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Eine Bekannte von Staatsanwältin Klemm wurde ermordet. Thiel und Nadeshda kommen bei ihren Ermittlungen kaum voran, bis sie Professor Boerne mit ins Boot nehmen. Der kann Licht ins Dunkel bringen; aber der Preis, den sie dafür bezahlen, ist hoch…

Wörter: 16500
Genre: Freundschaft, Drama
Warnungen: Ich lebe meinen Hang zum Drama aus
Beta: cricri. Vielen Dank dafür, ohne Dich hätte ich wahrscheinlich nie was veröffentlicht!




An den Weg nach Hause konnte Thiel sich kaum noch erinnern; er war dermaßen müde und kaputt gewesen, dass er sich nur noch so dahingeschleppt hatte. Wenn er sich nicht täuschte, hatte Nadeshda im Kiosk der Klinik etwas zu Essen besorgt und ihm aufgezwungen, danach hatte sie ihn heimgefahren. Dort hatte er es gerade noch so geschafft, sich auszuziehen, dann war er auf sein Bett gefallen und hatte bis zum späten Sonntagnachmittag durchgeschlafen.


Sich aus dem Bett zu quälen dauerte ewig, aber nach zwei Tassen Kaffee, einer Dusche und einer vernünftigen Mahlzeit fühlte er sich endlich wieder wie ein richtiger Mensch und war so fit, dass er sich sein Rad schnappte und zum Krankenhaus strampelte.
Auf der Intensivstation traf er Professor Jaschke, der sich recht zufrieden zeigte - zum einen, was die Entwicklung seines Patienten anging, nicht weniger aber auch aufgrund der Tatsache, dass Thiel mit dem verzweifelten Mann vom Vortag nicht mehr viel gemein hatte.

Jaschke berichtete, dass sich Boernes Lunge wie erhofft ein Stück weit erholt hatte und das künstliche Koma hoffentlich im Laufe des nächsten Tages beendet werden könne.
Thiel verbrachte an dem Abend noch ein paar Minuten bei Boerne und sagte sich immer wieder selber vor, dass es dem Verletzten etwas besser ging – auch wenn die kleinen Fortschritte, von denen Jaschke gesprochen hatte, für ihn nicht ersichtlich waren. Der bewusstlose Mann hing weiterhin totenstill an allen lebenserhaltenden Maschinen, genau wie am Tag zuvor.


Am nächsten Mittag saß Thiel hinter seinem Schreibtisch im Präsidium und verfasste den gefühlten zwanzigsten Bericht über den Zwischenfall in der Stein-Villa. Diese Arbeit war zum Durchdrehen; vor allem, weil er sich kaum konzentrieren konnte. Immer wieder schoben sich die dramatischen Bilder, über die er in nüchternen Worten schreiben sollte, vor sein inneres Auge. Nachdem er sich zum wiederholten Male dabei ertappt hatte, wie er ins Nichts starrte und im Geiste den ganzen Schrecken erneut durchlebte, hatte Thiel die Nase voll und schob seine Computertastatur an die Seite. Aufseufzend lehnte er sich in seinem Stuhl nach vorne, stützte die Ellenbogen auf und rieb für einen Moment mit beiden Händen seine brennenden Augen.

Nadeshda, die gerade ein Telefonat beendet hatte, stand von ihrem Stuhl auf und hockte sich auf die Kante seines Schreibtisches.

„Alles ok, Chef?"
„Ich werd‘ hier noch bekloppt bei diesem Schreibkram", brummte Thiel nur und lehnte sich in seinen Stuhl zurück.
Sie lächelte ihn mitfühlend an. „Ich muss jetzt kurz in die KTU, und dann bringe ich Ihnen einen Kaffee mit, ja?"
Er nickte ihr dankbar zu und Nadeshda marschierte mit flotten Schritten zur Tür hinaus.

Für ein paar Minuten schloss Thiel die Augen und war kurz davor einzudösen, als plötzlich sein Mobiltelefon klingelte. Er schreckte auf, zog das kleine Gerät aus der Hosentasche und nach einem kurzen Blick auf das Display nahm er das Gespräch eilig an.
Ein gut aufgelegter Professor Jaschke teilte ihm mit, dass es gelungen war, Boerne vom Beatmungsgerät zu entwöhnen und dass die Medikamente, mit denen man ihn zwei Tage lang sediert hatte, bald abgebaut sein würden.
Gerade als Thiel fragen wollte, wie es jetzt weiterging, kam Jaschke ihm mit einer Erklärung zuvor. „Er befindet sich jetzt in dem typischen dämmerartigen Zustand vor dem Aufwachen. Es kann sein, dass es noch etwas dauert, aber ich hätte gerne, dass Sie hier sind, wenn er zu sich kommt."
Das ließ Thiel sich nicht zweimal sagen. Er rief förmlich in den Hörer: „In einer halben Stunde bin ich da!"
Voll neuer Energie sprang er auf, stopfte mit einer Hand sein Telefon in die Tasche, zog mit der anderen seine Jacke von der Rückenlehne seines Stuhls und lief um den Schreibtisch herum Richtung Ausgang.


Prompt stieß er im Türrahmen mit seiner Assistentin zusammen. "Woa, Chef!" Erschreckt riss sie im Reflex ihren Arm hoch, verhinderte gerade noch so, dass er ihr den Kaffeebecher aus der Hand schlug, als er sie fast über den Haufen rannte. „'Tschuldigung!" Thiel zog sie wieder aufrecht. "Ich fahre in die Uniklinik. Boerne wird bald aufwachen!"
"Das sind gute Nachrichten!", erwiderte Nadeshda strahlend. "Dann ist der Kaffee ja wohl für mich, so wie Sie jetzt aussehen, brauchen Sie ihn nicht mehr", setzte sie zwinkernd hinzu und stellte den Becher gleich auf ihren Schreibtisch.

Er nickte grinsend und wollte schon weiter, als sie ihn zurückhielt. "Moment noch Chef, ich hab‘ hier was für Sie! Ich war gerade in der KTU."
Thiel stoppte und schaute etwas verwundert zu, wie sie in ihrer Tasche kramte. "Einer von den Jungs schuldete mir noch einen Gefallen", erklärte sie dabei und reichte ihm dann einen kleinen Beutel. "Hier. Er hat sie Samstag mit dem Kescher aus dem Pool geholt, als wir in der Klinik waren."

Thiel starrte wortlos auf das kleine Tütchen; Boernes Brille steckte darin.
"Zum Glück kann er sie ja bald wieder brauchen", hörte er Nadeshdas leise Stimme neben sich.
Thiel riss seinen Blick von der Brille los und schaute zu seiner Assistentin. Er konnte nicht anders, schnappte sie und drückte sie für eine Sekunde an sich. Dann drehte er sich um und eilte aus dem Büro.
Nadeshda sah ihm lächelnd nach.



Zwanzig Minuten später traf Thiel auf der Intensivstation ein.
Ein wenig aufgeregt trat er nah an das Bett, hoffte insgeheim, dass Boerne vielleicht schon wach sein würde. Aber zu seiner leichten Enttäuschung war er immer noch bewusstlos.
Natürlich fiel sofort auf, dass der große Beatmungsschlauch fehlte, lediglich eine dünne, durchsichtige Sauerstoffbrille war um seinen Kopf gelegt und unterstützte seine Atmung noch ein wenig. Aber sonst hatte sich eigentlich nichts verändert.

Thiel holte sich einen Stuhl und setzte sich neben Boernes Bett, musterte seinen Kollegen noch einmal eingehend. Und je länger er ihn anstarrte, desto mehr fiel ihm eine grundlegende Veränderung auf: die für ihn so schwer zu ertragende totenähnliche Stille verschwand nach und nach; da war langsam wieder Leben in Boernes Zügen. Manchmal atmete er etwas tiefer, so dass es klang wie ein leises Seufzen; ab und zu sah Thiel, wie sich die Augen unter seinen Lidern bewegten, dann zuckte eine Hand... das war keine Besinnungslosigkeit mehr, jetzt sah es aus wie Schlaf.
Thiel atmete tief durch; insgeheim hatte an ihm immer noch die Angst genagt, dass Boerne vielleicht nie wieder aufwachen würde. Aber ganz langsam rückte diese Sorge in den Hintergrund.


Thiel harrte schon seit einer ganzen Weile an Boernes Bett aus, und seit einer Viertelstunde konnte er beobachten, wie der Verletzte sich deutlich mehr regte. Er bewegte rastlos Kopf und Hände, seufzte häufiger, runzelte die Stirn... er wurde ganz unruhig, anders konnte man es nicht beschreiben. Der Kommissar war nicht sicher, ob das zum normalen Aufwachprozess gehörte; aber spätestens, als Boerne das Gesicht verzog, die Augen noch fester zusammenpresste und leise aufstöhnte, war Thiel sicher, dass etwas nicht stimmte. Doch gerade als er die Klingel am Bett betätigen wollte, die Jaschke ihm extra gezeigt hatte, betrat der Arzt mit energischen Schritten den Raum.

"Karls Blutdruck und Herzfrequenz steigen an", erklärte er, als er näher an das Bett trat und seinen Freund mit einem Stirnrunzeln musterte. "So wie es aussieht, hat er Schmerzen. Da kann ich ihm helfen. Ich will aber erst versuchen, ob er auf mich reagiert, ich glaube nämlich, er kommt zu sich."

Thiel stand wie elektrisiert auf. In ihm tobte eine Mischung aus Aufregung, Hoffnung und einem Rest Sorge, als Jaschke seine Hand auf Boernes Oberarm legte und ihn direkt ansprach. "Karl? Hörst du mich?"
Der Verletzte stöhnte nur leise, aber reagierte nicht weiter, doch davon ließ Jaschke sich nicht entmutigen. Er drückte Boernes Arm etwas fester, als er es erneut versuchte. "Ich bin's, Michael. Kannst Du mir antworten? Hast Du Schmerzen?"
Boernes Augen blieben weiter geschlossen, aber er drehte den Kopf minimal in Jaschkes Richtung. Und gerade als Thiel dachte, das sei ein Zufall gewesen, äußerte Boerne ein gequältes "mhmhm". Sprechen war ihm wohl noch nicht möglich, aber dieses schmerzerfüllte Geräusch war als Antwort deutlich genug.
„Hab‘ ich mir doch gedacht", murmelte Jaschke. Thiel beobachtete, wie der Professor eine Spritze aus der Tasche holte, die Schutzkappe abzog und den Inhalt in das Infusionskabel an Boernes Hals injizierte. Dann legte er seine Hand auf Boernes Schulter. "Es wird jetzt gleich besser, ich hab' dir was gegeben. Ein paar Minuten, ok?", ermutigte er den Verletzten leise. Als Boerne für einen Moment die Augen öffnete und ihm schwach zunickte, blickte Jaschke strahlend zu Thiel, der sich dabei ertappte, wie ein Idiot zurück zu grinsen.

Die Zeit, die es dauerte, bis das Medikament endlich wirkte, zog sich für Thiel fast so lang wie für den Verletzten. Er konnte es gar nicht ertragen, ein weiteres Mal hilflos zuzusehen, wie Boerne von starken Schmerzen gequält wurde. Dementsprechend groß war seine Erleichterung, als Boerne nach ein paar Minuten langsam zur Ruhe kam. Die fahrigen Bewegungen ließen nach, sein Gesicht entspannte sich zusehends. Es schien, als würde er wieder wegdämmern, aber das ließ Jaschke nicht zu.

"Karl, kannst du noch mal die Augen öffnen? Es ist wichtig."
Boerne versuchte, dieser Bitte nachzukommen. Es fiel ihm schwer, das konnte Thiel sehen, aber er schaffte es tatsächlich, die Augen offen zu halten.
"Du bist hier bei mir auf der Intensivstation." Jaschke hatte sich vorgebeugt und fixierte Boerne angespannt, als er fragte: "Kannst du dich erinnern, was passiert ist?"
Boerne antwortete nicht direkt, aber die steile Falte, die auf seiner Stirn erschien, kannte Thiel zur Genüge. Er hatte sie schon oft gesehen, wenn Boerne angestrengt nachdachte.
„Wir waren in dieser Villa; dann kam Stein... da war plötzlich eine Pistole in seiner Hand", murmelte er nach ein paar Sekunden. Seine Stimme war noch sehr leise und kratzig, aber er war zu verstehen.
"Ja, das stimmt. Er hat dich erwischt, aber bald ist alles vergessen." Jaschke richtete sich zufrieden lächelnd auf. „Gut, dass du dich erinnerst."

Während dieses Gesprächs hatte Thiel sich im Hintergrund gehalten. Als Jaschke nun an die Seite trat und den Blick auf ihn freigab, schien der Verletzte zu bemerken, dass sich noch eine Person im Raum befand. Boerne starrte ihn an; wie immer, wenn er ohne Brille scharf sehen wollte, kniff er die Augen etwas zusammen. "Thiel?" Es hatte einen Moment gedauert, aber Boerne hatte ihn erkannt.
Thiel trat freudig näher ans Bett und wollte seinen Kollegen begrüßen, aber Boerne kam ihm zuvor. "Haben Sie vergessen, Ihre Tetanusimpfung aufzufrischen?" flüsterte er heiser, ließ den Kopf zurück in sein Kissen sinken und schloss erschöpft die Augen.
Thiels froher Gesichtsausdruck verschwand schlagartig. Er verstand kein Wort; was redete Boerne denn da? Verwirrt blickte er zu Jaschke, der plötzlich ganz beunruhigt aussah, mit einer Hand in seine Tasche fuhr und eine kleine Pupillenleuchte herausholte. "Karl, geht’s dir gut?", fragte er dabei besorgt. "Was um alles in der Welt meinst du damit?"
Er machte Anstalten, mit der Lampe in Boernes Augen zu leuchten, als dieser murmelte: „Na, sein Gesicht. Eindeutig im Wundstarrkrampf-Endstadium: risus sardonicus, das Teufelsgrinsen." Er öffnete noch einmal mühsam die Augen und sah Thiel an, während ein kaum wahrnehmbares Zucken seine Mundwinkel umspielte. „Oder ist es doch ein Lächeln, weil Sie sich freuen, mich zu sehen?"

Thiel schnaubte. Der Mann war gerade mal eine Viertelstunde wach und schon musste er den Drang unterdrücken, ihn zu schütteln. "Boerne, manchmal sind Sie so ein Idiot." Das Strahlen, das dabei sein Gesicht erhellte, passte allerdings in keiner Weise zu seinen Worten.

Jaschke ließ sichtbar erleichtert die Hand mit der Lampe wieder sinken. "Herr Thiel hat Recht!", schalt er gutmütig. "Ich habe schon gedacht, du hättest entgegen aller Prognosen einen Hirnschaden davongetragen oder steckst im Durchgangssyndrom!"
"Durchgang klingt gut." Boernes Augen waren längst wieder geschlossen und seine Stimme wurde immer leiser. "Wann kann ich denn hier durch die Tür gehen? Ich will nach Hause."

Der Kommissar zuckte nur grinsend mit den Schultern, als Jaschke ihm einen gespielt verzweifelten Blick zuwarf und sich wieder dem Verletzten zuwandte. "Darüber reden wir, wenn du nicht mehr so high bist", versicherte er lächelnd.
Boernes einzige Reaktion bestand aus einem geseufzten „mhmm", dann schlief er wieder ein.






Epilog

Es war Samstag, noch recht früh, und die Sonne schien schon kräftig vom leuchtend blauen Himmel. Thiel stützte seine Ellenbogen auf den Schreibtisch und rieb sich die Augen. Er war hundemüde, hatte die ganze Nacht durchgearbeitet.
Eigentlich wäre dies sein freies Wochenende gewesen, aber am Abend zuvor hatte ihn Nadeshda angerufen und nur drei Worte gesagt: wir haben ihn.
Keine halbe Stunde später war Thiel im Präsidium eingetroffen und hatte sich im Verhörraum Alexander Stein vorgeknöpft. Er hatte den Mann durch die Mangel gedreht, stur, geradezu unerbittlich; und im Gegensatz zum Verhör eine Woche zuvor war Stein tatsächlich eingeknickt. Den Anschlag auf Boerne hatte er ja eh nicht leugnen können, aber er hatte außerdem ein umfangreiches Geständnis zum Mord an Lena Maihöfer abgelegt und dazu noch jede einzelne unlautere Transaktion offenbart, die er in seinem Job je getätigt hatte.
Das wäre eigentlich gar nicht Thiels Baustelle gewesen, es war auch extra noch ein Kollege von der entsprechenden Behörde dazugekommen. Aber der hatte sich nach kurzer Beobachtung dezent im Hintergrund gehalten; Thiel war dermaßen zur Höchstform aufgelaufen, dass jedes Einmischen in sein Verhör nur Verzögerungen gebracht hätte.

Am frühen Morgen hatte Thiel dann endlich den Verhörraum verlassen, müde, aber erfüllt von einer grimmigen Befriedigung. Nun hing er vor seinem PC, versuchte, seinen Abschlussbericht zu verfassen und hatte Mühe, die Augen offen zu halten.
Nadeshda saß am Schreibtisch gegenüber und hackte mit einer wahnsinnigen Geschwindigkeit auf ihrer Tastatur herum. Thiel ließ sich in seinem Stuhl nach hinten sinken und schaute einmal mehr seufzend zu ihr hinüber. Vielleicht sollte er sich die Tipperei für Montag liegenlassen und einfach heimfahren. Sein Geschreibsel heute ergab irgendwie nicht mehr viel Sinn.

Gerade als er seiner Assistentin mitteilen wollte, dass er es für den Tag gut sein lassen würde, klopfte es. Thiel und Nadeshda sahen irritiert zur Tür und bevor einer von ihnen reagiert hatte, wurde sie geöffnet und Professor Boerne betrat den Raum. In seiner Hand hielt er ein kleines Papptablett, in dem drei Becher Kaffee steckten.
Thiel zog für einen Moment verblüfft die Augenbrauen hoch, dann verschränkte er ungläubig lächelnd die Arme hinter dem Kopf. Nadeshda sprang indessen strahlend auf, stellte Boerne den Besucherstuhl hin, nahm ihm das Tablett ab und verteilte die Becher auf den Schreibtischen. Boerne nickte ihr dankbar zu, ließ sich dann äußerst vorsichtig auf den Stuhl sinken und lehnte sich behutsam zurück.

Thiel nahm sich dabei die Zeit, seinen Kollegen unverhohlen zu mustern. Aber was er sah, gefiel ihm nicht so wirklich; sein Lächeln wich einem Stirnrunzeln. Boerne war immer noch erschreckend blass und definitiv schmaler geworden. Unter seinem weißen Hemd zeichnete sich deutlich der dicke Verband ab, der um seinen lädierten Brustkorb gewickelt war. Die Verletzung schien ihm noch ziemliche Schmerzen zu bereiten, Thiel beobachtete mit wachsender Besorgnis, wie der Professor bei jeder seiner bedächtigen Bewegungen unbewusst das Gesicht verzog.

Schon bevor Boerne überhaupt richtig saß, ergriff Thiel das Wort. "Sollten Sie nicht noch bis Mitte nächster Woche mit ihrem Hintern im Krankenhaus liegen? Mann, Sie sehen aus wie ausgekotzt!" Er gab sich Mühe, seinen gewohnt knurrigen Ton anzuschlagen, aber so ganz gelang ihm das nicht. Entgegen jeder Vernunft würde er sich wohl ewig dafür verantwortlich fühlen, dass Boerne vor wenigen Tagen halbtot auf der Intensivstation gelandet war; und so sehr Thiel sich darüber freute, ihn wieder aufrecht und außerhalb der Klink zu sehen, die Sorge um sein Wohlergehen überwog im Moment.

Boerne schien allerdings nicht zu ahnen, mit welchen Gedanken und Schuldgefühlen Thiel sich herumschlug. Er zog amüsiert eine Augenbraue hoch. „Welch überschwängliche Begrüßung! Ich freue mich auch, Sie zu sehen."

Aber so leicht ließ Thiel sich nicht ablenken. „Boerne, ich meine es ernst. Als Sie am Mittwoch von der Intensivstation gekommen sind, haben Sie doch noch nicht mal allein den Weg aufs Klo geschafft."
Sein Gegenüber reagierte entrüstet. „Woher haben Sie das denn?"
Thiel brummte. „Ich habe meine Quellen."
„Nun, dann haben Ihre Quellen Sie falsch unterrichtet, ich versichere Ihnen, dass mir der Weg zur Bedürfnisanstalt keinerlei Probleme bereitet hat."
Der Kommissar verschränkte skeptisch die Arme vor der Brust. „Frau Haller hat sich das mit Sicherheit nicht ausgedacht. Wie wäre es zur Abwechslung mal mit der Wahrheit?"
Der Professor starrte ihn eine Weile widerspenstig an, dann schob er mit einem Finger seine Brille hoch und seufzte, bevor er einlenkte: „Der Weg zur Toilette war nicht das Problem… die Strecke zurück war nur etwas zu weit."
Nadeshda konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen, während Thiel nur ungläubig den Kopf schüttelte. „Ihnen ist doch echt nicht zu helfen."

Diese resignierte Kritik perlte an Boerne ab wie Wasser vom Lack seines Wiesmanns. „Mein Gott Thiel, dieses kleine Kreislaufversagen wird von Ihnen völlig überbewertet. Außerdem ist das schon drei Tage her." Er warf nun seinerseits dem Kommissar einen prüfenden Blick zu. „Ihr blumiges Kompliment von vorhin gebe ich übrigens gerne zurück. Sie selber wirken auch nicht gerade taufrisch. Die ganze Nacht bei Stein verbracht?"

Jetzt war es an Thiel, verwundert zu sein. „Woher wissen Sie das denn schon wieder?"
Boerne zuckte mit den Schultern und setzte sein bestes überhebliches Gesicht auf. „Ich habe meine Quellen", sagte er wichtig; seine Augen funkelten dabei.
Thiel schnaubte. War ja klar, dass der Professor ihm die Bemerkung von eben zurückzahlen musste. „Toll." Er schnappte seinen Kaffeebecher und nahm einen Schluck; Boerne würde schon früh genug erzählen, woher er die Informationen hatte.
Boerne beugte sich mit Mühe vor und griff ebenfalls nach seinem Getränk. „Staatsanwältin Klemm war gestern Abend bei mir in der Klinik."
„Sowas." Das hatte ja keine zwei Sekunden gedauert; manche Dinge änderten sich nie. Thiel grinste innerlich und auf einmal wurde ihm bewusst, wie froh er war, dass sie sich auch weiterhin so gegenübersitzen und ihre kleinen Duelle ausfechten konnten. Boerne schien das ebenfalls zu bemerken, jedenfalls hatte er ein leichtes Lächeln im Gesicht.
Thiel gönnte sich einen weiteren großen Schluck Kaffee und genoss diesen seltenen Moment der Einträchtigkeit.
„Ist Ihnen eigentlich klar, dass ihr Vater seinen Hasch-Eigenanbau in Frau Klemms Zigaretten mischt?"

Der Kaffee, den der geschockte Thiel nach dieser beiläufigen Bemerkung über den Schreibtisch bis fast bis in Boernes Gesicht prustete, ließ diesen so weit wie möglich in seinen Stuhl zurückrutschen.
Thiels Hustenanfall fiel so heftig aus, dass Nadeshda irgendwann aufstand und ihm den Rücken klopfte. Boernes Mundwinkel zuckten, als er die beiden beobachtete.

„Sagen Sie mal, sind Sie noch bei Trost? Wie kommen Sie denn auf so eine hirnverbrannte Idee?", keuchte Thiel, sobald er wieder genug Luft zum Sprechen bekam. „Jaschke hat doch gesagt, der Sauerstoffmangel hätte in Ihrer Birne keinen Schaden angerichtet? Da hat er sich aber schwer vertan!"

Borne zog völlig unbeeindruckt von dem Ausbruch ein Taschentuch hervor und reichte es Thiel in einer steifen Bewegung über den Tisch.
Der Kommissar nahm es an, fuhr sich damit über den Mund und versuchte dann, seine Schreibtischunterlage zu reinigen.

„Sie hat sich bei mir entschuldigt!"

Boernes konsternierte Bemerkung ließ Thiel aufblicken und in der Bewegung verharren. Er brauchte eine Sekunde, bis er verstand, dass Boerne immer noch von der Staatsanwältin sprach. „Ach…" In Erinnerung an seinen Ausraster der Klemm gegenüber wurde ihm etwas mulmig zumute.

Seine verhaltene Reaktion schien dem Professor nicht zu reichen. „Na, Sie müssen doch zugeben, dass das äußerst ungewöhnlich ist!" Boerne wirkte noch ganz irritiert als er hinzufügte: „Es war irgendwie unheimlich." Er legte er den Kopf schief und verengte die Augen. „Und daran können nur Halluzinogene schuld sein, von allein würde sie so etwas niemals tun."

Thiel hatte seinen Schreibtisch abgewischt und hielt Boerne das schmierige Tuch wieder hin. Der verzog nur das Gesicht, bewegte sich aber nicht.
Ungerührt steckte Thiel es ein, bevor er sich wieder in den Stuhl zurücklehnte. „Freuen Sie sich doch. Schließlich müssen Sie ihr normalerweise jede Entschuldigung abzwingen."
„Wo bleibt denn da der Spaß?" Boerne klang wie ein kleines Kind, dem das Spielzeug weggenommen wurde. Thiel schüttelte den Kopf, reagierte aber nicht weiter. Er hatte allerdings nicht damit gerechnet, dass Nadeshda sich des Professors annehmen würde.

„Sie haben ganz Recht, Herr Thiel steckt dahinter", bestätigte sie lächelnd. „Aber nicht Thiel Senior, der hat damit nichts zu tun."
„Ja, vielen Dank Nadeshda", zwängte Thiel zwischen den Zähnen hervor. Boerne schaute gleich ganz interessiert und auch wenn sie es nett meinte, er hatte keine Lust, seinen Streit mit der Klemm noch einmal näher zu durchleuchten. Seit Tagen versuchte er, die Angst und Panik, die er in diesem Wartezimmer verspürt hatte, zu verdrängen.
Er verdrehte die Augen zum Himmel, als Nadeshda unbeeindruckt weitersprach. „Herr Thiel hat der Staatsanwältin recht deutlich zu verstehen gegeben, dass sie sich in diesem Fall speziell im Umgang mit Ihnen doch ziemlich im Ton vergriffen hat."
Boerne wirkte etwas überrascht und warf einen beinahe ehrfurchtsvollen Blick auf Thiel. „Meine Güte! So kleinlaut wie sie war, scheinen Sie ganz schön sauer gewesen zu sein."

Oh ja, Thiel erinnerte sich nur zu genau daran, wie sauer, verzweifelt und vor allen Dingen schuldig er sich in dem Moment gefühlt hatte. Der Kommissar wich Boernes Blick aus; er hatte Sorge, wenn er jetzt nur ein Wort sagen würde, würden sich diese ganzen Emotionen noch einmal Bahn brechen. Und das wollte er auf keinen Fall.
Auch Boerne schwieg erst einmal. Er runzelte nur die Stirn und sah seinen Kollegen weiter an; erst nach einer Weile brach er die Stille. „Lassen Sie’s gut sein. Es ist vorbei."
Thiel blickte überrascht auf. Sein Gegenüber schien ganz genau zu wissen, was ihm gerade für Gedanken durch den Kopf gingen. In Boernes Augen sah er so viel Mitgefühl und Verständnis, dass er schlucken musste. Er wusste nicht, wie er reagieren sollte, also schwieg er einfach.

Boerne schaute ihn noch einen Moment mit diesem besonderen Ausdruck an, dann aber veränderten sich seine Augen. Sie begannen zu funkeln, als sich auf seinem Gesicht ein Grinsen ausbreitete. „Thiel, denken Sie nicht so viel. Dazu fehlt Ihnen doch jegliche Voraussetzung."

Thiel schnaubte aufgebracht. „Na, nun lehnen Sie sich mal nicht zu weit aus dem Fenster. Wer weiß schon genau, wie viele Ihrer Hirnzellen Ihnen da im Pool draufgegangen sind? Am Ende ist Ihr IQ plötzlich auch nur noch so hoch wie meiner." Er grinste Boerne dankbar an; im gewohnten Schlagabtausch fühlte er sich wieder sicher.

Boerne lächelte zurück. Dann trank er seinen letzten Schluck Kaffee, stellte den Becher ab und schob seine Brille hoch. „Also ich weiß ja nicht, was Sie noch so vorhaben, aber ich will jetzt heim."
Das war ein Stichwort, auf das Thiel ansprang. „Oh ja, das klingt gut. Nadeshda, ich mache am Montag weiter, ich hab‘ heute echt keine Lust mehr." Energisch schaltete er seinen PC ab. „Wie kriege ich Sie denn jetzt nach Hause, Boerne? Auf dem Gepäckträger kann ich Sie ja kaum mitnehmen." Er ging um den Schreibtisch, griff unter Boernes Achsel und half ihm beim Aufstehen.
„Ihre dummen Sprüche waren auch schon mal besser", ächzte Boerne leise, als er hochgezogen wurde. Er musste sich für einen Moment an Thiel festhalten, bevor er sich vorsichtig straffte. „Und wieso meinen Sie, Sie müssten mich nach Hause kriegen? Ich bin sehr wohl in der Lage, mir selbst zu helfen." Er schaute Thiel an und wies mit dem Daumen über die Schulter. „Ihr Vater steht unten im Hof und wird mich heimfahren. Was glauben Sie denn, wie ich aus der Uniklinik weggekommen bin?"

Thiel zog die Augenbrauen hoch. „Vaddern steht unten? Hm." Er warf einen Blick aus dem Fenster. „Is‘ ja eigentlich schön draußen. Ich komme mit runter und frag‘ ihn mal, ob er nachher mit mir Angeln geht. Wollten wir letzte Woche schon, aber da ist blöderweise was dazwischengekommen." Er hatte ein leichtes Grinsen im Mundwinkel, als er hinzufügte: „Aber diesmal sieht’s ja ganz vielversprechend aus."
Boerne lächelte. „Na, dann wollen wir ihn mal nicht länger warten lassen. Das Taxameter läuft nämlich."
Gemeinsam verließen sie das Präsidium.

Dies Wochenende konnte nur besser werden als das letzte.



A.N.: Cricri, an dich noch mal tausend Dank! Es hat wahnsinnigen Spaß gemacht!!

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