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Story: 48 Stunden - Kapitel 9

Titel: 48 Stunden
Genre: Freundschaft, Krimi, Angst
Zusammenfassung: Es hätte ein schönes Wochenende in Hamburg werden sollen. Doch es war der Beginn eines Alptraums.
A.N.: Ausnahmsweise gibt es heute Abend schon das neue Kapitel. Es ist sozusagen frisch aus dem Druck, also vor fünf Minuten getippt, morgen werde ich nämlich wohl den ganzen Tag unterwegs sein und nicht zum Schreiben kommen. Handys sei Dank bin ich aber sicherlich ab und zu online.
Wenn alles klappt, kommt hoffentlich im Laufe des Sonntags etwas Neues. Aber das kann ich noch nicht versprechen, denn jetzt geht's langsam richtig rund und das geht mir meist nicht so leicht von der Hand.
Wörter: 11600


Thiel hatte das Gespräch unterbrochen, ohne ein weiteres Wort zu sagen und wählte nun mit zitternden Fingern Nadeshdas Nummer; aber natürlich erreichte er sie nicht, er landete gleich auf ihrer Mailbox. Auch am Funkgerät meldete sie sich nicht.
Für zwei Sekunden verharrte er völlig reglos, während seine Gedanken sich überschlugen – dann sprang er auf, stürmte in das Nachbarbüro, in dem mehrere seiner Kollegen saßen und begann, Anweisungen zu brüllen.

Innerhalb weniger Minuten hatte er die gesamte Kriminalpolizei auf den Beinen und die Kollegen der Schutzpolizei waren informiert. Noch während Thiel mit Frau Klemm telefonierte, um sich von ihr freie Hand zusichern zu lassen, war schon der erste Streifenwagen an der WG angekommen. Die Beamten durchsuchten innerhalb kürzester Zeit den Keller und die Wohnung der Studentinnen, doch von Nadeshda fehlte jede Spur. Ebenso von ihrem Dienstwagen.
Mehrere Kollegen hatten zeitgleich Rücksprache mit Krankenhäusern und Rettungsdiensten gehalten, sie hatte definitiv keinen Unfall gehabt.
Nicht, dass irgendjemand daran geglaubt hätte.


Thiel hatte gerade das Gespräch mit Frau Klemm beendet und war von seinem Stuhl aufgesprungen, als die Tür aufgerissen wurde und Boerne ins Büro platzte. „Hat sie sich gemeldet?“
Thiel schüttelte nur den Kopf, zerrte seine Jacke von der Stuhllehne und rannte Richtung Tür. „Ich muss zu dieser Wohnung.“
Boerne war mit einem langen Schritt neben ihm. „Ich fahre Sie.“
Thiel protestierte nicht dagegen.


Die kurze Zeit im Auto verbrachten sie schweigend.
Thiel konnte schlicht nicht fassen, was passiert war. Warum hatte dieser Wahnsinnige Nadeshda in seine Gewalt gebracht? Lebte sie noch? Wenn ja, was hatte er mit ihr vor? War sie ein Ersatz für Sabine Jansen, so wie Frau Klemm am Abend zuvor befürchtet hatte? Oder wollte er von Nadeshda den Aufenthaltsort der Studentin erpressen, um sein Werk noch zu vollenden?
Obwohl er sonst nicht dazu neigte, musste er einen Anfall von Panik niederkämpfen; Panik, was mit Nadeshda passieren würde oder vielleicht sogar schon passiert war; Panik, dass der Verdächtige seine Vorgehensweise diesmal vielleicht ändern würde, dass er sie schon umgebracht haben könnte.
Er verkrampfte seine Hände in seinen Oberschenkeln und zwang sich, daran zu glauben, dass er noch 48 Stunden Zeit hatte, um sie zu finden; zwang sich, einen ruhigen Kopf zu bewahren.

Vielleicht zum ersten Mal in seinem Leben fuhr Boerne ihm nicht halsbrecherisch genug.


Nach wenigen Minuten erreichten sie den Stadtteil von Münster, in dem die drei Studentinnen gewohnt hatten. Mehrstöckige, ältere Häuser voller kleiner Wohnungen säumten die Straßen. Sie waren in den sechziger Jahren für die Arbeiter des naheliegenden Industriegebietes gebaut worden und Thiel hatte das Gefühl, dass seit der Zeit auch nichts mehr an ihnen getan worden war. Alles war recht dunkel und ein Stück weit heruntergekommen. Ein paarhundert Meter weiter am Ende der Straße stand eine marode Fabrik, in der schon seit Jahren nicht mehr gearbeitet wurde. Etwa genauso lange tobte der Streit zwischen Münsters Politikern, ob sie abgerissen oder unter Denkmalschutz gestellt werden sollte.


Kaum, dass der Professor den Wagen zum Stehen gebracht hatte, riss Thiel die Tür auf und sprang heraus, eilte die Treppen zur Eingangstür hinauf.
Das Innere des Hauses wimmelte einmal mehr von Beamten. Thiel hastete an ihnen vorbei, geradewegs in den Keller. Wie in vielen älteren Gebäuden war die Deckenhöhe niedrig und alles eher spärlich beleuchtet. Neben der Waschküche schloss sich ein breiter Raum an, der durch Gitterwände in mehrere kleine Abstellkammern unterteilt war. Eine der Gittertüren stand offen, zwei Kollegen in weißen Schutzanzügen suchten akribisch nach Fingerabdrücken und machten Fotos.

Noch während er auf sie zueilte, schnappte Thiel ein paar Gummihandschuhe aus ihrem Instrumentenkoffer und ohne dass er ein Wort sagen musste, machten sie ihm Platz und ließen ihn in den kleinen Raum. Boerne blieb draußen vor der Tür stehen und beobachtete mit gerunzelter Stirn, wie Thiel hektisch nach der Kiste suchte, die den Elektronikmüll enthielt. Nach ein paar Sekunden hatte er sie entdeckt und zerrte sie aus dem Regal, eilte dann damit in den Lichtkegel des mobilen Strahlers, den die Kollegen aufgestellt hatten.
Angespannt wühlte er sich durch den Inhalt, aber natürlich war der MP3-Player nicht mehr dort. Nadeshda hatte ihn offensichtlich schon in der Tasche gehabt, als sie überwältigt wurde.

Frustriert wollte er den Karton gerade seinem Kollegen reichen, als er ihn mit einem Male nochmals zurück ins Licht drehte. Zwischen einer Küchenwaage, einer Digitalkamera und zwei uralten, schnurlosen Telefonen lag ein Handy. Es war ziemlich zertrümmert, das Display komplett zersplittert und die Chips und Platinen lagen verstreut in der Kiste. Lediglich die Rückseite war einigermaßen ganz geblieben, nur ein tiefer Kratzer zog sich quer darüber hinweg. Und daran erkannte er es sofort; diesen Kratzer hatte er verursacht, als er es einmal versehentlich von Nadeshdas Schreibtisch gefegt hatte.
Für einen Moment schloss er die Augen und schluckte. Hatte er sich in einem kleinen Winkel seines Gehirns wider jeglicher Vernunft immer noch die Hoffnung gestattet, dass vielleicht alles nur ein Missverständnis war und Nadeshda jeden Augenblick verwundert und lachend wieder auftauchen könnte, musste er diese Hoffnung nun endgültig aufgeben.

Eine leichte Berührung am Arm riss ihn aus diesen Gedanken. Boerne blickte ihn an, die Besorgnis überdeutlich in seinen Augen. „Thiel. Was ist los?“
Als Antwort hielt Thiel dem Kollegen der Spurensicherung die Kiste hin. „Er ist hier unten gewesen, Sie werden hier jeden Quadratzentimeter überprüfen. Die Einzelteile des Mobiltelefons sofort sichern und ab ins Labor, das ist Nadeshdas Handy. Er hat es zertreten und einfach hier reingeschmissen. Vielleicht finden Sie seine Fingerabdrücke darauf.“ Er wusste selber nicht, woher die tödliche Ruhe kam, mit der er sprach.
Dann drehte er sich auf dem Absatz um und schritt immer schneller den Flur hinunter. Er musste raus aus diesem dunklen Keller, dessen Atmosphäre ihn plötzlich zu ersticken drohte. Er musste an die frische Luft.


Draußen in der Sonne stürmte Thiel erst einmal blindlings weiter, weg von seinen Kollegen und den Gaffern, die sich vor den Absperrbändern sammelten, bis er im Schatten eines Baumes stehen blieb und sich erschöpft am Stamm abstützte. Er brauchte einen kurzen Moment Abstand, einen kurzen Moment für sich, um nicht vollständig die Kontrolle zu verlieren.

Boerne schien das zu bemerken, er war an seinem Wagen zurückgeblieben, hatte sich dagegen gelehnt und die Arme verschränkt, ließ ihm die Zeit, die er benötigte.
Und Thiel war ihm dankbar dafür.
Nachdem er ein paarmal tief durchgeamtet hatte, konnte er wieder klarer denken. Und dann wusste er, wie es jetzt weitergehen musste; er musste mit Nadeshdas Eltern sprechen.


Irgendwann stieß er sich von dem Baum ab und blickte auf, sah, dass sein Kollege inzwischen herangekommen war.
„Boerne, wir müssen ins Kalinka, bevor irgendein übereifriger Zeitungsheini Wind von der Sache bekommt. Gennadi und seine Frau sollen nicht aus den Medien erfahren, was hier gerade abläuft.“
Boerne warf ihm über den Rand seiner Brille hinweg einen mitfühlenden Blick zu, bevor er leise bemerkte: „Dann schreien Sie besser nicht so rum, Thiel, ich glaube nämlich, dass da hinter der Litfaßsäule einer Ihrer Zeitungsheinis steht und Sie beobachtet. Man sieht ihn von hier aus kaum, aber er spiegelt sich in der Schaufensterscheibe der Spielothek.“

„Na dem wird ich was husten, hier ist abgesperrt!“ Zornig fuhr Thiel herum, machte ein paar schnelle Schritte in die entsprechende Richtung – und starrte dem Mann in die Augen, dessen Phantombild  sich inzwischen regelrecht in sein Hirn gebrannt hatte.



Comments

( 2 Kommentare — Kommentar hinterlassen )
cricri_72
16. Feb 2013 17:12 (UTC)
Meine armen Fingernägel ... das wird immer schlimmer mit der Spannung! Ich habe sehr mitgelitten mit Thiel, das muß ein furchbares Gefühl sein. Und Deine Cliffhanger werden auch immer schlimmer! (oder sollte ich sagen besser?)

Boerne war mit einem langen Schritt neben ihm. „Ich fahre Sie.“
Ich mag diese Momente, wenn Boerne einfach nur das richtige tut.

Vielleicht zum ersten Mal in seinem Leben fuhr Boerne ihm nicht halsbrecherisch genug.
Das ist so ein Satz ... ich weiß nicht, wie Du das schaffst, der ist gleichermaßen komisch und sehr IC/Tatort Münster und unglaublich dramatisch.

Lediglich die Rückseite war einigermaßen ganz geblieben, nur ein tiefer Kratzer zog sich quer darüber hinweg.
Wieder eine tolle Idee für eine Spur, und gleichzeitig kann man sich vorstellen, wie schrecklich es sich für Thiel anfühlen muß, das Handy wiederzuerkennen.

Eine leichte Berührung am Arm riss ihn aus diesen Gedanken. Boerne blickte ihn an, die Besorgnis überdeutlich in seinen Augen. „Thiel. Was ist los?“


Er brauchte einen kurzen Moment Abstand, einen kurzen Moment für sich, um nicht vollständig die Kontrolle zu verlieren.
Boerne schien das zu bemerken, er war an seinem Wagen zurückgeblieben, hatte sich dagegen gelehnt und die Arme verschränkt, ließ ihm die Zeit, die er benötigte.

*huggles Thiel*
Und zu Boerne siehe oben ;)

Das Ende ist wieder unglaublich - und irgendwie habe ich jetzt Angst, daß der Typ vielleicht nur eine falsche Spur ist ... *schluck*




baggeli
16. Feb 2013 18:20 (UTC)
Und Deine Cliffhanger werden auch immer schlimmer! (oder sollte ich sagen besser?)
Cliffhanger? Wovon redest du?

Ich mag diese Momente, wenn Boerne einfach nur das richtige tut.
Ich auch, und an dieser Stelle ging das schlicht nicht anders. Ich hatte das überwältigende Bedürfnis, Thiel jetzt nicht allein zu lassen.

...und gleichzeitig kann man sich vorstellen, wie schrecklich es sich für Thiel anfühlen muß, das Handy wiederzuerkennen.
Ja, das stelle ich mir auch schrecklich vor.

*huggles Thiel*
Und zu Boerne siehe oben ;)

=)

Das Ende ist wieder unglaublich
Ich sag ja, die nächste Story gestalte ich nur über Schlusssätze, den Rest müsst ihr euch drumherumdenken, dann muss ich das nicht mehr alles tippen. *lol*

- und irgendwie habe ich jetzt Angst, daß der Typ vielleicht nur eine falsche Spur ist ... *schluck*
Meinst du, es wäre mal wieder an der Zeit für einen red hering? ;o)



Edited at 2013-02-16 18:20 (UTC)
( 2 Kommentare — Kommentar hinterlassen )

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