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Bingo-Story: Narben

Genre: h/c, Freundschaft
Wortanzahl: 3400
Bingo-Prompt: Tägliche Aktivitäten/Routine/Angewohnheiten
Zusammenfassung: Routine. Alles wie jeden Morgen. Wie jeden Morgen, seit… sie konnte auf Anhieb gerade selbst gar nicht sagen, seit wie vielen Jahren.
Und doch war seit zwei Tagen alles anders - es war gerade mal 48 Stunden her, dass sie die Rechtsmedizin betreten und sich ihr Leben innerhalb von einer Sekunde zur anderen in einen bösen Traum verwandelt hatte.
A.N.: Was mir in den letzten Wochen vor Ausstrahlung der chinesischen Prinzessin alles an möglichen Szenen durch den Kopf gegangen ist, ist geradezu unbeschreiblich. Interessanterweise hat sehr vieles in der Folge gut zu dem gepasst, was ich mir ausgemalt habe; hier ist das Ende, wie ich es im Sinn hatte.



Beware of h/c without end.


Wie jeden Morgen setzte sich der Aufzug mit seinen typischen schabenden und knarzenden Geräuschen in Bewegung und brachte sie in den Keller des rechtsmedizinischen Institutes.
Wie jeden Morgen schob sie die Griffe ihrer Tasche wieder etwas höher auf die Schulter, nachdem sie die schwergängige, leicht verbeulte Tür unter Einsatz ihrer ganzen Körperkraft aufgedrückt und den großräumigen Fahrstuhl verlassen hatte.
Wie jeden Morgen folgte sie dem langen Flur, schritt auf die Schiebetür von Boernes Reich zu und fragte sich flüchtig, was dieser Dienst für sie bereithalten würde.
Routine. Alles wie jeden Morgen. Wie jeden Morgen, seit… sie konnte auf Anhieb gerade selbst gar nicht sagen, seit wie vielen Jahren.

Und doch war seit zwei Tagen alles anders - es war gerade mal 48 Stunden her, dass sie die Rechtsmedizin betreten und sich ihr Leben innerhalb von einer Sekunde zur anderen in einen bösen Traum verwandelt hatte.


Als sie mit einem müden Seufzen durch die große Schiebetür trat und ihr Blick auf den Obduktionstisch fiel, sah sie plötzlich alles wieder vor sich: den verwüsteten Raum… die riesige Blutlache auf dem blankgewienerten Metall, die langsam hinunter auf den Boden tropfte… die junge Asiatin, mit aufgeschlitzter Kehle oben auf dem Tisch... und Boerne. Auf dem Boden zusammengebrochen. Schweißüberströmt und zitternd, nicht ansprechbar. Mit einem blutigen Skalpell in der Hand.

Für einen geschockten Moment hatte sich ihr Hirn geweigert, die logischen Schlüsse zu ziehen, doch dann hatte sie zuerst einmal jegliche Gedanken zum möglichen Tathergang zur Seite geschoben und sich neben ihm auf die Knie geworfen.
Die Fassungslosigkeit und Bestürzung, die sich ihrer beim Anblick des Skalpells bemächtigt hatten, waren nichts gewesen im Vergleich zu der Panik, die sie ergriffen hatte, als sie nach hektischer Untersuchung erkennen musste, dass Boerne nicht nur tief bewusstlos war, sondern kurz vor einem vollständigen Kreislaufzusammenbruch stand.
Ihr Mobiltelefon hervorzuziehen und den Notruf zu wählen war eine Sache von wenigen Sekunden gewesen. Noch während sie mit der Leistelle telefoniert hatte, war sie in das Labor zum Medikamentenschrank gerannt, in dem sie verschiedenste Arzneimittel für die vielfältigen Untersuchungen und Forschungen aufbewahrten, die sie regelmäßig anstellten. Sie hatte gewusst, es war ein Präparat darunter, das geeignet war, seinen lebensbedrohlich schnellen Herzschlag etwas zu verlangsamen. So schnell sie konnte, hatte sie die Ampulle aufgezogen und war zurück an seine Seite gehastet.

Ihre Hände hatten dermaßen schlimm gezittert, dass es ihr kaum möglich gewesen war, das Medikament so langsam wie nötig in seine Vene zu spritzen. Doch schließlich hatte sie diese nahezu unlösbare Aufgabe bewältigt, hatte die Spritze achtlos zu Boden geworfen und Boernes Kopf in ihrem Schoß gebettet.
An die nächsten Minuten hatte sie kaum eine Erinnerung; sie hatte nur noch gefühlt. Gefühlt, mit einer Hand auf seiner Brust und zwei Fingern an seinem Hals, ein Stoßgebet nach dem anderen in den Himmel schickend in der Hoffnung, dass er durchhalten würde, dass seine hektischen Atemzüge und der weiterhin dramatisch rasende Puls nicht ins Stocken kommen würden, bevor Hilfe eintraf.


Die Zeit, bis das Rettungsteam sie schließlich beiseite gezogen hatte, hatte sie wie in Trance verbracht.

Als sie endlich nicht mehr allein für sein Leben verantwortlich gewesen war, waren ihr vor Erleichterung die Knie weich geworden. Kraftlos war sie von Boerne weggetaumelt, hatte nur wie hypnotisiert beobachtet, wie die Mediziner sich um ihn kümmerten.
Innerhalb von Sekunden hatten die Sanitäter sein Hemd zerschnitten, das Unterhemd hochgestreift und die großflächigen Elektroden eines automatischen Defibrillators an seiner Brust angebracht, um für den drohenden Herzstillstand gewappnet zu sein. Der Notarzt hatte ihm zeitgleich einen Zugang gelegt und ihn mit lebenswichtigen Medikamenten versorgt. Kaum dass Boerne an alle Überwachungsgeräte und an eine Sauerstoffversorgung angeschlossen gewesen war, hatten sie ihn auf die Trage gehoben und festgeschnallt, und noch bevor Silke recht zu Sinnen gekommen war, im Laufschritt aus dem Raum gerollt.


In den Minuten bis schließlich die erste Polizeistreife eingetroffen war, in der kurzen Zeit, in der sie ganz allein und der Obduktionssaal geradezu gespenstisch still gewesen war, war ihr überhaupt erst klar geworden, was jetzt alles über den Professor hereinbrechen würde; und in dem Moment war ihre Angst um seine Zukunft fast so mächtig geworden, wie die Angst um sein Leben.



Mit einem erneuten Seufzen schüttelte sie diese trüben Gedanken ab. Thiel würde seinen Kollegen nicht im Stich lassen und seine Unschuld beweisen, da war sie ganz sicher. Sie selber hatte schon einen entscheidenden Beitrag dazu geleistet, alles würde sich bald klären. Alles musste sich bald klären.

Energisch stellte sie ihre Tasche auf den Tisch und drehte sich den Haken an der Wand zu, um ihre Jacke gegen den dort hängenden Laborkittel zu tauschen. Im gleichen Moment sprang sie vor Schreck einen Schritt zurück und konnte einen leisen Aufschrei nicht unterdrücken - in der hintersten Ecke des Raumes auf dem Fußboden, die Arme auf seinen aufgestellten Beinen verschränkt und den Kopf darauf abgelegt, saß Boerne.


Er war bei ihrem unwillkürlichen Geräusch zusammengezuckt, hob nun mühsam den Kopf und sah sie aus rotgeränderten Augen an. Für einen Moment konnte Silke nichts tun als ungläubig zurückzustarren - dann endlich gewann sie die Macht über ihre Sprachwerkzeuge zurück, doch sie war so perplex, dass ihr nur ein wenig geistreiches: „Chef! Was machen Sie da?“, herausrutschte.

Während sie zu ihm eilte und neben ihm in die Knie ging, wich ihre erste Verblüffung der unglaublichen Erleichterung, ihn auf freiem Fuß zu sehen; doch diese wandelte sich in Betroffenheit, als sie registrierte, wie er aussah: bleich, mit dunklen Ringen unter den Augen und allem Anschein nach so erschöpft, dass er sie kaum noch offen halten konnte.


Boerne ließ den Kopf gegen die Heizung in seinem Rücken sinken und starrte teilnahmslos auf den Fußboden, als er tonlos murmelte: „Mir war kalt.“
Im Reflex griff sie nach seiner Hand. Sie war wirklich eiskalt, er zitterte. „Aber was machen Sie denn hier im Institut?" Noch während sie ihre ungläubige Frage hervorstieß, legte sie kurz ein paar Finger an den Heizkörper. Obwohl er voll aufgedreht war, war er mit gutem Willen gerade mal als lau zu bezeichnen – das bisschen Wärme hatte Boerne keine Erleichterung bringen können.
Er antwortete nicht und immer besorgter darüber, wie apathisch er war, nahm sie auch seine zweite Hand zwischen ihre und begann, sie sacht zu reiben. „Sie sehen schrecklich aus. Sie gehören ins Bett.“

Ganz gegen ihre Erwartung befreite er sich nicht aus ihrem Griff; er reagierte eigentlich überhaupt nicht auf sie, streckte lediglich die Beine aus und sank mit einem leisen Seufzen noch etwas schwerer gegen das harte Metall in seinem Rücken.
„Chef, bitte.“ Bevor sie sich stoppen konnte, hatte sie die Hand gehoben und strich ihm eine verirrte Haarsträhne aus der Stirn. „Was ist los? Warum sind Sie nicht zu Hause?“
Endlich sah er sie an und zuckte schwach mit den Schultern, bevor er die Augen zufallen ließ und antwortete: „Ich konnte nicht nach Hause. Schlüssel, Papiere... alles liegt noch in der JVA."


Silke hätte sich nach seiner Erklärung am liebsten vor die Stirn geschlagen – darauf hätte sie auch selbst kommen können. Bevor sie jedoch etwas sagen konnte, fügte er ein kaum verständliches: "Aber mitten in der Nacht noch dort hinzufahren, wäre sicher sinnlos gewesen", hinzu. Und in dem Moment begannen bei ihr alle Alarmglocken zu schrillen. Ihre Stirn zog sich in Falten, sie verharrte in der Bewegung und beugte sich ungläubig vor. "Mitten in der Nacht? Was soll das heißen, seit wann sind Sie hier?"

Ihr Vorgesetzter machte sich nicht die Mühe, die Augen wieder zu öffnen. Es schien, als sei er kurz davor einzuschlafen, als er murmelte: „Ich weiß es nicht genau… vielleicht seit zwei, halb drei.“
Ihr blieb fast der Mund offenstehen. Das konnte doch nicht wirklich sein Ernst sein! „So lange hocken Sie hier schon?? Warum in Gottes Namen haben Sie mich nicht angerufen?“ Silke merkte selber, dass sie vor lauter Fassungslosigkeit beinah angreifend klang, doch sie konnte sich nicht bremsen.


Bei diesem etwas zu laut geratenen Ausruf hatte Boerne gequält das Gesicht verzogen und blinzelte sie nun müde an. „Es würde mir nie in den Sinn kommen, Sie mitten in der Nacht zu stören.“
Sie starrte nur ungläubig zurück. „Soll das ein Witz sein? Sie schmeißen mich doch alle paar Wochen wegen eines Leichenfundes aus dem Bett! Und Sie wissen genau, dass mir das nichts ausmacht!“


Boerne, dessen Augenlider schon wieder herabgesunken waren, öffnete sie nochmals mühsam. „Natürlich weiß ich, dass Ihnen das nichts ausmacht, wenn es um eine Leiche geht“, verteidigte er sich kraftlos. „Aber das jetzt war doch nichts dienstliches.“


Silke konnte nicht fassen, was sie da hörte. Unwillkürlich griff sie seine Hände noch fester, als es aus ihr herausplatzte: „Aber Sie sind mir doch tausendmal wichtiger als jede wildfremde Leiche, das muss Ihnen doch klar sein!!“ Ihre Stimme zitterte so stark, dass sie in ihren eigenen Ohren ganz brüchig klang, als sie resigniert hinzusetzte: „Verdammt, Chef! Und ich dachte, spätestens nach den letzten zwei Tagen hätten Sie das endlich kapiert!“ 
Sie konnte wirklich kaum glauben, dass ihm das nicht klar zu sein schien; seine Aussage hatte ihr einen richtigen Stich versetzt. Ein paar Tränen des Frusts stiegen ihr in die Augen, so aufgewühlt war sie jetzt gerade. Mit einer unwilligen Bewegung wischte sie sie weg.

Boerne war regelrecht zurückgezuckt, als sie die Stimme erhoben hatte, aber jetzt glätteten sich die angespannten Linien in seinem bleichen Gesicht ein wenig und er sackte ein Stück in sich zusammen. Mit einem leisen Seufzen schloss er die Augen und ließ dann seinen Oberkörper langsam nach vorn sinken, bis seine Stirn ihre Schulter berührte.
Das war alles, was Silke als Antwort brauchte. Ohne zu zögern zog sie ihn an sich, hielt den sichtlich erschöpften Mann für ein paar Sekunden in einer festen Umarmung, wie schon zwei Tage zuvor im Präsidium. Er ließ das geschehen, ließ sich halten und sie fühlte, wie sich seine kalten Finger am Saum ihrer Jacke festkrallten.


Nach einer Weile lockerte sie ihren Griff, ließ ihre Hände von seinem Rücken auf seine Oberarme gleiten und löste sich von ihm. Dann sah ihm ernst in die Augen. „Kommen Sie. Sie brauchen dringend Schlaf. Und vorher eine heiße Dusche und etwas zu essen, wenn Ihnen der Sinn danach steht.“ Sie stand auf und zog ihn mit sich, fest entschlossen, ihren Willen durchzusetzen.

Boerne kam mit ihrer Hilfe mühsam auf die Füße, widersprach aber nicht. Erst als er aufrecht stand, murmelte er heiser: „Wie spät ist es denn? Erreichen wir jetzt jemanden in der JVA?“
„Wir fahren nicht in die JVA, wir fahren zu mir. Sie müssen ins Bett, alles andere ist jetzt nicht wichtig.“ Silke schob ihren Vorgesetzen sanft aber unnachgiebig Richtung Ausgang und setzte noch schnell ein beschwichtigendes: „Um Ihre Sachen kümmern wir uns später“, hinzu, bevor er protestieren konnte.
Dass er sich nicht gegen ihre Anweisung sträubte, war ein mehr als deutliches Zeichen, wie abgekämpft er sein musste. Als er mit einem müden Nicken durch die Schiebetür trat, machte sie noch kurzentschlossen einen Abstecher in sein Büro und an den Wäscheschrank und eilte ihm dann nach.



Die Fahrt durch das erst langsam erwachende Münster nahm nur wenige Minuten in Anspruch. Boerne sagte kein Wort, während sie den Wagen durch die noch nahezu leeren Straßen lenkte, er hatte, kaum dass er saß, den Kopf an die Seitenscheibe gelehnt und die Augen geschlossen. Die Tatsache, dass es wohl sogar ein sonniger Tag werden würde und er ihn wieder in Freiheit genießen konnte, schien er im Moment nicht würdigen zu können, dazu war seine Übermüdung zu groß.


Als Silke den Wagen vor ihrer Wohnung abstellte, musste sie feststellen, dass er tatsächlich in dieser kurzen Zeit eingeschlafen war. Er brauchte einige Sekunden um wieder zu sich zu kommen, als sie sacht seine Schulter rüttelte, um ihn zu wecken.
Sie zog besorgt die Stirn in Falten, als sie die Fahrertür zuschlug, ihr Auto umrundete und ungefragt seinen Arm umfasste, um ihm beim Aussteigen zu helfen. Schlaftrunken wie er war, kam er ein wenig ins Taumeln, nachdem er sich aus dem niedrigen Sitz gequält hatte, auch wenn er sichtlich versuchte, sich zusammenzureißen.
Als sie fühlte wie er in der kühlen Morgenluft heftig erschauderte, schloss sie eilig die Haustür auf und dirigierte ihn die wenigen Schritte quer durch den kleinen Flur geradewegs ins Treppenhaus.


Im ersten Stock angekommen, verharrte sie einen Moment vor der Badezimmertür. „Möchten Sie sich etwas frischmachen?“
Boerne nickte bestätigend und daraufhin steuerte Silke ihn ins Bad. Dort legte sie sein Golf-Shirt und die grüne OP-Hose, die sie noch schnell aus dem Institut mitgenommen hatte, auf den Wannenrand. „Hier, das können Sie nach dem Duschen anziehen. Es ist zwar nicht unbedingt der perfekte Schlafanzug, aber sauber und einigermaßen bequem. Und alles ist besser als diese schrecklichen Knastklamotten.“ Ohne seine Reaktion abzuwarten, wandte sie sich um und nahm ein weiches Badetuch aus dem Regal.

Als sie sich zurückdrehte und es ihm reichen wollte, starrte Boerne noch unverwandt auf die Kleidungsstücke, die sie vor ihm abgelegt hatte. Dann blickte er langsam auf in ihr Gesicht. In seinen Augen spiegelte sich in diesem Moment seine extreme Erschöpfung, aber gleichzeitig sah sie solch offene Dankbarkeit darin, dass sie schlucken musste. Er sagte allerdings keinen Ton. Doch das war auch nicht nötig, sie hatte ihn verstanden.

Sie konnte nicht anders, sie nahm seine kalte Hand in ihre und drückte sie sacht. „Schaffen Sie das alleine hier? Dann mache ich Ihnen in der Zeit etwas zu essen.“
Er straffte sich ein wenig und holte tief Luft, bevor er leise antwortete: „Ja, ich schaffe das. Aber Hunger habe ich keinen. Ich würde nur gern etwas trinken.“

Silke akzeptierte seinen Wunsch und  unternahm keinen Versuch, ihn vom Gegenteil zu überzeugen. Der Appetit würde bestimmt zurückkehren, sobald er erst richtig ausgeruht hatte. „Geht klar, ich kümmere mich gleich darum. Und Sie rufen, wenn etwas ist, versprochen?“
Erneut nickte er schwach und nachdem sie nochmals seine Hand gedrückt hatte, verließ sie den Raum.


Boerne war immer noch so verfroren, ein heißes Getränk würde ihm sicher guttun. Deshalb beschäftigte sie sich für eine Weile damit, ihm einen Tee aufzubrühen und lauschte währenddessen den leisen Geräuschen, die aus dem Bad hinunter zu ihr in die Küche drangen. Als sie nach wenigen Minuten hörte, wie das Wasser wieder abgestellt wurde und sie kurz darauf der Meinung war, er müsse jetzt bald mit dem Anziehen fertig sein, stieg sie einmal mehr die Treppe hinauf.
Nach einem kurzen Anklopfen an die angelehnte Tür rief sie leise: „Chef? Kann ich reinkommen?“ Als sie nicht gleich eine Antwort bekam, schob sie die Tür zögerlich ein wenig auf. „Chef? Alles in Ordnung? Ich hoffe mal, Sie sind nicht mehr nackt?“

Sie erntete nur ein leises, verneinendes Geräusch, das sie ermutigte, den Kopf durch den Türspalt zu stecken.
Boerne saß zusammengesunken auf dem Badewannenrand. Er hatte es geschafft, die saubere Kleidung anzuziehen, doch war er offensichtlich nicht mehr damit fertig geworden, seine Haare richtig abzutrocknen. Eine Hand mit dem Handtuch lag kraftlos in seinem Schoß, während er sich mit der anderen so fest am Waschbecken festklammerte, dass die Knöchel weiß hervortraten. Ein paar Tropfen aus seinen nassen Stirnhaaren rannen ihm über das wächserne Gesicht, während er die Augen zukniff und wie benommen den Kopf schüttelte.

Erschreckt über seine alarmierende Blässe sprang sie auf ihn zu. „Chef! Was ist los?“
Seine Antwort war nur ein kaum verständliches Murmeln. „Ich… ich fühle mich nicht gut.“
„Ja, das sehe ich!“ Silke schnappte ihm beunruhigt das Frotteetuch aus der Hand, warf es sich über die Schulter und fasste ihm unter die Arme. „Kommen Sie, Sie müssen sich hinlegen. Jetzt sofort.“
Er ließ sich hochziehen und konnte ein leises Stöhnen nicht unterdrücken, als er sich aufrichtete. Wie er erneut die Augen zukniff und dabei die Hand an die Stirn presste, war ein deutliches Zeichen dafür, dass ihm unangenehm schwindelig sein musste.

Dankbar für die Tatsache, dass ihr Schlafzimmer unmittelbar neben dem Bad lag, schob Silke ihn auf den Flur und dann gleich durch die nächste Tür. Boerne bewegte sich so unsicher, wie sie das noch nie an ihm beobachtet hatte – sie hatte wirklich große Angst, dass er jeden Moment zusammenklappen könnte.
Als sie ihn zu ihrem Bett führte, rechnete sie für einen kurzen Moment damit, dass er sich sträuben würde, sich hineinzulegen. Doch Boerne schien gar nicht zu realisieren, dass das nicht das Gästezimmer war. Mit immer schwereren Schritten schleppte er sich durch den Raum, einzig darauf konzentriert, einen Fuß vor den anderen zu setzen.


Sie war unglaublich erleichtert, als sie den Weg ohne Zwischenfall bewältigt hatten. Ohne Umschweife drückte sie ihn auf die Bettkante, dirigierte ihn vorsichtig zur Seite und kraftlos sackte Boerne auf ihren Kissen in sich zusammen. Er war nun wirklich weiß wie die Wand.
Beunruhigt registrierte sie das erneute Stöhnen, das er nicht unterdrücken konnte, als sie ihm mit ein paar schnellen Handgriffen half, die Beine ins Bett zu nehmen. Dann deckte sie den nun wieder stark zitternden Mann sorgfältig zu, setzte sich zu ihm auf die Bettkante und zog das Handtuch von ihrer Schulter. Behutsam trocknete sie ihm das Gesicht und die noch tropfenden Haare ab, soweit sie sie erreichen konnte, kontrollierte dann für einen Moment seinen Puls. „Chef, was ist denn los?“, fragte sie dabei leise, obwohl sie die Antwort schon kannte. „Macht Ihnen Ihr Kopf zu schaffen?“
Ein kaum verständliches „…mhmm…“, war Boernes einzige Reaktion.

Ohne es selbst recht zu bemerken, begann sie, sacht durch seine Haare zu streichen und fixierte ihn besorgt. Nach einer Gehirnerschütterung sollten normalerweise ein paar Tage Bettruhe eingehalten werden. Doch niemand hatte sich dafür interessiert, wie es Boerne mit der Kopfverletzung und der Amnesie wirklich ging; das Einzige, was für Staatsanwaltschaft und Polizei gezählt hatte, war die Tatsache gewesen, dass er unter Mordverdacht stand. Kaum dass es nach der Überdosis medizinisch einigermaßen zu vertreten gewesen war, war er aus dem Krankenhaus entlassen und der Polizei überstellt worden. Und statt dass man ihn ins Gefängnislazarett verlegt hatte, wo er sich ausruhen konnte, war er in eine normale Zelle gesteckt worden, hatte dort noch weitere Prügel bezogen, war vom Hauptkommissar auf Verbrecherjagd geschleppt worden und hatte deshalb in den letzten achtundvierzig Stunden wahrscheinlich kein Auge zugetan.

„Warum zum Teufel haben Sie den Mund nicht aufgemacht? Lassen sich von Pontius nach Pilatus schleifen, was hat Thiel sich nur dabei gedacht?“, brach es plötzlich frustriert aus ihr heraus. „Es hätte ihm doch klar sein müssen, dass Sie in Ihrem Zustand eine Pause brauchten.“ Sie war wirklich aufgewühlt, und sie wusste, dass das nicht zu überhören gewesen war.

Boernes Antwort war allerdings eine ganz andere als sie erwartet hatte. Mühsam drehte er den Kopf in ihre Richtung und blinzelte sie an - und der Ausdruck in seinen Augen war so verloren und verletzlich, so fremd, dass er ihr einen Schauer über den Rücken jagte. „Ich war dankbar, dass er mir keine Pause gegönnt hat. Denn so hatte ich keine Zeit, nachzudenken“, flüsterte er leise. Seine Augenlider sanken wieder herab, als habe er nicht mehr die Kraft, sie offenzuhalten, als er nahezu unhörbar hinzufügte: „Mit meinen Gedanken allein zu sein, war das Schlimmste.“


Seine Worte schnürten ihr die Kehle zu. Sie selber war so felsenfest von seiner Unschuld überzeugt gewesen, nicht eine Minute hatte sie sich vorgestellt, wie er sich gefühlt haben musste. Wie es sich für ihn angefühlt haben musste, nicht zu wissen, ob er vielleicht wirklich ein Mörder war. Silke konnte kaum glauben, dass sie nicht schon viel eher realisiert hatte, wie ihm das zu schaffen gemacht haben musste.
Sie wusste nicht, was sie sagen sollte; hilflos strich sie ihm weiter durch die Haare. Um die drückende Stille zu durchbrechen, murmelte sie schließlich: „Ich hole mal ein neues Pflaster. Ihres ist ganz nass und hängt nur noch am letzten Zipfel.“

Er nickte nur matt, war wahrscheinlich inzwischen so erschöpft, dass ihm jedes weitere Wort zu viel war.


Eilig stand sie auf und holte den Verbandskasten aus dem Badezimmer. Mit vorsichtigen Bewegungen löste sie dann das alte Pflaster vollends ab und verzog beim Anblick der Platzwunde darunter ein wenig das Gesicht. „Ach Chef!“, schalt sie leise. „Warum haben Sie mir das vorgestern nicht gezeigt? Das hätte ich besser mit ein oder zwei Stichen genäht!“
Doch Boerne antwortete ihr nicht und als sie ihn genauer musterte, breitete sich ein leichtes Lächeln auf ihren Zügen aus. Sein bleiches Gesicht wirkte zum ersten Mal seit Tagen entspannt und seine ruhigen, tiefen Atemzüge zeigten, dass er eingeschlafen war. Und diesen Schlaf hatte er bitter nötig; so erschöpft wie in dieser letzten Stunde hatte sie ihn noch nie erlebt, diese ganzen Ereignisse waren weiß Gott nicht spurlos an ihm vorübergegangen.

Silke seufzte leise. Behutsam, um ihn bloß nicht zu wecken, versorgte sie die Wunde. Ja, es würde eine kleine Narbe zurückbleiben, die konnte er nicht verstecken.

Die Narben, die er im Inneren davongetragen hatte, würde er allerdings nie jemanden sehen lassen.

Tags: alberich, bingo 2013, boerne, episodenbezug, fanfic, freundschaft, h/c, missing scene, tatort - die chinesische prinzessin
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