?

Log in

No account? Create an account

zurück | vor

Story: 48 Stunden - Epilog

Titel: 48 Stunden
Genre: Freundschaft, Krimi, Angst, etwas h/c
Zusammenfassung: Es hätte ein schönes Wochenende in Hamburg werden sollen. Doch es war der Beginn eines Alptraums.
A.N.: Die Kinder spielen in der Sonne und ich sitze hier dick eingepackt mit meinem Laptop auf dem Schoß und habe die Füße hochgelegt. Was soll ich noch sagen? Ich bin fertig.
Danke an die, die ausgehalten haben bis zum Schluß!
Wörter: 30150


Schon seit Stunden saß er auf dieser Bank in der klimatisierten Eingangshalle der Uniklinik, still, geradezu erstarrt zwischen den unzähligen Menschen, die die Treppen hinauf- und hinabeilten. Niemand nahm ihn dort in seiner Ecke wahr, und andersherum war es ebenso – er beachtete die vielen Personen nicht, die Besucher, Patienten, das Pflegepersonal; er war nur hier, weil die Stille in seinem Zimmer ihm einmal mehr zu drückend geworden war.
Die Klinik vibrierte wie ein überdimensionaler Bienenstock, voller Leben. Doch es zog an ihm vorbei. Das Einzige, was seine Gedanken seit 48 Stunden ohne Pause beschäftigte, hatte mit Leben nichts zu tun.

Vier Menschen waren gestorben; vier Menschen, deren Zeit eigentlich noch längst nicht gekommen war.
Und den letzten dieser Todesfälle hatte er zu verantworten. Er ganz allein.


Thiel rührte sich nicht, als jemand neben ihm Platz nahm; er war ihm klar, dass es Nadeshda war. Er saß nicht das erste Mal an dieser Stelle und sie wusste, wo sie ihn finden konnte.
Eine Weile blieben sie stumm, Worte waren nicht nötig. Dann irgendwann griff sie nach den Fingern seiner geschienten Hand und drückte sie. „Ich darf heute nach Hause. Mein Vater wird mich gleich abholen.“
„Das ist großartig.“ Endlich machte Thiel sich die Mühe aufzublicken und er versuchte, zu lächeln. Doch so recht wollte ihm das nicht gelingen.


Nadeshdas Blick bohrte sich in seinen. Er sah die Sorge in ihren ausdrucksvollen Augen; dabei sollte sie sich nicht um ihn sorgen, sie hatte doch selber gerade erst genug durchgemacht. Unbewusst senkte er den Kopf und strich mit dem Daumen über den Verband, der die Wunden an ihrem Handgelenk verbarg, die Erinnerung an die schrecklichen Minuten in dieser Gartenlaube wieder übermächtig. Und er spürte, dass sie genau wusste, was gerade in ihm vorging.

„Die rechtsmedizinischen Untersuchungen sind abgeschlossen. Dr. Roth hat den Leichnam freigegeben“, sage sie leise. Als er nicht reagierte, fuhr sie fort: „Seine Schwester war gestern bei Frau Haller im Institut. Anfang nächster Woche wird er beerdigt.“

Für einen Moment schloss Thiel die Augen und schluckte trocken. Dann, mit einem Mal, stand er auf. Er nickte Nadeshda noch kurz zu und sie nickte zurück. Daraufhin drehte er sich um und eilte davon – fort von der Unruhe und der Hektik, die hier herrschte, und die er mit einem Male nicht mehr auszublenden und nicht mehr zu ertragen vermochte.


Er ging einfach, ohne zu überlegen wohin, unbewusst. Irgendwann fand er sich auf seiner Station wieder, und mit einem tiefen Atemzug öffnete er die Tür und trat in das ruhige Patientenzimmer, das ihm jetzt gerade wie eine Zuflucht vorkam. Doch gelang es ihm nicht, vor seinen kreisenden Gedanken zu fliehen; sie verfolgten ihn gnadenlos, bei jedem Schritt, den er tat.

Kraftlos ließ er sich auf einen der Stühle sinken und starrte ohne zu sehen auf das weiß bezogene Kliniksbett, das in der Mitte des kleinen, freundlichen Raumes stand.



Er hatte sicherlich schon eine halbe Stunde so gesessen, als plötzlich die Tür aufgerissen wurde. Erschreckt zuckte er zusammen und verzog im nächsten Moment das Gesicht, als die Wunde in seiner Schulter nach dieser unbedachten Bewegung schmerzhaft auf sich aufmerksam machte.
Die Krankenschwester, die flott an ihm vorbeimarschiert war, hatte das allerdings gar nicht bemerkt. „So, hier ist ein frischer Kamillentee.“ Schwungvoll stellte sie die Tasse auf dem Nachtschränkchen ab, bevor sie sich Thiel zuwandte: „Soll ich Ihr Mittagessen zu Ihrem Bett rüberbringen, oder wollen Sie hier essen?“

Im ersten Moment verspürte Thiel den Drang ihr zu sagen, dass sie ihm mit dem Zeug bloß vom Hals bleiben solle, doch das hätte garantiert zu Diskussion geführt, die er sich lieber ersparen wollte. Also murmelte er nur ergeben: „Ich bleib‘ hier sitzen.“
Fröhlich nickte sie und eilte wieder in den Flur, nur um wenige Sekunden später zurückzukehren und das Tablett vor ihm abzustellen. „Guten Appetit!“ rief sie noch im Hinausgehen und schon fiel die Tür ins Schloss.
Für eine Weile starrte Thiel stirnrunzelnd auf den verdeckten Teller; und obwohl er wusste, dass er keinen Happen herunterbringen würde, hob er irgendwann unbeholfen den Deckel an und versuchte zu ergründen, was das überhaupt sein sollte, das da so großzügig mit dem Begriff Essen versehen worden war.


„Sie werden doch jetzt nicht die Stirn haben, sich hier in meinem Zimmer, vor meiner Nase, Ihr Mittagessen zu Gemüte zu führen?!“

Wieder einmal zuckte Thiel zusammen, doch diesmal war ihm der Schmerz in seiner Schulter egal. Er spürte, wie sich zum ersten Mal seit einigen Tagen ein ehrliches Lächeln auf seinem Gesicht ausbreitete, als er zum Bett hinüberblickte.
„Futterneidisch oder was?“ Er lehnte sich in seinem Stuhl zurück und wies mit dem Kinn nach oben. „Stellen Sie sich einfach vor, in der großen Flasche da schwimmt ein Schnitzel, in der kleinen die Kartoffeln, und diese mit der giftgelben Plörre drin sieht ja von der Farbe nun wirklich aus wie Wackelpudding.“

Boerne verdrehte die Augen und schüttelte den Kopf. „Wer nur zehn Sätze am Tag spricht, sollte darauf achten, dass sie ein gewisses intellektuelles Niveau nicht unterschreiten.“ Mit zusammengebissenen Zähnen rutschte er ein wenig im Bett herum und stellte das Kopfteil etwas höher, bevor er seufzte. „Wenn Sie schmatzen, schmeiße ich Sie raus.“

Unendlich erleichtert, dass Boerne wieder recht lebendig klang, erwiderte Thiel gespielt mürrisch: „Mein Gott, nun haben Sie sich doch nicht so…  lassen Sie sich beim nächsten Mal halt nicht die Gedärme durchlöchern, sondern die Schulter, so wie ich.“ Im gleichen Moment sah er zum tausendsten Mal vor seinem inneren Auge, wie Boerne in dieser Laube zusammengebrochen war und er schüttelte sich unwillkürlich, bevor er leise hinzufügte: „Das erspart dem OP-Arzt viele Stunden Arbeit und Ihnen die unfreiwillige Nulldiät. Von den Sorgen, die wir uns um Sie gemacht haben, mal ganz zu schweigen.“

Boerne warf ihm einen kurzen Blick zu, dann seufzte er erneut und ließ die Augen wieder zufallen.
Thiel musterte ihn eine Weile; er war noch erschreckend blass und wirkte sehr müde, aber er sah definitiv etwas besser aus als am Tag zuvor, als er gerade von der Intensivstation verlegt worden war.
Er schluckte. „Ohne Quatsch jetzt. Es tut gut, Sie wieder wach zu sehen.“ Thiel merkte selber, dass man seiner Stimme die Erleichterung deutlich anhören konnte, doch das war ihm egal. Er hatte gestern Abend und auch am frühen Morgen schon eine Weile hier im Zimmer gesessen, aber Boerne war die ganze Zeit über noch nicht ansprechbar gewesen, und das hatte Thiel sehr beunruhigt.
Doch nun endlich sah er mit eigenen Augen, dass es dem Rechtsmediziner besser ging, so wie es ihm die Ärzte und das Pflegepersonal immer wieder versichert hatten.


Boerne hatte die Augen auf seine Aussage hin wieder geöffnet und nickte nun langsam. „Ich bin auch froh“, antwortete er schlicht und ein kleines Lächeln huschte über sein Gesicht. Dann ließ er sich wieder tiefer in seine Kissen sinken, bevor er murmelte: „Und jetzt essen Sie endlich, das war eben nicht ernst gemeint.“

Thiel blickte unwillkürlich auf seinen Gips und auf die Schlinge, die seinen rechten Arm an seinem Oberkörper fixierte, so dass er die Schulter nicht bewegen konnte, sagte aber nichts. Doch Boerne hatte seinen Blick bemerkt und zog eine Augenbraue hoch. „Leichter gesagt als getan, was?“ Er schüttelte fast ein wenig ungläubig den Kopf. „Jetzt können Sie wohl besser nachvollziehen, wie ich mich letzten Winter gefühlt habe.“ Mühsam rollte er sich auf die Seite und setzte sich auf. „Nun bringen Sie Ihr Tablett schon her, ich schneide Ihnen das Essen klein. Solange ich Sie nicht füttern muss…“

Thiel gab ein leicht amüsiertes Schnauben von sich, winkte dann aber ab. „Lassen Sie’s gut sein.“
Doch damit ließ Boerne sich nicht abspeisen. Er legte den Kopf schräg und drängte: „Na kommen Sie, bringen Sie das Tablett. Ihr Körper braucht Energie für die Wundheilung.“
Thiel seufzte leise und fuhr sich unbeholfen mit seiner geschienten Hand durch die Haare. „Boerne, ich kann nicht, verstehen Sie das nicht?“ Sein Kollege hatte doch keine Ahnung, wie es seit zwei Tagen in ihm aussah. Er hatte ein Menschenleben auf dem Gewissen, Essen war nun wirklich das letzte, wonach ihm der Sinn stand.


Doch Boerne schien ihn wesentlich besser zu verstehen, als er dachte. Er blieb auf der Bettkante sitzen und fixierte ihn mit einem ernsten Blick. „Also hat Alberich Sie nicht gefunden.“
Verwundert blickte Thiel auf. „Frau Haller? Hat sie mich gesucht?“
Sein Kollege nickte. „Sie war heute Morgen hier, gleich nachdem der Rottweiler die Autopsie von Westkamp abgeschlossen hat. Nadeshda hat ihr vorgestern schon erzählt wie Sie sich herumquälen, deshalb wollte Sie Ihnen so schnell wie möglich von den Ergebnissen berichten. Aber das hat ja offenbar nicht geklappt.“
Thiel war verwirrt. „Worauf wollen Sie hinaus?“
Boerne verdrehte die Augen und wirkte fast ein wenig ungeduldig. „Herrgott Thiel, können Sie denn nicht eins und eins zusammenzählen? Was will Alberich Ihnen wohl Dringendes erzählen? Westkamp ist nicht an den Folgen Ihres Schusses gestorben, das müssten Sie sich doch inzwischen denken können!“

Thiel brauchte einen Moment um zu verstehen, was Boerne da gerade gesagt hatte, doch auch als die Worte eingesunken waren, konnte er es noch nicht so recht glauben. „Wenn meine Kugel nicht Schuld daran war, was dann?“
Sein Gegenüber wies mit der Hand an die Schläfe. „Er hatte ein Aneurysma  im Kopf, sagt Ihnen das etwas?“ Thiels Blick war offenbar so verständnislos, dass Boerne gar keine Antwort abwartete, sondern gleich weitersprach. „Das ist eine Aussackung in einer Gefäßwand. In seinem Fall an einer Hirnarterie. Es ist geplatzt und hat zu einer massiven Blutung geführt. Die Blutungsquelle war nicht erreichbar, die Schäden konnten auch durch eine Notoperation nicht mehr behoben werden. Er hatte keine Chance.“


Thiel starrte Boerne an und versuchte zu verarbeiten, was er ihm gerade mitgeteilt hatte. „Und das hat nichts mit der Verletzung zu tun, die ich ihm zugefügt habe?“
Boerne hielt seinen Blick, als er energisch den Kopf schüttelte. „Absolut nichts. Das war eine tickende Zeitbombe in seinem Kopf, das Gefäß hätte schon vor Wochen rupturieren können, genauso gut erst in ein paar Monaten. Aber passiert wäre es auf jeden Fall. Ihr Schuss hat damit nichts zu tun, glauben Sie es mir.“


Zu sehr wirbelten die Gedanken in seinem Kopf, Thiel wusste nicht, was er sagen sollte. Doch zum ersten Mal seit zwei Tagen hatte er das Gefühl, wieder etwas freier atmen zu können.
Boerne hatte ihn nicht aus den Augen gelassen und nun breitete sich ein leichtes Lächeln auf seinem Gesicht aus. „Was ist jetzt mit dem Essen?“

Thiel holte tief Luft, dann schüttelte er leicht den Kopf. „Jetzt noch nicht. Ich glaube, ich muss das alles noch ein wenig sacken lassen.“
Erstaunlicherweise schien Boerne sich damit zufriedenzugeben und legte sich vorsichtig wieder hin. Thiel verzog mitfühlend das Gesicht, als sein Kollege sich mit zusammengebissenen Zähnen und einem unterdrückten Schmerzlaut zurück auf den Rücken rollte und ihn dann noch einmal müde anblinzelte. „Beim Abendessen werde ich Sie nicht mehr davonkommen lassen. Und wenn ich Ihnen das Brot Stückchen für Stückchen zwischen die Zähne schiebe.“
Thiel winkte ab. „Schon gut schon gut. Sie schmieren, ich esse. Klingt nach einer vernünftigen Arbeitsteilung.“
Boernes einzige Reaktion bestand aus einem leisen Schnauben, dann ließ er die Augen wieder zufallen.



Thiel blieb noch eine Weile im Zimmer sitzen und beobachtete seinen ruhebedürftigen Kollegen beim Schlafen. Wie so oft in den letzten Tagen hing er dabei seinen Gedanken nach; und einmal mehr fragte er sich, was passiert wäre, wenn er an diesem Freitagmorgen das Telefon in der Tasche gelassen hätte. Wie die Dinge sich entwickelt hätten, wenn jemand anders aus seinem Team sich um den Fall hätte kümmern müssen.

Ob dieser Alptraum ihnen allen erspart geblieben wäre.
Oder ob es noch mehr Tote gegeben hätte.

Doch darauf konnte ihm niemand eine Antwort geben.


Comments

iskandra
11. Mär 2013 02:34 (UTC)
So, ich jetzt auch noch-*

Ein wirklich schöner Abschluss, und ich habe ebenso bei der Stelle mit der Schwester erstmal geschluckt-aber mir fiel dann auch gleich wieder ein, dass Boerne ja nicht der Einzige mit Schwester war ;-) Das Ganze hatte jedenfalls auch wieder richtig "filmische" Qualität - das ist zwar stimmungsmäßig natürlich nicht wie die normalen Münsteraner Tatorte gewesen, aber ich konnte es mir trotzdem super als finsterere Version vorstellen - eben wirklich alptraummäßig! Ganz dickes Lob!

(*Es hat bei mir etwas gedauert, die letzte Woche war anstrengend erst mit Warnstreik und dann noch als Begleitung mitfahren zu einem Besuch in der Gedenkstätte Buchenwald - da hat's mir die Stimmung für den Rest der Woche verhagelt...ich war zu DDR-Zeiten schonmal da und sollte jetzt zwei 9. Klassen ein bisschen was erzählen - mein Mann war der Begleitlehrer und hat mich bequatscht mitzufahren. Jedenfalls ging mir das wieder sehr nahe...sorry also, falls du befürchtet hast, ich hätte nix mehr zu sagen!)
baggeli
11. Mär 2013 07:53 (UTC)
Ein wirklich schöner Abschluss, und ich habe ebenso bei der Stelle mit der Schwester erstmal geschluckt-
Jawoll, geschafft! ;o) Und wenn auch nur für zwei Sekunden... *lol*

das ist zwar stimmungsmäßig natürlich nicht wie die normalen Münsteraner Tatorte gewesen
DA hast du zweifellos recht - aber das sind ja alle Slashgeschichten auch nicht, von daher habe ich kein schlechtes Gewissen. Der Canon ist da, um ignoriert zu werden. *flöt* *pfeif*

Ganz dickes Lob!
Danke!! *hüpf*

sorry also, falls du befürchtet hast, ich hätte nix mehr zu sagen!
Ich hatte in der Tat die Sorge, dass dir der Abschluss nicht gefallen hat. Umso schöner, wenn das nicht der Fall war! =)

Latest Month

April 2018
S M T W T F S
1234567
891011121314
15161718192021
22232425262728
2930     

Tags

Gehostet von LiveJournal.com
Designed by Tiffany Chow