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Story: 48 Stunden - Kapitel 21

Titel: 48 Stunden
Genre: Freundschaft, Krimi, Angst, etwas h/c
Zusammenfassung: Es hätte ein schönes Wochenende in Hamburg werden sollen. Doch es war der Beginn eines Alptraums.
A.N.: Es wird langsam nervig, ich weiß, aber es ist wieder nur ein kurzes Kapitel. Aber naja, besser ab und an einen Brocken, als gar nichts.
Wenn ich in diesem Leben dann irgendwann noch mal eine Stunde Ruhe finde, kommt der Epilog und dann habt ihr, die ihr vielleicht noch am Ball seid, es geschafft. Und ich auch.
Wörter: 28200


Sein Instinkt übernahm, bevor Thiel auch nur einen klaren Gedanken fassen konnte. Die Ereignisse überschlugen sich und doch kam es ihm selber so vor, als würde er die Geschehnisse in extremer Zeitlupe beobachten.

Deckel und Hals der zerschossenen Flasche rutschten aus plötzlich kraftlosen Fingern und klirrten zu Boden, als Boerne in die Knie sackte, das geschockte Gesicht in einem solchen Schmerz verzogen, dass es dem Kommissar den Atem abschnürte.
Noch bevor sein Kollege der Länge nach auf die Holzdielen gestürzt und Westkamp vollständig in den Raum getreten war, hatte Thiel Nadeshda mit aller Kraft von sich weggestoßen und schleuderte sie so aus der Schusslinie.
Nadeshdas überraschter Aufschrei hallte ihm noch im Ohr, als er sich mit ihr lang ausgestreckt auf den schmutzigen Boden fallen ließ und im nächsten Augenblick die Pistole, die er wenige Minuten zuvor achtlos abgelegt hatte, schnappte. In einer flüssigen Bewegung riss er sie hoch; doch in dem Augenblick, in dem er abdrückte, hatte auch sein Gegner den Abzug betätigt.


Thiels Pistolenknall zerriss die Stille und für den Bruchteil einer Sekunde hätten man denken können, dass nur er geschossen hatte - aber die Waffe des Mörders trug immer noch den Schalldämpfer, auf den Boerne schon bei seiner ersten Autopsie hingewiesen hatte. Der Schuss, den Michael Westkamp abgefeuert hatte, war nahezu lautlos, nur leider nicht weniger gefährlich.
Und beide Kugeln fanden ihr Ziel.


Mit fürchterlicher Kraft bohrte sich das Projektil in Thiels rechte Schulter und schleuderte ihn zurück. Ob er mit dem Hinterkopf und Rücken auf den Fußboden oder gegen die Holzwand hinter sich geprallt war, vermochte er nicht zu unterscheiden; jedenfalls reichte die Wucht des Aufpralls, ihm die Luft aus den Lungen zu pressen und für einen Moment Punkte vor seinen Augen tanzen zu lassen. Zeitgleich breitete sich ein dermaßen brennender Schmerz in seinem Oberkörper und Arm aus, dass er einen unartikulierten Schrei nicht unterdrücken konnte.


Wie er es trotz allem schaffte, sich in eine sitzende Position zu kämpfen und seine Waffe weiterhin krampfhaft festzuhalten, sie mit verschwitzen Fingern zu umklammern, konnte er im Nachhinein selber nicht erklären. Er wusste nur, dass es lebenswichtig war, sie jetzt nicht fallen zu lassen.



Den wahnsinnigen Schmerzen zum Trotz, die sein Blickfeld an den Rändern langsam grau werden ließen, ließ Thiel seinen Gegner nicht aus den Augen. Er erkannte schnell, dass er getroffen hatte, wie es sein Plan gewesen war; seine Kugel steckte im Oberschenkel des dreifachen Mörders. Westkamp war nahe der Tür zusammengebrochen, umklammerte mit beiden Händen sein Bein, wand sich auf dem Boden und brüllte wie von Sinnen. Seine Waffe lag zwei Meter neben ihm.


Nur für eine Sekunde flackerte Thiels unruhiger Blick zu Boerne hinüber. Kalte Angst krampfte seinen Magen zusammen, als er seinen leichenblassen Kollegen verkrümmt auf der Seite liegen sah. Boernes gesamter Körper war angespannt, er keuchte heftig und hielt beide Hände auf eine Wunde unterhalb der Rippen gepresst, während sich auf seinem Hemd ganz langsam ein dunkelroter Fleck ausbreitete. Erste, dicke Blutstropfen quollen zwischen seinen Fingern hervor und fielen auf den staubigen Boden.


Entsetzt und widerwillig riss Thiel seine Augen von Boerne los und konzentrierte sich wieder auf Westkamp, stellte dabei etwas benommen und fast verwundert fest, dass er ganz ungewollt seine Pistole kraftlos in seinen Schoß hatte sinken lassen. Hektisch und zitternd riss er sie nun wieder hoch und richtete sie erneut auf den Mörder, der allerdings weiterhin hilflos wirkte und keine Anstalten machte, zu seiner Waffe  zu robben.
Das Bild vor seinen Augen verschwamm und er blinzelte mehrfach, um wieder deutlicher sehen zu können. Der Blutverlust machte sich schon rapide bemerkbar, ein taubes, kaltes Gefühl breitete sich in seiner Schulter aus, mittlerweile musste er seinen immer stärker zitternden rechten Arm unbeholfen mit seiner Gipshand stützen. Ihm brach der kalte Schweiß aus.


Sein Tunnelblick war so auf Westkamp fixiert, dass er Nadeshda erst bemerkte, als sie unmittelbar neben ihm kniete und ihre Sweatjacke auf seine Schulter presste. Thiel keuchte auf, als sich die Schmerzen der Wunde durch den Druck plötzlich wieder vervielfachten und er hätte seine Waffe beinah fallen gelassen; sein Puls klopfte so laut in seinen Ohren, dass er ihr leises, ängstliches „Sie bluten wie verrückt…“ fast nicht gehört hätte. Ihre Stimme zitterte und wie vor wenigen Minuten stürzten wieder Tränen über ihr Gesicht, als verzweifelt versuchte, ihm zu helfen, doch er wehrte sie ab und herrschte sie an: „…die Waffe… weg damit…“ Seine Kraft reichte nicht mehr für zusammenhängende Sätze, es gelang ihm nur, diese heiseren Worte herauszupressen.

Nadeshda war kurz zusammengezuckt, doch dann nickte sie hastig und ließ von ihm ab, versuchte, auf die Füße zu kommen, die ihr nach der langen Gefangenschaft den Dienst noch verwehren wollten. Wie durch einen Nebel beobachtete Thiel, wie es ihr irgendwann gelang, sich aufzurichten und mit unsicheren Schritten auf Westkamp zuzutaumeln.
In ihrem geschwächten Zustand wäre sie sicherlich in gewaltige Schwierigkeiten geraten, wenn der Mann versucht hätte, die Waffe erneut an sich zu reißen, doch er blieb nur wimmernd und jammernd am Boden liegen und war zu keiner Gegenwehr mehr fähig.


Immense Erleichterung durchflutete Thiel, als Nadeshda die Waffe des Mörders an sich nahm und mit zitternden, schwer beweglichen Fingern das Magazin entfernte. In der Sekunde, in der sie es mit aller Kraft, die zur Verfügung stand, zur Tür hinauswarf, ließ auch Thiel seine Waffe sinken und sie glitt ihm aus seinen erschlafften, schweißnassen Fingern. Um nichts in der Welt hätte er sie noch wieder anheben können. Aber das war auch nicht nötig, es war ziemlich eindeutig, dass von Westkamp nun endgültig keine Gefahr mehr ausging. Sie hatten zwar keine Handschellen oder eine andere Möglichkeit, ihn zu fesseln, doch zu fliehen war er mit seiner Verletzung keinesfalls in der Lage.


Wie aus weiter Ferne meinte Thiel, sich nähernde Sirenen auszumachen; er war sich aber nicht ganz sicher, so laut dröhnte sein rasender Puls inzwischen in seinem Kopf.
Ohne es zu wollen, rutschte er langsam an der Wand herab auf die Seite; er sah an Nadeshdas Gesicht, dass sie mit ihm redete, doch er konnte ihre Worte nicht verstehen. Die Welt verlor langsam jegliche Farbe und er begann vor Kälte unkontrolliert zu zittern, als er vollends auf dem Holzboden zu liegen kam. Vage nahm er wahr, dass seine Assistentin zu ihm zurückeilte, so schnell es ihre verletzten Gliedmaßen zuließen, doch das war jetzt ihm jetzt nicht wichtig. Nadeshda ging es gut, aber er musste nach Boerne sehen.
Mühsam drehte er seinen Kopf und stöhnte auf, als die leichte Bewegung eine Welle von Schmerz durch seinen Körper jagte, die ihm fast das Bewusstsein raubte.
Er blinzelte krampfhaft, um die schemenhaften, verschwommenen Konturen seines Kollegen nochmals scharfzustellen und kämfpte mit aller Kraft gegen die drohende Ohnmacht an, doch er spürte, dass er diesen Kampf verlor. Sein Blickfeld wurde langsam grau, als er verzweifelt auszumachen versuchte, wie es dem Professor ging.

Panik breitete sich in ihm aus, als er erkannte, dass Boerne jetzt ganz ruhig war. Seine blutigen Hände lagen kraftlos neben ihm auf dem Boden, er rührte sich nicht.
Das letzte, was Thiel wahrnahm, bevor seine Verzweiflung und seine Schmerzen in einem schwarzen Strudel versanken, waren Boernes weit geöffneten Augen, die leblos durch ihn hindurchstarrten.

<<Kapitel 20 ---------- Epilog>>

Comments

( 6 Kommentare — Kommentar hinterlassen )
cricri_72
3. Mär 2013 17:43 (UTC)
The return of the cliffhanger *Nägelkau*

Obwohl ich ja hoffe, daß der Epilog aus den Dreien im Krankenhaus bestehen wird :) Nadeshda ist ja wohl eindeutig außer Gefahr, Thiels Schulter sollte ihn auch nicht umbringen, nur Boerne ... ich überlege schon die gaze Zeit verzweifelt, was wohl unterhalb der Rippen alles getroffen worden sein kann *schluck*

Das Bild von der Flasche, die von der Kugel durchschlagen wird, war toll (schon im letzten Kapitel). Ebenso wie die zeitgleich fallenden Schüsse. Reglose Augen irgendwie auch, wenn es einem auch eher einen Schauer den Rücken hinunterjagt.

Auch wenn ich ungeduldig aufs Ende warte - laß Dich nicht hetzen :) Wir überleben's auch, wenn Du einen Tag länger brauchst. Hauptsache, alle Charaktere überleben ...

joslj
3. Mär 2013 19:04 (UTC)
Genau, lass die so viel Zeit, wie du brauchst, Hauptsache, alle Charaktere überleben ... :-)

Tolle Kapitel, sehr spannend ! Andererseits bin ich froh, dass jetzt der Epilog kommt; ich glaube, mit derartigen Verletzungen wären weitere Ermittlungen wohl nicht mehr möglich.
baggeli
3. Mär 2013 22:26 (UTC)
Hauptsache, alle Charaktere überleben
Ähem
s.o.

Tolle Kapitel, sehr spannend !
Danke! Ich war mir nicht sicher, habe aber gehofft, dass der Ablauf nicht zu langatmig und zu einschläfernd ist.

ich glaube, mit derartigen Verletzungen wären weitere Ermittlungen wohl nicht mehr möglich
Nein, da ist nun wirklich nicht mehr dran zu denken

Andererseits bin ich froh, dass jetzt der Epilog kommt
Irgendwie ich auch; wobei mir wieder etwas fehlen wird, wenn diese Geschichte zu Ende ist. Hab' mich so dran gewöhnt, in den Stunden, die nur für mich sind, etwas vor mich hin zu tippen...
Naja, vielleicht fällt mir demnächst noch wieder irgendetwas ein. Die Bingokarte hat ja noch einige Lücken...
baggeli
3. Mär 2013 22:20 (UTC)
So, Feierabend! *schnauff*

The return of the cliffhanger
*kicher*

ich überlege schon die gaze Zeit verzweifelt, was wohl unterhalb der Rippen alles getroffen worden sein kann
Oh, da gibt es viel; quasi alle inneren Organe unterhalb von Herz, Lunge und Magen würde ich mal sagen... so aus dem Stehgreif fallen mir da Bauchspeicheldrüse, untere Ecke der Leber, Dickdarm, Dünndarm, Nieren und Blase ein; alles nicht zu unterschätzen, sehr messy, wenn das durchlöchert wird.
Nicht zu vergessen die großen Gefäße wie Vena cava oder Aorta. Wenn es die erwischt, ist ruckzuck Schluß, da helfen auch keine Massentransfusionen mehr.

Das Bild von der Flasche, die von der Kugel durchschlagen wird, war toll
Ich fand es cool, den unhörbaren Schuss erst einmal auf diese seltsame Art zu beschreiben - auch wenn toll jetzt vielleicht irgendwie gefühlt nicht das richtige Wort für Boernes Situation ist. ;o)

Reglose Augen irgendwie auch, wenn es einem auch eher einen Schauer den Rücken hinunterjagt.
Ich überlege schon, ob ich das anders hätte formulieren sollen... aber mir ist nichts eingefallen irgendwie... ins Nichts starrten? blicklose Augen? Klingt alles irgendwie gleich bescheuert... *am-Kopf-kratz*

Auch wenn ich ungeduldig aufs Ende warte - laß Dich nicht hetzen :) Wir überleben's auch, wenn Du einen Tag länger brauchst
Ja also, das will ich doch hoffen! ff-Charaktere zu meucheln, macht meinem Nachtschlaf nichts aus, aber euch will ich dann doch nicht auf dem Gewissen haben!!

Hauptsache, alle Charaktere überleben ...
Hier verspreche ich nichts, weil ich es nicht halten kann

Edited at 2013-03-03 22:29 (UTC)
iskandra
3. Mär 2013 23:33 (UTC)
*Hüstel* Ich seh schon, das ruft nach einem weiteren Gin Tonic. Das ist aber auch spannend! Ich habe übrigens absolut kein Problem mit dem Meucheln von Charakteren, nöööö. Man leidet ja gern, und das ist nur eine von unzähligen fiktiven Realitäten. Hero!Nadeshda ist übrigens auch klasse - ich hätte fast erwartet, dass sie ihrem Entführer eine reinhaut mit letzter Kraft...
baggeli
4. Mär 2013 14:30 (UTC)
ich hätte fast erwartet, dass sie ihrem Entführer eine reinhaut mit letzter Kraft...
*lol* Ich war tatsächlich drauf und dran, noch eine Konfrontation zwischen den beiden zu schreiben, aber ich dachte, das wird dann zu viel des Guten...

*Hüstel* Ich seh schon, das ruft nach einem weiteren Gin Tonic
Ich bekomme ein schlechtes Gewissen bei so viel Alkohol. Aber jetzt ist die Geschichte abgeschlossen, ab jetzt wasche ich meine Hände in Unschuld.

Das ist aber auch spannend!
*freu*
( 6 Kommentare — Kommentar hinterlassen )

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