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Story: Alptraum - Kapitel 4

Eine Bekannte von Staatsanwältin Klemm wurde ermordet. Thiel und Nadeshda kommen bei ihren Ermittlungen kaum voran, bis sie Professor Boerne mit ins Boot nehmen. Der kann Licht ins Dunkel bringen; aber der Preis, den sie dafür bezahlen, ist hoch…

Wörter: 12200
Genre: Freundschaft, Drama
Warnungen: Ich lebe meinen Hang zum Drama aus
Beta: cricri. Vielen Dank dafür, ohne Dich hätte ich wahrscheinlich nie was veröffentlicht!



Thiel stand wie paralysiert, bis der Notarzt sich endlich straffte und von der Wand abstieß. Kaum hatte er sich umgedreht, entdeckte er den Kommissar und kam mit schnellen Schritten auf ihn zu. Ein Lächeln erhellte sein erschöpftes Gesicht, als er eine Hand auf die Schulter seines Gegenübers legte und sagte: "Die Verletzung ist schwerwiegend, aber so wie es aussieht, wird er sich erholen!"

Thiel starrte ihn verständnislos an, in seinen Ohren rauschte es. Er konnte den emotionalen Ausbruch, den er gerade beobachtet hatte, nicht mit diesen Worten in Einklang bringen.
Der Mediziner runzelte die Stirn und griff ihn etwas fester. „Herr Thiel? Hören Sie mich? Er wird wieder gesund, haben Sie mich verstanden?“
Thiel antwortete nicht, brauchte noch einen Moment, bis ihm dämmerte, was der Arzt ihm zu sagen versuchte. Seine Beine gaben nach, er stolperte gegen die Wand und musste sich anlehnen, um nicht zu stürzen.

„He! Ganz ruhig!“ Der Notarzt stützte den zittrigen Kommissar.
„Mann, wissen Sie, was Sie mir für einen Schrecken eingejagt haben?“ murmelte Thiel mit schwacher Stimme. „Als Sie die Tür da fast in Stücke getreten haben, dachte ich…“

Der Mediziner sah für einen Moment beschämt aus. „Das tut mir leid. Ich war ziemlich angespannt… es ist nicht angenehm, einen alten Freund auf dem OP-Tisch liegen zu haben.“ Er dirigierte den leicht schwankenden Kommissar von der Wand weg und steuerte ihn auf den Warteraum zu. „Kommen Sie, Sie sollten sich ein paar Minuten hinsetzen. Dann können wir uns in Ruhe unterhalten.“


Nadeshda und Frau Klemm schnellten von ihren Stühlen hoch, als die beiden Männer die Sitzecke betraten. Blankes Entsetzen zeichnete sich auf ihren Gesichtern ab, als sie sahen, wie der kreidebleiche Kommissar vom Arzt hereingeführt und fürsorglich zu einem Stuhl begleitet wurde.
Aber der Mediziner hob beim Anblick der beiden Frauen sofort beschwichtigend die Hand. „Es ist alles in Ordnung! Ich bin ziemlich sicher, dass Professor Boerne sich vollständig erholen wird.“

Nadeshda schlug erleichtert die Hände vor den Mund und ließ sich auf einen Sitz neben Thiel sinken, der seinen Arm um sie legte und sie kurz an sich zog.
Frau Klemm hatte bei den Worten des Arztes für einen Moment die Luft angehalten, aber dann breitete sich ein freudiger Ausdruck auf ihrem Gesicht aus. „Gott sei Dank!“, murmelte sie heiser, als sie sichtbar erleichtert auf den Notarzt zutrat. „Professor Jaschke.“ Sie reichte ihm die Hand.
Der Notarzt schüttelte sie lächelnd. „Frau Klemm. Unter diesen Umständen sage ich nicht, schön Sie hier zu treffen. Es wäre mir lieber gewesen, Sie erst auf dem Wohltätigkeitsball nächste Woche zu sehen!“
Die Staatsanwältin nickte energisch
. „Weiß Gott, das können Sie laut sagen.“
Der Kommissar wunderte sich nicht zum ersten Mal darüber, wie klein die Welt in Münster war, als Frau
Klemm direkt wieder sachlich wurde: „Wie geht es Professor Boerne?“


Jaschke antwortete nicht sofort, sondern wies auf einen Stuhl. „Setzen wir uns.“
Die ältere Frau kam seiner Aufforderung nach, und er selbst nahm ebenfalls Platz. „Für eine Weile hatte ich Angst, dass er es nicht schafft." Sein Gesicht war ziemlich ernst, als er sich in seinem Stuhl zurücklehnte. "In der Anfangsphase der OP drohte sein Kreislauf mehrmals zu versagen, der Narkosearzt kam ganz schön ins Schwitzen. Zum Glück es ist ihm immer wieder gelungen, Karl zu stabilisieren, bevor es zu einem Herzstillstand kam. Nachdem ein paar Blutkonserven eingelaufen waren, erholten sich seine Vitalwerte und wir konnten uns etwas entspannen; aber ich sage ganz ehrlich, vorher war es mir einige Male entschieden zu eng.“

Thiel wurde ganz übel. Zu hören, dass Boerne während der OP nur so knapp davongekommen war, setzte ihm sehr zu. Aber er versuchte sich zu konzentrieren, denn der Arzt redete schon weiter.

„Er hat riesiges Glück gehabt, der Schütze hat ihn nicht frontal getroffen. Die Kugel ist in einem schrägen Winkel auf die sechste Rippe geprallt, wurde dabei von ihrer Bahn abgelenkt und trat fast unmittelbar wieder aus. Sie hat allerdings die Rippe zerschmettert und durch Fragmentation eine tiefe, zerfetzte Wunde verursacht. Ich habe die letzten paar Stunden damit zugebracht, die Blutung unter Kontrolle zu bringen und die Knochensplitter aus Brustwand und Zwischenrippenmuskeln zu entfernen. Das Projektil hat ein ziemliches Schlachtfeld hinterlassen, aber das Wichtigste ist, dass die Lunge unverletzt blieb.“

Thiel hatte durch diese Beschreibung zu seinem Leidwesen wieder sehr deutlich vor Augen, wie die Schusswunde ausgesehen hatte, was dem flauen Gefühl in seinem Magen nicht gerade zuträglich war. Er schüttelte sich unwillkürlich. Nadeshda dagegen erinnerte sich an ein anderes Detail. „Professor Boerne hat versucht, sich wegzudrehen, als Stein auf ihn schoss.“
Der Notarzt nickte bedächtig. „Dann hat diese Bewegung ihm vermutlich das Leben gerettet. Ein direkter Treffer von vorne hätte ganz andere Auswirkungen gehabt; die Kugel hätte sicherlich die Lunge durchschlagen. Dazu noch der Sturz in den Pool… ich denke, er wäre nicht zu retten gewesen.“
Für einen Moment breitete sich beklommenes Schweigen aus, das Jaschke aber brach, indem er sich an die Polizisten wandte: „Eins wollte ich Ihnen unbedingt noch sagen. Ihr schnelles Handeln nach seinem Sturz ins Wasser hat Karl mit Sicherheit das Leben gerettet. Ich gehe davon aus, dass er keine Hirnschäden davontragen wird, weil er nur eine sehr kurze Zeit unter Sauerstoffmangel gelitten hat. Hundertprozentig sagen kann man das natürlich erst, wenn er das Bewusstsein wiedererlangt.“

Die Staatsanwältin spielte nervös an ihrer Handtasche herum, als sie fragte: „Wann wird das sein? Können Sie das abschätzen?“
Der Professor richtete sich auf. „In Anbetracht des gravierenden Blutverlustes und seiner eingeschränkten Lungenfunktion durch den Ertrinkungsunfall werden wir ihn für mindestens 24 Stunden im künstlichen Koma lassen und voll beatmen. Wenn alles gut läuft, hat er sich hoffentlich bis morgen Mittag so weit erholt, dass wir auf eine rein unterstützende Beatmung umstellen können. Ich denke, frühestens Montag werden wir versuchen, ihn langsam wachwerden zu lassen. Immer vorausgesetzt, es treten keine Komplikationen auf. Aber davon gehe ich eigentlich nicht aus.“

Erneut sprach keiner der Anwesenden, aber diesmal war das Schweigen nicht mehr ganz so gedrückt. Thiel war der erste, der es brach. „Kann ich ihn sehen?“ All den Erklärungen des Professors zum Trotz hatte er das große Bedürfnis, sich mit eigenen Augen davon zu überzeugen, dass Boerne lebte, dass es ihm wieder gutgehen würde.
Jaschke fixierte ihn mit einem prüfenden Blick, dann nickte er. „Ich bringe Sie hin, aber nur kurz. Er braucht Ruhe, und so wie es aussieht, SIE auch.“

Thiel stand auf. „Fahren Sie nach Hause, Nadeshda“, sagte er dabei zu seiner Assistentin, aber die schüttelte abwehrend den Kopf. „Kommt gar nicht in Frage, ich gehe nicht ohne Sie.“ Sie lehnte sich demonstrativ in ihrem Sitz zurück. Auch die Staatsanwältin machte keine Anstalten, sich zu erheben. „Gehen Sie schon, Thiel! Wir warten hier.“ In ihrer rauen Stimme hielten sich Verständnis und Mitgefühl die Waage.

Der Kommissar nickte ihnen zu, dann folgte er dem Professor durch mehrere Gänge bis in den Vorraum der Intensivstation. Dass er sich dort einen Schutzkittel überziehen und die Hände desinfizieren musste, hielt sie nur wenige Sekunden auf.
Ziemlich am Ende des breiten Flures blieb Jaschke neben einer offenen Tür stehen. „Fünf Minuten, dann hole ich Sie wieder ab.“ Mit diesen Worten drückte er noch einmal ermutigend Thiels Schulter, dann wandte er sich um und verschwand in einem der Räume, die dem medizinischen Personal vorbehalten waren.

Langsam betrat Thiel das Zimmer und blickte sich um. Umgeben von zahllosen medizinischen Geräten stand ein Bett an der Stirnseite des Raumes. Thiel schauderte. Er war nicht das erste Mal auf einer Intensivstation, hatte schon öfter beruflich damit zu tun gehabt; aber jedes Mal aufs Neue fühlte er sich unwohl ihn der sterilen Atmosphäre. Noch nie allerdings war es so schlimm wie jetzt.

Mit verhaltenen Schritten ging er ein Stückchen auf das Bett zu. Dort lag Boerne, bis zur Brust zugedeckt mit einem Laken.
Schluckend starrte Thiel zuerst auf den dicken weißen Verband, der die Schusswunde bedeckte. Zwei dünne Schläuche, gefüllt mit blutigem Sekret, schauten darunter hervor und mündeten in kleinen Auffangbeuteln, die unten am Bett befestigt waren. Schnell wandte er seinen Blick davon ab und konzentrierte sich auf andere Details.
Vier oder fünf Infusionspumpen versorgten den Verletzten über einen Schlauch am Hals mit Flüssigkeit und Medikamenten; Kabel, die ihn an einen Monitor anschlossen, waren mit kleinen Aufklebern an seiner Brust befestigt und auch noch an einem Finger und im Gelenk seiner rechten Hand steckten Gerätschaften, deren Sinn sich Thiel nicht erschloss.
Der Kommissar versuchte, diese ganze einschüchternde Technik zu ignorieren und blickte stattdessen in Boernes Gesicht. Boernes Lippen waren leicht geöffnet, weil in seiner Luftröhre natürlich immer noch der Beatmungsschlauch steckte. Ohne seine Brille und kreideweiß wirkte er schmaler als sonst; die extreme Blässe stand im starken Kontrast zu seinem dunklen Haar und Bart, ließ ihn beinahe zerbrechlich aussehen.
Aber am meisten machte Thiel die absolute Leblosigkeit zu schaffen, mit der Boerne dort lag; sie war so untypisch für den sonst so dynamischen Mann, der sogar in den wenigen Momenten, in denen er ruhig war, noch eine gewisse Energie versprühte. Lediglich sein Brustkorb hob und senkte sich mit einer unnatürlichen Präzision, die der Kommissar kaum ertragen konnte. Das Beatmungsgerät zwang mit leisen klickenden und zischenden Geräuschen in einem regelmäßigen Rhythmus Luft in Boernes Lungen, übernahm die Arbeit, die der Schwerverletzte im Moment nicht selbst leisten konnte.
Es ängstigte Thiel, dass ein Menschenleben so sehr von Maschinen abhing; in diesem Fall besonders, weil der reglose Mann im Bett ein Kollege war. Nein, nicht nur ein Kollege; ein Freund.
Aber das Schlimmste war, dass Boerne durch seine Schuld hier lag.


Thiel fühlte sich auf einmal mehr als erschöpft, die vielen durchgearbeiteten Stunden und die Sorgen dieses Tages forderten ihren Zoll. Er hatte das Gefühl, keine Sekunde mehr stehen bleiben zu können und taumelte zu einem Stuhl, der in einer Ecke des Zimmers stand.
Dort saß er noch, als Professor Jaschke in den Raum zurückkehrte.

Thiel beobachtete, wie der Mediziner auf seinen Freund zusteuerte und sacht eine Hand auf Boernes Stirn legte, um seine Temperatur zu fühlen. Im Anschluss warf er einen prüfenden Blick auf Monitor und Verband und zog behutsam das Laken etwas höher.
Danach drehte er sich zu Thiel um, durchquerte das Zimmer und lehnte sich neben ihn an die Wand. „Ist alles in Ordnung mit Ihnen?“

Thiel wandte seine Augen nicht von Boerne ab, als er mit tonloser Stimme antwortete. „Ja.“
Der Professor schien zu spüren, dass das nicht der Wahrheit entsprach. „Wir sind uns nie begegnet, aber Karl spricht oft von Ihnen." Er zögerte kurz, fuhr dann aber fort. „Er beschreibt Sie als einen ziemlich einsilbigen Menschen, den so schnell nichts erschüttert. Nun ja, nicht ganz in diesen Worten...“ Jaschke lächelte schwach, wurde dann aber wieder ernst. „Jedenfalls habe ich nach den Geschehnissen heute natürlich Sorge von Ihnen erwartet, Unruhe, vielleicht sogar Zorn. Aber diese Verzweiflung, die Sie ausströmen... die passt nicht zu dem Bild, das ich mir von Ihnen gemacht habe.“

Thiel blickte kurz in Jaschkes offenes Gesicht, dann drehte er seinen Kopf zurück und sagte fast gegen seinen eigenen Willen: „Er ist beinah draufgegangen, weil ich einen Fehler gemacht habe.“
Der Professor nickte verständnisvoll. „Ich habe mir sowas schon gedacht. Wollen Sie darüber reden?“
Thiel seufzte und schloss für einen Moment die Augen. Eigentlich fühlte er sich zu ausgepumpt, um das Thema noch mal durchzukauen, das hatte er mit Frau Klemm ja schon hinter sich gebracht. Aber Jaschke klang nicht verurteilend oder vorwurfsvoll sondern so ruhig und besorgt, dass er sich zu einer Antwort aufraffte. „Der Schütze ist ein Mörder, der heute aus der Untersuchungshaft entlassen wurde, weil ich trotz Boernes Bericht nicht die richtigen Schlüsse gezogen habe. Ich hätte das alles verhindern können.“
Jaschke verschränkte die Arme und runzelte die Stirn. „Haben denn nur Sie diesen Bericht gelesen?“
Thiel schüttelte den Kopf. „Die Autopsieberichte gehen an alle Kollegen, die an den Ermittlungen beteiligt sind.“
„Und Sie schieben sich die Schuld an diesem Unglück in die Schuhe, obwohl wer weiß wie viele Leute die Hinweise korrekt hätten interpretieren können?“ Der Professor klang ganz ungläubig.
Der Kommissar starrte ihn wortlos an.
„Herr Thiel, Sie sind auch nur ein Mensch."

Thiel konnte nicht abstreiten, dass an der Argumentation des Professors etwas dran war, aber er war immer noch aufgewühlt. „Mag ja sein, dass Sie Recht haben. Trotzdem hätte ich Boerne nicht in die Villa des Verdächtigen schleppen dürfen. Frau Klemm reibt mir ständig unter die Nase, dass er bei den Ermittlungen nichts zu suchen hat.“
Jaschke lächelte. „Aber das weiß Karl doch genauso gut wie Sie! Es war seine eigene Entscheidung, Sie werden Ihn ja wohl kaum gezwungen haben, Sie zu begleiten." Er zwinkerte Thiel zu. „Wie ich ihn kenne, war eher das Gegenteil der Fall... Na kommen Sie, Ihre Kolleginnen warten bestimmt schon ungeduldig. Lassen wir Karl ausruhen.“
Der Professor griff Thiels Oberarm und half dem erschöpften Mann hoch.

Thiel ließ sich vom Stuhl ziehen und holte dabei tief Luft. Und zum ersten Mal seit Alexander Stein den verhängnisvollen Schuss abgefeuert hatte, hatte er das Gefühl, wieder etwas freier durchatmen zu können.


Als er nach ein paar Minuten mit dem Professor in den Warteraum trat, erhoben sich Nadeshda und die Staatsanwältin von ihren Stühlen und blickten sie erwartungsvoll an.
Jaschke wandte sich an die Gruppe. „Ich denke, für heute können Sie hier alle nichts mehr ausrichten. Herr Thiel, ich werde Sie sofort anrufen, falls etwas mit Karl sein sollte. Ansonsten schlage ich vor, dass Sie sich morgen Abend wieder bei mir melden. Dann gibt es mit Sicherheit neue Informationen über seinen Zustand.“ Er klatschte in die Hände und wies mit einer schwungvollen Geste zur Tür. „So, ich mache als leitender Oberarzt jetzt von meinem Hausrecht Gebrauch und schmeiße Sie raus. Herr Thiel, Frau Krusenstern: Sie sehen beide fix und fertig aus. Sie werden jetzt was Essen und dann schlafen, in der Reihenfolge. Hat noch jemand eine Frage?“

Nadeshda meldete sich zu Wort. „Ich habe eben mit Frau Haller telefoniert. Sie fragt, wie es mit dem Professor weitergeht, wenn er wieder aufgewacht ist, wie lange es dauern wird, bis er sich erholt hat?“
Jaschke richtete seinen Blick auf die junge Frau. „Insgesamt wird er sicher drei Tage auf der Intensivstation bleiben müssen, bevor er zur Beobachtung auf eine Normalstation verlegt werden kann. Ich denke mal, mindestens zehn Tage Krankenhausaufenthalt sind realistisch." Nadeshda nickte, während Jaschke schon fortfuhr: "Wenn er wieder wach ist, wird er die erste Zeit ziemlich platt auf dem Rücken liegen. Der Blutverlust allein reicht schon, um ihn die nächsten Tage im Bett zu halten. Dazu kommt die Wunde; ich habe versucht, die zerfetzten Hautschichten wieder einigermaßen zu adaptieren, viel ließ sich da allerdings nicht machen. Das muss ganz langsam heilen. Zusammen mit den gebrochenen Rippen wird ihn das vier oder fünf Wochen aus dem Verkehr ziehen.“
„Meine Güte, wie kriegen wir den Mann so lange gebändigt?“, murmelte Frau Klemm.

Thiel sprang allerdings nicht auf die Zeitangabe an, ihn beunruhigte ein ganz anderes Detail. „Zusammen mit DEN gebrochenen Rippen? Mehrere?“ fragte er irritiert. Er war zu sehr Kommissar, als das ihm diese letzte Bemerkung hätte entgehen können. „Ich dachte, die Kugel hat ihm nur eine Rippe zertrümmert?“
„Das stimmt schon“, war die Antwort. „Weitere drei Rippen haben Sie ihm bei der Herzmassage gebrochen.“
„Oh nein!“ Thiel wurde blass und sackte auf einen Stuhl.

Professor Jaschke versuchte, ihn zu beruhigen. „Machen Sie sich keine Vorwürfe, Herr Thiel! Gebrochene Rippen gehören zu einer Reanimation dazu, das passiert sogar trainierten Helfern immer wieder!“
Aber Thiel ließ sich nicht beschwichtigen. „Sie haben doch keine Ahnung!“ murmelte er bestürzt. „Das wird er mich elendig büßen lassen!“
Jaschke schwieg ganz verwundert, stattdessen mischte sich die Staatsanwältin ein. „Thiel, reden Sie keinen Unsinn. Sie haben Boerne das Leben gerettet. Da wird er ihnen doch nicht vorhalten, dass ein paar Rippen zu Bruch gegangen sind!“
Der Kommissar schüttelte nur energisch den Kopf. „Wer redet denn von Vorwürfen! Er wird mich bei nächster Gelegenheit in seinen Institutskeller schleifen und mir an einem seiner Kühlboxinsassen demonstrieren wollen, wie man es richtig macht! Die können sich ja nicht wehren!“, setzte er in komischer Verzweiflung hinzu.

Nadeshda konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen und die Staatsanwältin starrte ihn entgeistert an, während Professor Jaschke amüsiert eine Augenbraue hochzog. „Sowas trauen Sie ihm zu?“ Dann aber schien er sich zu besinnen und fügte mit zuckenden Mundwinkeln hinzu: „Naja, vielleicht haben Sie Recht. Aber im Gegensatz zu den ‚Kühlboxinsassen‘ können Sie sich jedenfalls ganz gut zur Wehr setzen. Fest steht außerdem, dass Karl Ihnen in den nächsten Wochen nicht viel entgegenzusetzen hat. Und wer weiß, vielleicht misst er dem Ganzen nicht so viel Bedeutung bei, wie Sie gerade denken.“

Thiel schloss erschöpft die Augen. „Ihr Wort in Gottes Ohr“, brummte er nur ergeben. Aber dann lächelte er selber ein wenig. Alles würde gut werden.

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Comments

( 20 Kommentare — Kommentar hinterlassen )
joslj
10. Aug 2012 08:22 (UTC)
Es war ja klar, dass du Boerne nicht sterben lässt, aber es war schon ganz schön dramatisch. Hat mir gut gefallen, deine Fic. Auch Nadeshda und Frau Klemm finde ich sehr IC.
Dass Thiel sich Vorwürfe macht, kann ich gut nachvollziehen, das passt zu ihm, besonders in dieser Situation. Nachdem er erstmal geschlafen und gegessen hat, wird er auch realisieren, dass der OP-Arzt recht hat.
Das Ende gefällt mir besonders: dass Boerne ihn durch "Trainingseinheiten" büßen lassen wird, halte ich durchaus für realistisch. Lange Dankbarkeitsphasen sollte Thiel wirklich nicht erwarten. Klasse Idee :-)

Eigentlich finde ich ja, ein Teil kommt bei solchen h/c-Stories immer zu kurz: die lange Wiederherstellungsphase. Im Gegensatz zum TV dauert es in Wirklichkeit ja etwas länger, bis man wieder richtig fit ist. Also nicht nur raus aus der Klinik, sondern durch die Physio etc. Das habe ich schon bei der TV-Folge gedacht, als Boerne beide Arme gebrochen hatte: den möchte ich nicht in der Reha-Zeit erleben. Da hält Thiels schlechtes Gewissen bestimmt nicht lange an, wenn er einen übellaunigen Boerne nach der täglichen Physiotherapie erleben muss...

Wolltest du nicht noch einen Epilog schreiben ? *grins*
baggeli
10. Aug 2012 09:02 (UTC)
Guten Morgen Jo!!
Der Epilog ist gerade bei cricri im TÜV! ;-) Die Geschichte kann doch nicht einfach an dieser Stelle aufhören, oder?

Nee, ich habe Boerne nicht sterben lassen, nur einmal kurz am Anfang, das musste reichen. ;-) Wobei ich zwischendurch tatsächlich drüber nachgedacht habe, es wäre ja mal ein ziemlicher Knall. Aber da ich selber HASSE, wenn jemand meine Helden ambmurkst (Farfie macht sowas ja gerne in ihren Drabbles), habe ich es dann nicht getan.
Ich freue mich, dass dir die Story gefallen hat!

Und ich stimme dir zu, die Leute im Fernsehen sind zu schnell wieder fit. Ok, wie es nach Tempelräuber weitergeht, wissen wir nicht. Aber mich nervt es auch, dass Boerne nach jedem Schlag auf den Schädel wieder aufsteht, als sei nichts gewesen. Deshalb habe ich ihm ja schon einmal 'Nachwirkungen' aufgedrückt; und es gibt noch ein paar Episoden, wo mir durchaus was zu einfallen würde...

Edited at 2012-08-10 11:38 (UTC)
joslj
10. Aug 2012 15:45 (UTC)
Aber mich nervt es auch, dass Boerne nach jedem Schlag auf den Schädel wieder aufsteht, als sei nichts gewesen.
Genau. Und gerade bei Boerne kann ich mir gut vorstellen, wie nervtötend er dann sein kann. Das in Kombination mit einem schuldbewusten Thiel ... sollte mal jmd. schreiben :-)


und es gibt noch ein paar Episoden, wo mir durchaus was zu einfallen würde...
Na dann, immer her damit :-))

Freu mich auf den Epilog !
baggeli
10. Aug 2012 15:54 (UTC)
Na dann, immer her damit :-))
Ja, ich bin dran... aber das dauert noch. Man hat ja noch ein normales Leben nebenher... auch wenn es ab und zu lästig ist. *kicher*
farfarello88
11. Aug 2012 01:01 (UTC)
Aber da ich selber HASSE, wenn jemand meine Helden ambmurkst (Farfie macht sowas ja gerne in ihren Drabbles), habe ich es dann nicht getan.

Na komm, es sind doch 'nur' Drabbles ;P Und wirklich abgemurkst habe ich ihn bisher in einem einziegn Drabble, wobei er da eigentlich schon tot WAR! :D xD Eigentlich hat bisher Thiel bei mir öfter ins Gras gebissen (3 Mal, wenn ich mich nicht irre).

Und nebenbei: Das vierte Kapitel hat mir da doch echt einen Stein vom Herzen gewuchtet! Boerne lebt, Gott sei Dank. Ich muss nochmal sagen, dass dein Thiel mir auch im aktuellen Kapitel sehr nahe gegangen ist. Ich bin schon wahnsinnig gespannt auf den Epilog :D
cricri_72
11. Aug 2012 06:03 (UTC)
Du kannst/konntest ja immer noch schreiben ;)

Eigentlich hat bisher Thiel bei mir öfter ins Gras gebissen (3 Mal, wenn ich mich nicht irre).
*schluck* ... muß ich verdrängt haben ...
farfarello88
11. Aug 2012 06:32 (UTC)
Du kannst/konntest ja immer noch schreiben ;)
Tja, zwei Brote mit Käse können bei mir wahre Wunder bewirken :D (Außerdem hatte ich da gerade wohl meine 'Toll, Party vorbei und ich komm wieder auf Touren'-Phase xD)

*schluck* ... muß ich verdrängt haben ...
Wir hätten da die Drabbles 'Roter Sand' und 'Wie mach ich dir das klar' (wobei bei Letzterem auch Boerne auf dem Tisch liegen könnte), das 'Drama ohne Titel' und wahrscheinlich noch irgend einen Text, aber ich bin mir da nicht 100%ig sicher. :D
cricri_72
11. Aug 2012 07:03 (UTC)
Schön zu hören :) Hier gibt es auch Frühstück, und dann muß ich tausend Dinge tun ...

Die Thiel-stirbt-Drabbles habe ich allesamt verdängt, glaube ich ;)
Das Drama ohne Ende geht doch gut aus ... *puppy eyes* (In meinem Kopf rettet Boerne Thiel noch. Ohne Frage! Und wenn Du es anders zuende schreibst, schreibe ich ein alternatives Ende ;))
cricri_72
11. Aug 2012 08:13 (UTC)
So, nochmal nachgelesen!

Also, bei "Roter Sand" ist ja auch noch nicht alles verloren :) Das und sein "Partner-Drabble" aus Boernes POV waren mir schon immer viel zu bedrückend, da trifft in meinem Kopf die Kavallerie natürlich noch rechtzeitig ein, Thiel hat nur das Bewußtsein verloren, und Boerne quengelt noch tagelang, weil Thiel ihn versetzt hat (natürlich erst, nachdem er sich von seinem Schock erholt hat ...). Und das Abendessen holen sie später nach, und Boerne kommt endlich dazu, seinen Plan in die Tat ... Du kennst den Text :D

Bei "Wie mache ich dir das klar" allerdings ... :(
baggeli
11. Aug 2012 10:08 (UTC)
Hi Farfie!
Du verstehst mich hoffentlich nicht falsch, deine Geschichten sind und bleiben genial! (Ich habe eben meinen eigenen Text gelesen und habe es Gefühl, es klingt, als würde ich die Drabbles unmöglich finden.) Aber wie ich ca 30 Mal schon betont habe, die in denen du einen sterben läßt, sind mir oft zu intensiv...

Allerdings habe ich wo es möglich ist, Sterbefälle grundsätzlich wegignoriert. Genau wie bei cricri geht es bei mir im Kopf alles noch gut aus. :D
Aber die Schote mit Boernes Grabstein geht nu mal gar nicht. Und dann hast du ALBERICH sterben lassen! Also echt, da war ich platt. Ich habe es ne Weile nicht gerafft, bis mir irgendwann dieses kleine Wort in die Augen fiel. Nee nee nee.. da denk ich auch freiwillig nicht drüber nach.
(Was einige deiner Drabbles angeht, würde ich die gerne mal in länger lesen; die in der Boerne als Geisel genommen wird z.B., oder die mit dem Countdown; die ist ja auch sowas von beklemmend! Also da läßt sich doch ein ganz exquisites Szenario draus machen, Panik ohne Ende! Super! Willst du dich dahingehend nicht mal betätigen?)
farfarello88
11. Aug 2012 11:23 (UTC)
Du verstehst mich hoffentlich nicht falsch, deine Geschichten sind und bleiben genial!
Danke danke! Und keine Angst, ich weiß schon dass das nicht böse gemeint war. ; )

Willst du dich dahingehend nicht mal betätigen?
Ich würde gerne, aber bisher habe ich mich mit längeren Texten doch recht schwer getan. Ich schaffe es einfach nicht, über längere Zeit die Spannung zu halten. 'Sleepy Confessions' war da bisher so ziemlich der einzige Versuch, etwas Längeres und vor allen Dingen Zusammenhängendes zu schreiben. Derzeit reicht es einfach nur für Ficlets und längere Oneshots, leider. Ich habe immer nur bestimmte Szenen im Kopf (wie beim 'Drama ohne Titel'), das Drumherum fehlt einfach. Dafür sind meine kürzeren Texte aber meist auch intensiver, denn wenn es schon nur eine Szene ist, dann dann nehme ich mir da auch die Zeit und arbeite sie aus. ; )

Und dein Icon... Ich habe beinahe das Gefühl, dass die beiden mich mit 'Hi Farfie!' persönlich ansprechen, so wie die einen ansehen %D
baggeli
11. Aug 2012 12:13 (UTC)
Hehe, klar sprechen die dich an! :D Kleiner Gruß sozusagen. XD

Aber jetzt müßt ihr mir mal helfen. Ich sehe nun schon das zweite Mal den Titel "Drama ohne Namen". Das sagt mir gar nichts?! Hab ich das schon gelesen?? Worum geht es? Wo finde ich es? Helft ihr mir mal? Bin doch neugierig!


Also ich fänd' es cool, wenn sich mal jemand deiner Gedanken annehmen und da was längeres draus machen würde. (Ich traue es mir aber nicht zu, ich würde den Drabbles nicht gerecht werden.)

cricri_72
11. Aug 2012 21:40 (UTC)
Das hier: http://farfarello88.livejournal.com/33937.html

Gar nicht so einfach zu finden, weil Farfie es nicht verlinkt hat und weil es schon aus dem April stammt ;)

Drama indeed ...
baggeli
11. Aug 2012 21:53 (UTC)
Danke cricri! Farfie hatte mir den Link auch schon geschickt.

Ich hab's inzwischen gelesen... meine Herren... wieder typisch Farfie, was? Hammer. Einfach Hammer. Aber ich bin da wie du, es muss einfach gut ausgehen. ;o)


farfarello88
23. Aug 2012 07:11 (UTC)
wieder typisch Farfie, was? Hammer. Einfach Hammer.

;A; *schniff* Danke! :')
farfarello88
23. Aug 2012 07:09 (UTC)
late answer is late...

Also ich fänd' es cool, wenn sich mal jemand deiner Gedanken annehmen und da was längeres draus machen würde. (Ich traue es mir aber nicht zu, ich würde den Drabbles nicht gerecht werden.)
Wenn du eine Idee hast, dann tob' dich ruhig aus! Und mach dir keine Sorgen, dass du den Drabbles 'nicht gerecht' werden könntest, da mache ich mir bei dir überhaupt keine Sorgen. ; ) Seht diese kurzen Texte doch einfach als etwas ausführlichere Prompts. Ich freue mich so oder so, wenn ich jemanden durch eines meiner Drabbles zu einem weiteren Text (oder in deinem Fall auch gerne zu einem passenden Bild) inspirieren kann! :D
veradee
12. Aug 2012 12:41 (UTC)
Doch, doch, ich weiß schon, warum ich gestern von "Drama" gesprochen habe. ;)

Auch wenn jetzt klar ist, dass Boerne durchkommt, wird einem durch die genaue Beschreibung der Verletzungen und Komplikationen doch ein bisschen mulmig. Logisch, dass Thiel da völlig fertig ist. Und als der Ärmste dann noch von drei weiteren Rippen erfährt ... oje. ;) Da kommt die kleine Aufheiterung am Ende sowohl für alle Figuren als auch die Leserin gerade recht.
baggeli
12. Aug 2012 12:48 (UTC)
Huhuuu!
Och, diesmal fand ich es gar nicht so dramatisch. Ich war doch ganz lieb und habe direkt klargemacht, dass alles gut wird. ;o)
Naja, dass die Sache für Boerne kein Zuckerschlecken war, ist natürlich klar... aber der gute Thiel muss halt bei mir immer etwas mitleiden. Es macht einfach Spaß, ihm solche Herausforderungen aufzudrücken. :D

Ich hoffe, es hat dir trotz Drama etwas gefallen. Bis dann!
veradee
12. Aug 2012 13:15 (UTC)
Ich hoffe, es hat dir trotz Drama etwas gefallen.

Keine Sorge, ich bin auch für Drama zu haben. Wenn ich herumjammere, dass einem mulmig wird, spricht das doch nur für Deine Geschichte und nicht dagegen.:)
baggeli
12. Aug 2012 14:44 (UTC)
Ach so, dann ist ja gut. Ich hatte Sorge, es wäre dir viel zu viel gewesen. ;D
Und im Epilog ist kein Drama mehr, versprochen. XD
( 20 Kommentare — Kommentar hinterlassen )

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