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Eine schöne Bescherung

Titel: Eine schöne Bescherung - Kapitel 6
Adventskalernder-Prompt: Weihnachtsmarktbesuch
Bingo-Prompt: hurt / comfort
Genre: Freundschaft, etwas Humor, h/c, etwas Action/Krimi
Zusammenfassung: Wenn Thiel auch nur ansatzweise geahnt hätte, was passieren würde, er hätte Boerne in ein richtiges Restaurant eingeladen...
Wörter: ~9800



Boerne hatte auf Heinzmanns Abschiedsgruß hin nur eine abwesende Antwort gemurmelt und fuhr sich nun in einer fahrigen Geste durch die Haare, bevor er die Schubladen zuschlug und aufstand. Einigermaßen besorgt registrierte Thiel, wie aschfahl der Professor war, unwillkürlich machte er ein paar Schritte auf den größeren Mann zu und fasste ihn am Arm. „Und?“, drängte er, als Boerne nicht gleich etwas sagte. „Ist viel weggekommen?“
Der Rechtsmediziner schüttelte den Kopf und holte tief Luft. „Der Schaden hält sich in Grenzen. Zwei wertvolle Armbanduhren sind weg, ein paar Manschettenknöpfe, etwas Bargeld… aber ich hatte nicht viel im Haus. Es hätte viel schlimmer kommen können.“ Er schob sich die Brille hoch und Thiel fiel auf, dass seine Finger ein wenig zitterten. „Aber der Bund mit den Ersatzschlüsseln ist weg. Damit kann der Dieb in jede Wohnung.“

„Kacke.“ Für eine Sekunde gab Thiel sich der unsinnigen Frage hin, wie oft er dieses Wort an diesem Tag wohl schon benutzt hatte. Den Gedanken verwarf er aber sofort wieder, als Boerne ihm nach diesem wenig hilfreichen Beitrag nur einen gequälten Blick zuwarf.
„Gleich morgen früh sollten Sie die Schlösser austauschen lassen, sicher ist sicher. Aber keine Sorge, heute Nacht wird der Typ bestimmt nicht noch mal auftauchen“, versuchte er den Professor nun etwas konstruktiver zu beruhigen. „Dazu sind hier alle viel zu aufgescheucht.“ Er wies mit dem Daumen über die Schulter, wo man durch die leicht offenstehende Eingangstür die restlichen Mieter des Hauses hören konnte, die sich nach und nach auf dem Treppenabsatz versammelt hatten. Mit einer Mischung aus Neugierde und Unbehagen hatten sie die Vorgänge in Boernes Wohnung beobachtet und sprachen nun, nach Abzug der Spurensicherung, aufgeregt aufeinander ein.


„Ja, natürlich lasse ich die Schlösser tauschen.“ Boerne ließ sich schwer auf die Armlehne des Sofas sinken und schloss für einen Moment die Augen, bevor er tonlos fortfuhr: „Ich weiß nur nicht wie. Ich kann hier nicht den halben Vormittag auf die Handwerker warten und dann mit ihnen jede einzelne Wohnung abklappern. Alberich und ich haben früh um halb acht schon den Drogentoten auf der Liste und dann muss ich endlich die letzten Berichte schreiben. Die Klemm rammt mich unangespitzt in den Boden, wenn ich das nicht baldmöglichst abschließe.“

Thiel runzelte die Stirn. Der Professor klang uncharakteristisch energielos und müde, machte keinen Versuch mehr, seine Erschöpfung zu verbergen. Unter normalen Umständen hätte er sich einen solchen Moment der Schwäche niemals erlaubt, aber nach diesem miesen Tag hatte er wohl einfach nicht mehr genug Kraft, seine übliche Fassade aufrechtzuerhalten.
„Machen Sie sich darum mal keinen Kopf“, beschwichtigte er ihn deshalb. „Als erstes soll die Klemm sich mal nicht aufregen, das hier ist höhere Gewalt. Und ich ruf‘ morgen früh Vaddern an. Für `n Fuffi setzt der sich mit Freuden hierher und managt das für Sie.“

Boerne ließ einen langen Atemzug entweichen, kniff die Augen zu und presste für einen Moment seine Hand an die Stirn, als habe er Kopfschmerzen. „Meinen Sie wirklich?“, fragte er schließlich leise und ließ den Arm wieder fallen.
Den sonst so unerschütterlichen Mann so mitgenommen zu sehen, erfüllte Thiel mit Unbehagen, aber er versuchte, sich das nicht anmerken zu lassen. „Ja.“ Er nickte energisch. „Seine Karre ist schon wieder im Eimer, der kann jeden Cent für die Reparatur gebrauchen, glauben Sie’s mir. Legen Sie noch n‘ paar Euro drauf, dann räumt der Ihnen dazu das ganze Chaos hier auf und bohnert anschließend noch das Parkett.“

Zufrieden beobachtete er, wie der Hauch eines Lächelns über Boernes angespanntes Gesicht huschte, doch viel zu schnell war es wieder verschwunden. „Das mache ich schon selbst“, murmelte er. „Aber wenn Ihr Vater das mit den Handwerkern übernehmen würde, wäre mir wirklich sehr geholfen.“
„Der macht das, keine Sorge“, bekräftigte Thiel nochmals. „Und wenn er nicht kann, kümmere ich mich darum. Nadeshda und ich sind mit der Arbeit fast durch und ich hab‘ Überstunden genug.“
Er warf noch einen Blick über die Schulter. „Ich sprech‘ mal mit den anderen Mietern“, entschied er spontan. „Es wär‘ das Beste, dass von denen einer daheim ist, wenn das Schloss ausgetauscht wird. Und Sie suchen vielleicht schon mal die Telefonnummer von der Firma raus, die Ihnen hier die Türen eingebaut hat.“

Boerne nickte nur, erhob sich mit einem Seufzen und schritt zu den Aktenordnern, die nicht weit entfernt von ihm auf dem Fußboden lagen. Thiel steuerte indessen seine Nachbarn an und erklärte ihnen die Situation. Die beiden Rentnerehepaare versicherten sogleich, ihre Wohnung nicht zu verlassen, bis die notwendigen Arbeiten durchgeführt waren. Die zwei jüngeren Bewohner, die zur Arbeit mussten, waren damit einverstanden, dass das Schloss in ihrer Abwesenheit ausgetauscht wurde.
Nachdem Thiel mit den beiden die Details der Schlüsselübergabe geklärt und die aufgewühlten älteren Herrschaften noch etwas beruhigt hatte, löste sich die Versammlung im Flur auf und alle verschwanden in ihren jeweiligen Stockwerken. Thiel selbst kehrte natürlich zurück in Boernes Wohnzimmer.


Der Professor kauerte dort auf dem Fußboden und versuchte gerade, den letzten der zuvor auf dem Teppich verstreuten, schweren Aktenordner zurück in den Schrank zu wuchten. Natürlich klappte das mit nur einer Hand nicht besonders gut und er nahm die verletzte zur Hilfe, aber man sah deutlich, wie er dabei die Zähne zusammenbiss.
Wortlos beugte Thiel sich herunter, nahm ihm die unförmige Mappe ab und stellte sie an ihren Platz. „Ich glaube, das ist nicht das, was Frau Haller unter konsequent schonen versteht“, grummelte er missbilligend.
Boerne reagierte nur mit einem leisen Brummen, dann kam er mühsam auf die Füße.

„Kommen Sie.“ Kurzentschlossen marschierte Thiel in die Küche und schenkte ein Glas Wasser ein, das er Boerne, der ihm langsam nachgefolgt war, in die Hand drückte. „Hier, trinken Sie mal `nen Schluck. Und dann holen Sie Zahnbürste und Schlafklamotten. Ich nehm‘ Ihr Bettzeug.“

Noch während er sprach, machte er sich auf den Weg Richtung Schlafzimmer, doch Boerne hatte sich bei dieser Ankündigung an seinem Wasser verschluckt und brach in einen derart eindrucksvollen Hustenanfall aus, dass Thiel stehenblieb und sich unwillkürlich fragte, wie genau seine erste Hilfe eigentlich auszusehen hatte, wenn der Professor jetzt gleich umkippte.
Zum Glück kam es nicht ganz so weit, aber es dauerte eine ganze Weile, bis Boerne wieder genug Luft zum Sprechen bekam. „Wovon zum Henker reden Sie?“, keuchte er schließlich heiser, als er endlich wieder einen Ton hervorbrachte. „Was wollen Sie mit meinem Bettzeug?“

Thiel verdrehte die Augen und warf ungläubig die Arme hoch. „Mein Gott Boerne, in Ihrem Schlafzimmer herrschen Minustemperaturen, Ihre Zweisitzer sind noch kürzer als meine Couch und Ihre Eingangstür ist nur noch ein Puzzle mit 10.000 Teilen! Was hatten Sie geplant, wollten Sie Ihre Bude mit einem Schrank verbarrikadieren und sich zum Schlafen in die Badewanne legen?“
Boerne hatte schon den Mund geöffnet, aber er ließ ihm gar nicht erst Zeit zu widersprechen, sondern setzte gleich unmissverständlich hinzu: „Sie schlafen diese Nacht bei mir in Sichtweite! So wie Ihnen die Scheiße heute an den Hacken klebt, kriegen Sie es noch fertig und lassen sich entführen oder was weiß ich." Er schüttelte energisch den Kopf, als er abschließend feststellte: "Ich lass‘ Sie heute nicht mehr aus den Augen, nur dass das klar ist.“

Der Professor starrte ihn nach diesem Ausbruch perplex an und klappte den Mund letztendlich ohne ein einziges Wort wieder zu. Er hatte gegen diese klare Ansage wohl tatsächlich nichts vorzubringen und mehr als befriedigt darüber, dass seine verbale Breitseite einen solch durchschlagenden Erfolg gehabt hatte, drehte Thiel sich um. Er war allerdings noch keine drei Schritte weit gekommen, als ein leises: „Ich sollte mir diesen Tag rot im Kalender anstreichen. Das waren ja noch mehr Nebensätze als in Ihrem Monolog über Fußball“, in seinem Rücken ertönte.
Thiel gab nur ein despektierliches Schnauben von sich und ließ Boerne das erleichterte Grinsen nicht sehen, das sich auf seinem Gesicht ausgebreitet hatte. Dass er tatsächlich froh darüber war, dass Boerne zu seinem alten Zynismus zurückgefunden hatte, musste der Professor nun wirklich nicht wissen.


t.b.c.


Tags: action, adventskalender 2013, alberich, bingo 2013, boerne, fanfic, freundschaft, h/c, humor, krimi, nadeshda, thiel
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