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Bingo-Story: Zerstört

Genre: keine Ahnung
Wortanzahl: 550
Bingo-Prompt: Beichte
Zusammenfassung: Yu-Tang hatte während seiner Tat wahrscheinlich keine Sekunde darüber nachgedacht, wie viele Leben er damit zerstören würde
A.N.: Ich habe festgestellt, das ich bei meinen Oneshots zu Herzrasen im Moment einfach nicht weiterkomme. Es erzwingen zu wollen bringt nichts, wie die letzten Wochen gezeigt haben; also widme ich mich jetzt zuerst einmal ein paar anderen Dingen.
Über Sinn und Unsinn des nachfolgenden Textes lässt sich wie immer diskutieren


„Ich erinnere mich… ich… ich kann mich wieder erinnern…“ Boerne wirkte geradezu ungläubig, fast etwas abwesend, als er sich nun langsam umdrehte.
Kein Laut war zu hören, doch seine leise gemurmelte Erkenntnis hatte die lähmende Starre, die sich nach Dr. Martins letzten Worten im Raum ausgebreitet hatte, durchschnitten, als hätte er sie herausgeschrien.

Einer nach dem anderen, wie ferngesteuert, wandten sich auch die übrigen Anwesenden um. Ein Augenpaar nach dem anderen richtete sich auf den jungen Chinesen, der im Büro auf der anderen Seite des Flures an die Fensterbank gelehnt stand.



Man hatte Boernes und Dr. Martins Aussage dort unter keinen Umständen hören können, doch der Ausdruck in den Gesichtern der Personen, die sich nun der Reihe nach zu Yu-Tang herumdrehten, war offensichtlich eindeutig genug.
Seinen weit aufgerissen Augen nach zu urteilen, schien ihm klarzuwerden, dass es vorbei war. Dass alles vorbei war.
Sein Plan war gescheitert.


Thiel, der eilig aus seinem Sessel hochgesprungen und in das Nachbarbüro gelaufen war, kam wortlos zum Stehen, als er den fassungslosen Blick bemerkte, mit dem Miao ihren Verlobten fixierte. Langsam schien ihr zu dämmern, was Thiel und den anderen bereits klargeworden war.

Unsicher irrten Yu-Tangs Augen zwischen ihnen hin und her, während er nervös am Bund seiner Jacke herumfingerte.
Und dann platzte es plötzlich aus ihm heraus. „Songma hat uns alle in Gefahr gebracht!“ Zittrig schnappte er nach Luft, als er seiner inzwischen sichtlich bestürzten Partnerin ins Gesicht sah. „Miao!“ Sein Blick rutschte tiefer. „Unser Baby!“

Er verstummte kurz, doch dann, mit einem Mal, mischte sich Erregung in seine Stimme. „Aber sie hat nicht damit aufgehört…“ Sein bis gerade erschrecktes, ängstliches Gesicht verzerrte sich, wich einer aufgebrachten Miene. Der zuvor fast hilflos anmutende junge Mann wurde immer lauter und zorniger. „Das hätte sie nie getan!!“
Wie um Verständnis heischend blickte er sich um, sprach nun drängender, während sich Verzweiflung in seine Stimme mischte. „Als Alim Can tot war… da musste ich etwas unternehmen! So konnte es doch nicht weitergehen!


Nach diesem Geständnis blickte er von einem zum anderen. Aber er erntete nur Schweigen; auch Thiel brachte kein Wort über die Lippen.

Die Verzweiflung, die in dieser Beichte durchgeklungen war, war echt. Und doch empfand Thiel keine Sekunde Mitleid für ihn. Konnte kein Mitleid empfinden für einen Mann, der, statt sich Hilfe bei den Behörden zu holen, eine junge Frau brutal ermordet hatte. Der skrupellos genug gewesen war, diese Tat einem Unschuldigen in die Schuhe schieben zu wollen; der billigend in Kauf genommen hatte, dass dieser Mann den Rest seines Lebens hinter Gittern verbringen würde und dem es völlig gleichgültig gewesen wäre, wenn die Überdosis Drogen, die er ihm verabreicht hatte, ihn umgebracht hätte.


Yu-Tang hatte während seiner Tat wahrscheinlich keine Sekunde darüber nachgedacht, wie viele Leben er damit zerstören würde.
Songmas Leben. Sein eigenes.
Zum Glück nicht Boernes.

Nein, mit einer solchen Person konnte Thiel kein Mitleid haben.



Während Yu-Tang noch hektisch auf seine Verlobte einredete, begann die junge Frau zu schluchzen. Es war ein herzzerreißendes, jammerndes Klagen, das Thiel einen Schauer über den Rücken jagte. Hilflos machte er ein paar Schritte auf sie zu, als sie in sich zusammensackte - und in diesem Moment, als er das Ausmaß ihrer Verzweiflung erkannte, wurde ihm klar, dass Yu-Tang auch ihr Leben zerstört hatte. Ihres und das ihres ungeborenen Babys.


Nein; mit einer solchen Person konnte er kein Mitleid haben.


Comments

( 17 Kommentare — Kommentar hinterlassen )
justinterest65
6. Nov 2013 04:53 (UTC)
Du schmeißt einen richtig in die Emotionen der Szene zurück mit Deinem Text. Klasse!

Ob das eigentlich Absicht war in der Folge, dass das "Ei weiwei", mit dem Thiel von seinem Schreibtisch aufsteht, genauso klingt wie der Name des derzeit wohl berühmtesten chinesischen Dissidenten Ai Weiwei? Das frag ich mich seitdem ich die Szene das erste Mal sah.

Edited at 2013-11-06 04:56 (UTC)
cricri_72
6. Nov 2013 05:33 (UTC)
"Ei weiwei"
Da bin ich mir absolut sicher, das ist ein klassischer Münster Kalauer (von der Art, die ich eigentlich gar nicht sooo komisch finde, aber nun gut ... Es ist hier ganz nett eingesetzt, weil man es fast überhören kann)
justinterest65
6. Nov 2013 06:49 (UTC)
Kann man durchgehen lassen, aber wirklich applauswürdig fand ich es nicht. Mir wollte scheinen, Prahl fand das auch nicht so prall *nu aber Schluss mit doofen Kalauern (mir selber auf Finger haue)*
baggeli
6. Nov 2013 09:07 (UTC)
Prahl fand das auch nicht so prall
*lol*

Dein Anspruch, was Wortspiele angeht, ist offensichtlich ebenso niedrig, wie meiner
justinterest65
6. Nov 2013 11:20 (UTC)
Öhm, normalerweise ist der schon etwas höher, aber hey, andauernd Heinrich Heine nacheifern wollen, wäre so, als wolle man sich nur vernünftig ernähren. Manchmal muss einfach Fastfood sein *lol*
baggeli
6. Nov 2013 12:20 (UTC)
:D
Ich mag Fastfood. Und wie genial Heinrich Heines Wortspiele sind, kann ich nicht beurteilen. ich Kulturbanause. ^^
cricri_72
7. Nov 2013 17:54 (UTC)
Prahl fand das auch nicht so prall
Autsch ... ;)
baggeli
6. Nov 2013 08:31 (UTC)
Es ist hier ganz nett eingesetzt, weil man es fast überhören kann
Trotzdem hat es seinen Weg in diesen Text nicht gefunden. Passte mir da nicht rein.
baggeli
6. Nov 2013 08:33 (UTC)
Du schmeißt einen richtig in die Emotionen der Szene zurück mit Deinem Text. Klasse!
Danke! *hüpf* Ist ja immer Ansichtssache, aber ich habe es so empfunden.

Ob das eigentlich Absicht war in der Folge, dass das "Ei weiwei"...
Mit Sicherheit.
cricri_72
6. Nov 2013 05:31 (UTC)
Ich finde die Szene sehr genau getroffen - und weiß aus leidvoller Erfahrung, wie schwer es ist, so etwas zu schreiben, obwohl man das Gegenteil meinen sollte, weil es ja ganz nahe am Canon ist. Man ist voll "drin" beim Lesen, und es paßt ausgezeichnet aufs Prompt.

Wäre mir das mal eingefallen, ich habe nämlich auch "Beichte" ...
baggeli
6. Nov 2013 08:45 (UTC)
Ich finde die Szene sehr genau getroffen ... Man ist voll "drin" beim Lesen
Danke dir! =D
Ich fand das eine sehr intensive Szene beim ersten Ansehen; und ich habe echt geschluckt, wie die Schauspielerin, die Miao gespielt hat, das umgesetzt hat. Das war meiner Meinung nach sehr stark. Berührend und beklemmend.

...und es paßt ausgezeichnet aufs Prompt.
Gut, dass du das so siehst. Ich war mir nicht so sicher, habe dann aber beschlossen, dass Geständnis und Beichte ja schon irgendwie das gleiche bedeuten... auch wenn man das Wort Beichte an sich eher mit der Kirche in Verbindung bringt


justinterest65
6. Nov 2013 12:42 (UTC)
Ach, Dir fällt doch bei "Beichte" sicher was Geniales ein, worauf von uns Anderen in 1000 kalten Wintern keiner käme. *gg*

Edited at 2013-11-06 12:44 (UTC)
baggeli
6. Nov 2013 12:48 (UTC)
Das kann ich bestätigen. Cricri fällt immer etwas ein. ^^
t_sihek
6. Nov 2013 06:23 (UTC)
Mit diesem Bonbon hast Du mir einen schönen Morgen beschert.

Diese Szene fand ich schrecklich... alles bricht zusammen für die Verlobte. Für Boerne aber... irgendwie fehlt mir noch seine Reaktion. Die Thiels hast Du aber wunderbar eingefangen.

Schade, dass die Geschichte so schnell zu Ende ist, die dürfte ruhig noch länger sein.
baggeli
6. Nov 2013 09:04 (UTC)
Diese Szene fand ich schrecklich
Ich fand sie an sich grandios gemacht; auch wenn das, was in dem Moment alles offenbar wurde, schrecklich war.

Die Thiels hast Du aber wunderbar eingefangen.
Danke dir! *hüpf*

Schade, dass die Geschichte so schnell zu Ende ist, die dürfte ruhig noch länger sein.
Ich fand, zu Beichte ließ sich in dem Moment nicht mehr viel dazuspinnen. Das Geständnis war abgearbeitet.

Aber die Bingokarte ist noch soooo leer... da kommt hoffentlich noch was ;o)
t_sihek
6. Nov 2013 10:43 (UTC)
Ich fand sie an sich grandios gemacht; auch wenn das, was in dem Moment alles offenbar wurde, schrecklich war.
Das meinte ich, hab mich ungeschickt ausgedrückt.
baggeli
6. Nov 2013 12:29 (UTC)
Ja, habe ich mir auch schon fast gedacht. Die Szene an sich kann man irgendwie nicht wirklich schrecklich finden, oder? Sie klärt alles auf und entlastet Boerne von jetzt auf gleich komplett - sie ist neben den beiden noch folgenden in der Rechtsmedizin und auf Thiels Sofa mit die emotionalste des Films und absolut unverzichtbar in dem Moment. Ich sag's nochmal, ich habe geschluckt aber ich war auch begeistert.

(Vor allem war ich auch begeistert, wie zurückgenommen sie sogar Boerne in dem Augenblick gestaltet haben. Ich hätte die Krise bekommen, wenn er da als einziger wie ein HB-Männchen rumgesprungen wäre. Stattdessen ist er nach ein paar Sekunden, in denen er nicht recht wusste, wohin mit sich, stumm gegangen. Was will man mehr?)
( 17 Kommentare — Kommentar hinterlassen )

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