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Eine schöne Bescherung

Titel: Eine schöne Bescherung - Kapitel 8
Adventskalernder-Prompt: Weihnachtsmarktbesuch
Bingo-Prompt: hurt / comfort
Genre: Freundschaft, etwas Humor, h/c, etwas Action/Krimi
Zusammenfassung: Wenn Thiel auch nur ansatzweise geahnt hätte, was passieren würde, er hätte Boerne in ein richtiges Restaurant eingeladen...
A.N.: Ich wollte an dieser Stelle noch mal kleinlaut auf das Bingo-Prompt hinweisen... wie verlangt, h/c. Ohne Ende. Wenn schon, denn schon. Bleibt mir abschließend festzustellen: muss keiner lesen, ihr könnt auch einfach im nächsten Kapitel wieder einsteigen. (Wenn denn überhaupt noch jemand mitliest) *schulterzuck*
Abgesehen davon hatte ich heute einen der beschissendsten Tage seit langem, wieder einen dieser Anrufe, die innerhalb einer Sekunde in deinem Leben all das, was eben noch toll und wichtig war, ausradieren und nur noch einen einzigen Strudel panischer Gedanken in deinem Hirn kreisen lassen. Das merkt man dem Blödsinn hier wahrscheinlich an. Aber ich wusste mir nicht anders zu helfen als zu tippen, um mich abzulenken.
Gilt das als Entschuldigung? Wahrscheinlich nicht.
Egal.

Wörter: ~12700


Es waren ein dumpfes Aufprallgeräusch und ein unterdrückter Fluch, die Thiel gefühlte fünf Minuten später aus dem Tiefschlaf rissen. Noch ziemlich benommen hob er den Kopf, brauchte einen Moment bis ihm klar wurde, dass die Silhouette, die sich im schwachen Licht der Straßenlaterne abzeichnete, kein Einbrecher war – es war Boerne, der sich unbeholfen am Wohnzimmerschrank entlangtastete, gegen den er wohl wenige Sekunden zuvor gestoßen sein musste. Zeitgleich mit dieser Erkenntnis fiel ihm auch wieder ein, wieso sich der Professor in seiner Wohnung befand.


Warum Boerne um diese gottlose Uhrzeit durch die Bude geisterte, statt mit dem Hintern auf der Couch zu liegen, konnte ja wohl nur einen Grund haben. Warum er aber augenscheinlich in die falsche Richtung unterwegs war, war da schon etwas seltsamer… er musste wohl mehr oder weniger im Stehen pennen, bei klarem Verstand wäre ihm das nie passiert. Oder er hatte seine Brille nicht auf.
Wie auch immer, dass er Thiel wegen seiner Sextanerblase um den Schlaf brachte, ging nun wirklich zu weit.
„Verdammt, Boerne“, knurrte er deshalb mürrisch und registrierte mit grimmiger Befriedigung, wie der Professor zusammenzuckte. „Man könnte denken, Sie sind besoffen! Das Bad liegt in der anderen Richtung.“ Mit einem trägen Grunzen beugte er sich zur Seite und schaltete die Nachttischlampe an, bevor sein orientierungsloser Nachbar auf dem Weg zum Klo mit noch weiteren Hindernissen kollidierte. Bei seinem Glück heute würde er sich nämlich am Ende noch an der Radioantenne aufspießen oder sich mit den St-Pauli-Wimpeln am Regal strangulieren.

In der Sekunde, in der das Licht aufflammte, war Thiel allerdings schlagartig wach. „Kacke, was ist denn mit Ihnen los??“

Boerne war weiß wie die Wand. Er hatte bei der plötzlich einsetzenden Helligkeit im Reflex die Augen zusammengekniffen und mit einem erstickten Stöhnen den Kopf weggedreht, war dabei einen unsicheren Schritt zurück und gegen den Schrank in seinem Rücken getaumelt.
Mit einem Satz war Thiel aus dem Bett und eilte zu ihm um ihn zu stützen. „Hey, nicht umkippen!“

Der Professor blinzelte ihn gegen das ihm offenbar zu grelle Licht gequält an und schüttelte ein wenig den Kopf. „Machen Sie sich nicht lächerlich, Thiel“, murmelte er mit so viel Empörung wie er in seinem Zustand noch aufbringen konnte, während er sich in einer kraftlosen Bewegung aus Thiels Griff zu befreien versuchte. "Ich weiß sehr genau, wo Ihr Bad liegt. Und von Umkippen kann überhaupt keine Rede sein."
Thiel beachtete die klägliche Gegenwehr gar nicht. „Jaja, Sie sind taufrisch, ich seh‘ das schon“, knurrte er sarkastisch. „Kommen Sie, legen Sie sich wieder hin.“ Unnachgiebig drehte er Boerne herum und schob ihn zurück zum Sofa. „Warum zum Geier schleichen Sie denn hier durch die Hütte?“, drängte er dabei.

Boerne hatte seiner Entschlossenheit offenbar nichts mehr entgegenzusetzen und gab seinen ohnehin nicht sehr überzeugenden Widerstand auf. „Ich wollte Sie nach einer Kopfschmerztablette fragen“, flüsterte er ergeben. „Ich war drüben um mir eine zu holen, aber mein Medikamentenschrank ist leer. Der Einbrecher muss ihn ausgeräumt haben.“
„Was?? Welcher Einbrecher lässt Schmerztabletten mitgehen?!“ Thiel war abrupt stehengeblieben und hatte ehrlich verblüfft die Hände sinken lassen, aber als Boerne nur schwach mit den Schultern zuckte und dann für einen Moment die Augen zukniff und sich am Sideboard abstütze, wurde ihm klar, dass für ihn die Klärung dieser Frage im Augenblick wohl nicht von Interesse war.
Sogleich fasste er Boerne wieder um den Oberarm und ließ seinen Kollegen während des Wegs zurück zum Sofa nicht mehr los. „Hinlegen. Ich hole Ihnen was.“

Kaum dass Boerne auf die Polster gesunken war, eilte er in die Küche und durchwühlte ein paar Schubladen.
Es dauerte zwei Minuten, doch schließlich wurde er fündig und drückte eine Tablette aus der Verpackung. Und dann kurzentschlossen noch eine zweite, denn er erinnerte sich dunkel daran, dass man dieses Medikament in Ausnahmefällen auch höher dosiert einnehmen durfte. Aber nur, wenn‘s so richtig übel ist, hatte der Arzt ihm damals eingeschärft. Na, das bei Boerne war jetzt gerade richtig übel, daran konnte ja wohl kein Zweifel bestehen.

Als er zurück ins Wohnzimmer kam, lag der Professor reglos auf dem Sofa. Die verletzte Hand, die er nach dem Duschen nicht wieder verbunden hatte, ruhte auf seiner Brust. Das Gelenk war dunkel verfärbt und so geschwollen, dass er in den nächsten Tagen keine Armbanduhr würde tragen können. Den gesunden Arm hatte er sich über die Stirn geworfen wie um seine Augen vor dem Lichtschein zu schützen, der aus dem Schlafzimmer drang. Die blutverkrustete Blessur an der Schläfe leuchtete ärgerlich darunter hervor.
Trotz der schwachen Beleuchtung registrierte Thiel die Schmerzenslinien im angespannten Gesicht und die farblosen Wangen, die unter dem dunklen Bartschatten ganz eingesunken wirkten. Und in dem Moment wurde ihm etwas klar. „Sie haben noch kein Auge zugetan, stimmt’s?“

Als Thiel ihn ansprach, nahm Boerne den Arm vom Gesicht und gab nur ein verneinendes Geräusch von sich. Dann rollte er sich mit zusammengebissenen Zähnen auf die Seite und richtete sich auf. Der Kommissar hockte sich währenddessen neben die Couch und nahm das Glas Wasser vom Tisch. „Mensch Boerne. Warum quälen Sie sich denn so lange rum? Der Schädel dröhnt Ihnen doch schon den ganzen Abend!“
„Nein, so extrem war es vorhin noch nicht. Ich dachte, ich könnte darüber einschlafen.“ Boernes tonloses Gemurmel war kaum zu verstehen. „Aber das hat nicht funktioniert.“
„Is nich‘ zu übersehen.“ Thiel schüttelte kurz den Kopf, bevor er ihm das Schmerzmittel reichte. „Hier. Nehmen Sie."
Boerne schluckte die Tabletten ohne zu schauen oder zu fragen, was das überhaupt für ein Medikament war, sackte dann gleich wieder zurück auf sein Kissen und ließ die Augen zufallen.

Für einen Moment unschlüssig fixierte Thiel seinen Kollegen, kam aber dann zu dem Ergebnis, dass er ihm praktisch nicht helfen konnte. Bis auf eine Kleinigkeit vielleicht. „Ihre Hand sieht echt scheiße aus“, knurrte er leise. „Ich hol‘ noch mal was zum Kühlen, ok?“ Ohne eine Antwort abzuwarten, kam er auf die Füße, marschierte ein weiteres Mal in die Küche und schlug, wie schon am Abend, eine Tüte mit Eiswürfeln in ein Handtuch ein. Zurück im Wohnzimmer packte er das improvisierte Kühlkissen vorsichtig auf die Verletzung; der Professor zuckte ein wenig zusammen aber reagierte nicht weiter.

Mehr konnte Thiel nun allerdings wirklich nicht für ihn tun und mit einem ermahnenden „Wenn Sie noch was brauchen, rufen Sie erst mal, bevor Sie wieder auf Wanderschaft gehen, kapiert?“, drehte er sich um. Er kam aber noch einmal ins Stocken und blickte über die Schulter, als Boerne etwas Unverständliches grummelte. Mit ganz viel Fantasie hatte das nach einem leisen „Schon gut, ich hab’s kapiert. Danke“ geklungen. Aber vielleicht hatte er sich verhört, vielleicht war es auch ein „Nun lassen Sie mich endlich in Frieden, verdammt“ gewesen. Wenn er ehrlich war, hoffte er letzteres, denn wenn Boerne sich zweimal innerhalb weniger Stunden bedankte, war das wirklich mehr als besorgniserregend.
Thiel entschied sich für eine neutrale Antwort. „Versuchen Sie zu pennen.“


Unfähig ein Gähnen zu unterdrücken, schlurfte er nun zurück zum Bett und fiel wie ein Stein hinein. Aber so müde er auch war, es gelang ihm nicht gleich, wieder einzuschlafen. Stattdessen ertappte er sich dabei, wie er auf jedes leise Geräusch lauschte, das aus dem Wohnzimmer zu ihm drang.
Boerne schien keine Ruhe zu finden; es war zwar nicht so, dass er wirklich laut gewesen wäre, aber Thiel hörte jede seiner rastlosen Bewegungen auf dem Ledersofa, jedes fast lautlose Ächzen, das diese Bewegungen begleitete, jeden vereinzelten tiefen Atemzug, mit dem er nur wenig erfolgreich ein schmerzerfülltes Seufzen zu kaschieren versuchte.

Selbst nicht weniger oft seufzend warf Thiel sich von einer Seite auf die andere, ärgerte sich darüber, dass Boerne sich nicht viel früher gemeldet hatte, fragte sich ein ums andere Mal, wie lange es noch dauerte, bis die Schmerztabletten endlich wirkten und vor allem, ob er selber in diesem Leben noch mal wieder in den Schlaf finden würde.

Es kam ihm wie eine Ewigkeit vor, bis Boerne allmählich ruhiger wurde und er schließlich außer seinen regelmäßigen Atemzügen nichts mehr hörte. Ein Blick auf die Uhr zeigte Thiel, dass es mittlerweile schon auf halb fünf zuging… frustriert stöhnte er auf, verfluchte nochmals voller Inbrunst diesen ganzen bescheuerten Tag, warf sich auf den Bauch und vergrub den Kopf in seinem Kissen. Und endlich, endlich driftete auch er langsam wieder in den Schlaf.


t.b.c.

Comments

( 2 Kommentare — Kommentar hinterlassen )
mara_thoni
27. Mär 2014 04:47 (UTC)
Muss gerade an das Lied "Am Abend mancher Tage" von Lift denken, welches Jan auch bei der "Soundtrack meiner Kindheit" Tour gesungen hat.

"Am Abend mancher Tage, das stimmt die Welt nicht mehr. Irgendetwas ist zerbrochen, wiegt so schwer."

Passt zur Geschichte und dem, was Du gestern erlebt hast.

Der Refrain macht dann wieder Mut: "Gib nicht auf, denn das kriegst du wieder hin. Eine Tür schlug zu, doch schon morgen wirst du weitersehn."

Boerne hat ja glücklicherweise Thiel, der seine Sache wirklich gut macht. Ich denke, Boerne weiß das sehr zu schätzen, egal ob er nun „Schon gut, ich hab’s kapiert. Danke“ oder „Nun lassen Sie mich endlich in Frieden, verdammt“, gesagt hat.

Ist - denke ich - einfach ein gutes Gefühl zu wissen, da ist jemand da der sich Sorgen macht und sich kümmert, wenn es einem selbst mies geht...
baggeli
27. Mär 2014 07:50 (UTC)
Am Abend mancher Tage, das stimmt die Welt nicht mehr. Irgendetwas ist zerbrochen, wiegt so schwer
Die Beschreibung trifft vor allem auf diese unendlichen Stunden zwischen 11 und 19 Uhr zu, in denen ich nicht wusste, ob sie die Blutung stillen können, ob sie durchkommt und ob sie, wenn sie überlebt, noch die Frau ist, die sie war... wirklich, es gibt nichts zermürbenderes, als wenn man zu viel weiß und zu viel gesehen hat. Ich habe meinen Onkel an einer Hirnblutung verloren, von jetzt auf gleich. Einen Tag alles gut, am nächsten die Maschinen abgesellt. Und das hatte ich wieder und wieder und wieder vor Augen, bis gestern Abend der Anruf kam, dass im Augenblick erst einmal alles gut aussieht und die Ärzte der Situation angemessen optimistisch sind. Und die ganze Zeit spielten die Kinder hier und fragten immer mal wieder: was ist denn mit Mama? und wann kommt denn Papa endlich wieder nach Hause? und ich stand hier und hab' so getan, als wäre alles kein Problem und bald vergessen.
Nun, mit viel Glück ist es irgendwann wieder vollständig vergessen.

Boerne weiß das sehr zu schätzen, egal ob er nun „Schon gut, ich hab’s kapiert. Danke“ oder „Nun lassen Sie mich endlich in Frieden, verdammt“, gesagt hat.
Ich weiß selber nicht genau, was er gesagt hat... letzteres ist es wohl nicht gewesen, so zickig war er nicht. Ersteres aber denke ich auch nicht, zu zahm passt auch nicht, er war ja durchaus noch rebellisch. Thiel wird sich da verhört haben, es war irgendwas dazwischen. ^^

Ist - denke ich - einfach ein gutes Gefühl zu wissen, da ist jemand da der sich Sorgen macht und sich kümmert, wenn es einem selbst mies geht...
Es ist auch ein gutes Gefühl, wenn man vor Angst/Sorge durch die Decke gehen will und da ist jemand, der einem zuhört. Danke dafür. *drück*

( 2 Kommentare — Kommentar hinterlassen )

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