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Auf einmal konnte es Silke Haller nicht schnell genug gehen, sich ins Wochenende zu verabschieden. Dabei war ihr Dienst heute eigentlich so nett gewesen; aber in dem Moment, in dem Hauptkommissar Thiel schnaubend und vor Wut schäumend in die Rechtsmedizin gestürmt kam, hielt Silke die Zeit für gekommen, sich ganz schnell und dezent zu verdrücken. Ihre Gefechte konnten ihr Chef und Thiel allein austragen, damit hatte sie nichts zu tun... dachte sie.

Loser Bezug z "Fakten, Fakten" - es ist nicht unbedingt nötig, die Folge zu kennen, aber von Vorteil. Ich habe mir Felix Kraft für diese Geschichte ausgeliehen. Außerdem taucht Thiels und Boernes Nachbar Obiak aus "Ruhe Sanft" namentlich auf.
Wörter: 6000
Genre: Krimi, Freundschaft, vielleicht etwas Drama, etwas h.c.



Silke geriet in Panik. Boerne würde sie verraten! Er würde sie verraten! Was würde Kraft tun, wenn er sie hier fand? Verzweifelt hielt sie in einer hilflosen Geste den Zeigefinger an die Lippen und streckte die Hand mit dem Handy wie abwehrend aus.
Und ihr verletzter, halb weggetretener Chef sagte tatsächlich keinen Ton.


Zwei Sekunden später stampfte Kraft um den Schreibtisch, packte Boerne am Revers und zerrte ihn rücksichtslos auf die Füße. Zum Glück drehte er Silke dabei den Rücken zu und bückte sich nicht sehr tief, so dass er die kleine Frau, die sich bei seinen Schritten in die letzte Ecke unter den Tisch verkrochen hatte, nicht entdeckte.
Verzweifelt beobachtete Silke aus ihrem Versteck, wie Boernes Beine sofort wieder einknickten; sie trugen ihn nicht, aber der wesentlich größere Kraft hielt ihn mühelos aufrecht.
„Haben Sie jetzt endlich begriffen, dass ich mir nicht alles gefallen lasse, Boerne?"
Boerne brachte nur ein undefinierbares Ächzen zustande, und die vor Aufregung und Angst zitternde Silke kniff für einen Moment die Augen zusammen, als ihr Chef mit einem „Um Sie kümmere ich mich später!", grob zurück auf den Boden geworfen wurde. Reglos blieb er keine zwei Meter von ihr liegen; Silke konnte nicht erkennen, ob er besinnungslos war, sein Gesicht war diesmal abgewandt.


Als in diesem Moment ihr Mobiltelefon vibrierte, zuckte sie erneut heftig zusammen. Erschreckt verharrte sie bewegungslos und lauschte angestrengt; aber Kraft schien nichts gehört zu haben, es war eindeutig, dass er sich jetzt wieder dem Kommissar zuwandte.
Hektisch blickte sie auf das Display. Wir sind vor dem Gebäude stand dort.
Silke hätte vor Erleichterung heulen mögen; Nadeshda hatte ihre Nachricht bekommen, Hilfe war nah!



Aber noch war diese Geschichte nicht ausgestanden.
„Ich muss sagen, ich hatte es mir interessanter vorgestellt, mich mit Ihnen zu messen." Kraft klang zynisch und auch ziemlich gelangweilt. „Sie haben mir nicht so viel entgegenzusetzen, wie ich das gedacht hatte."
Thiels Stimme war ziemlich schwach und müde, als er antwortete. „Vielleicht hätten Sie mich nicht gleich niederschießen und Boerne jetzt gerade Ihre Waffe über den Schädel ziehen sollen. Dann hätten wir Ihnen ein spannenderes Spiel geliefert."

Während sie Thiel lauschte, beobachtete Silke aufgeregt, wie ihr Chef sich bewegte. Er schien doch bei Bewusstsein zu sein oder er war gerade aufgewacht; auf jeden Fall zog er die Knie an und versuchte ganz langsam, sich aufzurichten. Er war zittrig und wackelig, aber er schaffte es; sie konnte sein Gesicht nicht sehen, war aber sicher, dass er ganz auf Thiel und Kraft fixiert war.

Kraft auf der anderen Seite des Schreibtisches schnaubte nur über Thiels Worte. Und was er dann sagte, ließ Silke das Blut in den Adern gefrieren. „So wie es aussieht, haben mich die zehn Jahre Wartezeit einfach zu ungeduldig gemacht. Jetzt, wo Sie mir endlich in die Hände gefallen sind, habe ich an weiteren Spielen mit Ihnen kein Interesse. Es gibt also keinen Grund mehr, Ihr Leiden unnötig zu verlängern, ich muss mich um Dreiden kümmern. Haben Sie noch etwas zu sagen, Thiel?"
Silke spannte sich an. Das konnte nicht wahr sein, das konnte jetzt nicht alles so schnell gehen; sie mussten Zeit gewinnen, Nadeshda war noch nicht in Position! Aber Thiel gab sich sicher nicht so einfach geschlagen, er würde versuchen, den Verrückten erneut in ein Gespräch zu verwickeln, ihn abzulenken, sich selbst und Boerne noch eine Chance zu verschaffen…
„Sie können mich mal", war Thiels kurze Antwort und Silke schloss die Augen.
„Wie Sie mei…. "
Noch bevor Kraft seinen Satz zu Ende gesprochen hatte, überschlugen sich die Ereignisse. Boerne war plötzlich aufgesprungen und nach vorne weggehechtet. Silke hörte, wie Kraft vor Wut aufschrie und unmittelbar darauf ertönte ein schweres Aufprallgeräusch. Anscheinend waren beide Männer zu Boden gegangen und nun klang es, als würden sie verbissen miteinander ringen. Aber in seinem Zustand und dazu gegen diesen Hünen von Mann hatte Boerne doch keine Chance; und Thiel würde ihm sicher nicht helfen können! Was sollte sie tun?


In diesem Augenblick schlitterte die Pistole über den Boden und landete genau vor dem Schreibtisch. Boerne hatte tatsächlich geschafft, sie Kraft aus der Hand zu schlagen. Sein gebrülltes „ALBERICH!!!" brauchte Silke nicht; geistesgegenwärtig verließ sie ihr Versteck, schnappte sich die Waffe und richtete sich auf.
Mit ein paar Sätzen war sie bei Thiel, der sie verblüfft anstarrte, während Kraft, der ihr den Rücken zudrehte, mit einem unmenschlichen Schrei den ihn umklammernden Boerne von sich abschüttelte, ihn dann hochriss und mit Gewalt an die Wand schmetterte. Boerne rutschte reglos daran herab und blieb auf dem Boden liegen wie ein zerbrochenes Spielzeug.
Schnaubend wie ein wildes Tier drehte Kraft sich um, aber da hatte Thiel schon die Waffe aus Silkes Hand gerissen und richtete sie entschlossen auf den Psychopathen. „Geben Sie mir einen Grund, Kraft", zischte er zwischen den Zähnen hervor. „Zucken Sie nur einen Millimeter, und ich knalle Sie ab." Seine sonst so strahlenden blauen Augen erschienen Silke plötzlich stürmisch grau und eisig. Obwohl er blass und mit schmerzverzerrtem Gesicht auf dem Boden saß, eine tiefrote Blutlache unter seinem behelfsmäßig verbundenen Bein, hatte er die Situation voll unter Kontrolle.


Schwer atmend starrte Felix Kraft in den Lauf seiner eigenen Waffe und rührte sich nicht.

„Frau Haller, rufen sie Nadeshda an", befahl Thiel ruhig. „Wir brauchen hier dringend Verstärkung."
„Anrufen ist nicht nötig", entgegnete Silke zittrig. Sie machte einen großen Bogen um Kraft und hastete an die Bürotür. „Nadeshda!! Nadeshda, können Sie mich hören? Kommen Sie schnell, wir brauchen Ihre Hilfe!" Sie konnte nicht verhindern, dass ihre Stimme ein paar Tonlagen höher klang als normal, aber das war ihr egal.


Innerhalb von Sekunden stürmte ein halbes Dutzend Polizisten unter der Leitung von Nadeshda in den Flur der Rechtsmedizin, aber Silke wandte sich bei ihrem Anblick sofort ab. Es interessierte sie nicht, wie Felix Kraft neben ihr von zwei Beamten zu Boden geworfen und in Handschellen gelegt wurde; sie kümmerte sich nicht um den erneut recht verblüfft scheinenden Thiel, der war versorgt - sie hatte aus den Augenwinkeln gesehen, wie Nadeshda sofort auf ihn zustürzte. Sie selbst hatte nur ein Ziel: Boerne, der immer noch regungslos und verkrümmt an der Wand lag.
Eilig rannte sie zu ihm und kniete sich neben ihn auf die Fliesen. „Chef?" Vorsichtig berührte sie den leblosen Mann an der Schulter, zuckte erschreckt zurück, als sein erschlaffter Körper kraftlos auf den Rücken rollte. Behutsam nahm sie das blasse Gesicht in die Hände, starrte besorgt auf das Blutrinnsal, das ihm immer noch aus dem Mund tropfte.
„Chef, können Sie mich hören?" Ängstlich legte sie eine Hand an seine Brust und zwei Finger an seinen Hals, wo sie voller Erleichterung einen recht kräftigen Puls spürte.
Thiels beunruhigte, heisere Stimme ließ sie kurz aufblicken. „Frau Haller! Was ist mit ihm?"
„Er ist bewusstlos, ich weiß nicht, wie schwer er verletzt ist. Nadeshda, rufen Sie einen Notarzt, Thiels Bein muss versorgt werden und der Professor auch."
„Er steht vor dem Gebäude. Ich habe ihm gerade grünes Licht gegeben", kam die kurze Antwort. Nadeshda ließ das Funkgerät in ihrer Hand sinken.

Vorsichtig tastete Silke Boernes Brustkorb ab; dieses Blut, das aus seinem Mundwinkel lief, machte ihr Sorgen, sie hatte Angst, dass eine gebrochene Rippe seine Lunge verletzt haben könnte. An zwei oder drei Stellen war sie sich in der Tat nicht ganz sicher, ob die Knochen unter ihren Fingern nachgaben, aber seine Atmung schien nicht beeinträchtigt zu sein.
In diesem Moment ließ Boerne ein langgezogenes Stöhnen hören; mühsam drehte er den Kopf und blinzelte sie dann an.


Silke strich ihm besorgt die Haare aus der Stirn. „Chef! Wie geht es Ihnen?"
„Alberich…" Er sprach leise und etwas lallend, aber doch gut zu verstehen. „Ist mit Thiel alles in Ordnung?"
Silke nickte lächelnd, als Thiel selber antwortete: „Alles gut, Boerne!" Seine Erleichterung darüber, dass Boerne wieder ansprechbar war, konnte man nicht überhören.
„Chef, kriegen Sie genug Luft? Sie bluten ziemlich aus dem Mund." Silke gelang es nicht, ihre Sorge zu verbergen, aber Boernes etwas undeutliche Antwort beruhigte sie einigermaßen. „Ich hab‘ mir auf die Zunge gebissen, als Kraft zugeschlagen hat. Und ich glaube, einen Zahn habe ich auch eingebüßt." Etwas unbeholfen hob er seine Hand und tastete vorsichtig seine Wange ab; seinem verzogenen Gesicht nach schien das ziemlich schmerzhaft zu sein.
Silke lächelte erleichtert. „Ach, wenn es mehr nicht ist, bin ich froh. Sie sind ja beide scheinbar noch ganz gut davongekommen."
B
oernes Seufzen klang zustimmend und Thiel nickte ebenfalls. Er räusperte sich. „Boerne, Sie hatten ganz schön Glück, dass Kraft nicht bemerkt hat, wie sie sich da hinter dem Schreibtisch aufgerappelt haben. Aber ich würde jetzt wohl ziemlich alt aussehen, wenn Sie sich nicht die ganze Zeit für mich eingesetzt hätten. Ich schätze, Sie haben was gut bei mir."
„Mein Gott Alberich, ich muss ein Schädel-Hirn-Trauma davongetragen haben", murmelte Boerne. „Ich bilde mir ein, dass Thiel sich gerade bedankt hat."
Silke und auch Nadeshda lachten auf, doch Thiel verdrehte nur die Augen. „Aber wann in diesem Leben werden Sie lernen, Ihre vorlaute Klappe zu halten? Sie bringen sich irgendwann damit ins Grab!"
Ihr Chef hob ein wenig den Kopf. „Das sagt der Richtige! Wenn ich mich recht entsinne, hat Kraft Ihnen doch schon nach Ihrem ersten Satz aus Wut eine Kugel ins Bein gejagt!" Mit einem Ächzen ließ er seinen Kopf wieder zurück auf den Boden fallen.
„Quatsch, Wut!" brummte Thiel. „Der hatte Angst vor mir und wollte mich frühzeitig außer Gefecht setzen."
Bei Boernes ironischem Schnauben konnte sich Silke ein erneutes Grinsen nicht verkneifen.


Sie wurde wieder ernst, als ihr Vorgesetzter sich etwas auf die Seite rollte und Anstalten machte, sich in eine sitzende Position zu bringen; den Versuch gab er aber gleich wieder auf. Ein paar Rippen schienen definitiv zu protestieren, und sein Kopf machte wohl auch nicht mit; er umklammerte mit einer Hand seinen Brustkorb, während er mit der anderen unsicher an seine Schläfe fasste und mit zusammengekniffenen Augen und einem leisen Stöhnen wieder zurücksackte.
„Hey, ganz ruhig, Chef!" Schnell rutschte Silke hinter ihn und dirigierte seinen Oberkörper in ihren Schoß, wo er für die Dauer einiger flacher Atemzüge vor Schmerzen verkrampft liegen blieb. Nach ein paar Sekunden aber entspannte er sich mit einem leisen Seufzen, ließ die Hand von seinen Rippen auf den Boden sinken und blinzelte sie an. „Alberich, ich dachte, ich leide an Halluzinationen, als ich Sie da unter meinem Schreibtisch sitzen sah."
Silke schüttelte sich noch einmal in Erinnerung an die Panik, die sie in diesem Moment ausgestanden hatte. „Und ich dachte, Sie verraten mich! Ich kann bis jetzt nicht glauben, dass Sie es tatsächlich geschafft haben, sich Ihre Überraschung nicht anmerken zu lassen."
„Inzwischen dürften auch Sie bemerkt haben, dass Sie unter einem Genie tätig sind." Erschöpfung und Schmerzen zum Trotz breitete sich ein selbstgefälliges Lächeln auf Boernes Gesicht aus. „Sie sahen ganz schön panisch aus, dabei hätten Sie sich das sparen können. Ich bin doch nicht auf den Kopf gefallen."
Silke schnaubte. „Oh, gerade heute sind Sie nun definitiv schon mehrfach auf Ihren kostbaren Kopf gefallen! Und was glauben Sie, wie ich mich da unter dem Tisch gefühlt habe? Sowas will ich nie wieder erleben!"
Boerne schien langsam die Energie für ein längeres Gespräch auszugehen; er murmelte nur ein bestätigendes: „Ich auch nicht."


Ein blasser und inzwischen leicht kaltschweißiger Thiel schaltete sich ein. „Das können Sie laut sagen, auf eine Wiederholung habe ich auch keine Lust. Aber noch mal wird der Kerl keinen Hafturlaub bekommen, das steht fest." Er fuhr sich mit einer zitternden Hand durch die Haare, bevor er sich an Silke wandte. „Frau Haller, Sie hatten das Institut doch verlassen. Wieso um alles in der Welt waren Sie plötzlich in Boernes Büro?"
Silke zuckte die Schultern. „Ich hatte mein Portemonnaie vergessen und bin deshalb zurückgekehrt. Gerade als ich wieder gehen wollte, scheuchte Kraft Sie in den Flur. Ich hatte keine Fluchtmöglichkeit, also habe ich mich unter dem Schreibtisch verkrochen."
„Und mir von dort eine SMS geschickt!", mischte Nadeshda sich ein. „Ich habe die Truppe zusammengetrommelt, so schnell ich konnte. Aber bis wir eingetroffen sind, war ja schon alles erledigt."
Silke strahlte, als Thiel ihr anerkennend und dankbar zunickte.
„An Ihnen ist ja ein echter Geheimagent verlorengegangen", murmelte Boerne leicht benommen. „0,007 Alberich. Aber Wodka Martini kriegen Sie keinen, der ist zu hochprozentig für Ihre Miniaturleber; vielleicht einen Fruchtzwerg, das passt besser."
„Chef, Sie sind ein Idiot."
Boerne versuchte entrüstet zu klingen, aber es gelang ihm nicht so richtig, dazu sprach er inzwischen zu schleppend. „Thiel, haben Sie das gehört?"
„Och, ich finde wo sie Recht hat, hat sie Recht." Der Kommissar grinste Silke müde an und ließ danach seinen Kopf gegen die Wand fallen, an die er angelehnt saß. Silke beobachtete besorgt, wie er nach und nach etwas in Schieflage geriet; Nadeshda stützte ihn, es war nicht zu übersehen, dass Thiel das Ende seiner Kräfte erreicht hatte.

Boerne schien es nicht viel besser zu gehen; als Silke sich wieder auf ihn konzentrierte, hatte er die Augen geschlossen. Sie strich ihrem Chef durchs Haar. „Ruhen Sie sich aus, der Notarzt muss jeden Moment kommen." Er reagierte nicht; sie war sich nicht sicher, ob es ihm einfach zu anstrengend war, ihr eine Antwort zu geben oder ob er so weit Richtung Besinnungslosigkeit abgedriftet war, dass er sie nicht hörte.

Als wenige Sekunden später der Rettungsdienst eintraf und Boerne sich nicht regte, als er von den Sanitätern versorgt wurde, war Silke klar, dass er tatsächlich das Bewusstsein verloren hatte. Und das war auch ganz gut so, sonst hätte es in diesem Moment mit Sicherheit eine Szene gegeben.
Thiel, der im Gegensatz zu ihrem Chef ein normales Verhältnis zu Medizinern hatte, schien ganz erleichtert, als der Notarzt sich um ihn kümmerte; wahrscheinlich setzten die Schmerzen in seinem Bein ihm ziemlich zu, auch wenn er die ganze Zeit kein Wort darüber verloren hatte.
Nach wenigen Minuten waren die beiden Männer für den Transport vorbereitet und wurden in die Klinik gefahren; Nadeshda begleitete sie dabei.


Erleichtert blickte Silke den zwei Rettungsfahrzeugen hinterher und wandte sich dann ab, um endlich nach Hause zu gehen. Wotan hatte sicher Hunger, sie musste unbedingt noch Würstchen kaufen.
Müde und immer noch etwas zittrig nach diesen ganzen Ereignissen, aber doch beschwingt durch den letztendlich guten Ausgang marschierte sie heimwärts durch die Straßen.




Epilog

Am Montagabend hatte Silke Haller es nicht besonders eilig damit, sich in den Feierabend zu verabschieden; ihr Dienst war heute wirklich wieder sehr nett gewesen.
Boerne hatte sich natürlich von keinen zehn Pferden im Krankenhaus halten lassen und war am Morgen wie selbstverständlich im Institut erschienen. Das große Pflaster an seiner Schläfe und seine steifen Bewegungen erinnerten noch sehr deutlich daran, wie knapp er und auch Thiel am Freitag davongekommen waren; Boernes Laune tat das allerdings keinen Abbruch, er war spritzig, unverschämt und von sich selbst überzeugt wie eh und je. Silke hätte es auch nicht anders haben wollen.


Und nun, gegen Abend, kam plötzlich ein noch ziemlich bleicher, aber gut gelaunter Thiel in das Büro gehumpelt.
Kaum dass ihr Chef auf ihn aufmerksam wurde, lehnte er sich in seinen Stuhl zurück und wollte wohl die Arme hinter dem Kopf verschränken, unterbrach seine Bewegung auf aber halbem Weg; seinen Rippen schien das nicht zu gefallen. Silke verzog bei seinem schmerzerfüllten Ächzen mitfühlend das Gesicht; nichtsdestotrotz ließ Boerne es sich nicht nehmen, den Kommissar überschwänglich zu begrüßen. „Thiel! Frisch aus der Klinik entlassen, wie ich sehe. Welch Glanz in unserer Hütte! Was verschafft uns denn die Ehre Ihres Besuchs?"
Silke schüttelte nur den Kopf, stand von ihrem Stuhl auf und schob ihn dem Kommissar hin. Thiel ließ sich dankbar darauf nieder, dann hob er die Augenbrauen und wies mit dem Kopf auf Boerne. „Und ich dachte, nachdem Kraft ihm mit seiner Waffe fast den Schädel eingeschlagen hat, würde er dies theatralische Gelaber mal sein lassen und reden wie ein normaler Mensch."
Silke prustete. „Ach, Herr Thiel, die Hoffnung habe ich schon lange aufgegeben. Der hat doch schon so oft eins über die Rübe gekriegt und nie hat das funktioniert."

Boerne verschränkte nun die Arme vor der Brust und runzelte die Stirn. „Alberich, Sie sind gefeuert."
Dann wandte er sich dem Kommissar zu. „Thiel, wenn Sie nur gekommen sind, um mich zu beleidigen, können Sie direkt wieder verschwinden."
„Na, nu mal ganz ruhig, Boerne." Thiels gemächliches Brummen war besänftigend. „Ich wollte mir Ihren Schlüssel ausleihen. Vaddern hat mir die Tage Klamotten ins Krankenhaus gebracht und meinen danach mitgenommen. Jetzt gurkt er mit dem Taxi irgendwo im Rheinland rum und ich kann nicht in meine Wohnung."
„Na, das ist ja mal wieder ein Paradebeispiel für cannabisinduzierte Grenzdebilität." Boerne schnaubte, doch dann schien ihm etwas einzufallen. „Wenn Ihr Vater gerade mit dem Taxi unterwegs ist, wie sind Sie denn hierhergekommen?" Er klang mit einem Male ganz misstrauisch, beäugte Thiels Gehstützen und den Rucksack, den er neben sich auf den Boden gestellt hatte.
„Gelaufen, wie denn sonst? Seh‘ ich aus als könnt ich fliegen?" Thiels irritierte Gegenfrage ließ Silke schmunzeln.
Aber Boerne schien das nicht zum Lachen zu finden. „Sie wollen mir erzählen, dass Sie von der Klinik zu Fuß hierhergekommen sind?"
„Ja! Was ist denn los, Sie sind doch sonst nicht so schwer von Begriff?" Thiel beugte sich etwas zu Silke hinüber und klopfte mit dem Finger bedeutungsvoll an seinen Kopf. „Ist wohl doch nicht ganz ohne Folgen geblieben, was?"


Silke grinste, Boerne schien aber nun wirklich aufgebracht. „Die durch das Projektil penetrierten Faszien und Ligamente und vor allem die perforierte Tibiakortikalis gehören nach der nicht unbeträchtlichen Hypovolämie zur Regeneration immobilisiert und nicht überstrapaziert!"
Silke hätte fast laut losgelacht, als sie sah, wie während dieses Wortschwalls Thiels Gesichtszüge entglitten. Fast abwehrend hob er die Hände. „Whoa Boerne, ganz ruhig! Und jetzt noch mal auf Deutsch, ja?"
Ihr Chef verdrehte genervt die Augen. „Grundgütiger! Nachdem einem das Bein durchlöchert worden ist, legt man die Füße hoch und eiert nicht auf Krücken anderthalb Kilometer über das Kliniksgelände! Speziell nicht, nachdem man mindestens einen Liter Blut verloren hat! Kapieren Sie das jetzt?" Er gab sich Mühe, zynisch zu klingen aber Silke kannte ihn gut genug, um den besorgten Unterton in seiner Stimme wahrzunehmen.
Thiel lehnte sich zurück in seinen Stuhl. „Warum nicht gleich so?" Er konnte sich ein Lächeln wohl nicht verkneifen. „Wenn Sie so auf meine Gesundheit bedacht sind, können Sie mich ja vielleicht heimfahren. Dann muss ich nicht mit den Gehilfen nach Hause eiern."
„Ja, das mache ich auch! Alles andere wäre ja unverantwortlich." Kurzentschlossen schob Boerne seinen Stuhl nach hinten und stand etwas mühsam auf. „Na los, kommen Sie." Er wandte sich ihr zu. „Feierabend, Alberich. Wir sehen uns morgen."
„Alles klar Chef!"
Boerne umrundete den Schreibtisch und wartete, bis Thiel sich ebenfalls aus dem Stuhl gewuchtet hatte. Silke reichte dem Kommissar seinen Rucksack und die Gehhilfen. „Einen schönen Abend, die Herren!"
Noch während die beiden den Flur hinuntergingen, begannen sie erneut, zu diskutieren. Silke schüttelte lächelnd den Kopf. Sollten sie ihre Gefechte allein austragen.
Zum Glück konnten sie es weiterhin.

<< Kapitel 1

Comments

( 4 Kommentare — Kommentar hinterlassen )
cricri_72
13. Sep 2012 20:38 (UTC)
Schönes Happy End :) Ich mag das Gekabbel. Und es ist nett, daß es mal weniger dramatisch zu- & ausgeht - wenn auch nicht ohne Verletzungen ;)

Aber wann in diesem Leben werden Sie lernen, Ihre vorlaute Klappe zu halten?
Nie, selbstverständlich ;)

0,007 Alberich
*grin*
Schon erstaunlich, was es da alles noch an Gags gibt ...

Silke schüttelte lächelnd den Kopf. Sollten sie ihre Gefechte allein austragen.
Schönes Ende. Paßt ja nicht immer, den Anang wieder aufzugreifen, aber hier finde ich es gelungen.
baggeli
13. Sep 2012 21:21 (UTC)
Schönes Happy End :) Ich mag das Gekabbel. Und es ist nett, daß es mal weniger dramatisch zu- & ausgeht - wenn auch nicht ohne Verletzungen ;)
Och, ich fand, ich hab mich diesmal sehr zurückgehalten. Und das Gekabbel gehört ja wohl einfach dazu, oder? =D

Schönes Ende. Passt ja nicht immer, den Anang wieder aufzugreifen, aber hier finde ich es gelungen.
Danke dir! Ich persönlich kann nicht anders, als immer irgendwie den Beginn aufzugreifen; mir ist noch nie ein gescheiter Schluss eingefallen, wenn ich das nicht machen konnte. Das hab' ich noch aus der Grundschule, dieses Maus-Bild mit Spannungskurve und dem kurzen Weg zurück zum Anfang... kennt bestimmt jeder. Oder auch nicht? *am-Kopf-kratz*

cricri_72
13. Sep 2012 21:25 (UTC)
dieses Maus-Bild mit Spannungskurve und dem kurzen Weg zurück zum Anfang... kennt bestimmt jeder
?
Also mir sagt's nix ... Ich habe das Muster erst bei einem Zeitungspraktikum kennengelernt und vorher höchstens unterbewußt rezipiert. Bei den angehenden JournalistInnen fand ich es auch eher angesrengt, bei Dir gefällt's mir aber :)
baggeli
13. Sep 2012 21:38 (UTC)
Ich hab jetzt grad meinen Mann von diesem Modell erzählt und er schaut mich an wie 'ne Kuh wenn's donnert. Sowas... und ich dachte, das wäre überall beigebracht worden. *räusper*
Nun ja, ich habe es jedenfalls in den 30 Jahren nicht vergessen, eingeprägt hat es sich also; und für mich funktioniert es auch. :D
( 4 Kommentare — Kommentar hinterlassen )

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