?

Log in

No account? Create an account

zurück | vor

Beta: josl, jolli
Genre: ein Hauch von Humor, Romanze, h/c, Angst, Drama
Pairing: Boerne/Alberich
Wortanzahl: ~35.000
Warnungen: ooc, cd. Loser Bezug zur Episode Eine Leiche zuviel, es ist von Vorteil, die Folge zu kennen!
Rating: Ab 12
Bingo-Prompt: in Ohnmacht fallen/ohnmächtig
Zusammenfassung: Gedankenverloren sah sie ihm nach, als er den Raum verließ. In den letzten Wochen hatte sich ihre Beziehung irgendwie verändert... doch sie konnte nicht einmal genau sagen, wie, warum und vor allem, in welche Richtung.
Wenige Stunden später allerdings war das ihre geringste Sorge.


Am nächsten Morgen saßen Staatsanwältin Klemm, Hauptkommissar Thiel und seine Assistentin Nadeshda zur abschließenden Besprechung ihres aktuellen Falles vor Boernes Schreibtisch.
Silke selbst war kurz in der Küche gewesen und hatte die Kaffeekanne geholt, sie hatten sich alle einen Schluck verdient nach den vergangenen, arbeitsreichen Tagen.

In dem Moment, in dem sie zurück in das Büro trat, hörte sie Boerne gerade noch voller Überzeugung bemerken: "...können jedenfalls froh sein, dass ich Ihnen mit meinem Wissen und meiner Einsatzbereitschaft jederzeit derart selbstlos zur Verfügung stehe, Thiel. Sonst hätten Sie diesen Fall nicht so schnell aufgeklärt." Mit einem hoheitsvollen Nicken akzeptierte er den frischen Kaffee und ignorierte dabei das abfällige Schnauben seines Gegenübers und die vieldeutigen Blicke, die die beiden Frauen auf der anderen Seite des Schreibtisches austauschten, mit der ihm eigenen Arroganz.
Silke merkte, wie sich ein Lächeln auf ihren Zügen ausbreitete, als sie die Kanne auf dem Tisch abstellte. "Seien Sie mal lieber froh, dass Herr Thiel so geduldig mit Ihnen ist. Früher wären Sie mit Ihrem Wissen und Ihrer Einsatzbereitschaft nicht sehr weit gekommen."

Ihr Vorgesetzter zog offensichtlich verwundert eine Augenbraue hoch, sie gab ihm jedoch keine Gelegenheit, sich nach dem Grund für diese Bemerkung zu erkundigen, sondern fuhr zu Frau Klemm und Nadeshda gewandt fort: „Ich habe gestern Nowak getroffen, er ist wieder in Münster."
Daraufhin ließ Boerne sich mit einem Stirnrunzeln in seinen Sitz zurückfallen, während Staatsanwältin Klemm gleich ganz interessiert war. „Was Sie nicht sagen. Ich habe ihn nicht gesehen, seit er uns verlassen hat. Plant er, länger zu bleiben?"
Silke zuckte nur mit den Schultern. „Keine Ahnung, wir haben kaum drei Worte gewechselt, er hatte es eilig." Sie warf einen verschmitzten Seitenblick auf den Mann hinter dem Schreibtisch, bevor sie hinzufügte: "Er hat sich kurz die Zeit genommen, mich zu bedauern, weil ich immer noch hier im Mausoleum arbeiten muss, dann ist er gegangen." Sie hatte bei dem Wort Mausoleum mit ihren Zeigefingern Anführungszeichen in die Luft gemalt und sich ein Grinsen nicht mehr verkneifen können.

Frau Klemm und Nadeshda schienen sich beide ein Lachen zu verbeißen, Boerne dagegen verschränkte entnervt die Arme. "Nowaks Sprüche waren schon immer dermaßen geistlos, die müssten doch selbst Ihnen zu flach sein."
Sie warf ihm einen strengen Blick zu. „Chef, zwei Euro in die Zwergenwitzkasse!“
Diesmal gaben Nadeshda und die Staatsanwältin sich keine Mühe mehr, ihre Erheiterung zu verbergen, während Boerne verdrießlich brummte: „Das war kein Witz über Ihr unterdimensioniertes Längenwachstum, sondern über Ihren diskussionswürdigen Sinn für Humor.“
„Vier Euro“, bemerkte Silke nur befriedigt, woraufhin Boerne seinen Kopf theatralisch auf die Tischplatte fallen ließ. 



Währenddessen blickte Thiel einigermaßen verwirrt von einem zum anderen. "Von wem reden wir denn hier, kann mich mal jemand aufklären?"
Staatsanwältin Klemm erbarmte sich seiner, immer noch grinsend. "Gregor Nowak, einer Ihrer Vorgänger. War ein guter Mann." Unbeeindruckt von dem leisen Schnauben, das aus Richtung von Boernes Schreibtischunterlage ertönte, gönnte sie sich einen großen Schluck Kaffee, bevor sie fortfuhr: "Er ist vor drei Jahren ziemlich plötzlich aus dem Dienst ausgeschieden und hat Münster verlassen."
"Warum?" Thiel schien ehrlich interessiert.
Als die Staatsanwältin sie über den Rand ihrer Tasse hinweg auffordernd ansah, übernahm Silke die Antwort. "Tja... so ganz genau weiß ich das nicht." Sie zuckte mit den Schultern. "Er war wohl einfach nicht mehr sehr glücklich in seinem Beruf. Burn-out beinah, oder wie sehen Sie das, Frau Klemm?"
Die ältere Frau nickte nachdenklich. "Ich denke, da spielten mehrere Faktoren eine Rolle. Aber so genau hat er sich nie dazu geäußert." Sie nahm noch einen Schluck und wandte sich Thiel zu. "Ich persönlich habe die Entscheidung jedenfalls sehr bedauert. Wir hätten einen Mann seines Kalibers auch weiterhin gut gebrauchen können."


Nun konnte Boerne, dem ohnehin niemand sein geheucheltes Desinteresse abgenommen hatte, sich nicht mehr zurückhalten.  "Ach kommen Sie schon, Frau Klemm. Nowak hat seine Ermittlungserfolge rein der Tatsache zu verdanken, dass er fähige, junge Leute in seinem Team hatte. Und marginal seiner Sturheit und seiner Unnachgiebigkeit. Ihm fehlte Finesse und jegliches Bauchgespür, ganz anders als Thiel hier."
Er schien gar nicht bemerkt zu haben, was er da gerade gesagt hatte, Thiel zog jedoch verwundert die Augenbrauen hoch. "War das etwa ein Kompliment, Boerne?"

Silke musste ein Kichern unterdrücken, als Boerne geradezu entsetzt die Augen aufriss und vergeblich zurückzurudern versuchte. "Unsinn, Kompliment. Ihre Unzulänglichkeiten aufzuzählen, würde den Rest des Tages in Anspruch nehmen. Ich habe lediglich festgestellt, dass Nowak noch unfähiger war als Sie."
Thiel lehnte sich grinsend zurück und verschränkte die Arme. "Sag ich doch. Ein Kompliment."
Staatsanwältin Klemm hatte ebenfalls amüsiert einen Mundwinkel hochgezogen und durchsuchte ihre Handtasche nach einer Zigarette, als sie lässig bemerkte: "Ach Professor, Sie haben Nowak nur bis heute nicht verziehen, dass er Sie nicht hat mitspielen lassen."

Damit hatte sie die Zusammenarbeit der damaligen Zeit eindeutig auf den Punkt gebracht. Aber Silke war schlau genug, nicht weiter darauf herumzureiten, denn im Gegensatz zu den dreien, die sich nun erhoben, musste sie noch den Rest des Tages mit Boerne verbringen.
Der Professor drehte ohne weiteres Wort seinen Schreibtischstuhl und begann mürrisch, an seinem PC zu arbeiten, während Silke sich fröhlich von ihren Kollegen verabschiedete.

Ein Seitenblick auf ihren Chef zeigte ihr, dass sein Stolz wohl noch ein paar Minuten brauchen würde, um über die kleinen Sticheleien von Frau Klemm und Thiel hinwegzukommen. Also verließ sie sein Büro, damit er in Ruhe ein wenig schmollen konnte und ging in den Obduktionssaal.
Es waren viel zu viele Arbeiten liegengeblieben in den letzten Tagen, für einen Moment wusste sie kaum, wo sie anfangen sollte. Zu guter Letzt entschied sie sich, mit den dringendsten Aufräumarbeiten zu beginnen.


Die Handgriffe hatte Silke derart verinnerlicht, dass sie ihrer Tätigkeit schon bald keinerlei Beachtung mehr schenkte, sondern ihren Gedanken freien Lauf ließ. Und weiß Gott nicht zum ersten Mal in den letzten Jahren kreisten sie um Boerne.
Sie schüttelte leise schnaubend den Kopf. In ihren ersten Wochen in der Rechtsmedizin waren es meist Frust oder sogar Zorn gewesen, die sie ins Grübeln gebracht hatten. Wie oft sie sich seit damals maßlos über ihn aufgeregt hatte, sie konnte es nicht sagen. Man hätte wohl ganze Bücher mit diesen Gelegenheiten füllen können und das war ja auch nicht verwunderlich. Boerne war eitel, selbstgefällig, besserwisserisch, snobistisch – die personifizierte Nervensäge*.

Aber es gab auch andere Seiten an ihm, die er ziemlich gut versteckte und die sie erst nach und nach kennen- und vor allen Dingen zu schätzen gelernt hatte. Wesentlich mehr zu schätzen als eigentlich gut war, war ihr doch klar, dass ihre Beziehung niemals eine andere als die von einer Untergebenen zu ihrem Vorgesetzten sein würde; egal wie sehr sie sich in ihrem tiefsten Innersten wünschte, dass es anders sein könnte. Aber das war schlicht undenkbar, und damit hatte sie sich schon lange abgefunden. Sie wusste, dass Boerne sie schätzte; aber ein Mann wie er, der sich selbst für das größte Geschenk auf Gottes Erde hielt und mit dem Kopf in höheren Sphären schwebte, käme nicht auf die Idee, sie als Partnerin in Betracht zu ziehen.

Zumindest war sie davon immer felsenfest überzeugt gewesen. Aber inzwischen war sie sich, was seine Gefühle anging, nicht mehr ganz so sicher. In den letzten Wochen hatte sich ihre Beziehung irgendwie verändert... doch sie konnte nicht einmal genau sagen, wie, warum und vor allem, in welche Richtung.
Boerne war definitiv anders, oft noch anstrengender, noch hyperaktiver, noch schneller aufgebracht – und dann wieder aufmerksamer und rücksichtsvoller als sonst. Seine Aktion vom Tag zuvor war ein solches Beispiel; er hatte ihr auch früher schon manchmal einen ähnlichen Gefallen getan, und sie ihm ebenso. Doch sie war überzeugt, dass der Ausdruck in seinen Augen diesmal anders gewesen war als sonst. Fröhlich in dem Moment, in dem er sie überrascht hatte. Aber gleichzeitig hoffnungsvoll, und etwas nervös. Und als sie nach Hause gegangen war, ein wenig enttäuscht. Zumindest meinte sie, ihn gut genug zu kennen, um diese Gefühle in seinen Augen gelesen zu haben; aber andererseits war das alles so untypisch für Boerne, dass sie ihren eigenen Sinnen nicht über den Weg traute.
Sie wusste nur, seit einiger Zeit fühlte sie sich unsicher im Umgang mit ihm, ein Gefühl, das sie nicht kannte und das ihr zu schaffen machte. Ganz gegen ihren Willen machte sich eine leise Hoffnung in ihr breit, die sie sich eigentlich nie hatte gestatten wollen, eine Hoffnung, die sie seit Jahren in den hintersten Winkel ihres Verstandes zurückzuschieben versuchte. Doch es fiel ihr schwerer und schwerer, die nötige emotionale Distanz zu wahren; die Professionalität, die sie sich jeden Dienst aufs Neue aufgezwungen hatte, sie konnte sie kaum noch aufrechterhalten.

Silke wurde aus ihren Grübeleien aufgeschreckt, als Boerne zu ihr trat und erstaunlicherweise ohne viele Worte begann, ihr beim Aufräumen zu helfen.
Für eine Weile arbeiteten sie zügig und schweigend, aber sie war für sein Schweigen ganz dankbar; sie hätte ohnehin im Moment nicht gewusst, was sie sagen sollte.


Eine anstrengende Stunde später war die Rechtsmedizin kaum wiederzuerkennen. Boerne, der die Stille schon nach kurzer Zeit nicht mehr ausgehalten und sich in Vorträgen verschiedenster Art ergangen hatte, streckte sich seufzend und schob dann mit seiner typischen Bewegung die Brille hoch. „Jetzt haben wir uns einen Kaffee verdient, denken Sie nicht?“ Bevor sie überhaupt antworten konnte, hatte er sie am Oberarm gefasst und schleifte sie mit sich in sein Büro.

Während sie ihren üblichen Platz vor seinem Schreibtisch einnahm und sich vorbeugte, um ihnen beiden einen Kaffee einzuschenken, ließ er sich in seinen Sessel fallen. Behände raffte er die verschiedenen Papiere und Tickets, die vor ihm verteilt lagen, zusammen und räumte sie beiseite, um Platz für die Tasse zu schaffen, die sie ihm hinüberreichte.
Dann sank er tief in seinen Stuhl und trank einen Schluck. Silke hingegen griff nach einer der Karten, die er gerade weggelegt hatte und ließ ihre Augen ein wenig wehmütig über den eigentlich recht schlichten Ausdruck schweifen.

„Was denn, Alberich? Sie starren so versonnen?“
Sie lächelte, als sie ihm einen kurzen Blick zuwarf und wedelte etwas mit der Eintrittskarte in ihrer Hand. „Die Royal Shakespeare-Company?“
„Oh ja, das wird wohl eines der wenigen Highlights der nächsten Tage werden!“ Boerne nickte enthusiastisch, bevor er fortfuhr: „Auf die zumeist stümperhaften Vorträge meiner Kollegen dagegen könnte ich getrost verzichten, da wird nicht viel Bahnbrechendes dabei sein.“
Während dieser geringschätzigen Bemerkung hatte er überheblich die Augen verdreht, begann nun aber animiert zu erläutern: „Am Sonntag bin ich der Hauptredner. Mir obliegt die undankbare Aufgabe, die werten Kollegen wieder aus ihrem komatösen Tiefschlaf zu reißen, nachdem Sandib Singh sich über seine lächerlich veraltete Methode zur Bestimmung des Todeszeitpunktes einer Wasserleiche ausgelassen hat. Danach, so dachte ich, habe ich mir diese Belohnung redlich verdient.“

Silke beachtete seinen überheblichen Monolog gar nicht, fixierte immer noch gedankenverloren die Karte in ihrer Hand.
„Alberich?“
Erst mit einigen Sekunden Verspätung wurde ihr bewusst, dass Boerne sie angesprochen hatte. Als sie aufblickte, musste sie feststellen, dass er sich vorgebeugt hatte und sie mit verwundert hochgezogenen Augenbrauen ansah.
„Wie bitte?“ Etwas beschämt legte sie die Karte wieder auf den Schreibtisch.
Boerne lehnte er sich in seinen Stuhl zurück. „Es drängt sich der Eindruck auf, Sie haben nichts gehört von dem, was ich Ihnen gerade erzählt habe?“
Er klang einigermaßen angreifend; unbeeindruckt von ihrem verlegenen Kopfschütteln legte er den Kopf schräg und fuhr fort: „Hatten wir nicht irgendwo in Ihrem Arbeitsvertrag schriftlich fixiert, dass Sie gebannt an meinen Lippen zu hängen haben, sobald ich sie öffne?“
Das war nun so dick aufgetragen, Silke konnte nicht anders, als amüsiert zu schnauben. „Is‘ klar Chef. Wovon träumen Sie nachts?“
„Lenken Sie nicht ab, Alberich.“ Er zwinkerte ihr fröhlich zu und verschränkte entspannt die Arme. „Na dann mal raus damit! Was beschäftigt Ihr kleines Köpfchen denn so sehr, dass Sie nicht einmal merken, wenn man Sie anspricht?“

Sie kannte diesen Tonfall, er würde nicht locker lassen. Ergeben deutete sie mit dem Kinn auf die Theaterkarte. „Ach nichts. Ich habe nur darüber nachgedacht, dass eine solche Aufführung bestimmt etwas ganz anderes ist als eine hier in unserem Provinztheater.“
Boerne lächelte ein wenig. „Der Gerechtigkeit halber muss man den Leuten hier zugestehen, dass sie tun, was sie können. Aber zugegeben, was die gesamte Atmosphäre angeht, kann Münster mit London nicht mithalten.“
„Ja, das glaube ich.“ Sie seufzte ein wenig wehmütig, als sie ihre Augen nochmals über die geschwungenen Buchstaben schweifen ließ, die das Wort Hamlet formten. „Ich habe schon immer davon geträumt, mal eine solche Vorstellung zu besuchen.“
Boerne schwieg für einen Moment, dann sprudelte er mit einem Male heraus: „Sind Sie schnell mit Packen? Dann kommen Sie mit. Der Flieger geht morgen um neun.“

Mit ihm konnte man auch wirklich kein ernstes Gespräch führen! Sie ärgerte sich schon fast, dass sie ihm eine ehrliche Antwort gegeben hatte, die er mit seinen dummen Sprüchen natürlich gleich wieder ins Lächerliche ziehen musste. Aber das konnte sie auch. „Mit Ihnen nach London? Spitzenwitz, Chef, das ist wohl die letzte meiner Ideen", schnaubte sie mürrisch, noch während sie zu ihm aufblickte.

Doch auf seinem Gesicht fand sich nicht der ironische, spitzbübische Ausdruck, den er immer zeigte, wenn er sie ärgerte. Ganz im Gegenteil. Er hatte sie völlig offen, fragend und gespannt gemustert, aber bei ihrem etwas heftig geratenen Ausbruch änderte sich dieser Gesichtsausdruck innerhalb von Sekundenbruchteilen. Sie war sich sicher, Enttäuschung darin erkannt zu haben, doch sogleich hatte er sich wieder unter Kontrolle und schnappte: „Ganz ruhig, das war ja nur eine Frage! Ich hätte auch selbst drauf kommen können, dass Hamlet für Sie eine Nummer zu groß ist. Der Sommernachtstraum wäre da eher auf Ihrem Niveau, was?“
So bissig und ausfallend wurde er immer, wenn er in Verteidigungsstellung ging; seine Stimme klang ziemlich tonlos, als er hinzusetzte: „Ich dachte, es würde Ihnen vielleicht Spaß machen. Abgesehen davon hätte ich Ihre Hilfe gut brauchen können.“

Silke blieb fast der Mund offen stehen. Hatte er das Angebot etwa tatsächlich ernstgemeint?
Sie hatte plötzlich das Gefühl, ihr würde ein wenig schwindelig.


Sie hörte kaum, wie Boerne sich zynisch darüber ausließ, dass die grenzdebilen Kongresshelfer der letzten Jahre kaum in der Lage gewesen seien, den Diaschlitten richtig herum einzuschieben, geschweige denn, eine PowerPoint-Präsentation zu starten; sie brauchte einen Moment, um sich wieder so weit in den Griff zu bekommen, dass sie die Hände heben konnte, um seinen Redefluss zu unterbrechen. „Chef, warten Sie mal! Ich dachte, Sie wollten mich auf den Arm nehmen…  also… ich würde sehr gerne mitkommen.“ Sie war viel leiser, als sie eigentlich sein wollte, aber sie fühlte sich verunsichert wie schon lange nicht mehr.

Und wenn sie sich bis jetzt immer noch nicht sicher gewesen war, ob sie diese letzten Sekunden richtig interpretiert hatte, löschte das erfreute Lächeln, das sich nun auf seinem Gesicht ausbreitete, diese Zweifel endgültig aus.
„Dann sollte ich schleunigst sehen, dass ich für Sie ein Flugticket bekomme. Obwohl für Ihre Größe eigentlich ein halbes reichen würde...“
Silke verdrehte über diesen erneuten Seitenhieb nur die Augen, während Boerne sich grinsend das Telefon schnappte.


Vergessen war der Kaffee; ein wenig überwältigt saß Silke in ihrem Stuhl und sah ihrem energiegeladenen Chef dabei zu, wie er innerhalb kürzester Zeit den halben Flughafen aufmischte, um ein zweites Ticket für die bereits ausgebuchte Maschine zu organisieren, mit der er am kommenden Morgen nach England fliegen würde.
Natürlich war er erfolgreich. Es war ja auch nicht anders zu erwarten gewesen.

Boerne wirkte mehr als befriedigt, als er den Hörer auf die Gabel legte und dann feststellte: „Na das war doch kein Problem.“
„Kein Problem?“ wiederholte sie nur schwach. So hätte sie das vorangegangene Gespräch wohl nicht unbedingt umschrieben; aber wie so oft war Boerne während seines Telefonats zur Höchstform aufgelaufen. Es war immer wieder faszinierend, in welch unterschiedliche Rollen er am Telefon schlüpfen konnte, um seinen Willen durchzusetzen.

„Ja, das war der leichte Teil.“ Boerne drehte ein wenig seinen Stuhl und zog nun die Computertastatur zu sich heran. „Schwieriger wird es wahrscheinlich mit einem Zimmer, halb London dürfte ausgebucht sein. Ich muss mal kurz die Telefonnummer meiner Unterkunft ausfindig machen.“
Er begann, energisch zu tippen und immer noch etwas ungläubig, aber nun langsam auch neugierig und sekündlich aufgeregter, umrundete Silke seinen Schreibtisch, um ihm über die Schulter zu schauen. Wie nicht anders erwartet, sah sie die Homepage eines der besten und bekanntesten Hotels in London, während Boerne etwas gedankenverloren vor sich hin murmelte: „Naja, zum Glück wird mir als Hauptredner des Kongresses eine Suite zur Verfügung gestellt. Wenn alle Stricke reißen, können Sie das Vorzimmer zum Schlafen nehmen, Sie passen ja zur Not quer in einen Sess…“


Sie ließ ihn nicht ausreden und boxte ihm gegen den Arm. „Mensch Chef, noch ein dummer Spruch und Sie können sich jemand anders suchen, der Ihnen die Dias einsortiert.“
Boerne klappte den Mund zu und warf ihr einen gespielt zerknirschten Blick zu, konnte sich aber ein Schmunzeln kaum verbeißen. Bis sie hinzufügte: „Und vier Euro in die Zwergenwitzkasse.“
Dass er ihr in dem Augenblick nicht seine Tastatur an den Kopf warf, war wohl ein Zeichen seiner Selbstbeherrschung.


Silke konnte das fröhliche Lachen nicht unterdrücken, das sich mit Gewalt seinen Weg nach draußen suchte. Sie hatte keine Ahnung, was die nächsten Tage für sie bereithalten würden, aber ganz tief in ihrem Inneren hatte sie das Gefühl, dass sie ihr für immer in Erinnerung bleiben würden.

Sie sollte Recht behalten. Schon die nächsten Stunden würden ihr für immer in Erinnerung bleiben. Allerdings auf eine ganz andere Art, als sie sich das erhoffte.



* Zitat von Gabi, mit Genehmigung verwendet. Die Beschreibung passt einfach perfekt! =)

Latest Month

April 2018
S M T W T F S
1234567
891011121314
15161718192021
22232425262728
2930     

Tags

Gehostet von LiveJournal.com
Designed by Tiffany Chow