voller Größe vor Thiel auf. „Was ist mit der dritten Studentin? Sie müssen sie umgehend in Sicherheit bringen!“
„Sagen Sie, für wie doof halten Sie mich? Ich habe die Kollegen schon informiert, da hatte Nadeshda kaum den Hörer wieder aufgelegt. Frau Jansen sitzt seit einer halben Stunde bei uns im Präsidium, ihr kann nichts mehr passieren.“ Thiel merkte erst, welchen Ton er angeschlagen hatte, als seine Assistentin unauffällig eine Hand auf seinen Arm legte, doch Frau Klemm hatte sich schon wieder abgewendet und musterte erneut die Leiche von Margit Breuer.


Boerne hatte unterdessen seine Instrumente eingeräumt und richtete sich nun auf. Er sah ziemlich müde aus, als er sich zum Gehen wandte. „Ich habe die Leiche freigegeben, sie wird gleich ins Institut gebracht. Morgen früh um sieben werde ich mit der Obduktion beginnen.“
Thiel steckte die Hände in die Taschen. „Alles klar. Sie melden sich?“
Darauf legte Boerne den Kopf schräg und zog eine Augenbraue hoch und Thiel winkte nur ab. „Schon gut, vergessen Sie die Frage.“ Er nickte Boerne noch einmal kurz zu, doch kaum hatte der Rechtsmediziner den ersten Schritt getan, fuhr Frau Klemm wieder herum. „Professor, Sie werden die Obduktion noch heute Nacht vornehmen.“

Boerne war stehengeblieben und wollte offenbar etwas erwidern, aber sie brachte ihn mit einer herrischen Bewegung zum Schweigen. „Da draußen läuft ein frauenmordener Irrer herum, und niemand weiß, ob er sich ein neues Opfer sucht, jetzt wo er an Frau Jansen nicht mehr rankommt. Thiel und Krusenstern brauchen jede verfügbare Information, um ihn so schnell wie möglich dingfest zu machen. Vielleicht hat er diesmal einen Fehler gemacht und Sie finden DNA oder andere Hinweise.“
Boerne seufzte und stellte seinen Koffer nochmals ab. „Frau Klemm, ich glaube Ihnen ist nicht ganz klar, was in den letzten 48 Stunden alles…“
„Wir müssen das jetzt nicht diskutieren, Professor, das ist Zeitverschwendung. Ich denke, ich habe mich eindeutig ausgedrückt.“ Der eisige Blick, den sie danach Thiel zuwarf, als er nun seinerseits den Mund öffnen wollte, brachte ihn dazu, ihn wortlos wieder zu schließen.
Dann drehte sie sich um und stapfte durch das Unterholz davon.


Thiel starrte ihr zornig hinterher, bevor er sich wieder zu Boerne umdrehte. Der hatte inzwischen seine Brille abgenommen und rieb sich mit einer Hand die Augen. Dann warf er einen Blick auf seine Armbanduhr, bevor er tonlos murmelte: „Die Obduktion dürfte gegen ein Uhr heute Nacht abgeschlossen sein. Mit der Kleidung bin ich dann hoffentlich bis zum Morgen fertig.“ Damit nahm er seinen Instrumentenkoffer wieder auf und wandte sich ebenfalls zum Gehen, doch Thiel hielt ihn am Arm fest. „Mensch Boerne. Rufen sie wenigstens Frau Haller an, ja?“
Sein Kollege schüttelte aber wie beim letzten Mal den Kopf. „Ich werde Alberich nicht belästigen, sie hat gerade genug eigene Sorgen. Und jetzt entschuldigen Sie mich bitte, ich habe eine Autopsie vorzubereiten.“ Ohne Thiel noch Zeit für eine Erwiderung zu geben, machte er einen großen Schritt um ihn herum und marschierte auf seinen Wagen zu.

Noch während Thiel ihm stirnrunzelnd nachsah, fragte Nadeshda verwundert: „Was ist denn mit Frau Haller?“ Doch darauf konnte Thiel nur mit den Schultern zucken. „Ich habe keine Ahnung. Aber irgendwie klingen Boernes Andeutungen nicht so gut.“ Dann ließ er sich bereitwillig von Nadeshda am Arm fassen und von Margit Breuer wegziehen, als die beiden Männer, die kurz zuvor den Leichenwagen auf dem Waldweg geparkt hatten, jetzt mit dem Metallsarg auf sie zusteuerten.


Während sie langsam auf ihren alten Passat zuschritten, berichtete Nadeshda die Details, die sie inzwischen von den Kollegen erfahren hatte. „Zwei Joggerinnen haben Frau Breuer gefunden. Sie kamen dahinten über diesen schmalen Pfad und haben beobachtet, wie ein dunkler Personenwagen hier kurz gestoppt hat. Dann hat sich die Tür geöffnet und etwas wurde herausgeworfen. Ein paar Sekunden später ist der Wagen abgerauscht. Sie sind weitergelaufen, weil sie dachten, da hätte ein Idiot Müll abgeladen. Aber der Hund, den sie dabei hatten, ist total durchgedreht und hat immer schlimmer an der Leine gezerrt. Irgendwann haben sie ihm seinen Willen gelassen und sind ihm gefolgt. Der Schock war dann natürlich riesig.“

Thiel nickte grimmig und lehnte sich an das Auto. „Das kann ich mir vorstellen. Was war das für ein Wagen? Farbe oder Marke, haben sie irgendetwas erkannt?“
Nadeshda frustriert den Kopf. „Eine sagt, es war ein alter, dunkelblauer Fiat, die andere meint, es war ein schwarzer, zerbeulter Golf. Ein Nummernschild hat keine von beiden erkannt, dazu waren sie viel zu weit weg. Da hinten haben wir Reifenspuren gefunden, wir nehmen gerade einen Abdruck davon. Aber versprechen Sie sich nicht zu viel, die sehen stark nach einer der Marken aus, wie sie jeder zweite Wagen aufgezogen hat.“

Thiel fuhr sich mit einem verdrossenen Seufzen durch die Haare. „Langsam krieg‘ ich die Krise, was ist das eigentlich für ein Fall, Nadeshda? Wir treten auf der Stelle, egal wie sehr wir uns anstrengen.“
Sie nickte ebenso frustriert. „Ja, man hat das Gefühl, wir können noch zwanzig Jahre nach diesem Kerl suchen.“


Natürlich waren es keine zwanzig Jahre; es waren nicht einmal zwanzig Stunden. Nicht einmal zwanzig Stunden, bis das Drama seinen Lauf nehmen würde.




Comments

( 6 Kommentare — Kommentar hinterlassen )
anja79
14. Feb 2013 16:50 (UTC)
Gefällt mir gut. Bleibt spannend.

Boerne tut mir in der Situation sehr leid, er tut doch schon was er kann.

Das ungute Gefühl bezüglich Frau Haller, aus dem letzten Kapitel hat sich noch weiter verstärkt. Hab ehrlich gesagt ein bisschen Angst was da los ist.

Bin gespannt wie es weiter geht.
baggeli
14. Feb 2013 17:46 (UTC)
Gefällt mir gut. Bleibt spannend.
Schön, dass du noch dabei bist! *freu*
Ja, Boerne hat's irgendwie nicht leicht... immer wenn er denkt, jetzt kann er endlich mal ausruhen, kommt wieder was dazwischen. Sch... Job. ;o)

Hab ehrlich gesagt ein bisschen Angst
Darfst du auch haben; aber nicht unbedingt auf Frau Haller bezogen...
cricri_72
16. Feb 2013 16:41 (UTC)
Auch wenn es "nur" ein Redshirt war - es ist fies, eine Nebenfigur erst kennenzulernen und dann sterben zu sehen. Man leidet ganz schön mit. Auch mit Thiel und Nadeshda, für die das verständlicherweise schrecklich sein muß.

Thiel merkte erst, welchen Ton er angeschlagen hatte, als seine Assistentin unauffällig eine Hand auf seinen Arm legte,
♥ Nadeshda

Eine sagt, es war ein dunkelblauer Mercedes, die andere meint, es war ein schwarzer Audi.
So hilfreich sind Zeugenaussagen sicher oft.
Wobei ich schon darüber nachgedacht habe, daß das so oder so ein recht fettes Auto für einen Teilzeit-Taxifahrer ist.

Frau Klemm ist natürlich verständlicherweise angespannt, aber Boerne tut mir doch sehr leid. Irgendwann kippt er um ... das nutzt ja auch niemandem.

Noch ein Typo:
"und sie finden DNA oder andere Hinweise auf ihn. [ihm]"
baggeli
16. Feb 2013 17:38 (UTC)
Auch wenn es "nur" ein Redshirt war - es ist fies, eine Nebenfigur erst kennenzulernen und dann sterben zu sehen. Man leidet ganz schön mit.
Ja, ich finde das selber auch fies, das gebe ich offen zu. Aber es musste so sein.

Wobei ich schon darüber nachgedacht habe, daß das so oder so ein recht fettes Auto für einen Teilzeit-Taxifahrer ist.
Und das ist wohl so ein Ding, wo ich tatsächlich mal zurückgehen und es nachträglich verbessern sollte. Ich habe einfach ohne groß zu denken die zwei erstbesten Automarken aufgeschrieben, aber werde das wohl auf Kleinwagen ummünzen.

(Das mit dem Typo raff ich nicht ganz: Das Sie habe ich verbessert, aber heißt es denn nicht: Hinweise auf ihn, also den Täter, finden? Hinweise auf ihm, den Täter, meinst du? *am-Kopf-kratz*
cricri_72
16. Feb 2013 17:43 (UTC)
Automarken
Da dachte ich, ich sei besonders schlau und das ein raffinierter Hinweis ;)

Und das Typo vergiß mal schnell wieder, da habe ich mich vertan! Ich dachte an "Hinweise auf ihm finden" -> als wäre die Leiche männlich. Aber Du hast natürlich recht, es ist "Hinweise auf ihn" -> den Täter
baggeli
16. Feb 2013 18:23 (UTC)
Da dachte ich, ich sei besonders schlau und das ein raffinierter Hinweis ;)
Nee, da habe ich leider nur einen veritablen Bock geschossen. *am-Kopf-kratz*
Ich geh das später mal abändern, bin jetzt bald daheim. Aber auf dem Handy klappt das nicht recht, da sieht man nur den html-code, das ist ein Krampf.

als wäre die Leiche männlich
Ok, dann weiß ich wie du das meinst. Hab' ich wohl doof formuliert, muss ich später noch mal drüberschauen.

Edit: Habe das verwirrende "auf ihn" jetzt einfach rausgenommen und die Autos angepasst. Wollte keinen Wohlstand suggerieren.

Edited at 2013-02-16 19:54 (UTC)
( 6 Kommentare — Kommentar hinterlassen )

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