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Story: 48 Stunden - Kapitel 18

Titel: 48 Stunden
Genre: Freundschaft, Krimi, Angst, etwas h/c
Zusammenfassung: Es hätte ein schönes Wochenende in Hamburg werden sollen. Doch es war der Beginn eines Alptraums.
Wörter: 25000


Es war gerade erst acht Uhr, als sie an dem älteren Reihenhäuschen in einer stillen Straße im Süden von Amelsbüren ankamen. Kaum dass Thiel die Tür von Boernes Wagen zugeschlagen hatte, sah er eine leichte Bewegung an einer Gardine im Obergeschoß. Die Bewohner waren in jedem Fall schon wach und ihre Ankunft bereits bemerkt worden.

Thiel hielt sich nicht lange mit Höflichkeiten auf, er hämmerte kraftvoll gegen die Tür und brüllte dabei: „Kriminalpolizei. Machen Sie auf, ich habe ein paar Fragen an Sie.“
Schon wenige Sekunden später öffnete eine verschreckte, zierliche Frau von vielleicht sechzig Jahren und kaum dass sie ein leises „Ja, bitte?“ gestammelt hatte, kam ein Mann die Treppe heruntergepoltert. „Was hat er getan?“


Bei dem Zorn, der ihnen in dieser Frage entgegenschallte, warf Thiel einen kurzen Blick auf Boerne und sah, wie sein Kollege eine Augenbraue hochzog.
Er wandte sich nun wieder dem Sprecher zu, doch bevor er eine Antwort geben konnte, baute sich der Mann, der der Optik nach nur der Vater von Michael Westkamp sein konnte, vor ihnen auf. „Was hat er getan, dass die Kripo vor der Tür steht?“ In seinem Gesicht spiegelte sich eine Mischung aus kaum bezähmbarer Wut und Frustration, die Frau, die verschreckt ein paar Schritte zurückgetreten war, schien dagegen mit den Tränen zu kämpfen.

Thiel entschied sich, nicht lange um den heißen Brei herumzureden. Günter Westkamp wirkte wie ein Mann, der klare Ansagen wollte. „Nach derzeitigem Stand der Ermittlungen hat er drei Menschen umgebracht und meine Kollegin in seiner Gewalt. Ob sie noch lebt, ist fraglich.“ Thiel hatte selber gemerkt, dass er während seiner scheinbar ruhigen Antwort seine Hand so fest zur Faust geballt hatte, dass es schmerzhaft war.

Seine Worte ließen die Mutter von Michael Westkamp laut aufschluchzen und das Gesicht seines Vaters versteinerte sich. „Dieser Wahnsinnige. Er hat endgültig den Verstand verloren!!!“ Diesen letzten Satz brüllte er fast, und es war Boerne, der begütigend die Hand hob und mit einem gezielten Blick auf die Nachbarhäuser vorschlug: „Vielleicht sollten wir dieses Gespräch drinnen fortführen.“

Nach zwei Sekunden Stille nickte der aufgebrachte Mann und trat einen Schritt von der Tür zurück, deutete dann mit einer knappen Kopfbewegung an, dass sie ihm folgen sollten.
Im Wohnzimmer zog der Vater von Michael Westkamp seine schluchzende Frau an sich und setzte sich mit ihr auf das Sofa, Thiel ließ sich nach einem kurzen Wink von Boerne ihnen gegenüber in den Sessel sinken, während der Professor selber etwas abseits am Esstisch Platz nahm, sich vorsichtig zurücklehnte und die Arme verschränkte.


Thiel ergriff sogleich wieder das Wort. „Es kann sein, dass meine Kollegin noch lebt, ihr Sohn hat zwei seiner drei Opfer für 48 Stunden gefangen gehalten, bevor er sie umgebracht hat. Haben Sie eine Idee, wo er sich versteckt haben könnte?“
Frau Westkamp schluchzte noch lauter, als ihr Mann aufgebracht auffuhr: „Nennen Sie ihn nicht meinen Sohn! So ein Tier ist nicht mein Sohn!“
Er drückte sie an sich, bevor er leiser fortfuhr: „Vor einigen Monaten haben wir den Kontakt endgültig abgebrochen, ich habe ihm klargemacht, dass ich ihn niemals wieder sehen will. Ich habe keine Ahnung, wo er sich aufhält, ich habe ihn seit Ende letzten Jahres nicht gesehen und gesprochen. Und das werde ich auch nie wieder tun.“


Genauer zu erfragen, was der Auslöser für den Bruch der Familie gewesen war, hielt Thiel nicht für nötig - sein einziges Interesse galt möglichen Aufenthaltsorten des Mörders. Doch egal was er fragte und wie er bohrte, auch die Eltern von Michael Westkamp konnten ihm nicht helfen. Er hatte keine Freunde, die sie nennen konnten, auch ihre Tochter hatte keinen Kontakt mehr zu ihm.

Thiel fühlte die Verzweiflung in sich immer mehr zunehmen, bis er nach einer Weile das fruchtlose Gespräch abbrach.
Er erhob sich mit einem Seufzen und noch bevor er sich ganz aufgerichtet hatte, tat Boerne es ihm gleich.


Im Gehen wandte er sich nochmals an das Ehepaar, das auf dem Sofa sitzen geblieben war: „Nehmen Sie sich vor Ihrem Sohn in Acht, er ist gemeingefährlich. Wenn er hier auftaucht, rufen Sie umgehend die Polizei.“
Günter Westkamp nickte nur stumm und machte Anstalten aufzustehen, doch Thiel winkte ab. „Bleiben Sie sitzen, wir finden allein raus.“



Boerne hatte den Flur bereits durchquert, als er mit einem Mal stehenblieb und ein Bild an der Wand fixierte, das im gleichen Augenblick auch Thiels Interesse geweckt hatte. Beim Eintreten hatte er es gar nicht bemerkt, aber nun sprang es ihm so plötzlich ins Auge, weil Sonnenlicht durch eine Butzenscheibe in der Tür darauf fiel und es regelrecht leuchten ließ.
Es war eine Aufnahme von einem großen, urwüchsigen Garten mit einem kleinen Gartenhäuschen in einer Ecke. Das Häuschen war kaum als solches zu erkennen, es war komplett überwuchert mit einer Kletterpflanze, die über und über mit weißen Blüten bedeckt war.
Thiel stellten sich die Haare auf den Armen auf. „Ist es das, was ich denke?“
„Jasmin.“ Boerne flüsterte nur tonlos; sogar ihm schien es für einen Moment die Sprache verschlagen zu haben.


Nach einer Sekunde ungläubiger Starre riss Thiel den Rahmen von der Wand und stürmte zurück in das Wohnzimmer. „Was ist das hier auf dem Foto? Wo wurde es gemacht?“
Frau Westkamp war erschreckt zusammengezuckt, als er so in den Raum polterte, doch das war Thiel egal.
Günter Westkamp warf einen kurzen Blick auf das Bild und erklärte dann: „Wir haben einen Garten am Rand der Davert*, ein altes, verwildertes Grundstück. Früher waren wir regelmäßig dort, aber wir haben uns seit Jahren nicht mehr darum gekümmert.“
„Beschreiben Sie mir den Weg.“ Er konnte nicht verhindern, dass seine Stimme ein wenig zitterte.


Keine Minute später saßen sie im Auto und Thiel hatte Boernes Mobiltelefon am Ohr und rief seine Kollegen zur Hilfe.


Der Weg war nicht weit, schon nach ein paar Kilometern kamen sie am Rand des großen Waldgebiets südlich von Münster an, in dem auch schon die Leichen der beiden Studentinnen gefunden worden waren – wie sich nun herausstellte, keine zwei Kilometer von der Laube entfernt, in der sie vermutlich gefangen gehalten und ermordet worden waren.


Thiel hatte die wenige Minuten andauernde Fahrt in einer fieberhaften Anspannung verbracht, stets an der Grenze zur Panik. Noch nie im Leben hatte er derart viel Angst und Hoffnung gleichzeitig gespürt, er fühlte sich regelrecht zerrissen; es kostete ihn eine gewaltige Kraftanstrengung, all diese Emotionen in eine Ecke seines Verstandes zu schieben und sich darauf zu konzentrieren, wie er nun vorgehen wollte.


Der Rechtsmediziner folgte der Straße, die Günter Westkamp ihnen beschrieben hatte, so weit es ging, doch mussten sie schätzungsweise zweihundert Meter zu Fuß zurücklegen, bevor sie an dem Grundstück ankommen würden.
Kaum dass Thiel die Autotür leise zugeschlagen hatte, begann er zu rennen. Boerne folgte ihm ohne Protest, auch wenn Thiel sich sicher war, dass dem Professor dieser Spurt nach den Blessuren des letzten Tages ebenso schwerfallen musste wie ihm. Aber die Panik trieb Thiel vorwärts, um nichts in der Welt hätte er in diesem Moment langsam gehen können.


Erst als sie sich dem Tor näherten, verlangsamten sie ihre Schritte und schlichen im Schatten der hochgewachsenen Hecke bis an die Tür. Thiel warf einen vorsichtigen Blick in den Garten hinein.
Das Grundstück war komplett verwildert, wie es nicht anders zu erwarten gewesen war; und genau deshalb erkannte Thiel recht deutlich, dass es in der letzten Zeit mehrfach durchquert worden sein musste, das lange Gras war umgeknickt, eine Spur führte hindurch.
Leider konnte man nicht weit sehen, unkontrolliert wuchernde Büsche, die seit Jahren nicht mehr geschnitten worden waren, verwehrten den Blick auf die weit am anderen Ende des Grundstücks liegende Laube.

Mit einem grimmigen Gesichtsausdruck löste Thiel den Druckkopf seines Waffenholsters und hatte gerade seine Gipshand auf die Klinke des Gartentores gelegt, als Boerne ihn zurückhielt. „Thiel, was haben Sie vor? Sie können da nicht allein reingehen, warten Sie auf die Verstärkung."
Mit einer unwirschen Bewegung riss Thiel sich los. „Wir sind hier am Arsch der Welt und alle Kräfte des SEK sind in Hiltrup versammelt, das dauert noch zwanzig Minuten bis die hier sind! Nadeshda liegt vielleicht da in der Laube und ich werde sie keine Sekunde länger als nötig in der Hand dieses Wahnsinnigen lassen!“ Sein Herz schlug ihm bis zum Hals, als er mit einem energischen Griff die Klinke hinunterdrückte und die Tür sich öffnete.


Boerne wirkte ruhig, als er langsam nickte; wesentlich ruhiger als Thiel selber es war. Aber der Blick in seinen Augen offenbarte eine Spannbreite von Emotionen, wie der Professor sie nicht oft zeigte. Aufregung, Hoffnung, auch Angst, aber vor allem Sorge zeichnete sich überdeutlich darin ab.
Und trotz dieser Sorge bekam Thiel die Antwort, auf die er insgeheim gehofft hatte.
„Ich werde Sie da nicht allein reingehen lassen. Wer weiß, was uns erwartet.“ Und Thiel wusste, dass es nicht Westkamp war, der im Augenblick Boernes größte Sorge war.

Dankbar darüber, diesen Weg nicht allein gehen zu müssen, drückte er kurz seine Hand.
Dann zog er seine Waffe und trat seinem Kollegen voran in den Garten.




*Davert: ein großes Waldstück südlich von Münster

Comments

cricri_72
28. Feb 2013 22:12 (UTC)
Ohja, ist schon voll im Gang :) Läuft aber noch, wenn Du mitmachen willst!

Na alle werde ich wohl nicht umbringen
Du macht einem Hoffnungen ;)

*fällt ins Bett*
baggeli
28. Feb 2013 22:15 (UTC)
Nee, mitmachen werde ich nicht. Drei Sätze sind mir zu kurz. Da krieg ich nichts gebacken. ;p

Du macht einem Hoffnungen ;)
Mann nennt mich gemeinhin "Sonnenschein". =)

Schlaf gut!

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