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Sommerbingo: Bloody Mary - Epilog

Titel: Bloody Mary
Prompt: Cocktails
Genre: fragt gar nicht erst, ihr kennt mich inzwischen
Zusammenfassung: „Du müsstest mich gut genug kennen um zu wissen, dass ich mich auf solch ein mieses Spiel niemals eingelassen hätte. Niemals. Ich hätte euch alle hochgehen lassen.“
Das war keine Lüge, er sagte die Wahrheit. Aber sie wollte ihm nicht glauben, das sah er an dem Ausdruck in ihrem Gesicht.
Und selbst wenn sie es irgendwann tat, war sein Schicksal dennoch besiegelt.
Wörter: 5600
A.N.: Dieser Epilog ist nicht so, wie ich es wollte. Aber irgendwie ging es nicht besser.


Boerne lag lang ausgestreckt. Sein Kopf war auf die Seite gesunken, eine Hand lag neben ihm auf der Matratze, die andere ruhte auf seiner Brust. Er sah friedlich aus, entspannt. Als würde er schlafen.

Wäre da nicht der dicke Stapel Mullkompressen gewesen, der seitlich unter seinen Rippen klebte und sich deutlich unter seinem hellen T-Shirt abzeichnete.
Wäre da nicht die unnatürliche Reglosigkeit gewesen, mit der er dort lag.
Wären nicht die vielen Schläuche und Überwachungsgeräte an seinen Körper angeschlossen gewesen, die deutlich machten, dass diese Reglosigkeit alles andere als natürliche Ruhe war; eher Bewusstlosigkeit als Schlaf, ein erschöpfter, entkräfteter Zustand, der Thiel Angst einjagte.



Nicht zum ersten Mal in den letzten Stunden kämpfte sich der Kommissar aus seiner zusammengesunkenen Sitzposition auf die Füße und trat bis nah an das Bett. Dort angekommen fixierte er einmal mehr Boernes bleiches Gesicht, suchte nach einer Regung, einer leichten Bewegung. Irgendetwas, das ihm zeigte, dass sein Kollege endlich wieder zu sich kam, dass es ihm wirklich gutging.
Aber Boerne lag weiterhin totenstill, nur seine Brust hob und senkte sich kaum merklich unter seinen flachen Atemzügen.

Den normalerweise so dynamischen Mann derart schwach und krank zu sehen, konnte Thiel nur schlecht ertragen; er sehnte sich danach, ein paar Worte mit ihm zu wechseln und harrte nun schon so lange hier im Zimmer aus, aber Boerne rührte sich einfach nicht. Dabei war er im Laufe der letzten Nacht wieder zu Bewusstsein gekommen, wie Nadeshda ihm gleich heute Morgen freudestrahlend berichtet hatte.


Thiel wurde aus seinen trüben Gedanken aufgeschreckt, als hinter ihm eine verwunderte Stimme ertönte: „Was machen Sie denn hier? Sie sollen doch noch nicht allein aufstehen und nun ganz bestimmt nicht hier oben herumgeistern!“

Silke Haller kam eilig auf ihn zu, fasste ihn an am Arm und musterte ihn besorgt von oben bis unten. „Sie sind weiß wie die Wand. Kommen Sie, setzen Sie sich.“

Widerstandslos ließ Thiel sich von ihr zurück zum Sessel dirigieren und fiel dann mit einem leisen Seufzen auf das Sitzpolster.

„Alles in Ordnung mit Ihnen?“ Sie hatte die Stirn gerunzelt und sah ehrlich besorgt aus, doch Thiel winkte ab. „Es geht mir gut. Wirklich.“
„Nun, ich fürchte, das sieht man Ihnen nicht an.“

Thiel schmunzelte müde und machte sich auf die Vorhaltungen gefasst, die nun wohl folgen würden. Doch Frau Haller hatte offenbar anderes im Sinn; mit einem gutmütigen Augenzwinkern fuhr sie fort: „Ehrlich gesagt sehen Sie aus, als könnten Sie einen starken Kaffee vertragen. Ich denke, ich werde uns mal einen besorgen, was halten Sie davon?“
Ein dankbares Lächeln breitete sich auf seinem Gesicht aus als er nickte, einfach nur froh über die Tatsache, dass sie ihn hier bei Boerne sitzen ließ und sich stillschweigend mit ihm verbündete, anstatt die ärztlichen Anweisungen zu befolgen und ihn zurück in sein Bett zwingen zu wollen. Die kleine Frau hatte schon immer ein gutes Gespür dafür gehabt, was gerade wichtig war.

Sein Lächeln wich allerdings einem Ausdruck der Verblüffung, als eine leise Stimme vom Bett ertönte: „Bringen Sie mir in Gottes Namen einen mit. Ich habe heute Morgen nur Kamillentee bekommen.“
Es war unglaublich, wie viel Abscheu Boerne in diesen noch halb im Schlaf gemurmelten Satz legen konnte.


Thiels Kopf wirbelte herum und so schnell seine vielen Blessuren es zuließen, kam er wieder auf die Füße und humpelte zum Bett zurück, Frau Haller dicht auf den Fersen.

„Boerne! Wie fühlen Sie sich?“
Sein Kollege antwortete nicht gleich und Thiel argwöhnte schon enttäuscht, dass er wieder eingeschlafen sei, bis der Verletzte schließlich mühsam den Kopf in seine Richtung bewegte.
Boerne blinzelte ihn mit einem Auge an. Und dann auch mit dem zweiten, bevor er seine Erkenntnis verkündete. „Definitiv besser, als Sie aussehen.“ Damit ließ er die Augen wieder zufallen.

Diese heisere, zittrige Bemerkung war so eindeutig gelogen und so typisch Boerne, dass Thiel vor Erleichterung ein wenig die Knie weich wurden. Unauffällig stützte er sich mit einer Hand am Bett ab, doch Frau Haller war seine Unsicherheit nicht entgangen und noch bevor sie ihn mit sanfter Gewalt auf die Bettkante schob, brummte Boerne: „Setzen Sie sich hin, bevor Sie umkippen.“


Thiel hatte ihnen beiden nicht viel entgegenzusetzen und sank schwer auf die Matratze; als er dabei etwas unsanft an das Bett stieß, sog sein Kollege zischend die Luft ein und presste die Lippen zu einem weißen Strich zusammen.
„Tut mir leid!“ Betroffen beugte Thiel sich zur Seite und legte entschuldigend eine Hand auf Boernes Arm. "Es tut mir leid", konnte er sich nicht bremsen ein zweites Mal zu flüstern, die Worte nun halberstickt; doch diesmal bezog er sich nicht mehr auf seine Ungeschicklichkeit. Boernes Anblick jetzt gerade ließ all die Emotionen, die er in den letzten sechsunddreißig Stunden durchlebt hatte, mit einem Male wie eine Welle über ihm zusammenschlagen. Das Entsetzen, als der Professor durch Maries Schuss niedergestreckt worden war, die Schmerzen, die Verzweiflung, die Angst, die er ausgestanden hatte...  aber vor allem die bittere Erkenntnis, über Jahre hintergangen worden zu sein und es nicht bemerkt zu haben; das Gefühl, er hätte das alles verhindern können, wenn er nur aufmerksamer gewesen wäre.
Er fühlte sich, als würde der Boden unter ihm wanken und vergrub das Gesicht in den Händen.


"Thiel, hören Sie auf damit." Boernes Stimme war leise, aber so bestimmt, dass sie durch das Rauschen in seinen Ohren zu ihm durchdrang.
"Thiel, bitte. Sehen Sie mich an."

Es kostete ihn Kraft, aber er schaffte es, Boernes Anweisung Folge zu leisten. Als er sich mühsam wieder aufrichtete, spürte er, dass Frau Haller ganz nah bei ihm stand und eine Hand auf seine Schulter gelegt hatte.

"Es muss Ihnen nichts leidtun und das wissen Sie ganz genau." Boerne fixierte ihn mit einem Blick, wie er ihn noch nie bei seinem Kollegen gesehen hatte. Besorgnis, Mitgefühl und Verständnis spiegelten sich so deutlich darin, dass Thiel schlucken musste. "Hören Sie auf, sich Vorwürfe zu machen. Sie sind nicht für diese Vorfälle verantwortlich."

"Sie hat Sie fast umgebracht", flüsterte Thiel gequält.
"Uns beide", korrigierte Boerne. "Aber nur fast." Ein leichtes Schmunzeln huschte über sein Gesicht. "Und das ist das Entscheidende."

"Ich habe ihr vertraut." Thiel schloss für einen Moment die Augen, als er merkte, dass sie feucht wurden. "Sie war meine Partnerin und ich habe nicht gemerkt, dass sie die Seiten gewechselt hat."

"Dann ist sie eine verdammt gute Schauspielerin. Es kann nicht leicht gewesen sein, Sie und Ihre ganze Abteilung hinters Licht zu führen."


Thiel starrte ihn an und es brauchte eine Weile, bis einsank, was sein Kollege da gerade gesagt hatte.

Boerne hatte ihn nicht aus den Augen gelassen und nickte schließlich, bevor er mit einem leisen Seufzen in sein Kissen zurücksank. Worte waren nicht nötig in diesem Moment; Thiel nickte zurück.
Und er fühlte sich ein klein wenig leichter.


Frau Haller drückte aufmunternd seine Schulter. "Kommen Sie, Sie brauchen dringend eine Pause. Und ich glaube, der Chef muss sich auch noch etwas ausruhen."
Sie hatte zweifellos Recht; Thiel, der sich zu ihr umgewandt hatte, ließ seinen Blick nochmals über den Professor schweifen und stellte fest, dass dessen Augen schon wieder geschlossen waren. Boerne sah entkräftet aus und schien kurz davor, wieder einzuschlafen.

Thiel akzeptierte die Hand, die Boernes Assistentin ihm hinstreckte und erhob sich schwerfällig. Nach zwei Schritten allerdings musste er noch etwas loswerden und drehte sich zum Bett zurück. "Ich schätze, ich bin Ihnen was schuldig."
Das brachte noch einmal etwas Leben in seinen erschöpften Kollegen; ein selbstzufriedener Ausdruck huschte über Boernes Gesicht und seiner offensichtlichen Müdigkeit zum Trotz funkelten seine Augen ein wenig. „Das stimmt allerdings! Na, dann lassen Sie sich mal was Nettes einfallen."
Der Kommissar bekam allerdings keine Gelegenheit zu einer Antwort, denn Frau Haller mischte sich ein. "Sie könnten den Chef doch auf einen Cocktail einladen, das würde ihm bestimmt gefallen."


Thiel wusste nicht, ob er lachen oder den Kopf schütteln sollte, als sie amüsiert zu kichern begann. Boerne dagegen entrang sich ein gequältes Ächzen. "Das Niveau Ihres Humors ist derart tief, da müssten Sie bei jedem Schritt drüber stolpern.“
Sie grinste fröhlich und ließ zu, dass er ihre Hand nahm, ein deutliches Zeichen, dass sie ihm seine kleine Stichelei nicht verübelte. Dann sanken seine Augenlider langsam wieder herab und er murmelte nur noch leise: "Und jetzt bringen Sie endlich Thiel ins Bett, bevor er hier umkippt.“

"Geht klar. Und dass Sie sich in der Zwischenzeit benehmen, verstanden? Hier wird keine Schwester terrorisiert, sonst gibt's Ärger!"
Ein leises, geseufztes "mhmm", war Boernes einzige Reaktion. Er hatte eindeutig das Ende seiner Kräfte erreicht, man konnte dabei zusehen, wie er sekündlich weiter wegdriftete.
Frau Haller legte den Kopf schräg und Thiel beobachtete, wie sich ihr amüsiertes Grinsen in ein liebevolles Lächeln wandelte. „Chef?“, fragte sie ganz leise. „Was ist mit Ihrem Kaffee?“
Aber sie bekam keine Antwort mehr; wenige Sekunden später erschlaffte Boernes Griff um ihre Hand und sein Arm wäre kraftlos auf die Matratze gefallen, doch die Rechtsmedizinerin hielt ihn und legte ihn behutsam ab. Dann wandte sie sich ihm zu, das Lächeln immer noch in ihrem Gesicht.
„Einverstanden, wenn wir den Kaffee auf Morgen verschieben?“
Thiel nickte und lächelte zurück. „Klar.“ Morgen war gut.

Vor etwas mehr als vierundzwanzig Stunden war er noch sicher gewesen, kein Morgen zu erleben.
Morgen war gut.

<<Kapitel 4

Comments

( 2 Kommentare — Kommentar hinterlassen )
anja79
3. Jun 2013 10:04 (UTC)
Gelungener Abschluss einer tollen Geschichte. Schön ist wieder der Umgang der Charaktere untereinander beschrieben.:)

baggeli
3. Jun 2013 18:20 (UTC)
Gelungener Abschluss einer tollen Geschichte
*freu*

Schön ist wieder der Umgang der Charaktere untereinander beschrieben
Schön, wenn du das sagst! :D Ich war irgendwie selber nicht so ganz glücklich damit, aber anders habe ich es auch nicht mehr hinbekommen und dann muss man es irgendwann auch mal gut sein lassen.
( 2 Kommentare — Kommentar hinterlassen )

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