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Story: 48 Stunden - Kapitel 8

Titel: 48 Stunden
Genre: Freundschaft, Krimi, Angst
Zusammenfassung: Es hätte ein schönes Wochenende in Hamburg werden sollen. Doch es war der Beginn eines Alptraums.
A.N.: Hab ich alle euch schon erfolgreich vergrault? Für die zwei oder drei, die noch am Start sind: jetzt langsam wird's was
Wörter: 10400


An diesem Abend hatte Thiel sich noch schwerer getan mit dem Einschlafen, als in der Nacht zuvor. Der Fall hatte ihm keine Ruhe gelassen, der Frust saß tief.

Immer wieder schob sich das Bild von Margit Breuer vor sein inneres Auge.

Immer wieder sah er Sabine Jansen vor sich, die während seiner Abwesenheit derart verzweifelt war, dass die Kollegen im Präsidium einen Arzt gerufen hatten. Der Mediziner hatte ihr eine Beruhigungsspritze geben müssen; als Thiel nach seiner Rückkehr mit ihr sprechen wollte, hatte sie apathisch im Arm ihrer leise weinenden Mutter gesessen und nicht auf seine Anwesenheit reagiert.

Es waren schon die frühen Morgenstunden angebrochen, bis die Erschöpfung endlich die Oberhand gewann und er in einen unruhigen Schlaf fiel.



Sein erster Weg am nächsten Morgen führte ihn in die Rechtsmedizin. Boerne war in der Nacht wieder nicht nach Hause gekommen, wie es nicht anders zu erwarten gewesen war. Und er war sich jetzt schon sicher, dass diese Nachtschicht, die Frau Klemm seinem Kollegen aufgezwungen hatte, vollständig umsonst gewesen sein würde.
Es war fünf vor acht, als Thiel sein Rad vor dem Institut ankettete und dann mit Nadeshda, die schon auf ihn gewartet hatte, in den Keller ging.


Als er die Schiebetür öffnete, kam Boerne gerade mit einer Tasse in der Hand aus der kleinen Küche.
„Ich habe mir gedacht, dass Sie kommen. Wobei Sie sich hätten denken können, dass ich keine Ergebnisse für Sie habe“, brummte er anstelle einer Begrüßung. „Holen Sie sich einen Kaffee und dann kommen Sie in mein Büro.“
Das ließen Thiel und Nadeshda sich nicht zweimal sagen und nach einer Minute nahmen sie vor Boernes Schreibtisch Platz.


Der Professor saß erschlafft in seinem Stuhl und rieb sich wiederholt die Augen, als er von den Erkenntnissen berichtete, die er in der Nacht gewonnen hatte.
„Der Täter ist bei Frau Breuer exakt so vorgegangen, wie bei Frau Schütt. Wiederum war die Frau schätzungsweise 48 Stunden gefesselt, bevor er sie erschossen hat.“ Er warf einen Blick auf seine Unterlagen, als er hinzusetzte: „Wenn ich Nadeshda richtig verstanden habe, hat sie das Präsidium gegen 15 Uhr verlassen. Er muss sie ganz kurz danach in seine Gewalt gebracht haben.“

Thiel ballte bei diesen Worten unbewusst die Hände zu Fäusten, während Boerne energielos durch eine dünne Zettelsammlung blätterte. „Es gibt ein paar Faserspuren, die ich nicht einordnen kann. Sie sind aus schwarzer Baumwolle, mehr erschließt sich nicht aus ihnen. Weiterhin habe ich zwei Haare auf ihrem Pullover gefunden, die definitiv nicht zu ihr gehören. Die Untersuchungen laufen noch, ich bin allerdings ziemlich sicher, dass sie von Sabine Jansen stammen. Wenn ich mich recht an ihre Frisur erinnere, passen Farbe und Struktur zumindest auf den ersten Blick ziemlich genau. Ansonsten habe ich kein Fremdmaterial entdecken können.“ Er ließ sich noch etwas weiter mit seinem Stuhl zurücksinken und musterte seine Kollegen. „Wie werden Sie jetzt vorgehen?“

Thiel, der seine ganz kurz aufgeflackerte Hoffnung bei Boernes Kommentar zum Ursprung der Haare gleich wieder hatte fahren lassen, zuckte mit den Schultern. „Als erstes werde ich versuchen, nochmals mit Frau Jansen zu reden. Sie war gestern nicht mehr ansprechbar, ein Arzt musste ihr etwas zur Beruhigung spritzen.“
Boerne hob eine Augenbraue, bevor er leise kommentierte: „Nun, das ist nicht wirklich verwunderlich.“ Damit stand er auf. „Ich muss jetzt die Blutuntersuchungen abschließen. Für schätzungsweise zwei Stunden können Sie mich noch hier erreichen, danach werde ich heimfahren, dann ist hier unten für heute geschlossen.“
Thiel nickte verständnisvoll, als Nadeschda und er sich ebenfalls erhoben. Boerne war stehend k.o., das war nicht zu übersehen.


Eine halbe Stunde später saßen sie einer zittrigen Sabine Jansen gegenüber und erneut versuchte Thiel, irgendeinen noch so kleinen Hinweis zu bekommen, der ihnen bei ihren weiteren Ermittlungen nützen konnte. Doch sie kamen zu keinem Ergebnis.

Nach ungezählten Fragen lehnte er sich zurück und rieb sich das Gesicht. „Gibt es denn nicht noch irgendetwas, das uns weiterhelfen könnte, ihn zu finden? Erzählen Sie mir alles, jede Kleinigkeit. Hat er Sport gemacht, wissen Sie von irgendwelchen Hobbies?“

Frau Jansen, die die meiste Zeit ihre Hände fixierte, schüttelte wie so oft den Kopf. „Nein, davon weiß ich nichts, ich habe ja kaum zehn Worte mit ihm gesprochen.“ Sie strich sich eine Locke hinter das Ohr und blickte dann auf. „Das einzige, was mir noch aufgefallen ist, dass man ihn fast nie ohne Stöpsel im Ohr sah, er hat die ganze Zeit Musik gehört.“
Sie zuckte mit den Schultern, wirkte fast bitter. „Ich weiß noch, wie er sich an einem Morgen aufgeregt hat, weil ihm sein MP3-Player weggefallen ist, ins volle Spülbecken. Er ging natürlich nicht mehr und er war so sauer, dass er das Teil in die Ecke geschmissen hat. Das war das einzige Mal, dass ich ihn mehr als drei Worte am Stück sprechen gehört habe. Aber es war nur Gefluche.“

Thiel verschränkte milde interessiert die Arme. „Hat Frau Schütt das Gerät in den Müll geworfen, wissen Sie das?“
Frau Jansen runzelte die Stirn. „Wahrscheinlich nicht… Britta war sehr streng damit, Mülltrennung lag ihr am Herzen. Elektronik-Schrott hat sie separat gesammelt. Wir haben eine Kiste im Keller stehen, gut möglich dass das Ding da noch drin liegt, wir haben sie ewig nicht geleert…“
Nadeshda richtete sich auf. „Da könnten noch Fingerabdrücke drauf sein.“
Nun wurde auch Thiel lebendig. „In einer Kiste im Keller sagen Sie? Bitte beschreiben Sie uns, wo genau.“


Innerhalb kürzester Zeit machte sich Nadeshda auf dem Weg zu dem Mehrparteienhaus, in dem die drei Studentinnen zusammen gewohnt hatten und keine halbe Stunde später rief sie Thiel an und berichtete begeistert, dass sie besagte Kiste vor sich stehen und den MP3-Player samt Kopfhörer im Keller gefunden hatte.
Gleich nachdem er sich von Nadeshda verabschiedet hatte, informierte Thiel den Professor in der Rechtsmedizin, dass er unbedingt noch bleiben und sich die Gerätschaften des Mörders ansehen müsse.
Er konnte sich gut vorstellen, dass Boerne auf seine Bitte hin wohl am liebsten den Kopf auf den Schreibtisch geschlagen hätte, aber sein Kollege ließ seinen Frust erstaunlicherweise nicht an ihm ab sondern murmelte nur ergeben, dass er warten würde.



Etwa eine Stunde später klingelte Thiels Telefon. Ein Blick auf das Display zeigte die Nummer der Rechtsmedizin, wie er es nicht anders erwartet hatte. Thiel beugte sich vor und riss den Hörer ans Ohr.
„Thiel, Sie sind nun wahrlich nicht der Traum meiner schlaflosen Nächte, aber jetzt legen Sie es mit Gewalt darauf an, auch noch der Alp meiner schlaflosen Tage zu werden. Wie lange soll ich Ihrer Meinung nach noch hier sitzen?“

Thiel verdrehte nur die Augen und ersparte sich eine Begrüßung, „Sehr witzig, Boerne. Macht Schlafmangel albern?“ Er war ein wenig aufgeregt. Vielleicht kamen sie der Lösung des Falles bald etwas näher. „Und jetzt mal ernsthaft, können Sie mit dem Musikdingens was anfangen? War da Schmodder in den Ohrstöpseln, oder gab es Fingerabdrücke?“ Er ertappte sich selber dabei, wie er ungeduldig mit seinem Kugelschreiber auf die Schreibtischunterlage klopfte.

Boerne ließ allerdings nur ein frustriertes Stöhnen hören. „Thiel, bitte. Was soll denn der Unsinn? Bringen Sie mir in Gottes Namen endlich diese Sachen, wenn sie Ihnen so wichtig sind. Ich möchte nach Hause, können Sie das nicht verstehen?“ Er klang nun nicht mehr zynisch oder schnippisch, sondern nur noch unglaublich erschöpft.

Thiels Nackenhaare stellten sich auf.

„Boerne… " Er war mit einem Male heiser, musste sich räupern. "Sagen Sie, dass Sie das nicht ernst meinen. Nadeshda muss doch seit einer Ewigkeit bei Ihnen sein, sie wollte vor fast einer Stunde an der WG losfahren.“ Für einen Moment klammerte er sich noch an die absurde Hoffnung, dass sein Kollege ihn nur auf den Arm nehmen wollte; obwohl ihm eigentlich längst klar war, dass Boerne sich keinen Scherz mit ihm erlaubte.

Es entstand eine kurze Pause, bevor Boerne leise und nun scheinbar auch bestürzt erwiderte: „Sie ist hier nicht angekommen.“


Und sie wussten beide, dass mit Sicherheit kein Unfall oder Stau der Grund dafür war.



Comments

baggeli
15. Feb 2013 15:15 (UTC)
Tust du nicht, tut keiner außer mir selbst. ;o)

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