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Story: 48 Stunden - Kapitel 13

Titel: 48 Stunden
Genre: Freundschaft, Krimi, Angst
Zusammenfassung: Es hätte ein schönes Wochenende in Hamburg werden sollen. Doch es war der Beginn eines Alptraums.
A.N.: Das habe ich jetzt so zwischen Tür und Angel zusammengeschustert. Ich werde es heute Abend nach dem Sport nochmals mit Verstand anschauen
Wörter: 17350


Thiel ließ sich widerstandslos zu dem Streifenwagen dirigieren, der dicht neben ihnen stand. Als er mit dem Rücken daran stieß, rutschte er daran herab, bis er auf dem Boden saß; seine Beine trugen ihn nicht mehr.
Boerne kniete neben ihm und sprach mit ihm, doch er verstand kein Wort; es rauschte zu laut in seinen Ohren. Seltsam distanziert registrierte er, wie grau und erschöpft Boernes Gesicht aussah, als er seine Schultern drückte und dann aufstand.
Erschlafft beobachtete er, dass sein Kollege zu dem Feuerwehrwagen schritt, neben dem der zugedeckte Körper lag; schloss die Augen und ließ den Kopf gegen den Wagen sinken, als Boerne ein weiteres Mal in die Hocke ging und die Decke zurückschlug.

Er konnte nicht sagen, wie lange er dort so gesessen hatte, als er an der Schulter gerüttelt wurde. Die Berührung war nicht gerade vorsichtig, sondern recht grob; sie schreckte ihn förmlich aus dem Stupor auf, in den er versunken war.
Er blickte auf in Boernes Gesicht – und blinzelte einen Moment, weil er meinte, nicht richtig zu sehen. Denn das war ein müdes Lächeln in Boernes Gesicht, daran bestand kein Zweifel.
„Was?“ Er war so heiser, dass er seine eigene Stimme kaum hören konnte.
„Es ist ein Mann. Man weiß nicht, wer er ist, bislang ist seine Identität ungeklärt. Aber es ist nicht Nadeshda.“

Es dauerte einen Moment, bis Thiel wirklich klarwurde, was Boerne da gerade gesagt hatte und mit einem leisen Aufseufzen ließ er den Kopf zurück gegen den Streifenwagen fallen; diese emotionale Achterbahnfahrt der letzten Stunden raubte ihm die letzten Kräfte. Trotz Boernes Aussage konnte er sich im Moment nicht freuen; die Angst saß ihm noch zu sehr in den Knochen und das würde sich nicht ändern, solange Nadeshdas Schicksal ungeklärt war. Aber ein wenig Erleichterung verspürte er doch.



In diesem Augenblick trat ein Kollege von seinem Team zu ihnen. „Hallo Chef. Tut mir leid, dass ich nicht mitbekommen habe, als Sie angekommen sind, dann hätten Sie sich den Schrecken erspart.“ Hönninger wirkte, als fühle er sich unbehaglich. „Ich habe mehrfach versucht, Sie anzurufen, nachdem wir ihn aus dem Wasser geholt hatten. Kann es sein, dass Ihr Handy nicht geht?“

Thiel akzeptierte die Hand, die Boerne ihm reichte und ließ sich mit einem leisen Ächzen auf die Füße ziehen. Dann wühlte er in der Tasche seiner Jeans, in die er sein Mobiltelefon gesteckt hatte, nachdem er die Kleidung gewechselt hatte. Ein Blick auf das Display zeigte ihm einen tiefen Sprung, den er zuvor nicht bemerkt hatte. Egal, welche Tasten er betätigte, das Gerät blieb leblos; offenbar hatte  es den Absturz nicht so glimpflich überstanden wie er selber. „Mist, das ist hinüber“, kommentierte er entnervt.
Noch wesentlich erboster klang allerdings Boerne, als er sich vor Hönninger aufbaute. „Grundgütiger, warum haben Sie denn nicht nochmals bei mir angerufen? Das haben Sie doch vorhin auch geschafft, als sie dachten, Thiel sei noch im Krankenhaus.“
„Ich dachte… ich war sicher, ich würde Sie schon erwischen, wenn Sie hier auftauchen.“ Hönninger war zweifellos zerknirscht. Das schien Boerne allerdings nicht zu besänftigen, er wirkte ziemlich erzürnt. Doch Thiel legte eine Hand auf seinen Arm; das war jetzt alles nicht wichtig. „Vergessen Sie’s.“


Für einen Moment starrte Boerne ihn mit gerunzelter Stirn an; dann aber glätteten sich die steilen Falten zwischen seinen Augen und er sank ein Stückchen in sich zusammen. „Ich muss mir den Mann genauer ansehen. Ich brauche meinen Koffer, der steht hinten im Wagen…“
Hönninger, der die unausgesprochene Aufforderung verstand, nickte fast hektisch und schwenkte sofort ab Richtung Cabrio.


Thiel drücke noch einmal Boernes Arm und steuerte dann auf den Leichnam zu. Aus dem Augenwinkel sah er, dass sein Kollege ihm folgte.
„Auf den ersten Blick wirkt er südländisch. Vielleicht ein Italiener oder Spanier. Er wurde nicht erschossen, weist stattdessen eine schwere Kopfverletzung auf, die wohl von einem Schlag herrührt.“ Er schob sich mit einem Finger die Brille hoch, als er hinzufügte: „Ob er daran gestorben oder ertrunken ist, kann ich erst nach der Obduktion sagen.“
Thiel war derweil in die Knie gegangen und schlug die Decke zurück; als sein Blick auf den für einen Mann ungewöhnlich zierlichen Toten fiel, entfuhr ihm unwillkürlich ein leises „Kacke.“ Er konnte das Entsetzen nicht aus seiner Stimme heraushalten; doch eigentlich hätte er es wissen müssen in dem Augenblick, in dem Boerne über die südländische Herkunft spekuliert hatte.

„Was?“ Boerne war neben ihm in die Hocke gegangen und schaute ihn besorgt an.
„Ich kenne ihn.“ Thiel fuhr sich frustriert durch die Haare. „Ihm gehört eine Eisdiele in der Stadt. Vor ein paar Monaten hat er den drei Studentinnen geholfen, als der Verdächtige sie blöd angemacht hat. Nadeshda und ich waren Samstag noch bei ihm, um ihn zu befragen.“

Boernes Gesichtsausdruck wurde ganz ungläubig. „Großer Gott, was macht dieser Wahnsinnige? Will der mit allen abrechnen, die ihm je in seinem Leben dumm gekommen sind? Dann werden wir noch mehr Leichen finden.“ Er klang regelrecht fassungslos.
Thiel schluckte nur und ersparte sich eine Antwort darauf, denn in diesem Moment kam Hönninger mit Boernes Instrumentenkoffer.


Während Boerne Handschuhe anzog, nahm Thiel seinen Kollegen beiseite und informierte ihn über die Identität des Mordofpers.
Daraufhin ließ er sich von Hönninger auf den neuesten Stand bringen, was die Suche nach Nadeshda anging. Die Taucher wollten ihre Arbeit in den nächsten Minuten beenden; der Kanal hatte kaum Strömung, sie hätte in unmittelbarer Nähe des Autos gefunden werden müssen, wenn sie im Wagen gewesen wäre, doch davon ging niemand mehr aus.
Dann besprachen sie die Suchaktionen in ganz Münster. Thiel musste zugeben, dass seine Kollegen und die Staatsanwältin hervorragende Arbeit geleistet hatte, der Plan war effektiv und trotz der schnellen Umsetzung mit Verstand durchdacht; die Hundertschaft arbeitete sich Schritt für Schritt voran, Kontrollen und Umkreissuche um die alte Fabrik herum waren in vollem Gang – doch bislang hatte all die Arbeit nichts genützt, von Nadeshda fehlte weiter jede Spur. Und das Gewicht auf Thiels Schultern schien mit jeder verstreichenden Minute etwas schwerer zu werden.


Als Hönninger sich von ihm verabschiedete, um in die Stadt zu der Ehefrau des Toten zu fahren, wandte Thiel sich wieder Boerne zu. Der schien gerade mit seiner Arbeit fertig zu sein, er räumte mit langsamen Bewegungen seinen Koffer ein und blickte auf, als Thiel sich ihm näherte. „Es schwer zu sagen, wann er gestorben ist; die Leichenstarre hat sich gelöst, im Augenblick würde ich sagen, dass er gestern Abend erschlagen wurde und nun hier mit dem Wagen zusammen im Wasser abgeladen wurde; aber genauer geht es erst nach der Autopsie.“
Thiel nickte wortlos und ließ nochmals seinen Blick über den Toten schweifen, während Boerne neben ihm mühsam wieder auf die Beine kam. „Ich habe die Leiche freigegeben, sie wird ins Institut gebracht.“


Sein Kopf fuhr genau wie Thiels herum, als in diesem Augenblick vom Ufer des Kanals eine laute Stimme ertönte. „Hauptkommissar Thiel? Wir haben hier etwas gefunden!“
Einer der Taucher hielt eine kleine Tüte in der Hand. Thiel eilte zu ihm und wusste gleich, was das war. „Der MP3-Player, den Nadeshda sichergestellt hat. Er hat ihn hier ins Wasser geworfen.“ Hoffnungsvoll blickte er auf.
Mit einem schnellen Griff hatte Boerne, der ihm gefolgt war, die Tüte an sich genommen und hielt sie gegen das Licht. „Es ist ziemlich viel Wasser im Beweisbeutel aber vielleicht haben wir Glück und es ist trotzdem noch Cerumen in den Kopfhörern zu finden.“ Er drückte Thiel die nasse Tasche in die Hand. „Achten Sie darauf, dass nichts herausläuft, sonst schwimmt uns vielleicht wertvolle DNA weg.“ Dann fasste er Thiel am Arm und zog ihn mit zum Wagen.

Thiel versuchte recht erfolglos, sich loszumachen und ihm den Beweisbeutel zurückzureichen. „Boerne, was soll das? Ich kann nicht mitfahren, ich muss mich um die Suche nach Nadeshda kümmern.“
Boerne verdrehte nur die Augen und führte ihn unnachgiebig weiter. „Hören Sie auf mit dem Unsinn, Thiel. Schauen Sie sich doch mal an.“ Er öffnete die Beifahrertür und machte nur eine kleine Kopfbewegung, die Thiel bedeutete, endlich einzusteigen. „Sie sind blass, Sie fassen sich alle paar Sekunden an den Kopf – es ist eindeutig, dass Ihnen fast der Schädel platzt. Ganz zu schweigen davon, dass Ihr Arm und alle anderen Blessuren Ihnen mächtig zu schaffen machen, Sie können doch kaum noch gehen.“
Als Thiel sich nicht rührte, wies er nochmals mit Nachdruck auf den Beifahrersitz. „Sie kommen jetzt mit ins Institut, machen eine Pause und nehmen ein Schmerzmittel. Wenn das gewirkt hat, können Sie von mir aus die Koordination der Truppen übernehmen – vom Schreibtisch aus.“

Er sprach so ernst und ruhig wie Thiel ihn selten gehört hatte. Und ob er wollte oder nicht, er musste zugeben, dass Boerne Recht hatte; er fühlte sich erbärmlich. Die Kopfschmerzen, mit denen er seine Wohnung verlassen hatte, hatten sich inzwischen potenziert und jeder Schritt fiel ihm schwer. Aber in ihm sträubte sich alles gegen den Gedanken, dass er ausruhen sollte, während Nadeshda in Lebensgefahr schwebte und Todesangst ausstehen musste.

Er öffnete schon den Mund, um zu protestieren, doch Boerne ließ ihm keine Chance. „Thiel, erzählen Sie mir jetzt bloß nicht, dass es Ihnen gutgeht. Tun Sie, was ich Ihnen sage oder ich schwöre bei Gott, ich sorge dafür, dass Frau Klemm Sie aus dem Verkehr zieht.“
Da war etwas in Boernes Stimme, dass keinen Zweifel daran ließ, dass er es todernst meinte. Er fixierte Thiel mit einem unnachgiebigen Blick und verschränkte die Arme vor der Brust.
Gegen seinen Willen stieg Thiel schließlich ins Auto ein und konnte eine schmerzerfüllte Grimasse nicht unterdrücken, als Boerne die Tür zuschlug - was dem Professor natürlich nicht entging.

Boerne seufzte leise, als er sich auf den Fahrersitz sinken ließ und ihm wiederum beim Anschnallen half. „Wenn Sie etwas genommen haben, wird es Ihnen bald besser gehen. Danach werde ich Sie nicht mehr aufhalten.“

Thiel nickte nur stumm und ließ den Kopf an die kühle Seitenscheibe sinken, als Boerne den Wagen startete und sie zurück nach Münster fuhr. Seine Gedanken kreisten unaufhörlich um Nadeshda und um diesen Wahnsinnigen, der sie in ihrer Gewalt hatte und er fragte sich voller Angst, was die nächsten Stunden für ihn bereithalten würden.


Zum Glück wusste er nicht, was ihn erwartete.


Comments

( 8 Kommentare — Kommentar hinterlassen )
joslj
20. Feb 2013 16:55 (UTC)
Arrrgh, du machst nicht nur Thiel wahnsinnig ! Das ist ja so gemein, dass nach jeder kleinen Erleichterung wieder ein neuer Schlag kommt. Bin ich froh, dass du so regelmäßig postest, sonst wäre es nicht auszuhalten.
baggeli
20. Feb 2013 17:48 (UTC)
Neuer Schlag? Also diesmal habe ich doch nun wirklich gar nichts gemacht, das war doch ein Kapitel zum Ausruhen! Und das nächste wird auch mal etwas gemächlicher zugehen, ich kann sie ja nicht nur von Pontius nach Pilatus jagen.

Ich versuche, heute Abend noch was zu schaffen uns sonst gelingt es mir vielleicht morgen, wenn ich bei der Großen im Schwimmbad sitze. Zumindest ist das der Plan, aber mit kleinen Kindern weiß man ja nie, was kommt.
jolli87
20. Feb 2013 17:29 (UTC)
Zum Glück ist es nicht Nadeshda! Wobei mir der arme Italiener natürlich auch leid tut. Was hat denn der jetzt wieder mit alldem zu tun? Du hast dir offenbar war ganz durchtriebenes ausgedacht ;-)
Ich dachte zuerst es wäre die andere Studentin die da im Wagen gewesen wäre. Weil eigentlich hätte Thiel doch mit seiner langjährigen Erfahrung sehen müssen, dass das eine Männerhand und nicht Nadeshdas zierliches Händchen sein kann.
Jetzt bin ich aber echt gespannt, was den armen Thiel noch erwartet. Dein letzter Satz klingt wirklich unheilverkündend^^
baggeli
20. Feb 2013 17:52 (UTC)
Was hat denn der jetzt wieder mit alldem zu tun?
Vielleicht war er einfach nur zur falschen Zeit am falschen Ort und hat den falschen Leuten helfen wollen.

Weil eigentlich hätte Thiel doch mit seiner langjährigen Erfahrung sehen müssen, dass das eine Männerhand und nicht Nadeshdas zierliches Händchen sein kann
So nah ist er doch gar nicht rangekommen, ihm hats vorher schon die Füße weggehauen. Außerdem sind Italiener eher klein und zierlich.

Ich dachte zuerst es wäre die andere Studentin die da im Wagen gewesen wäre
Nein, die steht unter Schutz. Ich hab' ja noch genug andere, die ich umbringen kann.

Dein letzter Satz klingt wirklich unheilverkündend^^
An sich hatte ich mir Mühe gegeben, dass so ziemlich jeder letzte Satz irgendwie unheilverkündend wirkt.
Aber dies ist nochmals eine Anspielung auf den Prolog, klar, also speziell auf Thiel.
anja79
20. Feb 2013 17:50 (UTC)
Wow. Was für eine emotionale Achterbahnfahrt. Bin gespannt auf die Fortsetzung. Leise Hoffnungen habe ich ja noch. :)
baggeli
20. Feb 2013 17:54 (UTC)
Ha, mach dir bei mir nie zuviel Hoffnungen... wer schon einen Boerne erstochen hat, schreckt vor Nadeshda ganz bestimmt nicht zurück... *evil-grin*
cricri_72
20. Feb 2013 20:05 (UTC)
Oh Mann, der Ärmste. Aber was für ein Glück, daß es wenigstens nicht Nadeshda ist.

Boerne ist hier ohne Worte ♥ ... und ich komme nicht hinterher mit kommentieren ...
baggeli
20. Feb 2013 20:30 (UTC)
Aber was für ein Glück, daß es wenigstens nicht Nadeshda ist.
Die Hoffnung stirbt bei euch allen zuletzt, was? =)

Boerne ist hier ohne Worte ♥ ...
Schön, dass du ihn magst. Er ist ja recht pflegeleicht gerade... vielleicht sehr ooc, weiß nicht. Doch bei mir helfen sie sich, wenn sie in ein solches Drama verwickelt sind. Da ist kein Platz für kindliche Querelen.
( 8 Kommentare — Kommentar hinterlassen )

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