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Sommerbingo: Asche zu Asche - Kapitel 4

Titel: Asche zu Asche
Prompt:
Biergarten
Genre: Angst und Drama, damit ihr trotz der vielen fluffigen Sommerbingos nicht verweichlicht. (Lesen auf eigene Gefahr)
Zusammenfassung: „Was ist passiert?", konnte er nur leise stammeln, doch sein Kollege reagierte nicht gleich.
„Herrgott Thiel, was ist passiert??" Er war nun wesentlich lauter geworden und Thiel ein wenig zusammengezuckt, aber das war ihm im Moment herzlich egal.
Er fühlte, wie sich ihm die Kehle zuschnürte, als sein Nachbar ihn endlich wieder anblickte. Da war eindeutig Entsetzen in seinem Blick. Entsetzen, wie er es so offen noch nie bei Thiel gesehen hatte.

Wörter: 4100
A.N.: Wahrscheinlich nicht wirklich ernstzunehmen. Aber ihr müsst es ja nicht lesen.


Thiel hatte im Laufe der Jahre schon einige Extremsituationen mit seinem Kollegen erlebt, aber in einem solchen Zustand wie jetzt hatte er ihn noch nie gesehen. Boerne war körperlich und psychisch am Ende, anders konnte man es nicht sagen.


Mit Nadeshdas Hilfe war es ihm gelungen, den ausgelaugten Rechtsmediziner an teils neugierig gaffenden, teils eindeutig betroffenen Kollegen vorbei ins Auto zu bugsieren. Boerne war mehr oder weniger auf den Sitz kollabiert, hatte die Augen schon geschlossen, bevor er überhaupt gegen die Rückenlehne gesunken war. Während der ganzen Fahrt rührte er sich nicht, aber als sie am Institut angekommen waren, hatte er sich offensichtlich wieder so weit erholt, dass er ohne Hilfe aus dem Wagen aussteigen konnte.

Thiel blieb auf der Treppe in den Keller unauffällig in seiner Nähe, immer in der Sorge, dass ihm nochmals schwindelig werden könnte, aber das passierte nicht. Kaum hatte er die große Schiebetür geöffnet, verschwand der bleiche Rechtsmediziner stumm in seinem Labor.



Stirnrunzelnd sah Thiel ihm hinterher und rang für eine Weile mit sich, ob er ihm folgen sollte. Aber so wie er seinen Kollegen einschätzte, hatte er im Augenblick das Bedürfnis, die Welt um ihn herum auszuschließen; Boerne war schon immer jemand gewesen, der seine Probleme mit sich allein ausmachte und sich zurückzog, statt sich zu öffnen und sich auf Hilfe einzulassen.
Thiel war bereit, ihm Zeit für sich zuzugestehen und ließ ihn vorerst in Ruhe, aber fasste im gleichen Augenblick den unumstößlichen Beschluss, dass er sich unter keinen Umständen aus der Rechtsmedizin wegbewegen würde, bis die DNA-Tests abgeschlossen waren. Er würde Boerne nicht allein lassen, bis das Ergebnis feststand.
Und danach erst recht nicht.



Ein leises Räuspern von Nadeshda holte ihn in die Gegenwart zurück.
„Ich mache uns einen Kaffee. Das wird ja jetzt einige Stunden dauern“, murmelte sie leise. Heimzufahren kam für sie offensichtlich ebenso wenig in Frage, wie für ihn. Dankbar nickte er ihr zu und folgte ihr in die kleine Küche.


Sie waren hier schon so oft ein und ausgegangen, dass sie sich bestens auskannten; nach wenigen Handgriffen hatte Nadeshda alles vorbereitet, innerhalb kürzester Zeit begann die Kaffeemaschine, vor sich hin zu brodeln.

Thiel hatte indessen den Schrank geöffnet und nahm ein paar der quietschbunten Kaffeebecher heraus, die Frau Haller erst kürzlich mitgebracht hatte. In dem Augenblick, in dem er sie auf dem Tisch abstellte, sah er mit einem Mal wieder vor sich, wie die kleine Frau ihnen freudestrahlend die Tassen präsentiert hatte mit der Bemerkung, den Kellerräumen, die sie vor wenigen Monaten hatten beziehen müssen, und ihrem Chef, der ja anscheinend nur noch über schwarze Anzüge und ebensolche Krawatten verfüge, könne etwas mehr Farbe nicht schaden. Sie hatte sich ohne Ende amüsiert über Boernes irritierten Blick; über die Tatsache, dass er am nächsten Tag mit einem braunen Anzug und einem rosa Schlips aufgetaucht war, hatten sie alle noch tagelang gelacht.
Die Erinnerung zauberte ein kleines Lächeln auf sein Gesicht; doch das verschwand schon nach einer Sekunde wieder, als die bittere Erkenntnis einsank, dass hier unten nichts mehr sein würde, wie es gewesen war.
Mit einem Seufzen ließ er sich auf einen Stuhl fallen.



Als der Kaffee durchgelaufen war, goss Nadeshda drei Tassen ein und Thiel verstand die unausgesprochene Aufforderung. Er nahm eins der Getränke und schritt über den kleinen Flur bis zum Labor.
Für einen Moment verharrte er im Türrahmen und musterte seinen Kollegen. Boerne saß vornübergebeugt in einem Stuhl, hatte die Ellbogen auf den Knien abgestützt und das Gesicht in den Händen verborgen.

Der Professor regte sich nicht, als er näher heran trat und Thiel fragte sich, ob er vielleicht eingeschlafen war. Doch dann richtete sein Kollege sich auf und schaute ihn an.
Und Thiel schluckte, weil er für einen Moment das irrationale Gefühl hatte, dass das ein fremder Mann war, der ihn da aus nahezu leblosen Augen anstarrte.


Bevor er aber nur einen Ton sagen konnte, hörte man plötzlich das Geräusch der sich öffnenden Schiebetür und ein paar Männerstimmen. Gleich darauf kam Nadeshda mit verhaltenen Schritten zu ihnen in den Raum. Ihre Stimme war unsicher, als sie sich an Boerne wandte. „Herr Professor, können Sie mal kommen? Die beiden…“ Hier schluckte sie hörbar, bevor sie fortfahren konnte. „Die beiden Unfallopfer sind gebracht worden. Ich weiß nicht, wo…“

Boerne ließ sie den Satz gar nicht beenden. Er stand auf und murmelte nur tonlos: „Ich kümmere mich darum.“
Ohne weiteres Wort trat er durch die Tür und gleich darauf hörte Thiel, wie die Schritte der Anwesenden sich entfernten in Richtung der Kühlfächer.


Thiel warf einen kurzen Blick auf seine Assistentin, die immer noch wie verloren an der gleichen Stelle stand und ihre Hände rang. Mit einer leichten Kopfbewegung wies er zum Ausgang und marschierte schon los. „Ich will ihn da lieber nicht allein lassen.“
Nadeshda nickte verständnisvoll, folgte ihm aber nicht nach; das schien über ihre Kräfte zu gehen.



Von der Tür aus beobachtete Thiel, wie die zwei Männer, die die Metallsärge gebracht hatten, die mit Tüchern abgedeckten Brandleichen mit routinierten, wenig vorsichtigen Griffen auf die Bahren der Rechtsmedizin umlagerten. Sie schienen nicht zu wissen, wen sie da vor sich hatten; falls sie es wussten, interessierte es sie ganz offensichtlich nicht.
Nach einem kurzen Gruß verschwanden sie.


Boerne reagierte nicht auf sie. Er starrte lediglich auf den kleineren der beiden zugedeckten Körper vor sich und zog dann die teilweise verrutschten Tücher mit bedachtsamen, fast behutsamen Bewegungen wieder zurecht, bevor er die Leichname endlich in die Kühlung schob und die Tür hinter ihnen schloss. Schließlich stützte er sich mit hängendem Kopf an der Tür ab; und plötzlich begann er, leise zu sprechen.
„Diese alten Wagen haben keinen Airbag.“
Thiel stellten sich die Nackenhaare auf bei seinem Tonfall. Unwillkürlich machte er ein paar Schritte auf Boerne zu, aber der schien ihn nicht wahrzunehmen, sprach gedankenverloren weiter.
„Es ist nicht unwahrscheinlich, dass sie sich schon bei dem Überschlag das Genick gebrochen oder zumindest das Bewusstsein verloren hat. Dann hat sie wenigstens nicht gespürt, wie das Fahrzeug in Flammen aufgegangen ist.“


Thiel schnürte sich die Kehle zu bei seinen Worten; mit schnellen Schritten legte er die letzten Meter zu Boerne zurück und fasste ihn an der Schulter. „Boerne bitte. Hören Sie auf damit.“ Er merkte, dass seine Stimme zitterte und schluckte krampfhaft.

Sein Kollege richtete sich schwerfällig auf und ließ den Arm an seine Seite fallen, dann wandte er sich zum Labor zurück, in dem mittlerweile ein Gerät mit leisen, piepsenden Geräuschen auf sich aufmerksam machte.
Bevor er ging, warf er Thiel noch einen kurzen, müden Blick zu.

Und Thiel wurde sich darüber klar, dass auch der Mann vor ihm nie wieder so sein würde, wie er gewesen war.



Comments

( 4 Kommentare — Kommentar hinterlassen )
cricri_72
13. Jun 2013 05:47 (UTC)
Ich muß aufhören, die Kapitel morgens vor der Arbeit zu lesen *schnief*

Ich habe ein ganz ungutes Gefühl, daß sich hier nix mehr zum Guten wenden wird ...
baggeli
13. Jun 2013 11:12 (UTC)
Ich muß aufhören, die Kapitel morgens vor der Arbeit zu lesen
Ich sollte sie einfach nicht so spät abends einstellen; aber ich schaffe es nicht anders, die Abendstunden sind die einzige Zeit, in der ich wirklich dazu komme, ein paar Sätze am Stück zu schreiben ohne Unterbrechung.

*schnief*
Denkst du? Ich war mir nicht sicher

Ich habe ein ganz ungutes Gefühl, daß sich hier nix mehr zum Guten wenden wird ...
Ich auch. Diese Geschichte ist absoluter Murks, soviel steht fest. Da wird sich definitiv nix mehr zum Guten wenden lassen, egal, wie viel Mühe ich mir gebe
joslj
14. Jun 2013 21:32 (UTC)
Ja, ich les auch noch mit, sobald ich Zeit finde !

Mir gefällt dein POV-Wechsel sehr, beide sind sehr gelungen (auch wenn der letzte Satz in diesem Kapitel doch für Thiel etwas melodramatisch ist). Sehr interessant, die gleiche Szene aus beiden Perspektiven zu sehen. Dass Boerne endlich mal nicht so abgeklärt ist bei einer Obduktion, gefällt mir auch. Und natürlich hast du uns mit dem "piepsenden Geräusch" wieder einen kleinen Cliffhanger beschert, nicht wahr *seufz*

Ach ja, wahrscheinlich sollte ich anmerken, dass mir trotz meines wohlbekannten OTP Boerne/Alberich SEHR viel lieber ist als tote Alberich ! Denn das ist viel zu dramatisch hier, als dass ich mir dazu eine eigene h/c-Fortsetzung mit viel T/B comfort stricken könnte ...
baggeli
14. Jun 2013 21:42 (UTC)
Ja, ich les auch noch mit, sobald ich Zeit finde !
Oh, da freue ich mich aber! *hüpf*

Mir gefällt dein POV-Wechsel sehr, beide sind sehr gelungen
Da wechselt noch mehr, muss ich zugeben. Ich probiere gerade etwas herum, ob das funktioniert, muss sich zeigen.
Aber leider lässt RL wenig Zeit. Ich überlege, ob ich noch wieder einen Schnipsel einstreue oder erst in zwei Tagen ein etwas längeres Kapitel einstelle (also, länger als ein Schnipsel, aber auch nicht sehr lang; dazu reicht es im Moment zeitlich einfach nicht).

(auch wenn der letzte Satz in diesem Kapitel doch für Thiel etwas melodramatisch ist)
Och, der darf auch mal melodramatisch sein. Warum soll das immer nur Boernes Aufgabe sein? ^^
Aber wenn du einen Satz hast, der Boernes Zustand aus Thiels Sich angemessen dramatisch beschreibt, immer her damit. Mir ist nix eingefallen.

Ach ja, wahrscheinlich sollte ich anmerken, dass mir trotz meines wohlbekannten OTP Boerne/Alberich SEHR viel lieber ist als tote Alberich
Die Anmerkung ist hiermit zur Kenntnis genommen. Alles weitere wird sich finden. *ähem*
( 4 Kommentare — Kommentar hinterlassen )

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