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Story: 48 Stunden - Kapitel 11

Titel: 48 Stunden
Genre: Freundschaft, Krimi, Angst
Zusammenfassung: Es hätte ein schönes Wochenende in Hamburg werden sollen. Doch es war der Beginn eines Alptraums.
Wörter: 14350


Er kam wieder zu sich, weil ihn ein unglaublicher Hustenanfall schüttelte - die staubgeschwängerte Luft war so schwer zu atmen, dass er anfing zu keuchen.
Als der Hustenreiz nach einer gefühlten Ewigkeit ganz langsam abklang und das Dröhnen in seinem Schädel minimal nachließ, begann Thiel wieder mehr von seiner Umgebung wahrzunehmen; sein Verstand war jedoch noch ziemlich benebelt. Irgendwann wurde ihm allerdings klar, dass jemand mit ihm redete, doch hatte er bis jetzt keine einzelnen Worte ausmachen können. Aber nun versuchte er, sich zu konzentrieren.

„…jetzt wahrscheinlich wehtun, aber wir müssen hier weg, bevor noch mehr Teile der Decke einstürzen.“ Es war eindeutig Boerne, der da sprach. Thiel nahm vage wahr, dass der Professor sehr angestrengt und atemlos klang, aber er konnte den Gedanken nicht zu Ende führen, denn in diesem Augenblick spürte er, wie ein schweres Gewicht von seinem Arm gehoben wurde, von dem er zuvor gar nicht bemerkt hatte, dass er am Boden festgenagelt gewesen war. Ein brennender Schmerz durchzuckte ihn und er konnte einen Aufschrei nicht verhindern.

Er krümmte sich zusammen, doch noch bevor er wieder einigermaßen zu Atem gekommen war, wurde er unter den Achseln gefasst und wenig rücksichtsvoll über den trümmerübersäten Untergrund geschleift. Der unfassbare Schmerz in seinem Arm, der durch diese plötzliche und unsanfte Aktion ausgelöst wurde, ließ ihn erneut aufbrüllen und schwarze Punkte begannen, vor seinen Augen zu tanzen. Thiel musste sich mit Gewalt zusammenreißen, um nicht nochmals die Besinnung zu verlieren.


Er merkte kaum, wie er nach einigen quälend langen Sekunden endlich wieder abgelegt wurde, war zu beschäftigt damit, mit seiner gesunden Hand das verletzte Körperglied an sich zu pressen, nach Luft zu schnappen und sich nicht vor Schmerzen zu übergeben.

Langsam ebbte das Brennen in seinem Arm ein wenig ab und sein Magen beruhigte sich wieder, dann spürte er, wie zwei kühle Hände sein Gesicht fassten und er mit harschen Worten aufgefordert wurde, die Augen zu öffnen.
Sein Hirn war weiterhin ein wenig träge, aber als er der Stimmlage noch für eine Sekunde nachlauschte, wurde ihm bewusst, dass er einen derart drängenden und besorgten Tonfall von Boerne noch nie gehört hatte.

Zum Glück wurde sein Kopf jetzt mit jedem Atemzug ein wenig klarer, und es fiel ihm nun nicht mehr so schwer, der Bitte nachzukommen und den Professor anzublinzeln. Etwas verschwommen nahm er Boernes bleiches Gesicht wahr; der Professor kauerte neben ihm und hielt seinen Kopf immer noch umfasst.
„Thiel, reißen Sie sich in Gottes Namen endlich zusammen und antworten Sie mir! Hören Sie mich?“
„Ja… ich bin nicht taub.“ Thiels Antwort war leise und heiser, aber sie reichte aus, dass der Professor mit einem gemurmelten „Gott sei Dank!“ behutsam sein Gesicht freigab.

Mit einem Stöhnen wollte Thiel sich aufsetzen, die vielen kleinen Steine, die sich schmerzhaft in seinen Rücken bohrten, machten das Liegen unerträglich. Doch Boerne ließ das nicht zu, presste zwei Hände auf seine Schultern. „Langsam, ich habe keine Ahnung, ob Sie sich noch irgendwo verletzt haben. Haben Sie Schwierigkeiten beim Atmen? Spüren Sie Ihre Beine?“
Thiel war mit einem leisen Ächzen wieder zurückgesunken, während Boerne begann, zügig aber sorgsam seine Rippen abzutasten. Mit einer kraftlosen Bewegung schlug er die Hände des Professors weg; er wusste im Augenblick nicht genau, was passiert war, aber er wusste, dass Boerne sich zu viele Sorgen machte.
„Alles gut. Mir brummt der Schädel, und der Arm brennt wie bescheuert. Aber sonst ist glaub‘ ich nichts passiert.“

Er versuchte wiederum, sich aufzurichten und nun hatte Boerne ein Einsehen mit ihm und half ihm vorsichtig in eine sitzende Position.
Thiel konnte ein gequältes Keuchen nicht verhindern. Er hatte sich definitiv ungezählte Prellungen zugezogen und er merkte, wie Blut an seiner Schläfe entlanglief, aber er war sich ziemlich sicher, dass die Verletzung am Arm die Schlimmste war, die er davongetragen hatte.


Boerne hatte derweil wieder sein Gesicht umfasst und drehte ihn nun etwas ins Licht, fixierte seine Augen. „Ist Ihnen schwindelig oder übel?“
Thiel schüttelte ein wenig den Kopf, löste sich bewusst aus Boernes Griff. „Nein.“
Er fuhr sich mit einer zittrigen Hand durch die Haare und versuchte sich darüber klarzuwerden, wie er hierhergekommen und was eigentlich passiert war, während Boerne vor ihm auf den Fersen hockte und ihn angespannt beobachtete.


Thiels Blick, den er unruhig durch den staubigen Flur hatte schweifen lassen, blieb an der zackigen Öffnung in der Decke hängen. Mit einem Mal erinnerte er sich an das schreckliche Gefühl des Falles; dem Bild, das sich ihm bot nach zu urteilen, hatte der Boden auf fünf oder sechs Metern Länge unter ihm nachgegeben. Unmengen kleiner und auch großer Betonbrocken lagen auf dieser Ebene verteilt, waren mit ihm zusammen hinuntergekracht; ihm wurde klar, was für ein wahnsinniges Glück er gehabt hatte, mit einigermaßen heiler Haut davongekommen zu sein.
In diesem Moment kam noch eine Erinnerung zurück; die Erinnerung, warum er durch diesen Flur gehetzt war.

Die Verzweiflung, die ihn in der gleichen Sekunde wie eine Welle überrollte, nahm ihm fast den Atem.

„Ich hab‘ ihn entwischen lassen.“ Sein fassungsloses Flüstern hallte tonlos in dem totenstillen Gebäude wider.
Er hatte den Mann entkommen lassen, der Nadeshda in seiner Gewalt hatte; gut möglich, dass er damit die letzte Chance verspielt hatte, sie lebend zu finden. Er schlug die gesunde Hand vor sein Gesicht, merkte erst nach einem Moment, dass Boerne seine Schulter drückte und mit ihm sprach. „Thiel, jeder Polizist der zwei gesunde Beine hat, ist schon hinter ihm her. Können Sie versuchen, aufzustehen? Wir sollten keine Sekunde länger als nötig hierbleiben, dies Gebäude ist lebensgefährlich.“


Er nickte erschöpft und ließ sich widerstandslos von seinem Kollegen auf die Füße ziehen. Ein Stöhnen entfuhr ihm, als die Bewegung seinen verletzten Arm erschütterte und unwillkürlich krümmte er sich zusammen.
Boerne stützte ihn, bis der Schmerz soweit nachließ, dass er sich wieder aufrichten konnte, legte dann einen Arm um seine Taille und steuerte ihn langsam den Flur hinunter und durch das Treppenhaus nach unten ins Erdgeschoß.

Thiels Beine zitterten, jetzt, wo der Adrenalinspiegel langsam sank, fiel ihm das Gehen zunehmend schwer. Er versuchte, sich nichts anmerken zu lassen, war sich jedoch sicher, dass Boerne das nicht entgangen war; bei jedem leicht unsicheren Schritt, den er machte, legte sich sein Arm etwas fester um ihn.

Sie waren kaum in den breiten Gang getreten, der zurück in Richtung der großen Werkshalle führte, als ihnen ein halbes Dutzend Polizeibeamte, mit Thiels Kollegen Hoffmann an der Spitze, sowie zwei Sanitäter entgegengestürmt kamen.
Erst jetzt wurde ihm wirklich bewusst, was Boerne kurz zuvor gesagt hatte; er hatte nicht nur einen Krankenwagen gerufen, sondern auch seine Kollegen zusammengetrommelt. Je mehr Beamte sich des Falles annahmen, desto besser standen die Chancen, dass sie den Flüchtigen aufgreifen würden, jede Minute zählte - und das war dem Professor ebenso klargewesen wie ihm.
Dankbar für diese Umsicht drückte er kurz Boernes Arm.


Hoffman, dem der Schrecken ins Gesicht geschrieben stand, hielt kurz bei Thiel an. „Wir sind mit allen verfügbaren Kräften in der Umgebung und suchen den Mistkerl. Alles ok mit Ihnen?“ Thiel nickte nur stumm und ließ sich dann von Boerne zu den Sanitätern dirigieren, die ihn gleich Empfang nahmen und ihn nach einem kurzen Gespräch nach draußen an die frische Luft brachten.


Innerhalb von zwei Minuten fand er sich auf einer Trage im Rettungswagen wieder, und schneller als er bis drei zählen konnte, hatte einer der Sanitäter seinen Jackenärmel hochgestreift und maß seinen Blutdruck, während der inzwischen eingetroffene Notarzt ihm leise Anweisungen erteilte und dabei mit einer Lampe in seine Augen leuchtete.
Thiel wehrte sich nicht dagegen, sein Kopf sank ermattet auf die Trage. Erschöpfung, Schmerzen und vor allem das bittere Gefühl, versagt zu haben, ließ in ihm eine Verzweiflung wachsen, wie er sie noch nie verspürt hatte. Ergeben ließ er all die ärztlichen Aktivitäten über sich ergehen.


Offenbar zufrieden mit den ersten Ergebnissen begannen die Sanitäter, seinen verletzten Arm mit einer luftgefüllten Schiene zu umpolstern, sodass er den Transport zum Krankenhaus möglichst schmerzfrei überstehen konnte.

Thiel presste während dieser Prozedur Augenlider und Lippen zusammen und konnte ein erleichtertes Aufseufzen nicht unterdrücken, als sie endlich von ihm abließen.
Als er die Augen wieder öffnete, sah er, dass Boerne inzwischen zu ihnen gestoßen war. Der Professor stand erschlafft an eine der offenen Hecktüren des Krankenwagens gelehnt und sprach leise mit dem Notarzt. Als er bemerkte, dass Thiel nun auf der Trage angeschnallt wurde und ein Sanitäter nach vorn ins Führerhaus stieg, wandte er sich ihm zu. „Man bringt Sie in die Uniklinik zum Röntgen. Ich fahre nicht mit Ihnen sondern komme mit dem Wagen nach, den brauchen wir heute bestimmt noch.“

Es war eigentlich so ein kurzer Satz, doch hatte Boerne ihm damit unmissverständlich zu verstehen gegeben, dass er noch nicht aufgegeben hatte und ihm weiter zur Seite stehen würde. Wahrscheinlich war ihm gar nicht bewußt, wie viel Mut er Thiel mit diesen wenigen Worten gemacht hatte.

Thiel antwortete nicht, nickte nur dankbar. Und er sah, dass Boerne ihn verstand.



Zur gleichen Zeit stoppte ein irritierter Radfahrer seine schnelle Fahrt, als er das Heck eines dunkelblauen Autos entdeckte, das nur wenige Zentimeter aus dem Wasser des Dortmund-Ems-Kanals ragte. Erschreckt trat er näher ans Ufer und der Schreck wich Fassungslosigkeit, als er die ausgebreiteten Arme einer hellen Sweatjacke erkannte, die sich vielleicht einen Meter unter der Wasseroberfläche in der schwachen Strömung bewegten.

Comments

( 6 Kommentare — Kommentar hinterlassen )
cricri_72
18. Feb 2013 05:55 (UTC)
Also mir ist ist der Schlußsatz spannend genug ...

Und ich bin froh, daß Thiel nichts schlimmeres passiert ist!

baggeli
18. Feb 2013 07:16 (UTC)
Also mir ist ist der Schlußsatz spannend genug ...
Den habe ich auch erst nachträglich eingefügt sozususagen.


Und ich bin froh, daß Thiel nichts schlimmeres passiert ist!

Noch kann ich ihn ja nicht völlig zerlegen, Boerne kann ja nicht plötzlich allein weitermachen
jolli87
18. Feb 2013 08:06 (UTC)
ARGH! Was hast du nur mit der armen Nadeshda vor??? Also was fiese Cliffhanger angeht, hast dus wirklich drauf *Nägel kau*

Es ist wirklich schön zu sehen, wie sich Boerne um den verletzten Thiel kümmert. Und dass Thiel weniger die Verletzungen als die die Verzweiflung versagt zu haben zu schaffen macht, ist sehr gut nachvollziehbar. Ich warte gespannt :D
baggeli
18. Feb 2013 08:13 (UTC)
ARGH! Was hast du nur mit der armen Nadeshda vor???
Ehrlich gesagt, nichts Gutes.

Also was fiese Cliffhanger angeht, hast dus wirklich drauf
Das sagt die Richtige! =)

Es ist wirklich schön zu sehen, wie sich Boerne um den verletzten Thiel kümmert
Nun, er ist ja nicht gerade zärtlich mit ihm umgegangen, aber die Umstände ließen halt in dem Augenblick nichts anderes zu.
Und natürlich lässt er ihn nicht im Stich; das würde er in einem solchen Fall doch niemals tun.

Und dass Thiel weniger die Verletzungen als die die Verzweiflung versagt zu haben zu schaffen macht, ist sehr gut nachvollziehbar
Ich selber finde das auch nicht unglaubwürdig, aber naja - jeder hat ja so seine eigene Ansicht, was die Personen angeht.

anja79
18. Feb 2013 11:16 (UTC)
Gefällt mir gut. Es bleibt spannend. Die Geschichte ist sehr gut geschrieben, ich leide richtig mit. Ich bin auf die Fortsetzung gespannt.
baggeli
18. Feb 2013 11:32 (UTC)
Hallo Anja, wie schön, dass du auch noch am Start bist!
Danke für deine Meldung, das zeigt mir, dass ich die Geschichte nicht nur für mich ganz alleine schreibe. :D
( 6 Kommentare — Kommentar hinterlassen )

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