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Beta: josl, jolli
Genre: ein Hauch von Humor, Romanze, h/c, Angst, Drama
Pairing: Boerne/Alberich
Wortanzahl: ~35.000
Warnungen: ooc, cd. Loser Bezug zur Episode Eine Leiche zuviel, es ist von Vorteil, die Folge zu kennen!
Rating: Ab 12
Bingo-Prompt: in Ohnmacht fallen/ohnmächtig
Zusammenfassung: Gedankenverloren sah sie ihm nach, als er den Raum verließ. In den letzten Wochen hatte sich ihre Beziehung irgendwie verändert... doch sie konnte nicht einmal genau sagen, wie, warum und vor allem, in welche Richtung.
Wenige Stunden später allerdings war das ihre geringste Sorge.



Mit erneuter Vehemenz wandten sich Thiel und sein Vater der Handschellen an ihrem Fuß zu und innerhalb weniger Minuten hatten sie die Kette zersägt. Endlich war Silke wieder frei.

Der Kommissar, der sonst immer unerschütterlich wirkte, schien extrem aufgewühlt von den ganzen Ereignissen und sehr besorgt um sie. Er legte nun einen Arm um ihre Schulter und half ihr vorsichtig auf die Füße. „Um den Ring kümmern wir uns später, ok?“
Das restliche Handschellenteil an ihrem Bein war nun wirklich das Letzte, was Silke jetzt gerade interessierte, trotzdem drückte sie dankbar seine Hand. Dann machte sie mit einem unterdrückten Stöhnen ein paar wackelige Schritte auf einen Stuhl zu. Sie hatte so lange in der gleichen Position verharren müssen, dazu Boernes Körpergewicht in ihren Armen gehalten, sie war ganz steif geworden und jeder Knochen schmerzte ihr im Leib.

Beide Männer stützen sie, Herbert Thiel war sofort an ihre andere Seite gekommen, als er gemerkt hatte, wie unsicher sie war. Er schenkte ihr etwas zu trinken ein, kaum dass sie sich auf den Stuhl sinken lassen hatte.
Thiel war für einen Moment verschwunden und als er zurückkehrte, reichte er ihr ein warmes, nasses Handtuch. „Für Ihre Hände“, murmelte er beklommen. „Und vielleicht sollten Sie Ihren Kittel ausziehen.“
Natürlich hatte er recht; Silke wurde in diesem Moment wieder bewusst, was für einen Anblick sie bieten musste. Ihre Hände zitterten, als sie sie notdürftig von Boernes Blut zu reinigen versuchte und danach den verschmierten Kittel auszog und von sich warf.



Es dauerte einige Minuten, bis sie sich in der Lage fühlte, den Weg in die Klinik zu bewältigen.
Mittlerweile wimmelte es in der Rechtsmedizin von Polizisten. Auch Beamte einer Sonderkommission, die den Überfall auf den Geldtransporter aufklären sollten, waren eingetroffen. Und gerade, als Silke auf die Füße kommen wollte, hatten Sie sie entdeckt und begannen, sie zu befragen.
Zwar war dieser Eifer verständlich, doch Silke wollte nur noch weg, wollte zu dem Warteraum, zu dem Jaschke sie beordert hatte. Sie war so erschöpft, körperlich und emotional, sie war kaum noch zu einem klaren Gedanken fähig.
Nur widerwillig ging sie auf die drängenden Fragen zu den Flüchtigen ein, konnte einen Großteil ohnehin nicht beantworten. Meist blieb sie einsilbig, sie wies lediglich darauf hin, dass Nowak und sein Bruder sich ruhig und besonnen gezeigt hatten, aber dass Kern unberechenbar war. Sie wollte sich nicht ausmalen, wozu er fähig sein würde, sollte er sich plötzlich einer Polizeistreife gegenübersehen.

Schließlich bohrte einer von Thiels Kollegen nach, wie es zu Boernes schwerer Verletzung gekommen war und Silke blieb nichts anderes übrig, als mit zittrigen Worten die versuchte Vergewaltigung und die sich daran anschließende, brutale Attacke Kerns zu umreißen.
Und als sie einmal zu reden angefangen hatte, konnte sie zu ihrem eigenen Erstaunen kaum noch aufhören. Ihre unbeschreibliche Hilflosigkeit , die Verzweiflung und die Panik, die sie durchlitten hatte, als Nowak sie mit dem sterbenden Boerne in ihrem Arm zurückgelassen hatte, sprudelten jetzt nur so aus ihr heraus.


Thiel wurde ganz bleich, als sie die Geschehnisse mit einer ihr selbst ganz fremden, seltsam distanzierten Stimme zusammenfasste. Auch seine Kollegen waren unsicher verstummt; und als Silke schließlich geendet hatte, war ihr schwindelig und der Boden wankte ein wenig unter ihren Füßen.
Als sie für einen Moment das Gesicht in den Händen verbarg, spürte sie, dass sich eine Hand auf ihre Schulter legte. Das war natürlich Thiel, und sie war in diesem Augenblick so dankbar für seine Anwesenheit. Obwohl so viele Menschen im Raum waren, war er der einzige, der ihr das Gefühl vermittelte, nicht mehr allein zu sein. Und es war Thiel, der jetzt jede weitere Frage seiner Kollegen energisch abwimmelte.


Offensichtlich widerwillig, aber machtlos gegen seine Entschlossenheit ließen die Beamten sie tatsächlich endlich in Frieden. Als sie abgezogen waren, wandte der Kommissar sich ihr zu, hockte sich vor ihr auf den Boden. „Ich habe vorhin kurz mit Nadeshda telefoniert. Boerne ist im OP, das wird noch eine ganze Weile dauern. Wollen Sie sich etwas ausruhen, bevor wir hingehen?“ Er wirkte immer noch ziemlich aufgewühlt, als er leise hinzufügte: „Ehrlich gesagt sehen Sie so aus, als ob das besser wäre.“
Sie schüttelte nur hektisch den Kopf. „Nein, auf keinen Fall! Ich will zu ihm.“
Entgegen ihrer Befürchtung versuchte Thiel nicht, sie davon abzubringen, sondern nickte lediglich langsam. Er half ihr beim Aufstehen, umfasste sacht ihren Arm und führte sie aus dem Raum.

Sein Angebot, sie mit dem Auto über das Kliniksgelände zu fahren, lehnte sie ab; der Fußweg an der frischen Luft tat ihr gut, linderte ein wenig ihre mittlerweile hämmernden Kopfschmerzen.



Nach vielleicht einer Viertelstunde kamen sie in dem Warteraum an, den Jaschke ihr genannt hatte. Nadeshda saß schon dort, sprang bei ihrem Eintreffen auf und eilte auf sie zu. „Ich soll Ihnen sagen, dass er den Transport hierher gut überstanden hat. Er ist dann gleich in den OP gebracht worden. Professor Jaschke kommt her, sobald er kann.“ Ihre ausdrucksvollen Augen musterten sie dabei besorgt.
Silke nickte nur stumm und ließ sich dann auf einen der Plastikstühle sinken.
Nadeshda nahm ebenfalls wieder Platz, der Kommissar dagegen schien zu aufgewühlt um sich zu setzen. Er lehnte sich gegen die Fensterbank, verschränkte die Arme und starrte mit zusammengepressten Lippen auf den Fußboden. Ohne es zu merken, wippte er mit einem Fuß; selten hatte Silke ihn so unruhig gesehen.


Minutenlang sprach niemand ein Wort, doch Silke wurde noch einmal aus ihren düsteren Gedanken gerissen, als Thiel sich unvermittelt neben ihr auf einen Stuhl fallen ließ, sich mit beiden Händen durch die Haare fuhr und fluchte: „Verdammt, warum habe ich gestern Abend nicht nachgeforscht, wo Boerne bleibt? Ich hätte darauf kommen müssen, dass etwas nicht stimmt.“
Nadeshda legte eine Hand auf seinen Arm, murmelte besänftigend: „Chef, sowas konnte keiner ahnen. Machen Sie sich keine Vorwürfe.“
Silke runzelte die Stirn. Sie verstand nicht, worauf er anspielte. „Wovon reden Sie, Herr Thiel?“ 
Seufzend blickte er kurz zu ihr und sprang dann gleich wieder auf. Er war so erregt, dass er begann, unruhig auf und ab zu tigern. „Boerne wollte gestern Abend noch auf einen Wein vorbeischauen, aber er ist nicht gekommen. Ich hab‘ mich dann nicht weiter drum gekümmert, ich dachte, er bereitet sich auf die Reise nach London vor und hat in seiner Begeisterung vergessen, dass er mir eigentlich noch auf die Nerven gehen wollte. Aber eigentlich hätte es mir auffallen müssen, das ist in den Jahren noch nie vorgekommen.“

Er unterbrach nun seine Wanderung, ließ sich wieder gegen die Fensterbank fallen. „Dann taucht Vaddern heute Morgen in aller Herrgottsfrühe bei mir auf, um mit mir einen Kaffee zu trinken. Als ich ihn frage, warum zum Teufel er um sieben bei mir klingelt, erzählt er mir, dass er Sie eigentlich zum Flughafen bringen sollte, aber Sie wohl schon abgefahren wären. Und da bin ich stutzig geworden, so etwas konnte ich mir bei Ihnen nicht vorstellen.“

Thiel brach an dieser Stelle ab und räusperte sich heiser; Nadeshda sprang für ihn ein. „Der Chef hat dann erfolglos versucht, Sie beide telefonisch zu erreichen. Als ihm das nicht gelungen ist, hat er mich angerufen und mich ins Präsidium geordert. Wir haben mit den Kollegen vom Flughafen Rücksprache gehalten, aber dort waren Sie natürlich auch nicht zu finden.“
Sie warf einen langen Blick auf ihren Vorgesetzten, wirkte ganz unbehaglich. „Ich habe das alles nicht so ernst genommen. Ich dachte, Sie sind bestimmt gerade im Auto unterwegs und kommen bald am Flughafen an… aber der Chef war überzeugt, dass irgendetwas faul ist, er hat darauf bestanden, dass wir in die Rechtsmedizin fahren.“ Müde zuckte sie mit den Schultern, fügte tonlos hinzu: „Keine Sekunde zu früh, wie es aussieht. Sein Bauchgefühl hat ihn nicht betrogen.“


Thiel schnaubte nur und nahm seine Wanderung wieder auf. Sein Frust und seine Selbstvorwürfe waren fast greifbar. Als er an ihr vorbeiwollte, legte Silke eine Hand auf seinen Arm und stoppte ihn. Sie wusste nicht, wie diese Geschichte ausgehen würde, aber eines wusste sie ganz genau: „Wenn Sie nicht gekommen wären, wäre er jetzt schon tot. Er hätte es keine halbe Stunde mehr geschafft.“
Der Kommissar schloss auf diese mit brüchiger Stimme gewisperten Worte hin nur gequält die Augen und zog sie dann an sich. Nadeshda dagegen seufzte laut und strich sich mit zitternden Fingern eine Haarsträhne hinter das Ohr.

Irgendwann löste Thiel sich wieder von ihr und Silke sank wie erschlagen in ihrem Sitz zurück. Sie war zu erschöpft, um auf das leise Gespräch zu achten, das er nun mit Nadeshda führte; zu entkräftet, um sich noch weiter Sorgen zu machen. Sie starrte lediglich wie hypnotisiert an die gegenüberliegende Wand und schloss die Welt um sich herum aus.



Einen undefinierbaren Zeitraum später schreckte sie aus ihrem halbschlafartigen Zustand auf, weil sich auf dem Flur schwere, eilige Schritte näherten.
Thiels und Nadeshdas Köpfe fuhren herum und Silke, noch ganz benommen, sprang in Panik auf die Füße. Das konnte nur der Professor sein! Die Gedanken überschlugen sich förmlich in ihrem Kopf; sie wusste nicht, wie viel Zeit vergangen war, sie wusste nicht, ob die OP schon abgeschlossen sein konnte, oder ob Jaschkes Eintreffen etwas anderes bedeutete - ob es bedeutete, dass sie den Eingriff nicht hatten zu Ende führen können, ob es bedeutete… dass Boerne es nicht geschafft hatte.


Während sie hilflos ein paar Schritte nach vorn machte, wurde die Tür aufgerissen und tatsächlich stürmte Boernes Freund in den Raum. Er war noch in OP-Kleidung, zerrte sich, noch während er durch den Türrahmen schritt, Mundschutz und OP-Haube vom Kopf.
Der Hauch eines Lächelns huschte über sein Gesicht, als er geradewegs auf sie zu eilte. „Es geht ihm nicht gut, aber er hat die Operation besser überstanden, als ich das erwartet habe.“
Silke wurde ganz schwindelig vor Erleichterung, als er sie in den Arm nahm und an sich zog.


Für ein paar Sekunden hielt Jaschke sie einfach nur fest, dann schob er sie ein wenig von sich und
sah sie an, nun wieder ganz ernst. „Sein Zustand ist noch kritisch, aber im Moment stabil.“

Er dirigierte sie nun zurück zu einem Stuhl. Widerstandslos ließ Silke sich darauf nieder, er selbst fiel auf den Sitz neben ihr und rieb sich das Gesicht.

„Der Angreifer hat eine Niere verletzt, deshalb der hohe Blutverlust. Karl stand kurz vorm Kreislaufversagen, als wir hier eingetroffen sind. Wir haben das gerade noch so in den Griff bekommen.“
Obwohl Silke gewusst hatte, dass sein Leben am seidenen Faden gehangen hatte, war es schrecklich, das jetzt von Jaschke noch einmal so bestätigt zu kommen. Sie presste die Lippen zusammen und versuchte nur mit mäßigem Erfolg, die Tränen zurückzuhalten, während der Professor schon weitersprach.
„Die diffuse Peritonitis, die er im Laufe der Nacht entwickelt hat, ist wahrscheinlich auf Verunreinigungen an der Klinge zurückzuführen. Weiß der Geier, was für Keime an diesem Messer geklebt haben! Alle vier Quadranten sind betroffen, aber es sah insgesamt nicht ganz so schlimm aus, wie ich befürchtet habe. Natürlich hat der Urin, der in den Bauchraum gelangt ist, die Situation noch verschärft.“ 
Er lehnte sich nun in seinem Stuhl zurück. „Wir bombardieren ihn mit Antibiotika, seit er hier über die Türschwelle gerollt ist. Und sie scheinen anzuschlagen, die Entzündungswerte steigen im Augenblick nicht mehr weiter an. Es sieht so aus, als sei das richtige Mittel dabei.“


Silke war klar, dass Thiel und Nadeshda von diesem Schwall an Informationen wahrscheinlich nicht einmal die Hälfte verstanden hatten, aber das war ihr egal. Sie musste zu ihrer eigenen Sicherheit noch einmal nachfragen. „Also hat Kerns Stich nicht seinen Darm verletzt?“
Jaschke schüttelte den Kopf, wurde ganz leise. „Gott sei Dank nicht. In dem Fall hätten wir ihn nicht mehr retten können, dazu war sein Zustand schon zu schlecht, als Sie endlich gefunden wurden.“

Für einen Moment schloss sie die Augen und wischte sich dann einmal mehr die Tränen aus dem Gesicht. Jaschke beugte sich vor und drückte mitfühlend ihre Hand. „Seinen Kopf haben wir uns auch angesehen, der ist bald wieder in Ordnung. Die Gehirnerschütterung ist ziemlich heftig und ein Schleudertrauma hat er auch, aber wir beobachten das nur.“
Er wirkte müde, als er zusammenfasste: „Die Infektion hat einen wirklich dramatischen Verlauf genommen. Ich bin sicher, wir sind auf dem richtigen Weg, trotzdem konnten wir das Fieber bislang kaum senken. Karl ist extrem geschwächt, wir halten ihn vorläufig im Koma und beatmen ihn voll, damit er sich nicht anstrengen muss.“

Sie nickte wie mechanisch. Jaschke ließ ihre Hand nun wieder los und lehnte sich erneut in seinen Stuhl zurück. „Das weitere Vorgehen hängt davon ab, wie schnell er sich stabilisiert. Vor allem müssen wir jetzt erst einmal hoffen, dass keine Komplikationen auftreten.“ Noch einmal lächelte er leicht. „Aber was das angeht, bin ich einigermaßen optimistisch. Ich glaube, wir haben noch gerade so die Kurve gekriegt. Außerdem hat Karl in den letzten Stunden mit aller Kraft gekämpft, er hat sich nicht geschlagen gegeben. Und ich hoffe, dass er das auch weiterhin nicht tut.“


Diesem vorsichtigen Optimismus zum Trotz verspürte Silke weiterhin so viel Angst um Boerne, sie wusste kaum, wohin mit sich. Sie brauchte einen Moment, bis sie endlich ihren dringendsten Wunsch hervorbrachte. „Kann ich ihn sehen?“
Der Mediziner musterte sie wortlos, bevor er leise seufzte. „Sie gehören ins Bett, und das ganz dringend. Aber so wie ich Sie kenne, werden Sie keine Ruhe finden, bevor Sie sich nicht mit eigenen Augen überzeugt haben, dass es stimmt, was ich Ihnen erzählt habe.“ Er stand auf und griff ihre Hand. „Kommen Sie, ich bringe Sie hin. Aber nur fünf Minuten, keine Sekunde länger.“

Während sie auf die Füße kam, warf sie einen unsicheren Blick auf Thiel und er verstand sie sogleich. „Gehen Sie. Wir warten hier“, ermutigte er sie. Dann lehnte er sich in seinem Stuhl zurück und schlug die Beine übereinander, Nadeshda tat es ihm gleich.
Dankbar nickte Silke ihnen zu und ließ sich dann von Professor Jaschke aus dem Raum führen.


Der Oberarzt brachte sie in eine kleine Umkleidekabine, in der sie sich umziehen und die Hände desinfizieren musste. Zwei Minuten später standen sie vor Boernes Zimmer.
„Ich muss Ihnen nicht erklären, was Sie erwartet.“ Jaschke blickte sie ernst an. „Er ist an so ziemlich jede Maschine angeschlossen, die die Intensivstation hergibt. Man sieht ihm an, was er in den letzten Stunden durchmachen musste.“
„Ich kann es mir denken“, murmelte sie tonlos.
„Fünf Minuten“, bekräftige Jaschke nochmals. „Länger lasse ich Sie hier nicht sitzen. Sie sehen schrecklich aus, Sie brauchen eine Pause.“
Mit diesen Worten öffnete er ihr die Tür und Silke trat mit verhaltenen Schritten in den Raum, bewegte sich unsicher auf das Bett zu.


Sie hatte gedacht, sie wüsste, was auf sie zukommen würde; und doch war es ein Schock, Boerne so zu sehen. Für einen Moment verschwamm die Welt vor ihren Augen und sie musste sich an seinem Bettgitter festhalten, um nicht umzukippen.

Dass Jaschke ihn vom Brustbein bis zur Leiste hatte aufschneiden müssen, um sein Leben zu retten, war nicht ihr Problem. Was Wunden anging, war sie abgehärtet, der Anblick der sich über seinen kompletten Oberkörper ziehenden, dick verklebten Naht konnte sie nicht erschüttern. Auch die vielen Kabel, die blutigen Drainagen, Beatmungsschläuche und Medizingeräte machten ihr nichts aus. Sie hatte noch nie Angst vor dieser Technik gehabt, sie war dazu da, Leben zu retten und er war auf sie angewiesen, hatte nur durch sie überhaupt eine Chance.

Es war viel mehr sein Gesicht, das ihr den Boden unter den Füßen wegzog. So grau und krank. So hohlwangig. Glänzend von feinen Schweißperlen, weil er immer noch glühte vor Fieber. Dazu Tubus und Magensonde, beide überreichlich fixiert mit breiten, weißen Pflasterstreifen, die seine eingefallenen Züge fast vollständig verbargen. Selbst seine Augen waren noch mit mehreren schmalen Pflastern zugeklebt; er war kaum mehr zu erkennen.
Nur mit Mühe konnte sie ein lautes Aufschluchzen unterdrücken.

Auf unsicheren Beinen trat sie bis ganz nah an das Kopfteil heran und nahm dann seine überhitzte Hand in ihre kalten Finger.
Sie musste sich extrem zusammenreißen, um nicht vollständig die Fassung zu verlieren, als sie sich selbst und ihm immer wieder leise vorwisperte, dass alles gut werden würde.



Wie Jaschke es angekündigt hatte, kam er nach wenigen Minuten zurück und begleitete sie aus dem Zimmer.
Silke konnte erneut die Tränen kaum zurückhalten, als sie ihn anflehte, bei Boerne bleiben zu dürfen. Der Gedanke, dass sie ihn nun allein dort liegen lassen sollte, dass sie vielleicht nicht rechtzeitig bei ihm sein würde, wenn es ihm plötzlich schlechter ging, jagte ihr unbändige Angst ein.
Doch der Professor war unerbittlich, er ignorierte ihr Bitten und führte sie von der Intensivstation.




Thiel und Nadeshda saßen noch wie versprochen in dem kleinen Warteraum. Sie sprangen auf, als Jaschke ihr die Tür öffnete und Thiel machte ein paar Schritte auf sie zu. Besorgt fasste er ihren Arm, als sie sich wie erschlagen auf einen der Stühle fallen ließ.

Mit bebenden Händen fuhr sie sich durch das Gesicht, blickte aber überrascht auf, als Professor Jaschke den beiden Polizisten erklärte: „Ich werde Frau Haller zur Beobachtung hierbehalten, mindestens für eine Nacht. Sie steht unter Schock und ist völlig übermüdet, in diesem Zustand lasse ich sie auf keinen Fall nach Hause.“
Dann wandte er sich ihr zu und hockte sich vor ihren Stuhl. „Ich habe ein Zimmer für Sie, im Stockwerk über uns. Sie können innerhalb kürzester Zeit hier sein, sollte es nötig werden.“ Sacht drückte er ihre Hand, als er mit leiser Stimme hinzufügte: „Wenn etwas mit Karl ist, werde ich Sie sofort rufen lassen, ich verspreche es Ihnen. Aber jetzt müssen Sie erst einmal an sich denken. Das ist eine ärztliche Anweisung.“


Im ersten Moment war sie einfach nur dankbar für seine Umsicht, aber dann gewann die allgegenwärtige Angst wiederum die Oberhand; die Angst, dass Boernes Zustand sich verschlechtern könnte; dass die leisen Hoffnungen, die sie sich inzwischen machte, doch noch zerstört werden könnten.
Erneut wurde ihr schwindelig.

Sie hörte kaum, wie Jaschke dem Kommissar nun mit wenigen Worten den Weg auf die Station beschrieb. Nadeshda bot sich in der Zeit an, in Silkes Wohnung zu fahren und ein paar Sachen zu packen, doch das alles nahm sie nur noch halb benommen wahr. Es fiel ihr schwer, zu erklären, wo sie im Institut ihren Schlüssel aufbewahrte, so ausgelaugt war sie inzwischen.



Wie Thiel es geschafft hatte, sie auf ihr Zimmer zu bugsieren, nachdem Nadeshda sich von ihnen verabschiedet hatte, konnte sie im Nachhinein gar nicht mehr nachvollziehen.
Als sie im Zimmer angekommen waren, schlug er gleich die Bettdecke zurück und drückte sie auf die Matratze.
„Schlafen Sie“, murmelte er dabei leise und eindeutig besorgt.

Doch in dem Augenblick, in dem sie auf das Bett sank, wurde sie von einer Welle von Panik überrollt. Sie hatte panische Angst, zu schlafen. Panische Angst davor, welchen Schrecken sie im Traum ausgesetzt sein würde.
Mit Gewalt schoben sich die fürchterlichen Bilder der letzten Stunden zurück vor ihr inneres Auge, allen voran der Alptraum. Und in dem Moment, in dem sie Boernes leblosen Blick wieder vor sich sah, brachen alle Dämme.
Ihre Selbstbeherrschung war vollständig erschöpft, sie fing so verzweifelt an zu schluchzen, dass sie kaum noch Luft bekam. Ihre Angst, Verzweiflung, Erschöpfung, alles drängte mit Gewalt nach außen. Sie weinte immer stärker, sie konnte gar nicht mehr aufhören.

Sichtbar schockiert über diesen plötzlichen Zusammenbruch hatte Thiel sich neben sie gesetzt und zog sie nun unbeholfen an sich. Sie ließ das zu, ließ sich in die Arme nehmen, dankbar für den festen Halt, den er ihr gab, während sich in ihrem Kopf alles drehte.


Sie wusste nicht, wie lange sie dort so saßen. Sie wusste nur, dass sie irgendwann sogar zu erschöpft war, um zu Weinen.
Nur vage nahm sie wahr, dass Thiel leise, beruhigende Worte murmelte und ihr wieder und wieder durch die Haare strich. Nur vage nahm sie wahr, dass sie langsam wegdriftete. Und trotz der Angst davor, einzuschlafen, hatte sie keine Kraft mehr, sich dagegen zu wehren.

Sie schreckte noch einmal auf, als Thiel sie behutsam ablegte und sie zudeckte. „Ruhen Sie sich aus“, wisperte er leise. „Alles wird gut, schlafen Sie.“
Sie war nicht mehr in der Lage, eine Antwort zu geben; ein leises Seufzen war das einzige, was sie noch zustande brachte.
Ihr letzter Gedanke, bevor sie endlich einschlief, galt Boerne.
Er lebte. Sie hatten noch eine Chance bekommen und sie würde sie nicht ungenutzt verstreichen lassen.
Alles würde gut werden.



Comments

( 8 Kommentare — Kommentar hinterlassen )
anja79
4. Okt 2013 14:42 (UTC)
Wow. Ich habe beim lesen eine Gänsehaut bekommen. Schön das Silke nun Beistand hat. Gemeinsam sind sie stark!

Happy End nicht ausgeschlossen ;)


baggeli
4. Okt 2013 14:56 (UTC)
Ich habe beim lesen eine Gänsehaut bekommen
Dann habe ich mein Ziel ja erreicht. =)

Happy End nicht ausgeschlossen ;)
Warten wir's ab...
;)
justinterest65
4. Okt 2013 15:30 (UTC)
Ok, Verschnaufpause, Mitleiden auf hohem Niveau ist angesagt.

Verständlich, dass Silke so vollkommen fix und foxi ist, Stress hoch unendlich war das. Gute Reaktion von Thiel, ein Hoch dem Bauchgefühl. Da wollte Boerne wohl von seinem Erfolg oder evtl. Misserfolg berichten, nehme ich an, bei der Verabredung zu Wein. Gut, dass Thiel aus Kenntnis der Beiden eben nicht angenommen hat, dass Silke und Boerne lüstern durch die Laken toben. *gg*

Ich trau mich nur nicht, an ein Happy End zu glauben, aber ich hätt' doch sooooooooo gerne eines *g*
baggeli
4. Okt 2013 15:38 (UTC)
Hör mal, deine Reviews zaubern mir immer ein fettes Grinsen auf's Gesicht! So wie du mit Sprache umgehst, will ich auf der Stell eine ff von dir lesen. Also, worauf wartest du?!

Da wollte Boerne wohl von seinem Erfolg oder evtl. Misserfolg berichten, nehme ich an, bei der Verabredung zu Wein.
Misserfolg war es doch eigentlich nicht? Findest du, das konnte man als Misserfolg werten? Ich hatte eigentlich gedacht, ihre Zustimmung sei ein schönes Signal in die richtige Richtung.

Gut, dass Thiel aus Kenntnis der Beiden eben nicht angenommen hat, dass Silke und Boerne lüstern durch die Laken toben. *gg*
*gröl*
Du machst mich fertig, wirklich.
Und nein, das würde Thiel nicht vermuten, speziell mein Thiel NIEMALS. *lol*

Ich trau mich nur nicht, an ein Happy End zu glauben, aber ich hätt' doch sooooooooo gerne eines *g*
Dann sollte ich den Epilog doch jetzt einfach mal veröffentlichen, was? Dann ist die Sache endlich abgeschlossen. Kann sich ja nicht ewig ziehen.

Edited at 2013-10-04 15:39 (UTC)
justinterest65
4. Okt 2013 16:49 (UTC)
Boerne hat sich mit Thiel doch zum Wein verabredet. nehme ich an, BEVOR er Silke den Vorschlag machte, da kann er durchaus mit einem Misserfolg (noch) gerechnet haben. Es sei denn natürlich, er traf die Verabredung in der Pause zwischen Verlassen und Wieder betreten der Rechtsmedizin, das bleibt unklar.

Ähm, Fanfiktion von mir gibt es schon, aber nicht hier und nicht zum Tatort Münster, sondern auf FF.de und dort unter "The Mentalist". Aber dort ist meiner Meinung nach das sprachliche Niveau der Autoren, naja, nicht ganz so hoch wie hier im Tatort_Fandom. Ok, schlagt mich, aber ich sehe es halt so, daher meine Zurückhaltung in der hiesigen Umgebung. Zudem habe ich mich in die Rollen noch nicht so wirklich eingedacht. Da brauche ich noch etwas Zeit.

Edited at 2013-10-04 17:09 (UTC)
baggeli
4. Okt 2013 17:10 (UTC)
Tatsächlich hat er das für mich in der "Pause" gemacht. Er ist Thiel, wie so oft, im Treppenhaus über den Weg gelaufen.
Der gute Herr Hauptkommissar hat auch mal früher Feierabend gemacht nach dem ganzen Stress des letzten Falles. ^^
justinterest65
4. Okt 2013 17:13 (UTC)
Ok, dann natürlich nicht Misserfolg, sondern eher eine detaillierte Schilderung der Pläne fürs Wochenende, nehme ich an. *gg* Thiel als Ratgeber für romantische Vorhaben? Jep, die richtige Besetzung, die Garantie für einen Oscar. *lol*
baggeli
4. Okt 2013 17:19 (UTC)
Jep, die richtige Besetzung, die Garantie für einen Oscar. *lol*
*lol*

Da wollte ich grad meinen Beitrag editieren, um auf dein Edit einzugehen, da warst du schon wieder schneller. ^^
Dann noch mal an dieser Stelle:

was das (sprachliche) Niveau hier angeht, muss ich mich wohl auch hinten anstellen. Das hält mich aber nicht davon ab, euch meine geistig-gestalterischen Ergüsse um die Ohren zu donnern. *lol* sorry, ich liebe diesen Ausdruck von Boerne

'The Mentalist' kenne ich nur dem Namen nach, das bringt mir nicht viel, da reinzulesen. Aber ich gebe dir gerne die Zeit, die du brauchst und warte geduldig darauf, ob mal was schönes von dir kommt. Wenn du schon fanfiction veröffentlicht hast, ist das ja alles ein alter Hut für dich, dann kannst du ja gleich befreit loslegen.
Für mich war damals die Hemmschwelle groß, soviel steht fest. Ich hätte mich fast nicht gertaut.
( 8 Kommentare — Kommentar hinterlassen )

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