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Titel: Asche zu Asche
Prompt:
Biergarten
Genre: Angst und Drama, damit ihr trotz der vielen fluffigen Sommerbingos nicht verweichlicht. (Lesen auf eigene Gefahr)
Zusammenfassung: „Was ist passiert?", konnte er nur leise stammeln, doch sein Kollege reagierte nicht gleich.
„Herrgott Thiel, was ist passiert??" Er war nun wesentlich lauter geworden und Thiel ein wenig zusammengezuckt, aber das war ihm im Moment herzlich egal.
Er fühlte, wie sich ihm die Kehle zuschnürte, als sein Nachbar ihn endlich wieder anblickte. Da war eindeutig Entsetzen in seinem Blick. Entsetzen, wie er es so offen noch nie bei Thiel gesehen hatte.

Wörter: 1700
A.N.: Dies Kapitel ist aus Boernes POV, der mir nicht liegt (bzw. noch schlechter liegt, als Thiel-POV). Bitte überlegt genau, ob ihr euch das antun wollt.


Es war wieder einer dieser Fälle, der ihm dank der Unfähigkeit der Kriminalpolizei die Nachtruhe gekostet hatte.
Am Vorabend war die Leiche einer jungen Frau in ihrer Wohnung aufgefunden worden, schlimm verprügelt, stranguliert. Schon auf den ersten Blick war Boerne sich absolut sicher gewesen, dass die Tat durch eine große Portion Frust, nein, vielmehr noch Hass motiviert gewesen war. Es konnte überhaupt kein Zweifel daran bestehen, dass der Täter im persönlichen Umfeld der Frau zu suchen sein musste, und das hatte er seinem Kollegen in seiner hilfsbereiten Art gleich am Tatort noch bis ins Detail auseinandergesetzt. Aber sein dickschädeliger, gegen jeden gutgemeinten Tipp nahezu allergischer Nachbar hatte wie so oft beschlossen, seinen Rat in den Wind zu schlagen, und begonnen, in alle Richtungen zu ermitteln.
Das Ergebnis war, dass die KTU mehr oder weniger den gesamten Hausstand des Opfers eingetütet und ihm ins Labor gestellt hatte.


Fast sechsunddreißig Stunden am Stück hatte er jetzt im Institut verbracht, ungezählte Asservate auf humangenetische Spuren untersucht und ein halbes Dutzend DNA-Tests gestartet, die alle ergebnislos verlaufen waren.

Die Obduktion des Opfers hatte er natürlich gleich als erstes abgeschlossen, wobei dort wie erwartet keine Überraschungen zutage getreten waren. Der Mord hatte sich präzise so abgespielt, wie er das Hauptkommissar Thiel und Nadeshda schon am Tatort erläutert hatte. Nicht, dass er eine Sekunde daran gezweifelt hätte; die Sektion hätte im Grunde Alberich allein durchführen können, doch selbstverständlich hatte er jeden einzelnen Punkt nach Vorschrift abgearbeitet. Niemand würde ihm in der Beziehung jemals Nachlässigkeit nachsagen können.

Nun endlich waren die letzten Untersuchungen abgeschlossen und er fühlte sich, wenn er sich selbst gegenüber ehrlich war, mehr als erschöpft. Alberich hatte er schon vor Stunden in den wohlverdienten Feierabend geschickt, nach der durchgearbeiteten Nacht hatte sie sich kaum noch auf ihren kurzen Beinen halten können. Abgesehen davon waren für die letzten Analysen, die noch zu erstellen waren, wirklich keine zwei Personen mehr notwendig.
Müde fuhr er sich durch die Haare und warf dann seine Brille auf den Schreibtisch, um sich die Augen zu reiben. Für einen Moment war er versucht, sich einfach auf das Sofa in seinem Büro zu legen und die wenigen Stunden bis zum Dienstbeginn hier zu schlafen. Doch dann siegte der Wunsch nach einem richtigen Bett und einer Dusche.


Seufzend quälte er sich auf die Füße, nahm seinen Autoschlüssel vom Schreibtisch und war gerade aus seinem Büro getreten, als völlig unvermittelt die Schiebetür vor ihm aufgerissen wurde und Hauptkommissar Thiel in den Flur platzte. Zu Tode erschrocken machte Boerne einen kleinen Satz nach hinten und wollte schon zu einer geharnischten Strafpredigt ansetzen, doch die Worte blieben ihm im Halse stecken, als ihm auffiel, wie Thiel aussah. Blass, die Augen weit aufgerissen und ein Ausdruck darin, den er nicht einordnen konnte.

„Was ist denn mit Ihnen los?" Besorgt trat er einen Schritt vor. „Geht es Ihnen nicht gut?"
Ihm wurde ganz unbehaglich zumute, als Thiel nach einem kurzen Rundumblick auf ihn zustürmte und seinen Arm fast schmerzhaft umfasste. „Verdammt Boerne, warum gehen Sie nicht ans Telefon? Ich hab‘ bestimmt zehnmal bei Ihnen angerufen!" Er bekam gar keine Gelegenheit zu erwidern, dass Thiel die ganze Zeit auf Alberichs Apparat angerufen hatte, da platzte sein Gegenüber schon heraus: „Wo ist Frau Haller? Ist sie hier?"

Immer verwunderter und irritierter über Thiels abnormes Verhalten schüttelte Boerne den Kopf. „Sie ist schon vor Stunden gegangen, sie hatte sich mit einer Freundin verabredet. Die beiden wollten einen Biergarten irgendwo etwas außerhalb besuchen, wenn ich mich nicht täusche."

Während seiner Antwort waren die Gesichtszüge des Kommissars versteinert; dann ließ Thiel seinen Arm fallen und schloss wie fassungslos die Augen.
Und ihm wurde mit einem Male ganz kalt.


„Was ist passiert?", konnte er nur leise stammeln, doch sein Kollege reagierte nicht gleich.
„Herrgott Thiel, was ist passiert??" Er war nun wesentlich lauter geworden und Thiel ein wenig zusammengezuckt, aber das war ihm im Moment herzlich egal.
Er fühlte, wie sich ihm die Kehle zuschnürte, als sein Nachbar ihn endlich wieder anblickte. Da war eindeutig Entsetzen in seinem Blick. Entsetzen, wie er es so offen noch nie bei Thiel gesehen hatte.

„Die Jungs vom Verkehr haben uns angerufen. Frau Hallers Auto ist vorhin in einen schweren Unfall verwickelt worden."
„Mein Gott Mann, so reden Sie doch! Was ist mit ihr?" konnte sich Boerne nicht bremsen zu schnappen, wobei ihm im gleichen Moment klar wurde, wie unsinnig das war.


Thiel sah aus, als wäre er kurz davor, sich zu übergeben, als er eine Antwort herauspresste. „Der Wagen hat Feuer gefangen, stand nach Augenzeugenberichten innerhalb von Sekunden lichterloh in Flammen. Die Feuerwehr konnte nichts mehr ausrichten. Als der Brand endlich gelöscht war, konnten sie nur noch zwei Leichen bergen, bis zur Unkenntlichkeit verkohlt."

Boerne stand wie erstarrt und stierte ihn nur wortlos an. Natürlich hatte er verstanden, was Thiel ihm da gerade gesagt hatte, aber sein Gehirn weigerte sich noch, die logischen Schlüsse zu ziehen. Das konnte nicht sein. Das konnte nicht wirklich passiert sein.
Nicht seine kleine Alberich.


Er war kaum mehr in der Lage, den Worten seines Kollegen zu folgen, als der mit heiserer Stimme fortfuhr: „Wir haben überall angerufen, bei ihren Eltern, bei den Geschwistern, Nadeshda war bei ihr zu Hause… aber wir können sie nicht ausfindig machen. Wir müssen davon ausgehen, dass sie in dem Wagen gesessen hat." Es war nur noch ein Wispern, mit dem er hinzusetzte: „Boerne, es tut mir leid."



Er merkte, wie der Raum sich um ihn zu drehen begann, kniff die Augen zu und musste sich an der Wand abstützen, spürte nur vage, dass Thiel wieder nach ihm gegriffen hatte und ihn nun hielt. „Boerne? Boerne, holen Sie Luft, verdammt nochmal! Boerne!"

Der feste Griff um seinen Oberarm und eine warme Hand, die sich in seinen Nacken legte, halfen ihm, langsam die Kontrolle über sich zurückzugewinnen. Ein paar Sekunden und einige tiefe Atemzüge später gelang es ihm, sich wieder aufzurichten und ungehalten schüttelte er Thiels Hände ab. In seinem Kopf rauschte es, er war kaum fähig zu rationalen Überlegungen. Nur ein einziger Gedanke beherrschte ihn.
„Ich muss dahin."

Er wollte an Thiel vorbeistürmen, doch sein Kollege hielt ihn am Kittel fest. „Ganz bestimmt nicht, da wird sich jemand anders drum kümmern."

Fast verzweifelt riss Boerne sich los und brüllte ihn regelrecht an: „Herrgott Thiel, Sie werden mir nicht verbieten herauszufinden, ob das Alberich ist da in diesem Autowrack!"

Thiel war einen Schritt zurückgefahren bei seinem heftigen Ausbruch und murmelte dann gequält: „Ich… ich will Ihnen nichts verbieten… Boerne bitte! Lassen Sie das jemand anders erledigen. Es kann nicht sein, dass Sie das übernehmen müssen."
Er sah aus, als ringe er um seine Fassung.

Aber davon wollte Boerne nichts hören. Er fuhr sich mit zittrigen Händen durch das Gesicht. „Ich bin der einzige hier, der das übernehmen kann und ich werde bestimmt nicht so lange warten, bis Sie irgendeinen Kollegen aus einem anderen Institut ausfindig gemacht haben, der sich darum kümmert. Lassen Sie mich jetzt in Gottes Namen dahin!" Wieder war er lauter geworden, aber er konnte sich einfach nicht zügeln.

Thiel wirkte so hilflos und unglücklich wie selten, als er schließlich nickte.


Nachdem Thiel seinem Drängen schließlich nachgegeben hatte, war wenige Minuten später Nadeshda mit dem Wagen vorbeigekommen und fuhr sie nun zur Unfallstelle.
Die Fahrt verbrachte Boerne wie in Trance. Seine Kollegen schwiegen und er sprach ebenfalls kein Wort. Die Stille im Auto war schwer und bedrückend, schied ihn und seine kreisenden Gedanken von der Außenwelt ab, aber um nichts in der Welt hätte er sie brechen können.


Als sie sich dem Ziel endlich näherten, sah er schon von weitem die unzähligen Blaulichter, deren kreisende Lichtkegel die Dunkelheit durchschnitten. Kollegen der Schutzpolizei hatten die Unfallstelle großräumig abgesperrt, ein paar aufgestellte Scheinwerfer sorgten für genügend Licht. Beamte wimmelten durcheinander, versuchten, den Unfallhergang zu rekonstruieren, zeichneten Kreidestriche auf die Straße, machten Fotos.

Zwei große Feuerwehrwagen waren gerade dabei, wieder abzufahren, das zweite Fahrzeug, das, das in den Unfall verwickelt gewesen war, wurde gerade auf einen Abschleppwagen verladen.


Noch bevor Nadeshda den Wagen endgültig geparkt hatte, riss Boerne die Türe auf. Er ignorierte seine Umgebung, ignorierte die Blicke aller Kollegen, als er aus dem Auto sprang und immer schneller auf die beiden Schemen zu rannte, die sich neben den verkohlten Resten des kleinen Fiats unter einer Decke abzeichneten.

Dort angekommen verharrte er für einen Moment und versuchte sich für das Bild zu wappnen, von dem er wusste, dass es ihn erwarten würde.
Doch diesmal gelang es ihm nicht ansatzweise.


Geruch und Anblick einer Brandleiche hatten ihm noch nie etwas ausgemacht, seit Jahren ging er damit ebenso souverän um, wie mit jedem anderen Leichnam, egal in welchem Zustand er sich befand.
Aber diesmal nützte ihm all seine langjährige Routine nichts.
In der Sekunde, in der er die Decke ein Stückchen zurückschlug, hätte er sich beinah auf der Stelle übergeben müssen. Nur einer unglaublichen Willensanstrengung war es zu verdanken, dass er sich noch gerade so beherrschen konnte.


Für einen kurzen Moment schloss er die Augen und drängte mit Gewalt jede Emotion in den hintersten Winkel seines Verstandes, um sich ausschließlich von seiner Professionalität durch die nächsten Minuten tragen zu lassen.

Nach zwei tiefen Atemzügen schob er seine Brille hoch und begann damit, die verschmorten Körper zu begutachten, rein analytisch, mit dem Auge eines Wissenschaftlers.


Die beiden Unfallopfer waren derart entstellt, dass kaum noch zu erkennen war, dass es sich dabei vor kurzen noch um zwei Menschen gehandelt hatte. Haare und Gesichtszüge waren nicht mehr zu erahnen, Schmuck, Kleidungsstücke an denen man etwas hätte erkennen können, alles war dem Feuer zum Opfer gefallen. Er konnte kaum unterscheiden, ob die beiden unglücklichen Personen auf dem Rücken oder auf dem Bauch lagen.
Doch in dem Moment, in dem er die Decke vollständig wegzog, fiel ihm auf, dass eine der Leichen signifikant kleiner war als die andere.
Und die Welt verschwamm für einen Moment vor seinen Augen.


Aber er zwang sich, seine Aufgabe zu erledigen. Mit mechanischen Bewegungen öffnete er seinen Koffer; ohne darüber nachzudenken, rein wie auf Autopilot geschaltet, sicherte er wie in den Statuten vorgeschrieben verschiedene Proben von den Körpern, mit denen er eine DNA-Analyse starten konnte, sobald er wieder im Institut angekommen war.
Er verpackte alle Röhrchen ordnungsgemäß, beschriftete die einzelnen Beutel akribisch und verstaute sie gewissenhaft in seinem Koffer. Dann signalisierte er den Männern, die in seiner Nähe reglos neben zwei Metallsärgen gewartet hatten, dass sie nun ihrer Arbeit nachgehen konnten.

In einer letzten Gewaltanstrengung stand er auf und machte ein paar taumelnde Schritte weg in die schützende Dunkelheit; und erst, als er aus dem Sichtfeld seiner Kollegen getreten war, versagte seine eiserne Selbstbeherrschung und er stürzte auf die Knie und würgte, bis sein Magen leer war.


t.b.c.

Comments

( 2 Kommentare — Kommentar hinterlassen )
cricri_72
9. Jun 2013 21:03 (UTC)
Oh je, da besteht wahrlich keine Gefahr zu verweichlichen :(

"Bis zur Unkenntlichkeit verbrannt" - da besteht ja immer noch Hoffnung, daß es vielleicht doch jemand anderes ... wobei bei Frau Haller die Größe natürlich ein nicht zu leugnendes Merkmal ist. Ich hoffe trotzdem bis zuletzt ...

Mir gefällt Boernes POV sehr gut. Um mal zu einem kleinen Lacher am Anfang zurückzukommen:
nd das hatte er seinem Kollegen in seiner hilfsbereiten Art gleich am Tatort noch bis ins Detail auseinandergesetzt
da mußte ich schon ziemlich grinsen ;) Danach gab's aber nichts mehr zu lachen ...

Und Fehler sind mir auf die Schnelle auch nicht aufgefallen, nur einmal hast Du "Nasdeshda" geschrieben.

Edited at 2013-06-09 21:04 (UTC)
baggeli
9. Jun 2013 22:22 (UTC)
Oh je, da besteht wahrlich keine Gefahr zu verweichlichen :(
*räusper*
Was soll ich sagen? Stimmt wohl. Aber ich hatte euch gewarnt. ^^

"Bis zur Unkenntlichkeit verbrannt" - da besteht ja immer noch Hoffnung, daß es vielleicht doch jemand anderes...
Ich denke, die Hoffnung ist auch wohl das einzige, das Boerne am Laufen hält

Mir gefällt Boernes POV sehr gut
Da freue ich mich! *hüpf*
Aber jetzt gehts erst einmal mit Thiel weiter. Der fällt mir leichter, der denkt nicht so hochgestochen. Wobei die Perspektive wohl noch öfter wechseln wird, keine Ahnung. Ich weiß selber noch nicht ganz genau, was draus werden soll.

Edited at 2013-06-09 23:01 (UTC)
( 2 Kommentare — Kommentar hinterlassen )

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