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Story: Feierabend - Kapitel 1

Thiel hätte es besser wissen müssen; er hätte einfach schon ins Kalinka vorfahren und das erste Bier trinken können. Stattdessen hatte er sich breitschlagen lassen, Boerne zu begleiten…

Wörter: 3300
Genre: Freundschaft, h.c., etwas Krimi, anscheinend auch etwas Drama ;o)
A.N.: Die Krimihandlung ist exakt so realistisch, wie bei jedem echten Münsteraner Tatort; das bedeutet, auf einer Skala von eins bis zehn bekommt die Glaubwürdigkeit des Plots eine glatte minus vier. xD   (ihr seid gewarnt worden… ich habe nie behauptet, Krimis schreiben zu können; genaugenommen habe ich nie behauptet, irgendwas schreiben zu können)
Warnungen: ohne Beta und mitten in der Nacht veröffentlicht... ich weiß nicht, wie viele Fehler und Klöpse hier versteckt sind




Thiel schnaubte entnervt. Wie war er nur wieder in diese Situation geraten? Sie hatten es sich doch eigentlich im Kalinka gemütlich machen wollen, etwas Leckeres essen und ein paar Bierchen genießen… schließlich feierte die Kneipe Jubiläum und Nadeshdas Vater hatte neben vielen anderen Gästen dazu auch die Bekannten und Kollegen seiner Tochter herzlich eingeladen: Thiel selbst, seinen Vater, Professor Boerne; auch Frau Haller würde kommen und sogar die Staatsanwältin hatte sich angekündigt.


Aber statt gemütlich auf der kleinen Terrasse vor dem Kalinka in der Sonne zu sitzen und das erste Bier zu trinken, fand Thiel sich in einer scheinbar vor Jahren aufgegebenen Chemiefabrik irgendwo am Stadtrand von Münster wieder, in der Boerne „…nur ganz kurz eine wichtige Theorie nachprüfen musste."

Thiel fluchte, als er hinter dem flink vorankletternden Professor über die Bruchstücke einer alten, nun halb eingefallenen Mauer kraxelte. „Sagen Sie mal, was zur Hölle machen wir denn hier, Boerne? Die Hütte hier ist doch lebensgefährlich, da kann uns ja jederzeit die halbe Decke auf den Kopf krachen!"

Boerne reagierte nicht groß auf ihn, sondern lief unbeirrt weiter. Für einen kurzen Moment erwog Thiel, einfach stehen zu bleiben. Aber dann folgte er seinem Kollegen doch. Allein mitten in der Ruine rumzustehen, brachte ihm ja irgendwie auch nichts und den Weg zurück würde er wahrscheinlich gar nicht ohne Hilfe finden. Außerdem war Boerne so zielstrebig unterwegs, man hatte fast den Eindruck, er wüsste, wo er hinging.

Nach ein paar weiteren Metern betraten sie einen hallenähnlichen, sehr hohen Raum, in dem früher einmal große Becken mit Chemikalien gestanden haben mussten; ein halbes Dutzend dieser inzwischen rostzerfressenen Relikte war noch vorhanden. Boerne steuerte ohne zu zögern auf einen dieser alten, voluminösen Tröge zu, der auf halber Höhe des langgezogenen Raumes nahe der Wand stand.
An der Wanne angekommen, drehte er sich zu Thiel um und öffnete schon den Mund, aber bevor er das Wort ergreifen konnte, machte Thiel erst einmal seinem Frust Luft. „Boerne, können Sie mir jetzt verdammt nochmal erklären, was wir hier eigentlich tun? Ich hab‘ Feierabend!!"

Boerne zog irritiert die Augenbrauen hoch und sah ihn über seine Brille hinweg an. „Das will ich doch gerade. Vielleicht könnten Sie ihre unproduktive Krittelei für einen kurzen Moment einstellen, damit ich Sie an meiner These teilhaben lassen kann."
Thiel verdrehte die Augen, aber das bemerkte der Professor gar nicht. Er hatte sich schon wieder dem Behälter zugewandt und wies mit einer schwungvollen Geste hinein. „Hier wurden vor Jahren Metall- und Kunststoffgegenstände aller Art durch Galvanotechnik mit einem Chromüberzug versehen. Dazu hat man, wie Ihnen ja sicher völlig klar ist, Chromelektrolyte verwendet." Er warf dabei einen zynischen Seitenblick auf den Kommissar. „Wie Sie meinem Bericht entnehmen konnten, hat ihr ermordeter Bankräuber Laub- und Schmutzreste mit einer auffällig hohen Konzentration genau dieser Substanz an den Schuhsohlen gehabt." Nun deutete er mit beiden Händen auf den Boden. „Ich bin überzeugt, die Proben dürften ziemlich genau dem Bodengrund entsprechen, den wir hier vorfinden."

Thiel starrte ihn ungläubig an. Boerne hatte ihn in dieses entlegene Loch geschleppt, weil er der Meinung war, dass sich das Mordopfer ihres aktuellen Falles vor seinem Tod hier aufgehalten hatte? „Boerne, sind Sie noch zu retten?" Er zeigte ihm aufgebracht einen Vogel. „Es gibt doch sicher wer weiß wie viele Firmen in und um Münster, die diese Technik anwenden. Die beiden Räuber werden doch nicht ausgerechnet hier gewesen sein, um sich gegenseitig abzumurksen! Und woher zum Geier wissen Sie so genau, dass in dem Becken da früher mit Chrom galovani… äh… rumgepfuscht wurde? Wie kommt es, dass Sie sich hier auskennen?"
Boerne verdrehte nun seinerseits die Augen in den Himmel. „Galvanotechnik, Thiel. Galvanisieren. Das ist doch nicht so schwer! Wie hatten Sie es doch gleich durch die Schule geschafft?" Er drehte sich weg. „Ich hatte hier einmal einen Ferienjob, das ist ewig her. Und abgesehen davon haben die Bankräuber sich nicht gegenseitig abgemurkst; einer von beiden dürfte noch leben und hat vermutlich seinen Kollegen auf dem Gewissen."

Thiel schnaubte nur, aber das interessierte Boerne nicht. Er begann gebückt, den Boden um das Becken herum einer genauen Betrachtung zu unterziehen, als Thiels Mobiltelefon klingelte.

Thiel holte es aus der Tasche und nach einem kurzen Blick auf das Display nahm er es ans Ohr. „Nadeshda?... Ja, tut mir leid, wir haben einen kleinen Umweg gemacht. Zwanzig Minuten noch, dann trudeln wir bei Ihnen ein. Stellen Sie das Bier schon mal kalt… Was?... Ach, wir sind in so `ner alten Chemiefabrik am Stadtrand. MBW-Galvanik oder so ähnlich heißt der Schuppen... Wie, sie kennen den Laden? Sowas... Hehe, Boerne ist überzeugt, dass unser Bankräuber hier ermordet wurde. Wahrscheinlich hofft er auch noch darauf, die Beute hier zu finden!" Thiel grinste bei diesen Worten über das ganze Gesicht. „Ja, ich erzähl’s Ihnen gleich bei `nem Bier ganz in Ruhe. Bis nachher!"


Boerne hatte sich während dieses Telefonates aufgerichtet und funkelte den Kommissar zornig an. „Thiel, Sie sind einfach entschieden zu engstirnig! Sie müssen zugeben, dass diese alte Fabrik ein ganz ausgezeichnetes und abgelegenes Versteck darstellt. Hier kann man sich nach einem Bankraub durchaus erst einmal in Sicherheit bringen oder seine Beute verstecken. Außerdem gibt es nur eine recht begrenzte Anzahl von Betrieben in der Umgebung, die sich dieser Technik verschrieben haben, und in allen bis auf dieser wird gearbeitet."
Als Thiel nur seufzend den Kopf schüttelte, drehte der Professor sich wieder weg.
„In seinen Haaren fanden wir reichlich Schmutzpartikel, die mit denen unter seinen Schuhen übereinstimmen. Es ist davon auszugehen, dass er hier auf dem Boden gelegen hat." Boerne gab jedenfalls nicht so schnell auf.

Thiel steckte ergeben die Hände in die Taschen und folgte ihm gemächlich, als Boerne weiter erläuterte: „Die Menge des Schmutzes legt die Vermutung nahe, dass er nicht mehr lebendig war, als er mit den Haaren hineingeriet. Er hat sich nicht mehr gekämmt oder geduscht. Und das würde bedeuten, dass hier auf diesem Boden irgendwo Blutspuren sein mü…" Als Boerne mitten im Satz abbrach und plötzlich in die Hocke ging, wurde Thiel gegen seinen eigenen Willen neugierig. „Hey, was ist denn? Jetzt sagen Sie nicht, Sie haben tatsächlich was gefunden?"

Boerne schaute ihn über seine Schulter hinweg an, ein überlegenes Lächeln im Gesicht. Wortlos wies er mit dem Kopf auf den Boden und Thiel trat näher. Was er da in Staub, Schmutz und Laubresten sah, war ganz ohne Zweifel eine eingetrocknete Blutlache. Verblüfft hockte er sich ebenfalls hin und starrte ungläubig auf den Flecken vor seinen Füßen. „Ich glaub‘, mich tritt ein Pferd!"

Der Professor zog einen Kugelschreiber aus der Tasche und schob damit ein paar blutdurchtränkte Eichenblätter an die Seite; auf dem dreckigen Beton darunter kam die plattgedrückte Hülse einer Patrone zum Vorschein. „Ich wette, dieses Geschoß ist für das Loch im Schädel unseres verblichenen Räubers verantwortlich." Boerne klang mehr als selbstgefällig, als er sich aufrichtete, ein wenig imaginären Staub von seinem dunklen Anzug wischte und sich dann mit seiner typischen Bewegung die Brille hochschob.

Thiel musste zugeben, dass er allen Grund zur Selbstgefälligkeit hatte – auch wenn er das natürlich niemals laut zugeben würde. „Ich ruf‘ die KTU an, und Nadeshda", brummte er und fuhr sich dann in einer fast frustrierten Geste durch die Haare. „Verdammt, und ich hatte mich so auf ein Bier gefreut."
Daraufhin starrte Boerne ihn ganz indigniert an. „Ist das Ihr Ernst? Und ich dachte, Sie sind froh und dankbar, dass meine Hilfe Sie in Ihrem Fall einen entscheidenden Schritt weitergebracht hat?!"
Thiel schnaubte nur. „Nu sträuben Sie mal nicht gleich so ihr Gefieder, Boerne. Das war ja nicht ernst gemeint. Außerdem wissen wir doch gar nicht, wessen Blut das hier ist." Boerne wollte schon wieder den Mund aufmachen, als Thiel abwehrend die Hände hob. „Ganz ruhig! Die Chancen stehen natürlich gut, dass Sie Recht haben."


Auch Thiel stand nun auf und zog sein Mobiltelefon aus der Tasche; nach ein paar Sekunden hatte er seine Assistentin wieder am Apparat. „Nadeshda? Sie werden es nicht glauben, aber der Professor hat tatsächlich etwas gefunden. Hier sind Blutspuren und eine Patronenhülse. Schicken Sie mal die KTU her." Während er weiterredete, drehte er sich zu Boerne um, der nun mit verschränkten Armen und zufriedenem Gesichtsausdruck an der Wand lehnte und dem Gespräch lauschte. „Am besten kommen Sie selber auch mit, ok Nadeshda? Das mit dem Essen holen wir dann..."

In dieser Sekunde ertönte ein ohrenbetäubender Knall; ein Geschoß schlug zwischen ihm und Boerne in die Betonmauer ein und ließ ein faustgroßes Stück davon in einem Schauer von scharfkantigen Schrapnellen explodieren. Zu Tode erschreckt warf Thiel sich in einer instinktiven Bewegung hinter den großen Metallbehälter, in dessen Nähe sie standen.
Boerne neben ihm war bei dem Schuss zusammengezuckt wie von einem Peitschenhieb getroffen, den Bruchteil einer Sekunde später landete er ebenfalls auf dem Boden und kroch in Deckung.
Thiel riss hastig seine Dienstwaffe hervor und zischte in das Telefon, dass er geistesgegenwärtig festgehalten hatte: „Nadeshda, wir sind hier unter Feuer geraten! Schicken Sie sofort Verstärkung!!" Dabei kroch er schleunigst an den Rand des Troges, klappte dann sein Handy zu und versuchte ganz vorsichtig, einen Blick in die Halle zu werfen; er musste wissen, wo sich der Schütze befand.

Für einen kurzen Moment erspähte er am anderen Ende der Halle einen dunkelhaarigen Mann, der seine Waffe im Anschlag hatte. Aber zur gleichen Zeit entdeckte der ihn ebenfalls und feuerte umgehend zwei weitere Schüsse auf ihn ab.
„Oh Kacke!" fluchte Thiel leise, als er hektisch wieder hinter den Behälter abtauchte. „Boerne, halten Sie bloß den Kopf unten, klar?" Er warf einen kurzen Blick über seine Schulter und stellte erleichtert fest, dass Boerne tatsächlich in Deckung gegangen war und keine Anstalten machte, aus der Reihe zu tanzen. Das war ja bei dem Mann nicht unbedingt selbstverständlich. „Wir sitzen hier wie auf dem Präsentierteller", flüsterte er dem Professor leise zu. "Der kann uns von zwei Seiten fertigmachen. Wir müssen hier weg."

Boerne starrte ihn entgeistert an. „Wie denken Sie sich das? Wollen Sie aufstehen und hier weglaufen? Der hat uns doch in einer Sekunde umgenietet!" Er war etwas blass, hatte sich scheinbar noch mehr erschreckt als der Kommissar. Aber das wunderte Thiel nicht, Boerne war schließlich im Gegensatz zu ihm für solche Situationen nicht trainiert worden.

Thiel legte sich nun auf den Boden, robbte etwas vor und riskierte erneut einen kurzen Blick in den großen Raum. Es wurde zwar diesmal nicht auf ihn geschossen, aber sehen konnte er auch nichts. Unverrichteter Dinge kroch er zu Boerne zurück, um auf der anderen Seite ihrer Deckung einen Blick in die Halle zu werfen. „Scheint, Sie hätten mal wieder voll ins Schwarze getroffen", knurrte er dabei leise. „Entweder wir haben den Typ hier in seinem Versteck aufgescheucht oder wir stören ihn, weil er die Beute holen will. Boah, wenn Sie das nächste Mal eine Theorie überprüfen wollen, nehme ich `ne Hundertschaft mit! Erinnern Sie mich dran, klar?"

Boerne verdrehte bei dieser Frotzelei genervt die Augen. „Mensch Thiel, lassen Sie doch das Lamentieren sein! Überlegen Sie lieber, was wir tun sollen. Bis Ihre Kavallerie da ist, dauert es nämlich noch ein Weilchen!" Damit brachte Boerne auf den Punkt, was Thiels größte Sorge war.



Der Kommissar hatte sich, so gut er es von seinem eingeschränkten Sichtfeld aus konnte, ein Bild von der Umgebung gemacht. „Wohin führt die Tür dahinten?" fragte er leise und deutete auf einen Durchgang in der Wand rechts von ihnen. „Erinnern Sie sich daran?"
Boerne schloss die Augen und auf seiner Stirn erschien die steile Falte, die zeigte, dass er angestrengt nachdachte. „In einen Lagerraum. Regale bis zur Decke."
Thiel war direkt ganz interessiert. „Gab es einen weiteren Ausgang? Und was ist mit Fenstern?" Während er Boerne die Informationen abforderte, ließ er seinen Blick unausgesetzt hin und her wandern, die Gefahr war groß, dass der Schütze sie in ihrem Versteck überraschen würde.
„Da sind ein paar Fensterluken ganz oben unter der Decke", murmelte Boerne. Dann öffnete er seine Augen und blickte Thiel an. „Eine zweite Tür gab es nicht." Sein Gesichtsausdruck zeigte, dass er sich absolut sicher war.

„Schade, ein zweiter Ausgang wäre perfekt gewesen, wir hätten uns aus dem Staub machen können. Aber naja, trotzdem werden wir reingehen." Thiels Ton machte deutlich, dass er keine Widerrede duldete. „Wir können in dem Raum in Deckung gehen. Wenn er zu uns will, hat er keine andere Wahl, als durch die Tür zu kommen. Und wenn er das versucht, haben wir ihn."
Boerne schaute ihn zweifelnd an, aber sagte nichts. Er hatte wohl selber auch keine bessere Idee vorzubringen. Und dass sie an dieser Stelle nicht geschützt genug waren, sah sogar er ein.


Thiel robbte wieder nach rechts und winkte Boerne heran. Der Professor kam wortlos hinterher und drückte sich direkt neben Thiel eng an den Metallbehälter.
„Es sind vielleicht sechs Meter bis zur nächsten Wanne. Wenn wir es dahinter geschafft haben, können wir problemlos in das Lager verschwinden." Thiel ließ seine Augen wieder durch die Halle streifen. „Am besten rennen wir beide gleichzeitig los, um ihn zu überraschen. Wenn wir nacheinander gehen, ist die Gefahr zu groß, dass er den zweiten von uns schon erwartet und abknallt, sobald er aus der Deckung kommt."
Boerne nickte ihm stumm zu, auf seinem farblosen Gesicht lag ein entschlossener Zug.
„Auf drei", flüsterte Thiel leise. Länger zu warten würde ihre Lage nicht verbessern. „Eins… zwei… drei!"

Thiel sprang auf und stürmte los. Aus dem Augenwinkel sah er, wie Boerne es ihm gleichtat. Gebückt versuchte der Kommissar, die wenigen Meter bis zum nächsten Bottich mit heiler Haut zurückzulegen. Er hatte dabei seine Waffe in der Hand und feuerte sie blind ein paarmal ab, um ihren Gegner nach Möglichkeit einzuschüchtern. Aber das funktionierte nicht; das Feuer wurde gnadenlos erwidert. Schüsse flogen Thiel um die Ohren, trafen die Wand hinter ihm, wirbelten den Dreck unter seinen Füßen auf.
Boerne war etwas schneller als er und erleichtert sah Thiel, wie der Professor sich unversehrt hinter die schützende Metallwanne warf. Aber kurz bevor er selbst mit einem großen Sprung hinterher hechten wollte, fühlte er einen starken Schlag an seiner Wade. Das Bein wurde ihm förmlich unter dem Körper weggerissen und im nächsten Moment stürzte er zu Boden und schrie auf, als ihn ein siedend heißer Schmerz durchfuhr.

Wie gelähmt bleib Thiel liegen und umklammerte seine Wade, völlig hilflos, nicht in der Lage, den einen letzten Meter zurückzulegen. Die Schmerzen vernebelten ihm den Verstand, Thiel konnte keinen klaren Gedanken fassen. Er erwartete nur, jeden Moment von einer weiteren Kugel getroffen zu werden. Aber das passierte nicht; stattdessen wurde er fast unmittelbar von zwei kräftigen Händen gepackt und unsanft aus der Gefahrenzone gezerrt - Boerne hatte seine Deckung verlassen, um ihm zu helfen.
Einen Augenblick später flogen erneut Kugeln, aber sie prallten wirkungslos an dem Metallgehäuse ab, hinter dem der Professor den keuchenden Kommissar in Sicherheit gebracht hatte. Thiel stöhnte auf, als Boerne ihm keine Pause gönnte, sondern ihn direkt weiter in den alten Lagerraum schleifte, der ihr eigentliches Ziel gewesen war. Boerne schleppte ihn hinter ein paar Regalreihen, ein Stück weg von der Tür.
Wenig behutsam wurde Thiel in einer etwas sichtgeschützten Ecke abgesetzt, wo er sich kraftlos gegen das deckenhohe Metallgestell zurücksinken ließ.
Ihm brach der kalte Schweiß aus.



Wie durch einen Nebel hindurch beobachtete er den Professor durch die größtenteils leeren Ablagefächer dabei, wie er sein Mobiltelefon aus der Tasche zerrte, währenddessen einen alten Schraubenschlüssel vom Boden aufhob und damit neben der Tür Posten bezog.
Thiel versuchte, sich auf seine Atmung zu konzentrieren und den Schmerz etwas auszublenden, als er wie aus weiter Ferne hörte, dass Boerne leise zu reden begann. „Nadeshda, rufen Sie sofort einen Krankenwagen, Thiel hat sich eine Kugel eingefangen! Der Wahnsinnige hier in der Halle ist gemeingefährlich, seien Sie bloß vorsichtig, wenn Sie die Fabrik stürmen... In die Wade, keine Sorge… jetzt reden Sie nicht lange, machen Sie einfach!"
Vom Rest des Gespräches bekam Thiel nicht mehr viel mit.


Es war ihm nicht bewusst, dass er seine Augen geschlossen und sein Kinn hatte sinken lassen, bis sein Kopf von zwei kühlen Händen beinah schmerzhaft gefasst und angehoben wurde. Erschreckt riss er die Augen wieder auf und starrte in Boernes bleiches Gesicht, das sich unmittelbar vor seinem befand. „Thiel! Sie werden sich jetzt zusammenreißen und nicht wieder die Besinnung verlieren, verstanden?" Boerne sprach leise und eindringlich. Einen solchen Tonfall hatte der Kommissar noch nie bei seinem Kollegen gehört, er klang besorgt, aber gleichzeitig so fordernd und bestimmend, dass Thiel gar nicht anders konnte, als zu nicken.
Boerne schien befriedigt, als er sah, dass der Kommissar wieder etwas klarer war. „Nehmen Sie Ihre Waffe und behalten Sie die Tür im Auge, ich muss Ihr Bein verbinden. Schaffen Sie das?"
„Ja", krächzte Thiel heiser. „Ja, das schaffe ich." Er nahm seine Waffe wieder in die Hand, die vorher irgendwann von ihm unbemerkt zu Boden gefallen sein musste. Er wusste nicht, wie lange er so dagesessen hatte, aber durch die Ruhe hatte der Schmerz in seiner Wade etwas nachgelassen, ließ ihm nicht mehr bei jeder Bewegung schwarze Punkte vor den Augen tanzen.
Der Professor musterte ihn noch einmal und gab dann sein Gesicht frei. „Gut. Ich kann mich schließlich nicht um alles kümmern", murmelte er dabei.


Thiel beobachtete nun mit zusammengekniffenen Augen die Tür, während Boerne sich ein wenig drehte, so dass er neben Thiels Beinen kniete. Vorsichtig zog er den Jeansstoff etwas hoch und nahm die Verletzung in Augenschein.

Der Kommissar konnte ein schmerzerfülltes Stöhnen nicht verhindern, als Boerne behutsam die Wade untersuchte und sein Bein dabei leicht hin und her bewegte. „Thiel, Sie konzentrieren sich weiter auf die Tür, klar?" Boerne wandte den Blick gar nicht von der recht stark blutenden Verletzung ab, aber sein Tonfall reichte aus, dass Thiel sich wieder auf seine Aufgabe besann und den Eingang bewachte.

Nach ein paar Sekunden zerrte Borne eilig seinen Schlipsknoten auseinander und riss sich die Krawatte vom Hals. Dann beugte er sich mit einem leisen Ächzen vor und schnürte den Stoffstreifen unterhalb von Thiels Knie um die Wade. Er zog die Krawatte so fest, dass Thiel gequält aufstöhnte.
Boerne sah sichtbar besorgt zu ihm und legte eine Hand auf sein Knie. „Ich habe das Bein abgebunden, sonst bekomme ich die Blutung nicht unter Kontrolle. Haben Sie die Tür im Blick?"
Thiel nickte mit zusammengebissenen Zähnen. Während er seine Waffe griffbereit in den verschwitzten Händen hielt, machte er sich darauf gefasst, dass jeden Moment der Lauf einer Pistole im Türrahmen auftauchen könnte.

Nach wenigen weiteren Handgriffen schien Boerne mit dem Verbinden fertig zu sein. Er ließ sich auf die Fersen sinken und öffnete seinen obersten Hemdknopf, wie er es immer tat, wenn er keine Krawatte trug. Dann schloss er für die Dauer eines leicht zittrigen Atemzuges die Augen, bevor er sich Thiel zuwandte.

„Nadeshda hat gesagt, die Einsatzkräfte werden in ungefähr zehn Minuten eintreffen", flüsterte er. „Aber bis sie die Halle umstellt haben und zu uns vordringen können, wird es noch eine Weile dauern. Halten Sie das durch?"
„Es wird mir nichts anderes übrig bleiben", murmelte Thiel tonlos. Er fühlte sich elend, hatte allerdings den Eindruck, dass es in den letzten Minuten nicht viel schlechter geworden war; das lag wohl daran, dass Boerne die Blutung gestoppt hatte. Trotzdem musste er wieder mehr kämpfen, die Augen offen zu halten; seit Boerne an seinem Bein hantiert hatte, waren die Schmerzen doch wieder deutlich schlimmer geworden.

Boerne drückte noch einmal ermutigend sein Knie, dann nahm er erneut den Schraubenschlüssel zur Hand, den er abgelegt hatte und stand etwas schwerfällig auf. "Ich halte wieder an der Tür Wache", bemerkte er dabei mit gedämpfter Stimme. „Ob man Ihren Schießkünsten im Moment trauen kann, wage ich nämlich ernsthaft zu bezweifeln. Ihnen zittern ja mächtig die Hände." Er zwinkerte Thiel dabei zu.

Thiel schnaubte und richtete sich etwas auf. „Mann, halten Sie doch die Klappe! Ich möchte sehen, wie Sie flattern, wenn Sie `ne Kugel im Bein stecken haben. Und sogar ohne würden Sie noch an einem Scheunentor vorbeiballern!"
Boerne lächelte nur. "Das ist ein glatter Durchschuss, Thiel", versicherte er. "In zwei Wochen ist alles vergessen." Damit wandte sich ab.
Thiel lehnte sich wieder zurück und beobachtete kopfschüttelnd, wie Boerne sich mit langsamen Schritten an der Regalreihe entlang auf die Tür zubewegte, um dort erneut Posten zu beziehen.

Er war noch nicht ganz am Türrahmen angekommen, als plötzlich und völlig geräuschlos ihr Angreifer das Lager betrat.


t.b.c.

( Feierabend - Kapitel 2 )>>

Comments

( 7 Kommentare — Kommentar hinterlassen )
veradee
14. Aug 2012 09:50 (UTC)
Du bist ja unermüdlich. Toll!

Thiel hätte es wirklich besser müssen. Da haben sich die beiden ja mal wieder in eine ziemlich missliche Lage gebracht. Ich mag die Mischung aus Spannung, Humor und etwas Drama. Noch habe ich ja Hoffnung, dass die zwei lebend davon kommen. ;)

Noch finde ich es auf den jeden Fall sehr realistisch. Die vielen kleinen Details, die Du eingebaut hast, lassen sowohl Thiel und Boerne als auch die Situation, in die sie geraten sind, sehr plastisch erscheinen.
baggeli
14. Aug 2012 12:35 (UTC)
Hehe, das sind nette Worte! Aber mit Realität hat es nun wirklich nichts zu tun, dass Thiel und Boerne tatsächlich auf den Tatort stossen... ob sich Chromelektrolyte nach Jahren noch irgendwo nachweisen lassen, sei auch mal dahingestellt... aber irgendwie musste ich die zwei halt in eine alte Firma locken, sonst könnte ich sie nicht so herrlich in Schwierigkeiten bringen. authors freedom sozusagen *zwinker*
Dass ich Thiel und Boerne einigermassen hinkommen habe, hoffe ich zwar; aber es hat ja jeder von uns eine ganz eigene Vorstellung von den beiden, da wird der eine oder andere bestimmt denken, dass das vorne und hinten nicht recht passt.
veradee
14. Aug 2012 16:16 (UTC)
Nimm mir doch nicht meine Illusionen. Ich weiß doch noch nicht einmal, was Chromelektrolyte sind. ;)
baggeli
14. Aug 2012 18:12 (UTC)
Ich auch nicht *prust*
cricri_72
14. Aug 2012 20:37 (UTC)
Also, Klöpse finde ich hier ja nicht :)

Und so wahnsinnig unrealistisch finde ich den Fall hier auch nicht - insbesondere gemessen an Münsteraner Tatorten ;) Der Text liest sich sehr spannend und dynamisch, und der Cliffhänger ist ja wieder mal zum Nägelbeißen ...

Sehr schön der geradezu klassische Einstieg mit Thiel, der hinter Boerne ins Chaos stolpert.

Und woher zum Geier wissen Sie so genau, dass in dem Becken da früher mit Chrom galovani… äh… rumgepfuscht wurde?
*snicker*

Ferienjob
eine lustige Vorstellung, Boerne beim Ferienjob :)

Boerne neben ihm war bei dem Schuss zusammengezuckt wie von einem Peitschenhieb getroffen, den Bruchteil einer Sekunde später landete er ebenfalls auf dem Boden und kroch in Deckung.
Schön zu sehen, daß er notfalls doch auch einen gewissen Selbsterhaltungstrieb besitzt!
Er warf einen kurzen Blick über seine Schulter und stellte erleichtert fest, dass Boerne tatsächlich in Deckung gegangen war und keine Anstalten machte, aus der Reihe zu tanzen. Das war ja bei dem Mann nicht unbedingt selbstverständlich.
Das meinte ich ...

Die Szene, in der Thiel angeschossen wird, ist extrem spannend und anschaulich. Und realistisch - z.B., daß Boerne keine Zeit hat, vorsichtig zu sein, und Thiel einfach in Deckung schleift. Manchmal muß man Prioritäten setzen :)

Es war ihm nicht bewusst, dass er seine Augen geschlossen und sein Kinn hatte sinken lassen, bis sein Kopf von zwei kühlen Händen beinah schmerzhaft gefasst und angehoben wurde. Erschreckt riss er die Augen wieder auf und starrte in Boernes bleiches Gesicht, dass sich unmittelbar vor seinem befand. „Thiel! Sie werden Sich jetzt zusammenreißen und nicht wieder die Besinnung verlieren, verstanden?“ Boerne sprach leise und eindringlich. Einen solchen Tonfall hatte der Kommissar noch nie bei seinem Kollegen gehört, er klang besorgt, aber gleichzeitig so fordernd und bestimmend, dass Thiel gar nicht anders konnte, als zu nicken.
Boerne ♥
Schön geschrieben, man kann genau nachvollziehen, wie es den beiden in dem Moment geht.

„Gut. Ich kann mich schließlich nicht um alles kümmern“, murmelte er dabei.
... und Boerne bleibt trotzdem immer erkennbar ...

Er ließ sich auf die Fersen sinken und öffnete seinen obersten Hemdknopf, wie er es immer tat, wenn er keine Krawatte trug. Dann schloss er für die Dauer eines leicht zittrigen Atemzuges die Augen, bevor er sich Thiel zuwandte.
Solche Kleinigkeiten wie der Hemdknopf sind toll. Erst lächelt man noch darüber, daß er das selbst in dieser Lage nicht vergißt, und dann erwischst Du einen mit dem nächsten Satz. Die zwei haben bei Dir wirklich was zu leiden ;)

Ich habe ja einen Verdacht, was hier noch passiert sein könnte. Aber den schreibe ich Dir privat, nicht daß ich Spannung rausnehme ;)

Typos:
Nur das:
"Und dass Sie an dieser Stelle nicht geschützt genug waren, sah sogar er ein."

"Thiel! Sie werden Sich jetzt zusammenreißen"

Und dann bin ich noch hierüber gestolpert:
"Ich habe hier früher einen Ferienjob gemacht."
Würde Boerne "gemacht" sagen? Oder eher "Ich hatte hier einmal einen Ferienjob"?
baggeli
14. Aug 2012 21:19 (UTC)
Huhuuuuuuuuu!
Ich denke, die Spannung hab ich mit dem nächsten Kapitel schon selbst rausgenommen... :D

Die Fehler sind direkt verbessert worden und die Sache mit dem Ferienjob auch. Wirklich eine selten dämliche Formulierung, aber das würde man z.B. im Emsland so sagen, und das ist ja nicht sehr weit von Münster entfernt. Passt also zu Boerne!
(*Späßle* ...wollte nur vertuschen, dass Deutsch nicht gerade meine Stärke ist...)

Es ist immer toll, wenn du so ausführlich kommentierst! Die Sachen, die du rausgesucht hast, sind wie so oft viele von denen, die mir selber auch "wichtig" sind.

Ich frage mich immer, ob die Umschreibungen wie mit dem Hemdknopf z.B. zuviel sind; aber das sind die Dinge, die mir so auffallen, wenn ich mal einen Tatort im Fernsehen anschaue. Und das verwende ich dann gerne, in der Hoffnung, dass es die Charaktere noch etwas lebensechter macht. Naja, kann gut sein, dass das manchmal übers Ziel hinausgeschossen ist, keine Ahnung.

Ich hoffe, du hast den zweiten Teil inzwischen gefunden! :D

cricri_72
15. Aug 2012 06:50 (UTC)
Ja, und ich habe meinen "ich hatte echt"-Tanz schon aufgeführt :)
Wenn ich nicht beim Kommentieren den Text noch einmal sehr genau gelesen hätte, wäre ich nicht draufgekommen, dieses Gefühl beim ersten Lesen am Anfang, daß Boerne da verletzt wurde und z.B. deswegen in Deckung geht und nicht aus der Reihe tanzt, das hatte ich beim ersten Durchgang bis zum Ende schon vergessen.

Von daher hast Du für mich exakt die Waage gehalten zwischen Andeutung, so daß man beim 2. Kapitel nicht aus allen Wolken fällt, und zu viel verraten.

Das Kommentieren macht mir selbst auch immer Spaß (nur leider habe ich nicht immer Zeit, auch bei Texten, die mir sehr gut gefallen). Nebenbei lernt man noch einiges darüber, wie Geschichten ausgebaut sind. Das gilt auch fürs Betalesen. Im Deutschunterricht in der Schule interpretiert man Texte ja nur inhaltlich, aber man fragt sich nie, wie etwas geschrieben ist, damit es eine bestimmte Wirkung erzielt (so war es wenigstens bei mir).

Das mit dem Ferienjob habe ich mich nur bei Boerne gefragt, jeder andere würde das sicher so sagen. Und bei Boerne denke ich mir auch manchmal, daß er ja auch nicht immer druckreif spricht, das macht niemand ...

Hemdknopf
Finde ich absolut nicht zu viel. Für mich macht sowas die Texte immer "realistischer". (Wenn ich meinen Mann richtig verstehe, gehört das zu den Regeln der Herrenmode: Ohne Krawatte Knopf auf. Genauso wie Jacketts aufgeknöpft werden müssen, sobald sich jemand setzt.) Und wenn es etwas typisches für den Original-Charakter ist, dann verstärkt es die ICness. Man kann sich dann wirklich die Bilder dazu vorstellen.

( 7 Kommentare — Kommentar hinterlassen )

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