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Titel: Eine schöne Bescherung - Kapitel 2
Adventskalernder-Prompt: Weihnachtsmarktbesuch
Bingo-Prompt: hurt / comfort
Genre: Freundschaft, etwas Humor, h/c, etwas Action/Krimi
Zusammenfassung: Wenn Thiel auch nur ansatzweise geahnt hätte, was passieren würde, er hätte Boerne in ein richtiges Restaurant eingeladen...
Anmerkungen: Über den Sinn dieser Geschichte (und die Glaubwürdigkeit des Plots) kann man sicher sehr erregt diskutieren. *schulterzuck*  Also, alles wie immer.
Wörter: ~5000



Boerne! Kacke, was ist denn?“ Vergessen war der Taschendieb. Mit wenigen schnellen Schritten war Thiel an der Seite seines Kollegen, schob die gerade über die Verkommenheit der heutigen Jugend schwadronierende Seniorin mit einem unwirsch geblafften „Mein Gott Frau, nu‘ mal weg da!!“, beiseite und ließ sich auf die Knie fallen.
„Boerne, hören Sie mich?“ Vorsichtig fasste er den Professor an der Schulter und half dem benommen wirkenden Rechtsmediziner, sich auf den Rücken zu rollen. Boerne ließ dabei ein leises Stöhnen hören, blinzelte dann ein paarmal und machte schließlich Anstalten, sich aufzusetzen.

„Hey, nicht so schnell!“ Mit einer Hand drückte Thiel den bleichen Mann auf den Boden zurück, mit der anderen strich er ihm behutsam ein paar Haare aus der blutigen Stirn und nahm die eindrucksvolle Schramme in Augenschein, die sich der Professor bei diesem unerfreulichen Vorfall zugezogen hatte. Unter einer Hautabschürfung an der Schläfe begann sich eine schmerzhaft aussehende Schwellung abzuzeichnen.
Mitfühlend zog Thiel die Augenbrauen zusammen. „Wie‘s aussieht, haben Sie mit dem Schädel voran die Hauswand geküsst. Machen Sie mal langsam.“

Boerne holte tief Luft, wirkte nun sekündlich wacher. „Es ist alles in Ordnung“, murmelte er, die Stimme zwar leise aber fest. Mit einer energischen Bewegung schob er Thiels Hände beiseite und stützte sich zeitgleich auf, um sich in eine sitzende Position zu bringen. Doch dieser Arm knickte ein und ihm entfuhr ein schmerzerfülltes Ächzen. Geistesgegenwärtig schnappte Thiel ihn um ihn zu stützen, doch das war unnötig, Boerne hatte sich inzwischen wieder so weit im Griff, dass er sich selbst aufrecht halten konnte. Allerdings war deutlich geworden, dass er sich nicht nur am Kopf verletzt hatte.
Mit zusammengebissenen Zähnen umklammerte er die Hand, die ihn gerade im Stich gelassen hatte, presste sie an seinen Oberkörper und krümmte sich für ein paar Sekunden zusammen.


Hilflos legte Thiel eine Hand auf seine Schulter, fragte schließlich leise: „Boerne? Was soll ich tun?“ Besorgt beobachtete er jede Regung seines Kollegen und war nun recht erleichtert, als der Professor sich langsam wieder aufrichtete und ihn endlich ansah. „Nichts. Geht schon wieder.“ Sein angespanntes Gesicht ließ diese Worte allerdings nicht sehr glaubwürdig erscheinen.

Die Blessur an der Schläfe sah schmerzhaft aus, doch schien seine Hand ihm eindeutig mehr Probleme zu bereiten. „Zeigen Sie mal.“ Vorsichtig aber unnachgiebig löste Thiel Boernes Klammergriff, schob den Mantelärmel nach oben und streifte dann behutsam den Handschuh ab. Das betroffene Handgelenk schwoll bereits an und verfärbte sich dunkler, Boernes Arm zitterte.
„Oh Mann, hoffentlich haben Sie sich nichts gebrochen.“ Argwöhnisch musterte Thiel die lädierte Hand.

„Da ist nichts gebrochen, das ist allerhöchstens eine Verstauchung.“ Boerne klang müde und abwehrend, aber auch sehr bestimmt. Er zog den Arm zurück, stabilisierte ihn wieder mit der gesunden Hand und bewegte dabei ein wenig die Finger, wie Thiel erleichtert bemerkte. In seinen Augen sah die Aktion zwar recht mühevoll aus, doch ballte Boerne erfolgreich eine lockere Faust. Dass das tatsächlich gelang, schien dem Kommissar ein gutes Zeichen zu sein.

Er riss seinen Blick von der Hand los, als sein Kollege ein eindeutig entnervtes „Lassen Sie uns hier verschwinden“, zwischen den Zähnen hindurchpresste. Dabei fixierte der Professor stirnrunzelnd die immer noch keifende Dame, die sich - gänzlich unbeeindruckt von der Tatsache, dass er eindeutig mit dem Leben davongekommen war und sie nun mehr als irritiert anfunkelte - weiterhin so aufführte, als sei vor ihren Augen ein blutrünstiger Mord passiert.

Thiel diskutierte nicht mit ihm sondern kam auf die Füße und half dem größeren Mann beim Aufstehen. Das klappte auch gut, Boerne hatte seine anfängliche Benommenheit komplett abgeschüttelt und war sicher auf den Beinen. Ohne sich noch einmal umzudrehen, marschierte er davon, den verletzten Arm wie einen lahmen Flügel an die Brust gepresst.



Thiel, der noch kurz aber recht erfolglos versucht hatte, die entrüstete alte Frau zu beruhigen, ließ diese nun einfach stehen, hastete zu seinem Rad, hob es auf und sah zu, dass er dem Rechtsmediziner hinterher kam.
„Mein Gott, nu‘ rennen Sie doch nicht so!“ Im Laufschritt eilte er an Boernes Seite, der allerdings nicht groß auf ihn reagierte. Er starrte stattdessen unbewegt nach vorn und vollführte währenddessen ein paar leichte Bewegungen mit dem Handgelenk, das er weiterhin umklammert hielt. Seinem Gesichtsausdruck nach zu urteilen schien das allerdings kein sehr angenehmes Gefühl zu sein.
Thiel überlegte kurz, ob er Boerne irgendwie überreden sollte, einen Arzt aufzusuchen; doch den Gedanken verwarf er gleich wieder, die Idee war absurd. Allerdings bestand die berechtigte Hoffnung, dass Frau Haller sich der Sache annehmen würde. Der vielen Überstunden der letzten Tage zum Trotz war sie ja wohl ebenfalls im Institut, wie Boerne im Gespräch in der Imbissbude angedeutet hatte.

Dann allerdings fiel ihm noch etwas ganz anderes ein. „Mensch Boerne! Hat er Sie denn nun beklaut? Dann müssen Sie mir mit aufs Revier kommen!“
Doch Boerne schüttelte den Kopf, schritt dabei unvermindert zielstrebig weiter. „Er konnte mir nichts stehlen. Meine Brieftasche liegt im Institut auf dem Schreibtisch und mein Mobiltelefon befindet sich in der Innentasche meines Sakkos und ist somit außerhalb seiner Reichweite gewesen.“
„Na, immerhin etwas.“ Es hätte definitiv schlimmer kommen können. Mit einem Seufzen schlug Thiel seinen Mantelkragen hoch, als er der Form halber nachhörte: „Wollen Sie Anzeige gegen Unbekannt erstatten?“
Boerne schüttelte nur den Kopf. „Das bringt doch nichts.“ Und Thiel musste ihm Recht geben.



Den Rest des Weges legten sie schweigend zurück und schon nach wenigen Minuten erreichten sie das rechtsmedizinische Institut. Am Eingang angekommen ließ Boerne den Arm, den er immer noch gestützt hatte, herabsinken und straffte sich sichtbar. „Bis dann, Thiel. Wir sehen uns spätestens morgen Abend, ich denke, das mit dem Weihnachtsmarktbesuch sollten Alberich und ich schaffen.“
Damit wandte er sich um und wollte das Institut betreten, doch die Rechnung hatte er ohne Thiel gemacht. „Nu‘ mal nicht so hastig, Professor. Ich komme noch kurz mit runter, um sicherzustellen, dass Frau Haller Sie genau ansieht. Die Macke an Ihrer Rübe werden Sie ihr kaum verheimlichen können, aber Sie kriegen es fertig und verschweigen ihr, dass Sie sich auch an der Hand verletzt haben.“

„Papperlapapp, das ist doch nicht der Rede wert“, versuchte Boerne abzuwiegeln, doch ohne auf diesen Protest zu achten, lehnte Thiel sein Rad an den ihm angestammten Pfeiler, schloss es an und folgte dann dem Professor, der schon in das Gebäude verschwunden war.
Boerne stand bereits am Fahrstuhl und hatte vielleicht darauf spekuliert, ihn abgeschüttelt zu haben, doch musste er nun mit einem ergebenen Seufzen einsehen, dass ihm das nicht gelingen würde.



Der rappelnde und knirschende Aufzug transportierte sie in den Keller, wo sie dem langen, weiß gestrichenen Gang folgten, bis sie schließlich am Sektionssaal ankamen.
Die Schiebetür stand ein Stück weit offen und mit einem forschen „Wir sind zurück“, betrat Boerne den Raum, steuerte ohne Umweg auf sein Büro zu und zog dort seinen Mantel aus.
Silke Haller, die vor einem Mikroskop gesessen hatte, drehte ihren Schreibtischstuhl und schaute nun sichtlich verwundert durch die großen Glasfenster des Raumtrenners auf die Rückseite ihres geschäftigen Vorgesetzten. „Schon so schnell? Ich hatte Ihnen doch extra gesagt, Sie sollen in Ruhe essen. Auf die halbe Stunde wäre es jetzt auch nicht mehr angekommen.“

Thiel versuchte unterdessen, ihre Aufmerksamkeit auf sich zu lenken und legte eine Hand auf ihre Schulter. „Hören Sie, Frau Haller, Sie müssen sich unbedingt…“
Doch Boerne ließ ihn nicht wirklich zu Wort kommen.
„In dem Loch wäre ich freiwillig keine zehn Minuten länger geblieben“, ertönte es so laut aus dem Büro, dass der Kommissar sich unterbrach und die Rechtsmedizinerin die Augenbrauen hochzog und ihm einen verwunderten Blick zuwarf.
Boerne knöpfte nun angelegentlich seinen Arztkittel zu – mit nur einer Hand, wie Thiel vermutete – und fuhr dabei aufgebracht fort: „Bei den Gestalten dort war man seines Lebens nicht sicher...“

Also das war aber jetzt wirklich zu übertrieben. Sogleich fühlte Thiel sich genötigt, zu protestieren und zeigte dem Rücken des Professors ungläubig einen Vogel. „Nu‘ machen Sie mal halblang Boerne, das was gerade passiert ist, hat doch mit der Pommesbude nix zu tun!“


Während dieses mürrischen Zwischenrufs begann Frau Haller zu schmunzeln; sie ging wohl davon aus, dass er wieder einmal über irgendeine Nichtigkeit mit dem Professor aneinandergeraten war. Eine durchaus berechtigte Überlegung, wie Thiel sich eingestehen musste, doch bevor er sie über die Hintergründe dieses speziellen Falles aufklären konnte, verschwand ihr Lächeln wie ausgeknipst – nämlich in dem Moment, in dem der Professor sich endlich zu ihr umwandte und ihr Blick in sein Gesicht fiel.

„Was ist denn mit Ihnen passiert?“ Entgeistert sprang sie auf die Füße und eilte auf Boerne zu, der unwillig den Kopf schüttelte und ihr in einer abwehrenden Geste eine Hand entgegenstreckte. „Es ist nichts, Alberich, jetzt machen Sie hier mal keine Riesenwelle.“
„Nichts. Ist klar, Chef“, grummelte Frau Haller eindeutig besorgt, fasste ihren Vorgesetzten am Arm und schob ihn zu seinem Stuhl. „Setzen Sie sich, damit ich mir das ansehen kann.“

So in etwa hatte Thiel sich das vorgestellt. Er konnte sich ein Lächeln kaum verkneifen, als sie Boerne ohne Umschweife auf die Sitzfläche drückte, doch es wich einem Stirnrunzeln, als er beobachtete, wie sein Kollege dann ermattet gegen die Rückenlehne sank.

„Was haben Sie nur wieder angestellt?“ Die energische kleine Frau umfasste sanft das Gesicht des Professors und drehte es ins Licht, um seine Verletzung begutachten zu können. Boerne ließ das widerstandslos geschehen, machte aber keine Anstalten, ihre eine Antwort zu geben.
„Er wurde gegen eine Hauswand gestoßen und konnte sich nicht abfangen. Für ein paar Sekunden war er total weggetreten, ich hab‘ mich echt erschreckt“, erklärte Thiel deshalb kurzentschlossen und setzte ein nachdrückliches: „Und die linke Hand hat er sich dabei übel verknackst, die müssen Sie sich auch unbedingt ansehen!“, hinzu, bevor Boerne doch noch Gelegenheit bekam, die Vorfälle herunterzuspielen.
Der Professor sagte aber weiterhin nichts, sondern bedachte ihn lediglich mit einem missmutigen Blick.


Frau Haller seufzte mitfühlend. „Ach Chef. Wie ist es denn dazu gekommen?“ Sie legte den Kopf schräg und wirkte mit einem Mal etwas argwöhnisch. „Sind Sie mal wieder jemandem auf die Füße gestiegen?“
Wie bitte?“ Eindeutig beleidigt versuchte Boerne sich aus ihrem Griff zu befreien und wirkte gleich wieder etwas lebendiger. „Wir kommen Sie denn auf diese absurde Idee?“, schmollte er aufgebracht. „Nein, ich bin niemandem auf die Füße gestiegen. Ich hatte nur das Pech, von Thiel in diese…“, er machte eine unwirsche Geste, „…Höhle geschleppt zu werden, mit der Folge, dass ein heroinsüchtiger Teenager mich dort ausgespäht und dann heimtückisch versucht hat, mir die Taschen auszuräumen.“

Er hätte sich wohl noch weiter aufgeregt, doch Thiel beachtete das nicht. „Momentchen mal…“, unterbrach er die Tirade leicht irritiert. „Was reden Sie denn da? Heroinsüchtiger Teenager??“ In seinem Kopf begann es zu rappeln, und mit einem Mal glaubte er zu verstehen, worauf Boerne anspielte. Ungläubig hakte er nach: „Sie meinen doch wohl nicht, das war der, den wir vorhin beobachtet haben?“
„Doch, natürlich.“ Nun war es an Boerne, irritiert zu schauen. „Ist Ihnen das etwa nicht aufgefallen?“
„Nein!“ Thiel war nun wirklich verwundert. „Wie können Sie da so sicher sein? Gut, die Jacke war dunkel und die Statur könnte passen… aber wir haben ihn doch kaum gesehen, nur von hinten und ganz schräg von der Seite?!“
Sie haben ihn vielleicht kaum gesehen“, korrigierte Boerne und sackte etwas tiefer in seinen Stuhl, als Frau Haller nun endgültig von seinem Kopf abließ und sich seiner Hand zuwandte. „Sie waren so konzentriert darauf, unser feudales Mahl zu bestellen, dass Sie ihn nicht wahrgenommen haben, obwohl er neben dem Tresen an den Spielautomaten herumlungerte. Mir hingegen ist er aufgefallen. Und vor allem ist mir die fürchterliche grüne Strickmütze aufgefallen, die er vorhin trug. Die ragte nämlich aus seiner rechten Jackentasche.“
Er zuckte heftig zusammen, als seine Kollegin eine offensichtlich schmerzhafte Bewegung mit seinem lädierten Handgelenk durchführte und konnte eine halblaute Verwünschung nicht unterdrücken. „Herrgott Alberich, lassen Sie den Arm dran“, presste er zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor, ließ dann den Kopf an die Rückenlehne fallen und kniff für einen Moment die Augen zu.
„Ich kann Sie auch zum Röntgen schleppen, wenn Ihnen das lieber ist“, entgegnete seine Assistentin trocken.

Boerne seufzte nur leise, bevor er sich nach einem tiefen Atemzug wieder ein wenig straffte und Thiel anblinzelte. „Es war eindeutig der Junge aus dem Imbiss. Kein Zweifel."
„Na toll.“ Mehr wusste Thiel nicht dazu zu sagen. Es war sicherlich etwas Wahres dran, wenn Boerne das so steif und fest behauptete.

„Und das hier ist eindeutig eine heftige Verstauchung. Kein Zweifel“, mischte Frau Haller sich nun ein.
„Na toll“, konnte Thiel sich ein weiteres Mal nicht bremsen, frustriert zu seufzen. Natürlich war das alles nur eine unglückliche Verkettung von Umständen gewesen, trotzdem fühlte er sich irgendwie mitverantwortlich für diesen Vorfall.

„Keine Sorge, Herr Thiel. Wenn er jetzt vernünftig ist und die Hand konsequent schont, ist das in ein paar Tagen wieder vergessen.“ Frau Haller hatte natürlich bemerkt, wie unbehaglich er sich fühlte und das in ihrer unverblümten Art gleich offen angesprochen. „Wenigstens hat er keine Gehirnerschütterung davongetragen. Wobei ihm der Schädel dröhnt, auch wenn er es nicht zugeben würde.“ Der wissende Blick, mit dem sie Boerne nun musterte, war fast liebevoll zu nennen. Als er den Kopf hob und müde zu ihr aufsah, drückte sie sacht seine Schulter. „Ich hole mal den Verbandskasten. Und was gegen die Schmerzen.“
Dass Boerne nicht protestierte, sondern lediglich den Kopf wieder an die Stuhllehne fallen ließ, war Antwort genug.


Als die Rechtsmedizinerin aus dem Raum marschierte, versicherte sie Thiel im Vorbeigehen: „Über die Weihnachtstage kann er sich in Ruhe auskurieren, es war schon länger besprochen, dass ich die Rufbereitschaft übernehme. Er muss einfach etwas die Füße stillhalten und bis Silvester ist die Hand dann wieder fit.“ Mit gespielt ernstem Gesichtsausdruck und hochgezogenen Augenbrauen drehte sie sich nochmals zurück zu ihrem Vorgesetzten. „Das kriegen Sie hin, klar Chef?“
„Jaja, ich werde Ihnen Ihre Feier schon nicht vermiesen. Sie erzählen schließlich seit Wochen von nichts anderem“, grummelte Boerne leise, doch ein Lächeln huschte über sein immer noch blasses Gesicht.
„Das ist die richtige Einstellung“, kommentierte Frau Haller zufrieden und strahlte ihn an, bevor sie kurz aus dem Büro verschwand.


Ein Blick auf die Uhr zeigte Thiel, dass er nun auch dringend wieder an die Arbeit gehen sollte. Die Akten schrieben sich nicht von alleine.
„Ich muss los, sonst denkt Nadeshda, ich komm‘ gar nicht mehr wieder. Aber ich werd‘ mich im Büro mal an die einschlägigen Karteien setzen, vielleicht finde ich diesen drogensüchtigen Jungen. Falls ja, werde ich dem ein paar Takte husten, da können Sie drauf wetten.“
Boerne winkte nur ab. „Sparen Sie sich die Mühe, das ist doch zum Scheitern verurteilt.“ Er klang ungewöhnlich energielos; wahrscheinlich hatte Frau Haller Recht, Kopfschmerzen schienen ihm zuzusetzen.
Thiel steckte die Hände in die Jackentaschen und runzelte die Stirn. „Vaddern hat Schicht. Wenn Frau Haller Sie verpflastert hat, rufen Sie ihn an. Wenn der nur von weitem riecht, dass er die Tour als Krankentransport abrechen kann, ist er innerhalb von fünf Minuten hier und fährt Sie heim.“

Doch sein Gegenüber schüttelte den Kopf. „Nein, ich fahre jetzt nicht nach Hause. Sie wissen doch, dass wir zwei Drogentote zu versorgen haben, den einen müssen wir heute noch schaffen.“
„Aber…“ Thiel wollte gerade anfangen, mit dem Professor über seinen Starrsinn zu diskutieren, als Frau Haller in den Raum zurückkehrte und sich einmischte. „Der Chef nimmt jetzt erst mal was für seinen Kopf und dann sehen wir weiter.“ Sie legte Verbandskasten und Kühlkompressen auf den Schreibtisch ab und blickte dann nochmals zu Thiel auf. „Wir sehen uns morgen Abend auf dem Weihnachtsmarkt, ok?“ Dabei zwinkerte Sie ihm über Boernes Schulter hinweg zu und Thiel verstand die unausgesprochene Versicherung, dass sie sich schon um ihren Vorgesetzen kümmern würde und er in Ruhe gehen könne.
Er nickte ergeben. „Jau, wir sind pünktlich." Damit verabschiedete er sich.

In der frischen Winterluft angekommen packte er sich erschaudernd wieder in Mütze und Handschuhe ein, marschierte dann zügig zu seinem Rad und fuhr davon.
Den paar Institutsmitarbeitern, die ihm über den Parkplatz entgegenkamen und es eilig hatten, in die relative Wärme des Gebäudes zu kommen, warf er einen flüchten Gruß zu. Die schmächtige, dunkel gekleidete Gestalt, die gut verborgen hinter ein paar geparkten Autos angestrengt die Eingangstür beobachtet hatte und die, kaum dass sie ihn bemerkte, noch tiefer in Deckung gegangen war, registrierte er allerdings nicht.

t.b.c.

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Comments

baggeli
18. Dez 2013 20:09 (UTC)
Ich habe versprochen, ich bringe ihn nicht um. Und es gibt auch noch andere gute Ärzte in Münster, nicht nur Jaschke. Hoffe ich zumindest. ^^

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