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Story: 48 Stunden - Kapitel 16

Titel: 48 Stunden
Genre: Freundschaft, Krimi, Angst, etwas h/c
Zusammenfassung: Es hätte ein schönes Wochenende in Hamburg werden sollen. Doch es war der Beginn eines Alptraums.
A.N.: Kurz. Ich komme im Augenblick nicht zu mehr. Fehler werden heute abend korrigiert, wenn die Kinder im Bett sind.
Wörter: 21850


Nadeshdas Körper wurde von ihrem verzweifelten Schluchzen förmlich geschüttelt. Heiße Tränen stürzten über ihr bleiches Gesicht, verzweifelt und nahezu still, jedes lautere Geräusch wurde von dem stramm geknoteten Knebel in ihrem Mund erstickt. Die Panik war übermächtig, spiegelte sich in ihren weit aufgerissenen, ausdrucksvollen Augen.
In Todesangst wand sie sich rückwärts über den Boden, versuchte wegzukommen, kämpfte aufzustehen, doch ihre stramm gefesselten Gliedmaßen ließen ihr keine Chance. Entsetzt starrte sie dabei auf den Mann, der sich ihr langsam näherte.
Irgendwann in ihren fieberhaften Bemühungen vor ihm zurückzuweichen, stieß sie an eine Wand und kam nicht mehr weiter, konnte nicht vor und nicht zurück; doch all ihre Anstrengungen waren von Anfang an aussichtslos gewesen.
Als er vor ihr zum Stehen kam, änderte sich der Ausdruck in ihren Augen - er wurde flehentlich; wandelte sich in Hoffnungslosigkeit, als der Entführer ihren Kopf an den Haaren brutal nach vorn zerrte und seine Waffe auf ihren Hinterkopf aufsetzte.
Sie hatte mit dem Leben abgeschlossen, als ihre Augen sich schlossen und ihr Widerstand erlahmte.

Eine Sekunde später fiel der Schuss.



Mit einem Aufschrei fuhr Thiel hoch und schnappte nach Luft, noch komplett gefangen in dem Horror, der sich gerade vor seinen Augen abgespielt hatte. Erst Wotans anhaltendes Gebell und Boerne, den er mit seinem Gebrüll zweifellos zu Tode erschreckt hatte und der nun leichenblass vor ihm kauerte und ihn an den Schultern rüttelte, ließen ihn realisieren, dass es nur ein Alptraum gewesen war.

„Großer Gott.“ Heftig zitternd kippte er nach vorn und verbarg das Gesicht in den Händen, musste darum kämpfen, sich wieder in die Gewalt zu bekommen und die massive Übelkeit unter Kontrolle zu halten, die in ihm aufstieg.
Er fühlte kaum, dass der Professor eine Hand in seinen Nacken gelegt und ihn unbeholfen an sich gezogen hatte, bemerkte nicht, dass die Rechtsmedizinern schockiert in den Raum rannte - er brauchte bestimmt eine Minute, bis er sich soweit beruhigt hatte, dass er sich aus Boernes Griff lösen und das Glas Wasser akzeptieren konnte, das Frau Haller ihm reichte. Kraftlos sackte er zurück in die Polster, in seinem Kopf drehte sich noch alles.


Der offensichtlich aus dem Tiefschlaf gerissene Boerne ließ sich mit einem Seufzen gegen das Sofa fallen und presste für ein paar Sekunden beide Handballen auf seine Augen, bevor er in einer unsicheren Bewegung seine Brille vom Tisch nahm und sie mit bebenden Fingern aufsetzte; Frau Haller war es indessen gelungen, Wotan zu beruhigen, nun nahm sie das Glas zurück. „Geht’s wieder?“

Thiel nickte auf ihre leise Frage hin nur stumm, hatte aber nicht die Kraft, aufzuschauen. Er hätte sich am liebsten im Erdboden verkrochen, so unangenehm war es ihm, dass seine Kollegen ihn derart verstört erlebt hatten. Mit einem unterdrückten Stöhnen ließ er den Kopf auf die Rückenlehne sinken und schloss die Augen.
Zu seiner Erleichterung verloren Boerne und Frau Haller allerdings kein einziges Wort über diesen Vorfall. Stattdessen streckte die kleine Frau ihre Hand aus. „Kommen Sie, ich glaube, Sie können einen Kaffee vertragen.“

An Schlaf war definitiv nicht mehr zu denken; nach einem tiefen Atemzug akzeptierte er ihre Hand und kam mühsam auf die Beine, fühlte dabei wieder jeden einzelnen blauen Flecken.
Boerne war wohl ebenfalls zu aufgewühlt, um sich noch wieder hinzulegen. Er brauchte einen Moment, um sich vom Boden aufzurappeln, der schmerzvolle Ausdruck, der über sein Gesicht huschte, als er sich straffte, entging Thiel nicht.


In der kleinen Küche duftete es nach frischem Kaffee, Frau Haller hatte offenbar wenige Minuten zuvor eine Kanne durchlaufen lassen. Völlig ausgelaugt nahm Thiel auf einem der Küchenstühle Platz, während Boerne sich ihm gegenüber setzte und mit einem dankbaren Nicken nach dem Kaffee griff, den seine Assistentin ihm einschenkte. Thiel selber fand sich wenige Sekunden später ebenfalls versorgt, bevor sie sich selber auch eine Tasse eingoss.
Für einen Moment saßen sie schweigend, dann ergriff Frau Haller das Wort. „Der DNA-Test sollte in ein paar Minuten fertig sein.“

Thiels Magen krampfte sich bei diesen Worten vor Angst und Aufregung zusammen, er musste sich zwingen, zuzuhören, weil sie schon weitersprach. „Außerdem habe ich mir den ermordeten Italiener vorgenommen. Er war zweifellos in einen Kampf verwickelt bevor er erschlagen wurde, sein Torso ist bunt und blau. Und er hatte Blutflecke auf der Kleidung, die der Blutgruppe nach nicht zu ihm gehören. Auch damit habe ich einen DNA-Test gestartet, aber der braucht noch bis heute Mittag.“

Boerne hatte eine Augenbraue hochgezogen und warf ihr über den Rand der Brille einen langen Blick zu. „Sie haben die Autopsie allein durchgeführt? Ihnen ist doch klar, dass Ihnen das nicht erlaubt ist?“
„Wieso allein?“ gab Frau Haller ungerührt zurück. „Sie waren doch im Institut anwesend. Zumindest körperlich.“ Ihre Augen funkelten amüsiert, als Boerne über diese Spitzfindigkeit nur ergeben den Kopf schüttelte und noch einen Schluck Kaffee trank.

Thiel versuchte indessen den Sinn darin zu  erkennen, was Frau Haller gerade gesagt hatte. „Ein Kampf? Das passt doch alles nicht dazu, wie er vorher vorgegangen ist…“
„Die beiden getöteten Studentinnen weisen keinerlei Abwehrspuren auf. Wie auch immer er sie in seine Gewalt gebracht hat, er hat ihnen in dem Augenblick keine Verletzungen zugefügt.“ Boerne verschränkte mit einem nachdenklichen Gesichtsausdruck die Arme. „Ich habe noch keine toxikologischen Ergebnisse, aber ich vermute, dass er die Frauen überrascht und in irgendeiner Form betäubt hat, mit welcher Substanz auch immer. Gut möglich, dass er das in diesem Fall wieder versucht hat – nur dass es augenscheinlich nicht geklappt hat. Stattdessen hat sich ein Handgemenge entwickelt, in dessen Verlauf er den Besitzer der Eisdiele erschlagen hat.“
Thiel rieb sich müde das Gesicht. „Warum hat er ihn nicht wie die anderen Opfer in den Wald gebracht? Warum hat er ihn mit Nadeshdas Auto im Kanal versenkt?“
Boerne zuckte mit den Schultern. „Keiner kann genau sagen, was in seinem kranken Gehirn vor sich geht, wir können nur spekulieren. Vielleicht ist das in diesem Fall auch alles ganz anders gelaufen; das werden wir höchstens dann erfahren, wenn wir ihn zu fassen bekommen.“

Thiel wollte gerade etwas erwidern, als aus dem Flur ein leises Piepsen an ihre Ohren drang. Er konnte das Geräusch nicht einordnen, die Reaktionen seiner Kollegen dagegen waren eindeutig. In einer flüssigen Bewegung schoss Boerne von seinem Stuhl hoch und war innerhalb von Sekunden durch die Tür. Frau Haller stellte ihre Tasse so achtlos auf den Tisch, dass fast der gesamte Inhalt herausschwappte. Ihr über die Schulter gerufenes „Kommen Sie!“ hätte Thiel nicht benötigt, es war ihm auch so klar, dass der DNA-Test abgeschlossen sein musste.

Panik schnürte ihm fast die Luft ab, als er hinter seinen Kollegen in das Labor eilte. Wenn sie jetzt kein Ergebnis erzielten, blieb ihnen nur die Hoffnung, dass die Suchtrupps Nadeshda finden würden, bevor es zu spät war. Doch die Chance war gering.
Zu gering.


Boerne stand schon mit beiden Händen auf den Schreibtisch aufgestützt über den Monitor gebeugt und studierte hektisch die verschiedenen Skalen und Pfeile, die darauf leuchteten. Für Thiel hatten diese Grafiken noch nie einen Sinn ergeben, deshalb ersparte er es sich, ihnen überhaupt einen Blick zu schenken, sondern konzentrierte sich stattdessen auf Boernes Gesicht.
Doch schon nach einer Sekunde wusste er Bescheid. Boerne musste nichts sagen, es reichte, dass er kurz den Kopf hängen ließ.


In diesem Augenblick kam es Thiel so vor, als hätte jemand Nadeshdas Todesurteil gesprochen.



Comments

baggeli
26. Feb 2013 08:59 (UTC)
Kurzes Hallo von unterwegs und vielen Dank für die Meldung! Ich werde versuchen, in den nächsten Tagen weiterzukommen :-D

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