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Story: 48 Stunden - Kapitel 17

Titel: 48 Stunden
Genre: Freundschaft, Krimi, Angst, etwas h/c
Zusammenfassung: Es hätte ein schönes Wochenende in Hamburg werden sollen. Doch es war der Beginn eines Alptraums.
A.N.: Morgen muss ich noch mal drüberschauen, habe es nicht noch einmal Korrektur gelesen. Sorry.
Wörter: 23500


Verzweifelt fuhr Thiel sich mit der gesunden Hand durch die Haare, dann drehte er sich zur Tür. „Ich muss zu den Suchtrupps. Können Sie mich fahren, Boerne? Vaddern hat im Moment Nachtschicht, der pennt jetzt bestimmt...“
Boerne blickte ihn nicht an, als er mit einer entschlossenen Bewegung den Schreibtischstuhl hervorzog und sich hineinfallen ließ. „Thiel, jetzt warten Sie noch einen Moment.“

Aber warten war das letzte, was Thiel wollte… er hatte eine ganze Nacht vertrödelt, hatte geschlafen statt zu handeln und auch wenn ein rationaler Teil seines Verstandes ihm sagte, dass er diese Ruhe dringend nötig gehabt hatte, sagte seine Angst ihm einfach nur unmissverständlich, dass er zu viel Zeit verschwendet hatte; Nadeshdas Zeit, die ihm unaufhörlich zwischen den Fingern zerrann.


„Boerne, bitte! Das hier nutzt doch nichts, das sehen Sie doch selber! Da draußen kann ich mich wenigstens nützlich machen!“ Er konnte die wieder ansteigende Panik und seinen Frust nicht aus seiner Stimme fernhalten, doch Boerne schien das nicht zu kümmern.
„Thiel, ich fahre Sie gleich, wohin Sie wollen. Aber jetzt geben Sie mir noch ein paar Minuten, ich bin hier noch nicht fertig.“ Er wandte den Blick nicht vom Monitor ab, als er zügig auf der Tastatur tippte.

„Was machen Sie?“ Frau Haller, der die Sorge um Nadeshda ebenfalls deutlich ins Gesicht geschrieben stand, trat einen Schritt näher und warf einen Blick auf den Bildschirm.
„Ich habe die Suchkriterien verändert. Wir haben nur nach hundertprozentiger Übereinstimmung gesucht. Aber vielleicht finden wir enge Verwandtschaft von ihm.“ Nach einem finalen Mausklick ließ er sich in den Stuhl zurücksinken.
Seine Assistentin runzelte die Stirn. „Chef, Sie wissen, dass wir das nicht dürfen. Sie kennen den Fall aus Dörpen und die Entscheidung des BGHs!“
„Alberich, jetzt halten Sie mir keine unnötigen Vorträge!“ Da war ein aufgebrachtes Funkeln in Boernes Augen, als er sich zu der kleinen Frau umdrehte. „Vielleicht hilft es uns, Nadeshda rechtzeitig zu finden, die Chance können wir uns doch nicht entgehen lassen!“ Er wandte sich wieder dem Bildschirm zu und starrte auf den Monitor. „Es ist mir egal, was für Konsequenzen vielleicht daraus entstehen, es geht hier um ein Menschenleben.“


In diesem Augenblick ertönte draußen im Flur ein Klopfen. Wotan, der in einer Ecke von Boernes Büro geschlafen hatte, fing zu bellen an, als man das Geräusch der sich öffnenden Schiebetür hörte. Eine bekannte Stimme machte sich gleich darauf bemerkbar.
„Professor Boerne? Frau Haller?“
Thiels Kopf ruckte verwundert herum. „Vaddern?“
Boernes Assistentin war schon in den Flur getreten und winkte Thiel Senior heran. „Hier sind wir.“


„Haben Sie Frankie gesehen, der ist wie vom Erdboden verschwunden.“ Schritte näherten sich und wenige Sekunden später betrat Herbert Thiel das Labor. Kaum dass sein Blick von Frau Haller weg und auf Thiel fiel, setzte er an: „Ah, hier ist ja mein Herr Sohn! Meldet sich nicht…“ Er brach mitten im Satz ab und riss die Augen auf. „Wie siehst du denn aus? Was ist passiert?“
Er machte ein paar schnelle Schritte auf Thiel zu und fasste ihn am Arm; tatsächlich sah Thiel so etwas wie Besorgnis in den Augen seines Vaters aufblitzen. Trotzdem stand ihm jetzt weiß Gott nicht der Sinn danach, ihm die ganzen Ereignisse vorzubeten.
„Vaddern, frag nicht, dazu ist jetzt keine Zeit.“ Trotz seiner mürrischen Worte legte er kurz seine Hand auf die seines Vaters und drückte sie. „Warum bist du hier?“

Herbert runzelte die Stirn über diese Abfuhr, aber das was er zu berichten hatte, schien ihm dann doch wichtiger zu sein. „Ich versuche seit Stunden, dich zu erreichen, aber du meldest dich ja nicht!“ Ein gewisser Vorwurf lag noch in seiner Stimme, dessen ungeachtet zerrte er allerdings schon enthusiastisch ein zerknülltes Blatt aus der Tasche, das Thiel als eins der Phantombilder identifizierte, die er an Herbert weitergereicht hatte. „Hier, dieser Irre den ihr sucht, der Önar, der in der Südstadt fährt, der kennt seinen Vater.“


Für eine Sekunde stand Thiel stocksteif; dann fühlte er zum ersten Mal wieder so etwas wie Hoffnung in sich aufkeimen. „Wer ist es? Los, raus mit der Sprache!“ Eine unglaubliche Aufregung hatte sich seiner bemächtigt.
Herbert schien zu bemerken, wie sehr er unter Strom stand und erstaunlicherweise hakte er nicht lange nach, sondern rückte ohne weitere Aufforderung mit seinem Wissen heraus. „Der Vater hat ein privates Taxiunternehmen, die fahren fast nur Krankentransporte, Leute zur Dialyse oder behinderte Kinder in eine Tageseinrichtung, so’n Kram. Sind komische Eigenbrötler. Der Typ hier auf dem Bild hat auch `nen Taxischein und macht manchmal normale Fahrten, aber jetzt schon seit Monaten nicht mehr.“

Thiel war wie elektrisiert. „Kennst du seinen Namen? Adresse? Irgendetwas?“
„Ja weißt du, da war der Önar sich nicht so ganz sicher… also, der Vater heißt auf jeden Fall Günter. Aber der Nachname ist so eine Sache… der ist ihm leider nicht mehr eingefallen.“ Herbert wirkte zerknirscht als Thiel ein frustriertes Stöhnen nicht unterdrücken konnte, sich dann aber gleich zum Telefon umwandte und den Hörer unbeholfen in die geschiente Hand nahm. „Das kriegen wir raus, so viele Taxiunternehmen wird es ja nicht geben.“

Er hatte gerade begonnen, die Nummer seiner Kollegen zu wählen, als Boerne in die Stille sagte: „Er heißt Günter Westkamp.“

Verwundert blickten alle Anwesenden zum Professor, dessen Augen noch auf den Monitor geheftet waren. Thiel legte den Hörer für den Moment wieder ab. „Woher wissen Sie das?“
„Er ist in der DNA-Analysedatei des BKAs, warum auch immer. Sein Merkmalssatz stimmt so weit mit dem des Mörders überein, sie sind eindeutig nahe Verwandte.“ Boerne drehte eilig seinen Stuhl und schob ihn ein Stück zurück. „Finden Sie heraus, wo der Sohn dieses Mannes wohnt, dann sind Sie an der richtigen Adresse.“

Thiel starrte ihn einen Moment ungläubig an, doch Boerne, der inzwischen aufgesprungen war, fuhr ihn nur ungeduldig an: „Was ist los, brauchen Sie eine Extraeinladung? Wir müssen dahin!“
Er war so lebendig und selbstsicher wie eh und je. Und in dieser Sekunde hatte Thiel keinen Zweifel mehr, dass sie auf der richtigen Spur waren.



Innerhalb weniger Minuten hatte Thiel Namen und Adresse des Verdächtigen herausgefunden und Boerne und er rasten durch das langsam erwachende Münster Richtung Hiltrup. Als sie am Ziel ankamen, parkten schon mehrere Streifenwagen in der Nähe des heruntergekommenen Mehrparteienhauses, die Beamten hatten das Gebäude unauffällig umstellt.
Kaum, dass Boerne den Wagen zum Stehen gebracht hatte, sprang Thiel heraus und stürmte zu seinen Kollegen. Mit ein paar schnellen Griffen legte er die schusssichere Weste an, die Hönninger ihm hinhielt und zog seine Pistole aus dem Holster, schickte dabei ein kleines Dankesgebet zum Himmel, dass er Rechtshänder war. „Los, wir gehen rein.“

Boerne, der auf die Worte hin gleich losmarschierte, wurde allerdings von Thiel am Hemdsärmel gefasst und energisch zurückgerissen. „Augenblick mal, wo wollen Sie denn hin? Sie können da nicht mit rein!“
Der Rechtsmediziner öffnete den Mund um zu protestieren, doch dazu fehlte Thiel jegliche Geduld. „Ins Auto. Jetzt!“, blaffte er und zu seiner Verwunderung trat Boerne wirklich einen Schritt zurück. Es schien ihm schwerzufallen, aber er war intelligent genug, keine wertvolle Zeit mit Diskussionen zu verschwenden.


Eine halbe Minute später stand Thiel mit seinen Kollegen vor der Wohnungstür von Michael Westkamp.
Die Wohnungsstürmung lief ab wie aus dem Lehrbuch, drei Bewohner wurden im Tiefschlaf überrascht und überwältigt - doch war der Verdächtige nicht darunter.


Die Enttäuschung, die Thiel darüber fühlte, war nahezu unbeschreiblich, aber er riss sich zusammen und erteilte seinem Team innerhalb kürzester Zeit genaueste Anweisungen. Noch bevor er sich die Mitbewohner von Michael Westkamp vorknöpfte, wurden erste Nachbarn geweckt und befragt, die KTU war schon auf dem Weg und Beamte begannen, die Umgebung zu durchsuchen.

Während Thiel sich daran machte, die Studenten nach Informationen zu löchern, hatte Boerne unaufgefordert die Wohnung betreten und still in einer Ecke Position bezogen. Thiel machte sich gar nicht erst die Mühe, ihn zum Gehen aufzufordern.


Leider war die Befragung der jungen Männer frustrierend. Das Einzige, was er immer wieder zu hören bekam, war, dass sie nicht wussten, wo Westkamp abgeblieben war. Er hatte die Wohnung schon seit Wochen nicht mehr betreten.
Thiel hatte in seinem Leben genug Verhöre geführt, um ein gewisses Bauchgefühl dafür zu entwickeln, ob ihm jemand die Wahrheit sagte oder nicht. Und er war sich sicher, dass die drei Hausgenossen ihn nicht täuschten; sie waren wirklich ahnungslos.

Auch sie beschrieben Westkamp als wortkarg und verschlossen, er hatte in der Zeit, die sie zusammen wohnten, so gut wie nichts von sich preisgegeben, hatte am gemeinschaftlichen Leben praktisch nicht teilgenommen.

Thiel kam sich vor, als hätte er schon Spurrillen in den alten Teppich gelaufen, so unruhig war er vor den drei verschüchterten jungen Kerlen auf und ab getigert. Doch er kam keinen Schritt voran.
„Wie steht er zu seinen Eltern? Kann es sein, dass er dort untergekommen ist?“
Er erntete einhelliges Kopfschütteln und einer der Studenten antwortete schnaubend: „Nein, vergessen Sie’s. Das war eins der wenigen Dinge, über die er gesprochen hat. Er hat sich vor ein paar Monaten wahnsinnig über sie aufgeregt, keine Ahnung warum. Auf jeden Fall hat er den Kontakt zu ihnen komplett abgebrochen. Er sagt, mit den alten Spießern will er nichts mehr zu tun haben.“


Thiel starrte noch einen Moment nachdenklich auf den Boden, dann traf er eine Entscheidung. Hier verschwendete er nur Zeit.
„Boerne.“ Er machte eine bezeichnende Kopfbewegung und sein Kollege stieß sich von der Fensterbank ab, an der er gelehnt und dem Verhör gelauscht hatte und trat hinter ihm in den Flur.

Im Vorbeigehen rief Thiel einem Kollegen zu, dass er die WG-Bewohner aufs Präsidium bringen und weiter befragen sollte, bevor er sich Boerne zuwandte. „Ich muss mit den Eltern sprechen.“
Der Professor nickte nur, als er hinter ihm die Treppe herabeilte. „Ich fahre Sie.“

Thiel hatte nichts anderes erwartet; ihm war in den letzten vierundzwanzig Stunden klargeworden, dass Boerne diese Sache mit ihm gemeinsam durchstehen würde bis zum bitteren Ende. Und er war dankbar dafür.


Wie bitter es werden würde, konnte er in diesem Augenblick noch nicht ahnen.


Comments

( 4 Kommentare — Kommentar hinterlassen )
cricri_72
27. Feb 2013 08:35 (UTC)
waaahhhhh ... ich ahne schlimmes für die Eltern *kommt zu spät zur Tagung und hetzt los*
baggeli
27. Feb 2013 09:19 (UTC)
waaahhhhh ... ich ahne schlimmes für die Eltern
Ach Quatsch! Wie kommst du denn darauf? Ich würde doch einem ältlichen Ehepaar niemals etwas antun! Zumindest, solange ich genug andere habe, die ich meucheln kann...

Viel Erfolg bei deiner Tagung!
joslj
27. Feb 2013 11:13 (UTC)
„Thiel, ich fahre Sie gleich, wohin Sie wollen.
...bis ans Ende der Welt :-)

Ich freue mich sehr, nahezu den "alten" Boerne hier zu erleben. Er ist einfach klasse, wenn er Witterung aufgenommen hat und eine Spur verfolgt, auf die nur er gekommen wäre. Diese aufgeregt abwartende, ungeduldige Stimmung, die ihm nicht mal Zeit für echte Streiterein mit Thiel lässt, ist einfach klasse, ich sehe ihn vor mir.
„Es ist mir egal, was für Konsequenzen vielleicht daraus entstehen,
Ist es ihm ja immer, meist denkt er gar nicht an die Folgen, wenn er eine - natürlich geniale - Idee verfolgt. Aber das macht ihn ja auch erträglich sympathisch. Sehr IC !

Er war so lebendig und selbstsicher wie eh und je.
Danke für diese Atempause (auch wenn du sicher gleich eine Warnung hinterherschickst, dass es wohl vorläufig das letzte Mal ist ... ;-)).

Thiel hatte nichts anderes erwartet; ihm war in den letzten vierundzwanzig Stunden klargeworden, dass Boerne diese Sache mit ihm gemeinsam durchstehen würde bis zum bitteren Ende. Und er war dankbar dafür.
Hoffentlich lässt er das Boerne auch wissen, irgendwie...

„Boerne.“ Er machte eine bezeichnende Kopfbewegung und sein Kollege stieß sich von der Fensterbank ab, an der er gelehnt und dem Verhör gelauscht hatte und trat hinter ihm in den Flur
Immer noch megaspannend, und ich sehe sie vor mir, fast in ihre normalen Routine, allerdings mit deutlich mehr Anspannung (und weniger Streiterei).

Vaddern hat mir auch sehr gefallen :-)
baggeli
27. Feb 2013 11:45 (UTC)
...bis ans Ende der Welt :-)
*lol* Wer hat doch gleich das geniale Icon... Vera?

Ich freue mich sehr, nahezu den "alten" Boerne hier zu erleben
Er hat ein paar Stunden geschlafen, da kann er ja wieder aufdrehen. xD

Danke für diese Atempause (auch wenn du sicher gleich eine Warnung hinterherschickst, dass es wohl vorläufig das letzte Mal ist ... ;-)).
Wie kommst du drauf? Alles ist gut. *träller* *flöt* *pfeif*

Immer noch megaspannend, und ich sehe sie vor mir, fast in ihre normalen Routine, allerdings mit deutlich mehr Anspannung (und weniger Streiterei).
Was die nervtötenden Streitereien angeht, sind wir uns ja einig - das muss jetzt nicht sein. Und deshalb gibt's das jetzt hier auch nicht.

Vaddern hat mir auch sehr gefallen :-)
Ich habe ihn in meinem Kopf förmlich reden und gestikulieren sehren... leider bekommt man das nicht immer so umgesetzt. Aber ich mag ihn einfach gerne. :D


( 4 Kommentare — Kommentar hinterlassen )

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