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Eine schöne Bescherung

Titel: Eine schöne Bescherung - Kapitel 9
Adventskalernder-Prompt: Weihnachtsmarktbesuch
Bingo-Prompt: hurt / comfort
Genre: Freundschaft, etwas Humor, h/c, etwas Action/Krimi
Zusammenfassung: Wenn Thiel auch nur ansatzweise geahnt hätte, was passieren würde, er hätte Boerne in ein richtiges Restaurant eingeladen...
A.N.: Es lebt. Mein Gott.
Zum Kapitel: völlig sinnlos. Absolut obersinnlos. Und länger als sonst, weil ich keine Stelle gefunden habe, einen Schnitt zu setzen. *schulterzuck* Zu Risiken und Nebenwirkungen sehen Sie diese A.N. bitte als Packungsbeilage an und fühlen Sie sich eindringlich gewarnt.
Wörter: ~15700


Als gut zwei Stunden später der Wecker klingelte, konnte Thiel nur gerade so der Versuchung widerstehen, ihn durch das geschlossene Fenster nach draußen in den Garten zu schmeißen. Mürrisch grummelnd wuchtete er sich aus dem Bett und stolperte in die Küche. Noch mehr oder weniger im Halbschlaf begann er dort zu hantieren, brauchte eine Weile, bis er die Kaffeemaschine korrekt befüllt hatte. Sich die Augen reibend schlurfte er danach in den Flur, brummte dabei in Boernes ungefähre Richtung: „Ich geh mal duschen. Hab‘ nen Kaffee angeworfen.“

Boerne hielt ihn keiner Antwort für würdig, aber Thiel kümmerte sich nicht darum, sondern verschwand im Bad.


Als er schließlich geduscht, rasiert und etwas wacher zurück ins Wohnzimmer kam, musste er feststellen, dass der Rechtsmediziner sich noch keinen Zentimeter vom Sofa wegbewegt hatte. Ok, er hatte die Decke von sich geworfen, immerhin. Nur reichte das nicht.
Nach einem Blick auf die Uhr trat Thiel näher an die Couch heran. „Boerne!“ Er sprach nun eindringlicher als zuvor. „Es ist kurz vor sieben, wenn Frau Haller nicht allein anfangen soll, müssen Sie jetzt wirklich aufstehen.“
Boerne reagierte wiederum nicht, rührte sich auch nicht, als Thiel sich neben ihn hockte und ihn am Arm fasste. „Boerne, aufwachen!“

Erneut bekam er keine Antwort. Stattdessen wurde Thiel mulmig zumute. Boernes Arm fühlte sich eiskalt an. Verwundert ließ er seine Hand hinaufgleiten bis zur Schulter des Professors, aber T-Shirt zum Trotz spürte er auch dort kein bisschen Wärme. Außerdem war Boernes Gesicht immer noch kreideweiß und er war so unnatürlich still… das konnte doch nicht normal sein?

„Professor? Hören Sie mich?“ Er merkte in seiner plötzlichen Sorge gar nicht, dass er lauter wurde. „Was ist denn mit Ihnen? … Boerne?“ Alarmiert rüttelte er den weiterhin wie tot daliegenden Mann ein wenig, mit dem einzigen Effekt, dass Boernes Kopf auf die Seite rollte und der verletzte Arm, der auf seiner Brust geruht hatte, haltlos herunterrutschte.

So erschrocken Thiel über diese unerwartete Bewegung auch war, seine Reflexe ließen ihn nicht im Stich. Instinktiv schnappte er die Hand, bevor sie auf den Boden schlagen konnte, im gleichen Moment spannte Boerne sich an und keuchte schmerzerfüllt auf.
"Boah, Kacke Mann! Müssen Sie mich so erschrecken?!" Ziemlich beschämt über seine insgesamt eher unbedachte Aktion, aber gleichzeitig sehr erleichtert darüber, endlich ein Lebenszeichen bekommen zu haben, lockerte Thiel vorsichtig seinen Griff. Doch statt das Boerne ihm nun die Hand entzog, verzog der Professor nur gequält das Gesicht und murmelte etwas Unverständliches, bevor er mit einem leisen Stöhnen erschlaffte und schwer zurück in die Polster sackte.

Stirnrunzelnd und etwas ungläubig beobachtete Thiel, wie Boernes Kopf ganz langsam wieder auf die Seite sank. Er war tatsächlich nicht vollständig zu sich gekommen! Auch wenn das verstauchte Gelenk ihm natürlich noch Schwierigkeiten bereitete, dass er so weit weggetreten war, bedeutete wohl, dass die Medikamente zumindest gegen seine Kopfschmerzen geholfen hatten. Die vor drei Stunden noch so ausgeprägten Schmerzenslinien um die Augen und auf der Stirn hatten sich jedenfalls deutlich geglättet.


Thiel konnte ein Seufzen kaum unterdrücken. Er hatte ja schon einiges mit Boerne erlebt, aber so mitgenommen hatte er ihn wirklich noch nie gesehen. Normalerweise kontrollierte sein Kollege sich eisern und versteckte sein Befinden hinter seiner antrainierten Arroganz und seinem messerscharfen Zynismus, ganz egal, wie er sich gerade fühlen mochte. Aber das war ihm im Laufe der Nacht schon nicht mehr besonders gut gelungen und jetzt, in diesem Zustand der tiefsten Ruhe, spiegelte sein unbewachtes Gesicht ehrlich wie nie wieder, wie es wirklich in ihm aussah. Ohne seine vorgeschobene Fassade wirkte er ganz anders als sonst: schutzlos und irgendwie viel jünger... und unbeschreiblich erschöpft.

Ein letzter langer Blick auf die bleichen Gesichtszüge, die dunklen Schatten unter den Augen und die Verletzungen, die sein vom Pech verfolgter Kollege sich am Vortag zugezogen hatte, ließ den Kommissar einen Entschluss fällen.


Mit langem Arm angelte er ein dickes Kissen vom Sessel und platzierte es neben Boernes Oberkörper, um das immer noch übel geschwollene Handgelenk vorsichtig darauf hochzulagern. Danach zog er dem völlig ausgekühlten Mann die Decke, die er offensichtlich schon vor Stunden verloren haben musste, bis über die Brust und steckte sie so fest, dass sie Boernes Arm an seiner Seite hielt und er nicht nochmals vom Sofa rutschen konnte.
Boerne hatte sich währenddessen nicht einmal gerührt, so tief war sein Schlaf.


Zufrieden mit sich kam Thiel lautlos auf die Füße und griff noch schnell das Telefon vom Couchtisch. So leise er konnte, verzog er sich dann in die Küche und nachdem er die Tür sorgfältig geschlossen hatte, schenkte er sich einen Kaffee ein und wählte die Nummer von Boernes Assistentin.

Bereits nach dem zweiten Klingeln nahm Frau Haller das Gespräch an. „Wenn Sie heute Abend einen Glühwein ausgegeben haben wollen, erzählen Sie mir jetzt besser nichts von einem Mord, Herr Thiel“, tönte ihre verschmitzte Stimme durch den Hörer.
Thiel schnaubte amüsiert. „Moin erstmal. Und nee, um Mord geht‘s nich‘.“
„Dann mal raus mit der Sprache.“
Für einen Moment fragte Thiel sich, wie jemand um diese Zeit schon so gute Laune haben konnte, dann aber fasste er mit wenigen Worten die Ereignisse der vergangenen Nacht zusammen. Und bevor er überhaupt zum letztendlichen Grund seines Anrufs kam, nämlich dass er Boerne für die nächsten Stunden entschuldigen wollte, kam Frau Haller ihm schon zuvor. „Lassen Sie ihn um Gottes Willen weiterschlafen“, forderte sie mit Nachdruck. „Ich komme hier schon klar.“

Thiel konnte ein Lächeln nicht unterdrücken. Das war genau das, was er hatte hören wollen. „Sind Sie sicher?“, hakte er dennoch nach. „Heute Nacht ist noch ein Drogentoter bei Ihnen abgeliefert worden.“
„Ich weiß, ich habe ihn schon gefunden.“ Frau Haller sprach so ruhig und gelassen, als schien ihr das wirklich nichts auszumachen. „Es kommen gleich zwei Gastärzte aus Leipzig hierher. Eigentlich sollten sie nur zuschauen, aber nachdem der Chef sich gestern verletzt hat, habe ich gleich beschlossen, sie mit einzuspannen. Statt rumzustehen und Löcher in die Luft zu starren können sie sich nützlich machen.“
So energisch sie sich auch gab, so deutlich hörte Thiel in ihren nächsten Worten die liebevolle Sorge um ihren Vorgesetzten durchklingen, die sie nicht verbergen konnte. „Bitte lassen Sie den Chef ausruhen, er ist bestimmt fix und fertig. Und wenn er dann irgendwann wieder unter den Lebenden weilt, soll er sich erst einmal um alle Formalitäten kümmern, die dieser Einbruch nach sich zieht.“

Thiel lächelte. Er hatte nichts anderes erwartet und beeilte sich, sie noch etwas weiter zu beruhigen. „Keine Sorge, er muss nur seine Versicherung informieren. Das mit den Reparaturen regle ich gleich.“ Er warf einen Blick zur Küchenuhr. „Wenn Boerne noch ein paar Stunden pennt, ist das Gröbste hoffentlich schon geschafft. Er wird dann sicher gleich zu Ihnen fahren. Aber geben Sie mir nicht die Schuld, wenn Sie nachher seinen Frust abbekommen, weil wir ihn nicht geweckt haben!“, setzte er sicherheitshalber noch nach.
Boernes Assistentin lachte ihm ins Ohr. „Ach Herr Thiel! Sie wissen doch, das kann mich nicht schocken.“ Nach dieser Versicherung verabschiedete sie sich von ihm, ganz zuversichtlich, dass Boerne und sie selbst am Abend noch auf den Weihnachtsmarkt kommen würden.

Ob Boerne dazu wirklich Lust verspüren würde, wagte Thiel zwar zu bezweifeln, aber er ließ sich nichts anmerken und beendete das Gespräch mit einem abschließenden „Jau, bis denn!“
Gleich als nächstes rief er bei seinem Vater an. Herbert Thiel war wie erwartet schon wach und bei der Aussicht auf ein paar leichtverdiente Euro sogleich mehr als gewillt, zu helfen. Er versprach, innerhalb der nächsten halben Stunde da zu sein.



Thiel trank nun in Ruhe seinen Kaffee aus und trat anschließend aus der Küche. Ein kurzer Blick zum Sofa zeigte ihm, dass Boerne weiterhin von sich und der Welt nichts ahnte. Befriedigt schlich der Kommissar auf Socken an ihm vorbei und verließ die Wohnung.
Drüben bei Boerne nahm er sich den Aktenordner vor, den der Professor am Vorabend auf dem Schreibtisch deponiert hatte. Die passende Seite war schon aufgeschlagen, Thiel wählte ohne Umschweife die eingekreiste Nummer und klärte mit dem Schlosser die Details des Auftrags. Boerne in seiner peniblen Art hatte sogar die genauen Maße des zerbrochenen Fensters und die Modellnummer der zu ersetzenden Tür mit herausgesucht, so dass die Handwerker gleich mit allen benötigten Materialien anrücken konnten. Wie gehofft, wollten sie noch im Laufe der nächsten Stunde vorbeikommen.

Thiel war gerade dabei, Boernes Kühlschrank nach einem Coolpack abzusuchen, als sein Handy zu vibrieren begann. Ein Blick auf das Display zeigte ihm Herberts Nummer, was bedeutete, dass er unten vor der Tür stand. Thiel schnappte schnell das Kühlkissen, von dem er zu wetten bereit gewesen war, dass Boerne es besitzen würde, aus dem Gefrierfach, und betätigte den Türöffner. Wie erwartet tauchte sein rüstiger Vater kurz darauf am Treppenabsatz auf.

„Moinsen“, erwiderte er Herberts Gruß und wies mit dem Kopf in Richtung seiner Wohnung. „Die Handwerker brauchen noch `ne halbe Stunde. Komm mit rüber. Aber leise, Boerne pennt noch.“
Herbert, der beim Anblick der zertretenen Tür die Augenbrauen hochgezogen und durch die Zähne gepfiffen hatte, wandte sich ihm zu und hob in einer beschwichtigenden Geste die Hände. „Keine Sorge, ich werde deinen Professor schon nicht wecken.“


Ohne darauf einzugehen marschierte Thiel voran und holte auf dem Weg zum Wohnzimmer noch kurz ein Gästehandtuch aus dem Bad, in das er den Kühlakku einwickelte. Dann trat er ans Sofa und zog vorsichtig die Decke von Boernes Arm zurück.
Boerne zuckte zusammen, als er das Gelkissen behutsam um das blutunterlaufene Handgelenk drückte, entspannte sich aber wieder, als Thiel ein paar beruhigende Worte murmelte und ihn sorgfältig wieder zudeckte. Befriedigt stellte er dabei fest, dass sein Kollege sich wieder etwas wärmer anfühlte.
Dann signalisierte er Herbert, der seine Aktion eindeutig verblüfft beobachtet hatte, ihm in die Küche zu folgen. Sein Vater brauchte allerdings noch einen Moment, bis er seine Augen von Boernes aschfahlem Gesicht losgerissen hatte und ihm nachkam.


Kaum hatte Thiel die Tür geschlossen, legte Herbert auch schon los. „Mensch Frankie! Erzählst mir was von Einbruch, aber nichts davon, dass der Professor verprügelt wurde! Hat er den Typen auf frischer Tat ertappt oder was??“
Thiel winkte nur müde ab. „Das war nicht der Einbrecher“, erklärte er dem verwunderten Herbert, und goss ihm einen Kaffee ein. „Das ist gestern Mittag schon passiert.“

Er reichte Herbert die Tasse, der sie annahm und nach ein paar Sekunden ungeduldig herausplatzte: „Ja und? Geht’s vielleicht etwas genauer?“

Thiel seufzte und ließ sich auf einen Küchenstuhl fallen. Ihm war klar war, dass sein Vater keine Ruhe geben würde, also umriss er die Geschichte, so knapp er konnte. Extreme Kurzfassung, natürlich, aber offensichtlich immer noch eindrucksvoll genug, dass Herbert stirnrunzelnd zuhörte und vergaß, zwischendurch auch nur einen Schluck Kaffee zu trinken.

„Gegen halb fünf ist Boerne dann endlich eingepennt“, schloss er seinen Bericht schließlich ab und rieb sich mit einem Seufzen durch das Gesicht. „Der ist total am Arsch.“
„Ja, das sieht man ihm an.“ Herbert nickte. „Du wirkst aber auch nicht grade topfit, Junge.“ Er lehnte sich zurück, hob die Tasse an den Mund und warf ihm über den Rand hinweg einen langen Blick zu. „Kannst du nicht einfach freinehmen und auch noch etwas schlafen?“, setzte er hinzu, bevor er endlich einen Schluck nahm.

Thiel zog die Augenbrauchen hoch. Dass Herbert ihm gegenüber so etwas wie Besorgnis zeigte, kam verdammt selten vor. Aber irgendwie tat es gut. „Geht schon, Vaddern.“  Ein kurzes, dankbares Lächeln huschte über sein Gesicht, dann wurde er wieder dienstlich. „Ich hab‘ Frau Haller versprochen, dass wir Boerne pennen lassen. Wenn du dich gleich um die Handwerker kümmerst, gibt es keinen Grund, ihn zu wecken.“
„Klar, deshalb bin ich ja hier.“ Herbert nickte ermutigend und zufrieden erläuterte Thiel ihm Details der Schlüsselübergabe, die er am Vorabend mit den anderen Mietern besprochen hatte.



Eine Weile später hatte Herbert seinen Kaffee ausgetrunken und nach einem Blick auf die Uhr kam Thiel auf die Füße. „Ich fahr‘ dann mal ins Präsidium. Die Handwerker kommen bald, die klingeln bei Boerne. Geh' am besten rüber. Und ruf‘ an wenn was is‘, ok?“

Sein Vater stellte die Tasse in die Spüle und winkte ab. „Nun bleib mal locker Frankie, ich hab das hier im Griff.“ Er drehte sich vom Waschbecken weg, wohl um ihm aus der Küche zu folgen, doch im letzten Moment wandte er sich noch mal zurück und nahm die Schmerzmittelpackung von der Arbeitsplatte, die Thiel dort in der Nacht hatte liegenlassen.

„Sag‘ mal...“ Herbert zog die Tabletten, die er in seiner Eile nur achtlos hineingestopft hatte, aus der Schachtel und winkte offensichtlich verwundert damit. „Wo hast du die denn her?“
„Hä?“ Thiel kam ins Stocken. Was war das denn für eine seltsame Frage? „Die hab‘ ich vor ein paar Jahren von meinem Arzt gekriegt, als ich mir beim Fußball das Knie zerlegt habe. Warum?“ setzte er argwöhnisch nach.
Er bekam nicht gleich eine Antwort. Stattdessen musterte Herbert die Packung nochmals interessiert und fragte dann betont nonchalant: „Brauchst du die noch?“

Bei diesem Tonfall begannen Thiels Alarmglocken zu schrillen. Unwillkürlich machte er einen Schritt auf den älteren Mann zu und schnappte ihm die Tabletten aus der Hand. „Wie bis du denn drauf?“ Er konnte die Skepsis nicht aus seiner Stimme halten. „Was willst du mit dem Zeug?“

Daraufhin sah sein Vater ihn entschieden zu verschmitzt an. „Na, denk mal nach, wie das damals war, als du eine eingeworfen hast. Das muss dir doch aufgefallen sein!“
Thiel runzelte die Stirn. „Keine Ahnung, wovon du sprichst. Ich hab‘ nie eine genommen.“ Er rieb sich den Nacken und warf die Medikamente wieder auf die Arbeitsplatte. „Das Zeug bleibt hier, nur dass das klar ist.“
„Wie, nie eine genommen? Da fehlen doch zwei Tabletten?“, platzte Herbert heraus, gänzlich unbeeindruckt von seiner klaren Ansage und ziemlich verwundert, wie es schien, auch wenn Thiel das nicht nachvollziehen konnte.

Er konnte ein entnervtes Seufzen nicht unterdrücken. Manchmal war sein Vater wirklich begriffsstutzig. „Mensch Vaddern. Die hab‘ ich Boerne heute Nacht eingeflößt, was denkst du denn?“, brummte er missmutig, während er seine Dienstwaffe aus der Küchenschublade kramte.
Er unterbrach sich aber mitten in der Bewegung, als in seinem Rücken ein ungläubiges „Du hast dem Professor zwei von diesen Tabletten gegeben?“ ertönte.

Herbert klang so ehrlich fassungslos, dass Thiel sich ganz langsam zu ihm zurückdrehte. „Ja. Warum?“
Als Herbert ihn nur weiter mit offenem Mund anstarrte und dann, nach einem verblüfften „Echt?“ schließlich unkontrolliert zu kichern anfing, wurde es Thiel zum zweiten Mal an diesem Morgen verdammt mulmig zumute. „Boerne ging es total scheiße und der Arzt hat mir gesagt, wenn es ganz schlimm ist, kann ich zwei davon nehmen“, verteidigte er sich unbehaglich.

„Ja, du...“ Herbert winkte grinsend ab, bevor er mit offensichtlicher Mühe wieder ernst wurde und ihm in den Bauch piekste. „Du wiegst ja auch locker 30 kg mehr als der Professor.“ Er warf einen Blick durch die angelehnte Küchentür ins Wohnzimmer, wo Boerne sich weiterhin nicht gerührt hatte, und gab sich keine Mühe mehr, leise zu sein. „Sei froh, dass er noch atmet. Das Zeug haut einen Elefanten um, das war viel zu viel. Du hast ihn voll weggebeamt.“ Ein verklärtes Grinsen breitete sich auf seinem Gesicht aus, als er Thiel einen Arm um die Schultern legte und ihm verschwörerisch zuraunte: „Da hat er noch länger was davon. Besser als jede Selbstgedrehte, sag‘ ich dir.“


„Das ist jetzt nich‘ wahr, oder??“ Thiel war so entgeistert, dass er gar nicht auf den Gedanken kam, sich über den Kommentar zu seinem Gewicht zu ärgern. „Meinst du, ich muss einen Arzt anrufen?“ Hektisch schüttelte er Herberts Arm von seiner Schulter, schnappte die Tabletten und stopfte den Blister in die Hosentasche. Solch potentes Zeug würde er sicher nicht unbeobachtet in der Nähe seines Vaters herumliegen lassen, das stand mal fest. Danach fummelte er mit leicht zittrigen Fingern die zerknautschte Packungsbeilage aus der Schachtel und überflog hastig den Part zur Dosierungsanleitung und dann sicherheitshalber auch noch schnell den Teil zum Verhalten bei einer versehentlichen Mehreinnahme.
Erleichtert ließ er den Zettel eine kurze Weile später wieder sinken. Es war zwar durchaus etwas dran an dem, was sein Vater gesagt hatte, aber eine echte Gefahr hatten die beiden Tabletten für einen Mann von Boernes Statur dann doch nicht darstellen können. Gott sei Dank. Dennoch würde der Professor sicher noch eine Weile brauchen, bis er die Wirkung der Medikamente vollständig abgeschüttelt hatte, mit der Einschätzung lag sein Vater wohl nicht falsch.

Thiel schüttelte fassungslos den Kopf. Er hatte nicht geahnt, dass sein Arzt ihm damals ein derart starkes Schmerzmittel mitgegeben hatte. Kein Wunder, dass Boerne so weggetreten war. „Kacke. Das dauert noch ein paar Stunden, bis er wieder ansprechbar ist.“ Er konnte ein frustriertes Stöhnen beim besten Willen nicht unterdrücken. Was für ein Start in den Tag.

Als er aufsah, fand er Herberts halb offen amüsierten, halb mitleidigen Blick auf sich gerichtet. Das machte seine Stimmung natürlich nicht besser. „Mensch Vaddern, ich wusste nicht, dass das so ein Hammer ist“, presste er verdrossen zwischen den Zähnen hervor und fuhr sich mit beiden Händen durch die Haare. „Oh Scheiße, ich sollte Boerne für die nächsten Tage nicht zu nahe kommen. Das werde ich mir ewig anhören müssen!“

„Ach, jetzt mach dir nicht ins Hemd.“ Herbert gab ihm einen kräftigen Klaps auf die Schulter. „Er wird gar nicht merken, dass du ihn fast vergiftet hast.“
„Das glaubst du doch selber nicht“, knurrte Thiel griesgrämig.
„Natürlich nicht“, gab Herbert unumwunden zu und begann schon wieder zu grinsen. „Aber einen Versuch war es wert.“
„Ja, danke Vaddern. Du bist echt ein Sonnenschein.“ Müde schlurfte Thiel ins Wohnzimmer und nahm seine Jacke vom Sessel. Nach einem letzten langen Blick auf Boernes blasses Gesicht, bei dem er sich unbewusst vergewisserte, dass sein Kollege auch wirklich regelmäßig atmete, marschierte er schließlich in den Flur.
„Kannst du mir den neuen Schlüssel aufs Revier bringen, wenn die Handwerker hier durch sind?“, fragte er, als er Jacke und Schal anzog.
„Ja, mach ich.“ Herbert war ihm gefolgt und reichte ihm die Handschuhe, die Thiel dankbar annahm. Dann trat er mit seinem Vater zusammen ins Treppenhaus.

Herbert ging nun hinüber in Boernes Wohnung und Thiel stapfte mit schweren Schritten die Treppe hinab. Er hatte seinen Dienst noch nicht einmal angefangen und wünschte sich schon jetzt nichts sehnlicher, als endlich Feierabend zu haben.
Mit einem Seufzen stieß er die Eingangstür auf und trat hinaus in die Eiseskälte.

Der Tag konnte ja eigentlich nur noch besser werden.


Comments

( 6 Kommentare — Kommentar hinterlassen )
mara_thoni
4. Mai 2014 06:55 (UTC)
Schön, dass Vaddern hier einen größeren Part bekommt.
Er nimmt das Donnerwetter, wenn Boerne erwacht, wahrscheinlich gelassener als Thiel junior. :-)

Wenn Boernes Gewicht gerade dem von Jan entspricht, haben die Tabletten so richtig wirken können. Was macht Thiel wohl damit, wenn die Geschichte ausgestanden ist???

Und eine Silke, die alles im Griff hat, ganz fein!

Freut mich, dass es weiter geht. Gefällt mir, wieder einmal zu lesen, wie gut sie sich alle aufeinander verlassen können und wie sehr sie umeinander besorgt sind.

baggeli
4. Mai 2014 09:21 (UTC)
Ich liebe Vaddern auch, ich kann ihn nur nicht besonders gut. *lol*
Boernes Gewicht entspricht, um hier mal eben den dunklen Audi ins Spiel zu bringen, dem von 'Mörderspiele', also wohl ungefähr dem von jetzt. Wesentlich schlanker als im Hammer jedenfalls. ;-)
Und Silke hat natürlich immer alles im Griff. Und wie es weitergeht, werdet ihr hoffentlich irgendwann erfahren. Die letzten zwei Kapitel schaffe ich hoffentlich auch noch. :D
cricri_72
4. Mai 2014 14:28 (UTC)
Herbert ist klasse :)

Und Thiels leichter Anfall von Panik, als ihm klar wird, was er getan hat ... Aber wenigstens schläft Boerne so aus, von daher ist das vielleicht gar nicht so übel. Und er muß ja Boerne gegenüber nicht so ins Detail gehen, was die Schmerzmittel-Dosis angeht ;)

Mit 30 Kilo mehr übertreibt Herbert aber ein bißchen ;) Ich meine, Thiel ist zwar dicker, aber doch auch kleiner ...
baggeli
4. Mai 2014 15:30 (UTC)
Herbert ist klasse :)
Ich liebe ihn auch! :D Mag sein, dass er mir sehr ooc geraten ist, keine Ahnung. *seufz* Aber er ist einfach zu cool und bekommt generell bei mir zu wenig Aufmerksamkeit, deshalb musste das einfach mal sein.

Und Thiels leichter Anfall von Panik, als ihm klar wird, was er getan hat ...
Er hat halt keinen Schimmer von Medizin ^^. Bei mir zumindest, ist nicht böse gemeint.

Aber wenigstens schläft Boerne so aus, von daher ist das vielleicht gar nicht so übel.
Eben, der hatte die Pause durchaus verdient. Letztendlich hat Thiel ihm einen Gefallen getan ;)

Und er muß ja Boerne gegenüber nicht so ins Detail gehen, was die Schmerzmittel-Dosis angeht ;)
Sehe ich auch so... fragt sich eher, ob Herbert die Klappe hält. Das muss sich zeigen. *lol*

Mit 30 Kilo mehr übertreibt Herbert aber ein bißchen ;) Ich meine, Thiel ist zwar dicker, aber doch auch kleiner ...
Herbert übertreibt gnadenlos, in beiden Dingen. Der arme Thiel war nur so geschockt, dass er auf das eine gar nicht reagieren kann, weil ihm das andere einen solchen Schrecken eingejagt hat. ^^
... was das Gewicht angeht, im 'Hammer' hatten sie sich ja sehr angenähert, aber zu der Zeit, als diese Geschichte spielt (und auch jetzt im Moment mal wieder, wer weiß, wie lange) dürften es schon knapp 20 kg Unterschied sein, Größe hin oder her
anja79
5. Mai 2014 08:48 (UTC)
Gefällt mir sehr :)

Der Zusammenhalt ist klasse, so muss das sein :)

Typisch Vaddern ;)

Bin gespannt wie es weitergeht. Lese auf jeden Fall weiter mit.
baggeli
5. Mai 2014 08:54 (UTC)
Typisch Vaddern ;)
:D Er ist und bleibt ein Schelm ^^

Bin gespannt wie es weitergeht. Lese auf jeden Fall weiter mit.
Danke, ich freu mich! :D
( 6 Kommentare — Kommentar hinterlassen )

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