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Genre: Angst
Wortanzahl: 1000
Bingo-Prompt: Fieber (Joker)
Zusammenfassung: Er war gefangen in seiner persönlichen Hölle und es gab kein Entkommen.
A.N.: Outsider P.O.V.



Er war gefangen in seiner persönlichen Hölle und es gab kein Entkommen.

Mit einem Seufzen sank er noch weiter zurück in den alten Besucherstuhl, in den er vorhin kollabiert war, weil seine Beine ihn schlicht nicht mehr trugen.
Er war mittlerweile zu erschöpft, sich zu rühren. Zu erschöpft, etwas anderes zu tun als wie paralysiert auf den Überwachungsmonitor zu starren, der über dem Bett angebracht war. Er konnte seinen Blick nicht davon abwenden.
Die Graphen pulsierten nun wieder langsamer über den Bildschirm. Immer noch zu schnell, aber zumindest wieder in einer Frequenz, die keine akute Lebensgefahr mehr für Karl bedeutete.

Vor kurzer Zeit noch war das ganz anders gewesen. Vor kurzer Zeit noch hatte er gedacht, sie würden ihn verlieren.
Und das, nachdem er eigentlich gar nicht mehr damit gerechnet hatte.



Als am frühen Morgen der Anruf in der Leitstelle eingegangen war, dass es einen Schwerverletzten in der Rechtsmedizin gab, hatte sich alles in ihm verkrampft. Warum auch immer, in dem Augenblick hatte er gewusst, dass es sich dabei nur um Karl handeln konnte.
Der Weg war nicht weit, quer über das Gelände schneller zu Fuß zu erreichen, als mit dem NEF; er war einfach losgerannt. Wenige Sekunden bevor zwei Sanitäter den Rettungswagen auf den Parkplatz gesteuert hatten, war er am Institut eingetroffen.


Die junge Kommissarin, die ihn am Eingang erwartete, bestätigte schon mit den ersten Worten seine schlimmsten Befürchtungen. Aber er hatte sich von dem Schrecken nicht lähmen lassen.
Ganz im Gegenteil.

Er hatte um seinen Freund gekämpft, von der Sekunde an, in der er sich neben ihm auf die Knie geworfen hatte. Es war ein harter Kampf gewesen, von dem er sich eine Zeitlang nicht sicher gewesen war, ob er ihn gewinnen würde. Aber er hatte nicht aufgegeben, hatte alles für ihn getan, was dank der Intensivmedizin mittlerweile möglich war.

Und auch Karl hatte nicht aufgegeben. Er hatte den lebensbedrohlichen Blutverlust überstanden, ebenso die in kritische Operation. Er reagierte gut auf die Antibiotika.


Im Verlauf dieses unendlich langen, anstrengenden Tages hatte er sich so weit stabilisiert, dass das Jaschke und sein Kollegenteam sich spät in der Nacht darauf geeinigt hatten, die Sedierung probehalber ein Stück weit zurückzufahren.
Karl hatte schon bald  mehr und mehr selbst geatmet und am frühen Morgen war er tatsächlich so weit gewesen, das sie ihn extubieren konnten. Damit übertraf er sogar die optimistischsten Prognosen. Aber das passte zu ihm, er war schon immer ein Kämpfer gewesen. Ein Kämpfer und ein unglaublicher Sturkopf.
In dem Moment war er sich sicher gewesen, dass nun alles gut werden würde.



Niemand von ihnen hatte damit gerechnet, wie die Dinge sich entwickeln würden, als Karl langsam wieder zu sich kam.
Niemand hatte mit den Alpträumen gerechnet. Mit der Panikattacke, die sie alle so schnell und so heftig überrollte, so überraschend, dass sie kaum darauf reagieren konnten.


Dass Patienten unruhig wurden, wenn sie aus dem künstlichen Koma aufwachten, war nicht ungewöhnlich. Den meisten fiel es schwer, zwischen Traum und Realität zu unterscheiden, wenn sie noch halb betäubt waren von den starken Schmerz- und Beruhigungsmitteln, die nur langsam abgebaut wurden.
Karl war es ebenso ergangen. Wieder und wieder war er aus seinem Dämmerzustand aufgeschreckt. Er war nicht wirklich ansprechbar gewesen, noch zu weit weg, gefangen in seinen Fieberphantasien, die sich ganz offensichtlich um die Schrecken drehten, die er in der Nacht zuvor erlebt hatte.
Aber Jaschke war ihm nicht von der Seite gewichen, hatte versucht, ihn zu beruhigen. Immer wieder, wenn er unruhig Silke Hallers Namen zu murmeln begonnen, sich angespannt und eindeutig gequält den Kopf hin und her geworfen hatte, hatte er begütigend auf ihn eingeredet. Ein ums andere Mal.
Und es schien einigermaßen zu funktionieren.


Doch dann war Karls Zustand von jetzt auf gleich völlig außer Kontrolle geraten.
Innerhalb kürzester Zeit war das komplette Team der Nachtschicht damit beschäftigt gewesen, ihn festzuhalten, damit er sich keinen Schaden zufügen konnte, während er vollständig verzweifelt und gefangen in einem Horror, den nur er sehen konnte, nach seiner Assistentin schrie.

Er war so außer sich gewesen, es war eindeutig, dass sie nicht zu ihm durchdringen konnten.
Jaschke hatte unmittelbar die Anweisung gegeben, ihn wieder zu sedieren. Der enorme Stress, dem er zu dem Zeitpunkt ausgesetzt war, war eindeutig zu viel für seinen geschwächten Körper, sie hatten keine Wahl als ihn schleunigst wieder ruhigzustellen.

Doch noch bevor sie die Medikamente hatten spritzen können, war Karl plötzlich unter ihren Händen erschlafft und zurück auf den Rücken gestürzt. Leblos - die Überwachungsmonitore hatten in voller Lautstärke alarmiert, nur noch ein Kammerflimmern angezeigt.

Für einen Augenblick war Jaschke fassungslos erstarrt. Dann hatte seine Professionalität übernommen.



An die folgenden Minuten hatte er kaum eine Erinnerung. Er hatte einfach nur funktioniert. Und sein Team hatte funktioniert, wie eine gut geölte Maschine.
Sie hatten seine Anweisungen so schnell ausgeführt, als hätten sie immer schon vorher gewusst, was er sagen wollte. Und sie hatten ihn zurückholen können, gleich beim ersten Versuch.


Seitdem saß er hier, starrte immer noch erschüttert auf den Monitor und fragte sich, was in Gottes Namen in der Nacht zuvor in der Rechtsmedizin vorgefallen war, dass Karl sich derartig um Silke Haller sorgte. Eine solche Angst, eine solche Verzweiflung hatte er noch nie erlebt.


***


Es war ein zittriges, gepeinigtes Stöhnen, das ihn dazu brachte, seine brennenden Augen endlich vom Monitor abzuwenden.
Er musste ein paarmal blinzeln, bevor er wieder scharf sehen konnte. Und als er schließlich seinen Blick fokussiert hatte, konnte er ein Seufzen nicht unterdrücken.

Sein Freund lag ganz still; er war nach den Strapazen der letzten Stunde vermutlich so erschöpft, dass er nicht einmal den kleinen Finger bewegen konnte. Doch statt dass ihm nun endlich Ruhe vergönnt war, war es eindeutig, dass er erneut in einem Alptraum gefangen war.
Wie schon so oft heute Nacht bewegten sich seine Lippen in lautlosem, fiebrigem Gemurmel; und wieder war es Silkes Name, den sie formten.

Hilflos wie selten zuvor nahm Jaschke die glühende Hand in seine und drückte sie.
Doch in dem Moment, in dem eine einzelne Träne aus Karls Augenwinkel rann und eine glänzende Spur auf seinem grauen, eingefallenen Gesicht hinterließ, fällte er eine Entscheidung.
Er würde sich diese Quälerei nicht mehr länger mit ansehen.


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