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Verstehen

Titel: Verstehen
Genre: ihr kennt mich doch. *schulterzuck*
Zusammenfassung: Ungnädig schnell war Thiel wieder aufgewacht und seitdem kreisten seine Gedanken. Pausenlos, in einer Endlosschleife. Um die Dinge, die passiert waren. Dinge, die er nicht rückgängig machen konnte. Die er nicht mehr ändern konnte, so gern er es auch gewollt hätte.
A.N. 1: Ich bin der Meinung, nachdem Boerne in Die chinesische Prinzessin dran war, hat der WDR Thiel mit den Ereignissen in Der Hammer auch ganz gut was zu knabbern gegeben. Da die beiden keinerlei Gelegenheit bekommen haben, die Geschehnisse zu verarbeiten, will ich mich den Nachwehen mal etwas widmen.
Die Geschichte ist sinn- und witzlos und wahrscheinlich so daneben wie selten eine, aber egal - ich habe sie trotzdem geschrieben.
A.N. 2: ich nehme hier Bezug auf zwei meiner eigenen Stories: Narben und Noch nicht vorbei. Es ist empfehlenswert, sie zu kennen, sonst macht diese AU keinen Sinn. Außerdem habe ich mir einige der Geschehnisse, die in Die chinesische Prinzessin nie recht zur Sprache gekommen sind, sehr eigenwillig zurechtgedreht. Sollten dahingehend Proteste kommen, ist mir das egal, ich bleibe bei meiner Ansicht, dass es so war. *lol*
Wörter: knapp 4000


Er hatte nicht richtig geschlafen. Ein paar Stunden, ja. Zwei oder drei. Vielleicht auch vier, er hatte keine Ahnung. Er wusste nur, es war bei weitem nicht genug nach den letzten anstrengenden Tagen.

Doch er fand keine Ruhe.
Mit unter dem Kopf verschränkten Armen lag Thiel im Bett und starrte an die Decke. Schon seit einer Ewigkeit, doch er konnte nicht genügend Energie aufbringen um aufzustehen.


Als Boerne ihn heute früh heimgebracht hatte, war er so erschöpft gewesen, dass er kaum noch hatte gehen können. Unendlich erleichtert, endlich daheim zu sein und Boernes unbeholfenes Hilfsangebot ziemlich brüsk ignorierend, hatte er ohne ein Wort die Wohnungstür ins Schloss geworfen und war in Richtung seines Zimmers getaumelt. Er hatte seine Klamotten liegenlassen, wo er sie ausgezogen hatte, eine Spur von Kleidung gezogen von der Fußmatte bis zum Bett. Aber es war ihm total egal gewesen.
Er wollte nichts anderes mehr, als sich endlich hinlegen. Die Welt um sich herum ausschließen. Endlich zur Ruhe kommen. Endlich mit dieser Geschichte abschließen.

Aber er hatte schon viel zu bald feststellen müssen, dass ihm nichts dergleichen gelingen wollte.


Der erste, erschöpfte Schlaf war schnell gekommen, gnädig schnell. Aber ungnädig schnell war Thiel wieder aufgewacht und seitdem kreisten seine Gedanken. Pausenlos, in einer Endlosschleife. Um die Dinge, die passiert waren. Dinge, die er nicht rückgängig machen konnte. Die er nicht mehr ändern konnte, so gern er es auch gewollt hätte.
Wenn er seine Augen schloss, sah er die von Thomas Schuster wieder vor sich. Die Augen eines verzweifelten, gescheiterten Mannes, ohne ein Fünkchen Leben darin - obwohl er zu dem Zeitpunkt noch lebendig war.
Zwei Minuten später war er es nicht mehr gewesen. Und er hatte es nicht verhindern können.

Oder hätte er es verhindern können?


Mit einem frustrierten Knurren presste Thiel sich die Fäuste an die Stirn und kniff die Augen zu, versuchte die schrecklichen Bilder abzublocken, die sich wieder und wieder in seiner Erinnerung abspielten. Dann endlich sprang er auf.
Er musste raus.



Draußen war es kalt und regnerisch, so wie in der Nacht. Ein trüber Tag, der zu seiner Stimmung passte. Trotzdem tat die frische Luft ihm gut und energisch strampelte er durch den mittäglichen Münsteraner Verkehr.

Erst als er sein Rad an dem ihm angestammten Platz am Eingang der Rechtsmedizin anschloss, wurde ihm bewusst, dass er nicht ins Präsidium gefahren war.
Für einen Moment verharrte Thiel einigermaßen verblüfft; doch schließlich gestand er sich ein, dass es einen guten Grund gab, warum er Boernes Institut angesteuert hatte.
Nach einem tiefen Atemzug straffte er sich und trat in das Gebäude. Er brauchte Gewissheit.


In der Sekunde, in der er die große, graue Schiebetür öffnete, blicke Frau Haller von ihrem Mikroskop auf. Als sie ihn sah, schob sie sogleich ihren Stuhl zurück und rutschte von der Sitzfläche. „Hallo, Herr Thiel!“ Mit zügigen Schritten kam auf ihn zu und musterte ihn gründlich. „Alles ok mit Ihnen?“
Er rang sich ein schiefes Grinsen ab und nickte. „Moin Frau Haller. Jau, alles klar.“

Ein Blick in ihr offenes Gesicht ließ keinen Zweifel daran, dass sie ihm nicht glaubte. Er sah die echte Besorgnis darin und ihm wurde wieder einmal klar, dass man die Rechtsmedizinerin nicht so leicht täuschen konnte. Aber sie akzeptierte seine Antwort, ohne sie zu hinterfragen, sondern griff stattdessen seine Hände. „Einfach so auf diesen Kran zu steigen! Nicht auszudenken, wenn Ihnen was passiert wäre! Und ich dachte immer, Sie sind der Vernünftige hier!“ Sie versuchte sich nun ihrerseits an einem Schmunzeln, aber wirklich erfolgreich war auch sie nicht damit. Ganz im Gegenteil, sie wirkte ernst und aufgewühlt. „Machen Sie so etwas bitte nie wieder, Herr Thiel.“

Im Gegensatz zu Nadeshda, die ihm in dem zum Vigilantenlabor umgerüsteten Kellerraum lediglich stumm und verlegen seine Waffe und seine Dienstmarke wieder in die Hand gedrückt hatte, und im Gegensatz zur Staatsanwältin, die ihr Unbehagen darüber, unter welchen Umständen sich Thomas Schuster eine gute Stunde zuvor das Leben genommen hatte, hinter der Begeisterung über die Beweise gegen Landrat Seelig versteckt hatte, hatte Boernes kleine und dabei doch so große Assistentin kein Problem damit, auszusprechen, was sie bewegte.
Diese unverblümte Ehrlichkeit ließ Thiel für die Dauer eines tiefen Atemzuges die Augen schließen, bevor er ihr leise versicherte: „Ich hatte nicht vor, das so bald noch mal zu wiederholen, das können Sie mir glauben.“

Noch während er sprach, hoffte er, dass Frau Haller sich damit zufrieden geben würde. Ihm stand weiß Gott nicht der Sinn danach, die Ereignisse der Nacht oder auch sein persönliches Befinden hier noch weiter zu vertiefen.
Und das war auch nicht nötig. Sie hatte alles gesagt, was sie zu sagen hatte und drängte ihn nicht weiter. Ganz im Gegenteil.
„Gut.“ Frau Haller lächelte nun wirklich und drückte seine Hände nochmals, bevor sie sie losließ. „Es reicht mir nämlich völlig, dass ich mir ständig einen Kopf um den Chef machen muss.“
Sie meinte das ernst, daran konnte kein Zweifel bestehen; trotzdem war ihr Augenzwinkern in diesem Moment so schelmisch, nun konnte auch Thiel ein Schmunzeln nicht mehr unterdrücken. Dankbar für den Ausweg, dem sie ihm mit ihrer letzten Bemerkung geboten hatte, ging er auch gleich darauf ein. „Apropos Chef, wo schwirrt Ihr Herr und Meister denn rum?“ Suchend blickte er sich um, doch sie winkte gleich ab.
„Er ist seit halb neun bei Gericht. Sie wissen doch, die Vergewaltigung, zu der Frau Klemm ihn als Gutachter berufen hat.“

„Ach ja!“ Thiel war für eine Sekunde versucht, sich vor die Stirn zu schlagen. Natürlich hatte er über diese schreckliche Geschichte Bescheid gewusst, sie hatte nicht nur das Präsidium beschäftigt, sondern auch die Öffentlichkeit aufgewühlt. Aber über die turbulenten Ereignisse der letzten Tage hatte er Boernes Termin heute vollständig verdrängt.
Leise seufzend fuhr er sich durch die Haare. Den Weg hierher hätte er sich dann ja wohl sparen können, Boerne hatte unter diesen Umständen natürlich gar keine Zeit gehabt, die Obduktion von Schuster durchzuführen.


Er war so in seine Gedanken versunken, dass erst mit etwas Verspätung einsank, dass Frau Haller weitersprach.
„Der Chef hatte mir schon gesagt, dass Sie kommen würden. Ich habe einen Kaffee für Sie aufgesetzt, mögen Sie einen?“

Sie war in Richtung der kleinen Teeküche gegangen, doch Thiel stand wie angewachsen; sein Verstand war jetzt gerade vollständig hängengeblieben.
Frau Haller verharrte mitten im Schritt, als sie bemerkte, dass er ihr nicht folgte. Im gleichen Moment platze er heraus: „Wie, Boerne hat Ihnen gesagt, dass ich komme?“ Er zuckte ungläubig mit den Schultern. „Ich wusste doch bis eben selber nicht, dass… ich bin ganz spontan... wie kommt er drauf?

Während er verwirrt vor sich hin stammelte, hatte sich ein leichtes Lächeln auf ihrem Gesicht ausgebreitet. "Herr Thiel. Jetzt tun Sie Boerne unrecht."
"Hä?" Thiel verstand überhaupt nichts mehr.
Die Rechtsmedizinerin seufzte leise und kam zu ihm zurück. "Ich bitte Sie. Der Professor kennt Sie nun schon so lange. Um zu wissen, was gerade in Ihnen vorgeht, muss er kein Hellseher sein."
Sie legte den Kopf schräg und schien auf eine Antwort zu warten. Als er ihr keine gab, setzte sie stirnrunzelnd hinzu: "Und Sie kennen ihn ebenso lange. Sie müssen doch bemerkt haben, wie ihn das alles beschäftigt hat."

Auf sein hilfloses Schulterzucken hin sah sie ihn ziemlich ungläubig an. "Er hat sich Sorgen um Sie gemacht“, erklärte sie schließlich. „Die ganzen letzten Tage. Und er hat versucht, ihnen zu helfen, wo er nur konnte. Das kann Ihnen doch nicht entgangen sein?"

Jetzt, wo sie das so offen formulierte, wurde Thiel mit einem Mal bewusst, dass sein sonst so anstrengender Kollege wirklich kein einziges Wort des Protestes verloren hatte, egal wie absurd die Forderungen und Ideen gewesen waren, mit denen er – zu welcher Uhrzeit auch immer - an ihn herangetreten war. Und vor allem fiel ihm auf, mit welcher Selbstverständlichkeit er Boerne in den letzten Tagen eingespannt hatte.

Frau Haller sprach derweil schon weiter. "Es ist natürlich recht ungünstig, dass ausgerechnet heute dieser Gerichtstermin sein musste. Er würde das nie zugeben, aber was Ihnen in der Nacht passiert ist, hat ihm ganz schön zugesetzt. Er war ziemlich fertig heute Morgen. Naja." Sie zuckte mit den Schultern. "Er wird sich schon durchbeißen." Das Schmunzeln, das nun über ihr Gesicht huschte, wirkte eher niedergeschlagen als überzeugend.


Ok, dass die Geschehnisse nicht vollständig an Boerne abgeprallt waren, glaubte Thiel ihr. So abgebrüht er durch den Umgang mit seinen Leichen auch war, gestern Nacht hatte er wohl wie jeder der Anwesenden geschluckt. Aber insgesamt erschien ihm ihre Aussage übertrieben. Warum sollten Boerne die Ereignisse zusetzen? Er war doch nicht oben auf dem Kran gewesen! Er hatte doch nicht vergeblich versucht, Schuster von seinem wahnsinnigen Vorhaben abzuhalten! Verdammt, er war doch nicht derjenige gewesen, der ihn hatte in die Tiefe stürzen lassen! Unwillkürlich, wie um die schrecklichen Bilder aus seiner Erinnerung zu vertreiben, schüttelte Thiel den Kopf und kniff die Augen zu.

Als er sie wieder öffnete, sah er, dass Frau Haller die Augenbrauen zusammengezogen hatte und ihn eindringlich musterte. Und ganz offensichtlich hatte sie sein Kopfschütteln falsch aufgefasst.
"Herr Thiel. Dass er es sich zur Lebensaufgabe gemacht hat, jedem seiner Mitmenschen so oft wie möglich vor den Kopf zu stoßen, ist nur eine Masche, und das wissen Sie. Das hat ihn noch nie daran gehindert, sehr genau zu erkennen, was gerade in denen vorgeht, die ihm wichtig sind."
Sie zog die Schultern zurück und strafte sich, ihre Augen funkelten herausfordernd, als sie ihn von unten herauf ansah. "Sie können über den Chef sagen was Sie wollen, aber seine Beobachtungsgabe können Sie ihm nicht absprechen. Und wenn Sie ehrlich sind, wissen Sie genau so gut wie ich, dass er über ebenso viel psychologisches Feingefühl verfügt. Auch wenn er uns das leider so gut wie nie sehen lässt." Sie hatte während ihrer Rede die Hände in die Hüften gestemmt und wirkte nun wirklich aufgebracht.

Thiel hatte nicht damit gerechnet, dass sie sich so vor ihm aufbauen würde und unwillkürlich einen Schritt zurück gemacht. Doch nun seufzte er leise rieb er sich mit beiden Händen das Gesicht.
Sie hatte ja Recht. Unbewusst war ihm wohl schon längst klar gewesen, was jetzt erst richtig einsank: Boerne war während dieses schlimmen Falls sein einziger, wirklicher Verbündeter gewesen und hatte ihn keine Sekunde im Stich gelassen. Ihm stieg die Röte ins Gesicht, als ihm bewusst wurde, wie sehr er sich teilweise daneben benommen hatte.

Frau Haller hatte ihn genau beobachtet und auch wenn er nichts erwidert hatte, schien ihr seine Reaktion zu reichen. Als sie über ihre Schulter in Boernes Büro wies, klang sie wieder ganz ruhig.
"Er hat alle Befunde für Sie vorbereitet, ich soll sie mit Ihnen durchgehen. Auch die, die noch nicht offiziell sind."

Thiel blickte auf und ließ die Hände wieder fallen. "Befunde durchgehen?", wiederholte er lahm. "Haben Sie die Autopsie denn schon durchgeführt?"
Einmal mehr schmunzelte sie müde, bevor sie nickte. "Der Chef hat mich heute Nacht um halb vier aus dem Bett geworfen. Wenige Minuten bevor er fahren musste, sind wir fertig geworden."
Das hieß, Boerne hockte jetzt in einer hitzigen Gerichtsverhandlung, ohne eine Minute geschlafen zu haben? Thiel konnte es nicht fassen.
"Spinnt die Klemm?", brach es ungläubig aus ihm heraus. "Es hätte doch wohl gereicht, wenn Sie die Obduktion erst morgen durchgeführt hätten?!"

Doch Frau Haller winkte gleich ab. "Frau Klemm hat nichts damit zu tun! Morgen und übermorgen sitzt der Chef in den Staatsexamen und er hat gesagt, drei Tage wollte er Sie nicht warten lassen. Deshalb die Nachtschicht."
Dass er der Grund für diese Aktion gewesen war, hatte Thiel nun wirklich nicht geahnt. "Kacke." Mehr brachte er nicht hervor.

"Na kommen Sie." Ihre Stimme war jetzt eindeutig mitfühlend, ganz anders als bei ihrer energischen Verteidigungsrede kurz zuvor. "Er hat doch genau richtig gelegen mir seiner Einschätzung, sonst wären Sie doch nicht hier." Einmal mehr griff Frau Haller seine Hand und zog ihn nun behutsam mit sich.
Widerstandslos folgte er ihr in Boernes Büro.


Zu Thiels großer Erleichterung hielt sie sich nicht lange damit auf, ihm bis ins Detail auseinanderzusetzen, welchen Verletzungen Schuster letztendlich erlegen war. Sie beschränkte sich lediglich darauf, ihm zu versichern, dasss er auf der Stelle tot gewesen sei und nicht gelitten hätte. Das glaubte Thiel ihr, er hatte ja schließlich fassungslos beobachtet, wie für Boerne schon nach einer Sekunde klar gewesen war, dass er für Schuster nichts mehr tun konnte. Es war etwas ganz anderes, das ihn beschäftigte.

Und es wurde klar, das Frau Haller genau wusste, was in ihm vorging, als sie sich in Boernes Stuhl zurücklehnte und die Mappe zuklappte, die vor ihr auf dem Schreibtisch lag. "Die histologischen Befunde kommen erst in zwei Tagen. Aber der Chef hat sich die Lunge des Toten genau angesehen."
Thiel erstarrte.
Sie ließ ihn nicht aus den Augen, als sie nach einer kurzen Pause leise fortfuhr: "Sein Husten war chronisch. Am ehesten allergisch. Vielleicht war seine Katze der Auslöser, vielleicht hatte er auch Probleme mit Schimmel in der Wohnung, wer weiß das schon. Da gibt es unendliche Möglichkeiten. Aber Boerne ist sicher, es steckte nichts akutes oder gar bösartiges dahinter." Sie hole tief Luft, ehe sie abschloss: "Das ist natürlich noch nicht offiziell, aber er meinte, das wäre Ihnen wichtig zu wissen."

Ja, er hatte das wissen wollen. Aber er hatte auf eine andere Antwort gehofft.
Thiel fühlte sich wie betäubt und wünschte sich in diesem Moment, er wäre nicht hergekommen.

"Es tut mir leid, dass ich Ihnen nichts anderes sagen kann."
Er sah auf in Frau Hallers ausdrucksstarke Augen, in denen das Mitgefühl deutlich zu erkennen war, nickte nur stumm und stand dann auf. Sie versuchte nicht, ihn aufzuhalten, als er aus dem Raum stürmte.



Es war schon dunkel draußen, als Thiel endlich die Energie aufbrachte, vom Sofa aufzustehen und sich etwas zu essen zuzubereiten. Richtigen Appetit verspürte er zwar nicht, aber es war eine Ewigkeit her, seit er das letzte Mal etwas zu sich genommen hatte und er war vernünftig genug einzusehen, dass es ihm nichts bringen würde, zu hungern.
Relativ lustlos schob er eine Weile später einen Nudelauflauf in den Ofen.

Gerade als er die Eieruhr gestellt und sich die Hände gewaschen hatte, schallten ihm bekannte Schritte durchs Treppenhaus. Thiel horchte unwillkürlich auf und wie er sich schon gedacht hatte, kamen sie auf seinem Treppenabsatz zum stehen. Boerne war heimgekommen.
Bevor sich selbst darüber im Klaren war warum, war Thiel zu seiner Wohnungstür geeilt und trat ins Treppenhaus.


Boerne, der soeben seine Tür aufgesperrt hatte, wandte sich um und musterte ihn stumm. Mit achtlos über den Arm geworfenem Mantel, gelockertem Schlips und geöffneten Kragenknöpfen unter der ebenfalls offenstehenden Anzugjacke wirkte er, der sonst immer wie aus dem Ei gepellt auftrat, ungewohnt knittrig; ein Eindruck, der durch sein aschfahles Gesicht mit den dunklen Schatten unter den Augen noch verstärkt wurde.

"Moin", murmelte Thiel unbehaglich, als ihm bewusst wurde, dass sein Kollege vor allem seinetwegen so mitgenommen und übernächtigt aussah.
"Thiel." Boerne blickte noch einmal zu seiner Tür zurück und zog den Schlüssel aus dem Schloss, während er leise fragte: "Ich nehme an, Alberich hat mit Ihnen gesprochen?"
Thiel nickte nur lahm, doch als ihm bewusst wurde, dass er gerade mit Boernes Rücken kommunizierte, setzte er ein heiseres "Ja", hinzu.

Boerne hatte sich ihm mittlerweile wieder zugedreht und sah ihn wiederum schweigend an. Dann seufzte er. "Thiel, auch wenn er unheilbar krank gewesen wäre, wäre es jetzt nicht leichter für Sie. Das ist ein Trugschluss. Die Situation wäre exakt die gleiche."

Thiel lachte bitter auf. "Nein, es wäre verdammt noch mal nicht das Gleiche", zischte er, während sein Frust und seine Verzweiflung, die ihn den ganzen Tag praktisch gelähmt hatten, im Bruchteil einer Sekunde in Wut umschlugen. „Ich werde mir mein Leben lang vorwerfen müssen, dass ich ihn von dieser wahnsinnigen Idee nicht abbringen konnte. Er hätte noch nicht sterben müssen, verstehen Sie? Seine Zeit war noch nicht gekommen!"

„Ob gesund oder krank, so oder so wäre seine Zeit in der letzten Nacht noch nicht gekommen!“, gab Boerne ruhig zurück. „Sie hätten sich genau so verantwortlich gefühlt wie jetzt!" Er sah Thiel über seine Brille hinweg an. „Was Sie begreifen müssen ist, dass das unnötig ist. Hören Sie auf, sich Vorwürfe zu machen. Nicht Sie haben ihn fallen lassen, er hat sich fallen lassen!“

Entnervt kniff Thiel die Augen zu und ballte aus lauter Anspannung die Fäuste, als sein Gegenüber offensichtlich noch nicht fertig war, sondern eindringlich fortfuhr: „Sie sind seit Jahren wahrscheinlich der Erste gewesen, der Schuster wirklich ernstgenommen hat. Sie sind mit Sicherheit auch der Einzige gewesen, der ehrlich versucht hat, ihm zu helfen. Aber er wollte sich nicht helfen lassen! Zu gehen war seine eigene Entscheidung, nichts und niemand konnte ihn daran hindern. Und je eher Sie sich das eingestehen, desto eher werden Sie wieder Ruhe finden.“

Meine Fresse Boerne, ersparen Sie mir doch ihr Gelaber!“ Auch wenn Boerne es nur gut meinte, jetzt gerade war irgendetwas in Thiel zerbrochen; er konnte plötzlich nicht mehr aufhören, sich seinen angestauten Frust von der Seele zu brüllen und gab seinem Gegenüber keine Gelegenheit zu einer Erwiderung. „Warum zur Hölle glauben Sie die ganze Zeit, zu wissen, was in mir vorgeht? Warum glauben Sie, mir Tipps geben zu können? Sie haben doch keine Ahnung, wie ich mich fühle! Sie haben doch keine Ahnung, wie es sich anfühlt, hilflos dabei zusehen zu müssen, wie sich ein Mensch das Leben nimmt!“ Er war lauter und lauter geworden, doch er konnte sich nicht zügeln - obwohl er eigentlich genau wusste, dass es gar nicht Boerne war, der ihn so explodieren ließ, sondern seine eigenen Schuldgefühle, die sich Bahn brachen.


Boerne hatte sich während dieses Ausbruchs nicht gerührt, hatte ihn nur unverwandt fixiert. Als Thiel nun verstummte und sich nach einem tiefen Atemzug aufgewühlt durch die Haare fuhr, schüttelte er schwach den Kopf.
„Sie haben recht, wie es sich anfühlt, einen Selbstmord ansehen zu müssen und ihn nicht verhindern zu können, weiß ich nicht." Ganz anders als Thiel selbst sprach er sehr leise. „Ich weiß nur, wie es sich anfühlt, einen Mord mit ansehen zu müssen. Und im Gegensatz zu Ihnen kann ich nicht sagen, dass ich alles getan habe, um ihn zu verhindern. Denn das habe ich nicht.“


Thiel stieg schlagartig die Hitze ins Gesicht, als ihm bewusst wurde, was für ein Idiot er gewesen war.

"Es klingt vielleicht makaber, aber ich würde sofort mit Ihnen tauschen." Boernes Stimme war nur mehr ein Wispern, er war kaum noch zu verstehen gewesen.


Dem Kommissar lief ein Schauer über den Rücken, als er den gequälten Blick seines Kollegen sah. Wie hatte er das vergessen können?
Innerhalb eines Sekundenbruchteils hatte er wieder vor Augen, wie dreckig es Boerne wenige Monate zuvor gegangen war, nach den dramatischen Ereignissen, die ihn für zwei Tage ins Gefängnis gebracht hatten.
Er hatte das erst gar nicht so mitbekommen; ja, er hatte gesehen, wie der Professor gleich nach Yu-Tangs Geständnis wortlos aus dem Präsidium verschwunden war. Aber Thiel hatte sich nicht um ihn kümmern können, er hatte genug mit der Vernehmung des Mörders zu tun gehabt. Als er im Morgengrauen endlich heimgekommen war, war er wie tot in sein Bett gefallen. Erst Stunden später war er dann plötzlich aus dem Schlaf hochgeschreckt, weil ihm mit einem Mal bewusst geworden war, das Boernes ganzen Habseligkeiten noch in der JVA verwahrt waren und er ja gar nicht in seine Wohnung gekonnt hatte.
Nach hektischer Suche hatte er ihn schließlich bei Frau Haller ausfindig gemacht, in einem katastrophalen Zustand. Hochfiebernd und praktisch bewusstlos hatte sein Kollege in ihrem Bett vor sich hin gedämmert, war nicht ansprechbar gewesen.
Frau Haller hatte damals sehr deutlich kundgetan, dass vor allem die medizinische Nachsorge während der Untersuchungshaft absolut ungenügend gewesen war. Sie hatte die Kollegen, die den Professor trotz seiner Kopfverletzung und der gerade erst überstandenen, lebensbedrohlichen Überdosis einfach so der Polizei überstellt hatten, massiv angegriffen; aber ebenso unmissverständlich hatte sie ihm und Frau Klemm zu verstehen gegeben, dass ihre vollständige Ignoranz seines Befindens und die Tatsache, dass sie ihn ohne Pause eingespannt hatten, mindestens ebenso viel zu Boernes Zusammenbruch beigetragen hatten. Sogar die abgebrühte Staatsanwältin hatte unwillkürlich ein paar Schritte zurück gemacht, als der Zorn der aufgebrachten kleinen Frau über sie beide hereingebrochen war.

Thiel konnte nicht sagen, wie oft er in diesen Tagen bei Boernes Assistentin vorbeigefahren war, um nach seinem Kollegen zu sehen. Aber erst knapp 72 Stunden nach Yu-Tangs Verhaftung hatte er ihn wieder wach angetroffen.
Er hatte den Anblick noch deutlich vor Augen, als er schließlich das erste Mal von den Geschehnissen in der Rechtsmedizin berichtet hatte. Thiel hatte bei ihm auf der Bettkante gesessen, während Boerne, bleich und verhärmt, mit einem Stapel Kissen im Rücken, weil er noch zu schwach gewesen war, sich selbst aufrecht zu halten, stockend erzählt hatte, was sich in der Nacht von Songmas Tod abgespielt hatte. Erzählt hatte, wie Yu-Tang plötzlich im Institut aufgetaucht war und einen Streit mit ihr angefangen hatte; dass er gespürt hatte, dass sie Angst gehabt hatte, aber dass er nicht geahnt hatte, dass die Situation derartig eskalieren würde; dass er es nicht hatte kommen sehen. Und dass innerhalb weniger Sekunden alles zu spät gewesen sei.
Er war kaum noch zu verstehen gewesen, als er mit zittriger Stimme gewispert hatte, dass er sich nie verzeihen würde, nicht gleich Hilfe geholt zu haben.

In dem Moment hatte Thiel sich für seinen Kollegen gewünscht, die Erinnerung an die Ereignisse wäre nie zurückgekommen.


Und in diesem Moment wünschte er sich, seinen unüberlegten Ausbruch rückgängig machen zu können.

Unbeholfen trat er einen Schritt auf den größeren Mann zu. „Boerne, ich… ich habe nicht...“
Doch Boerne, nun wieder etwas lebendiger, unterbrach ihn. "Nun sparen Sie sich mal Ihr hilfloses Gestammel, Thiel, bevor Sie sich daran noch die Zunge abbrechen." Er fuhr sich in einer müden Geste über die Stirn, als er eindringlich bat: "Ich weiß, dass Sie das im Moment noch anders sehen, aber glauben Sie mir, wenn ich Ihnen sage, dass Sie sich nichts vorzuwerfen haben. Tun Sie mir einfach nur den Gefallen und bleiben Sie sich selbst gegenüber fair.“

Thiel schluckte schwer, als die Bilder der letzten Nacht wieder mit Gewalt durch seinen Kopf wirbelten.
"Das ist leichter gesagt als getan", brachte er schließlich mühsam hervor. „Aber das wissen Sie ja wohl selber am besten.“
Erstaunlicherweise gab sein Kollege sich mit dieser Antwort zufrieden. Er nickte ganz langsam.


Für einen Moment herrschte Schweigen im Treppenhaus, bis Boerne schließlich brummte: „Gehen Sie ins Bett, Thiel. Sie sehen aus wie durchgekaut und ausgespuckt.“
Thiel konnte nicht anders als leise zu schnauben. „Das sagt der Richtige.“ Erleichtert beobachtete er, wie ein leises Schmunzeln über Boernes Gesicht huschte, bevor er sich wieder seiner Tür zuwandte.

Doch Thiel hielt ich noch kurz zurück. „Ich hab‘ was zu Essen im Ofen. Is‘ bald fertig. Haben Sie Hunger?“
Boerne blickte nochmals über die Schulter und schüttelte den Kopf. „Danke für das Angebot, aber ich möchte mich hinlegen“, antwortete er leise. „Es gibt viel zu tun in den nächsten Tagen.“
Thiel nickte verstehend, er wusste ja von Frau Haller, dass das der Hauptgrund für Boernes Nachtschicht gewesen war.


Als ihm nochmals bewusst wurde, was der Professor in den vergangenen Tagen und besonders auch in dieser letzten Nacht alles für ihn getan hatte, brach plötzlich und ungeplant ein „Danke“, aus ihm hervor.

Boerne erstarrte einen Moment, bevor er sich mit einem verwunderten „Hä?“ zu Thiel herumdrehte. Und an dem Lächeln in seinen Augen sah Thiel, dass sein Kollege ihn verstanden hatte.

Comments

( 4 Kommentare — Kommentar hinterlassen )
cricri_72
11. Jun 2014 06:38 (UTC)
Das hat mir gefehlt nach diesen beiden Episoden! Urlaubsbedingt (d.h. wir sind gerade verreist) hab' ich im Moment gerade kaum Zeit zu kommentieren, aber wenigstens das wollte ich schon loswerden. Den Rest dann zu gegebener Zeit :)
baggeli
11. Jun 2014 07:00 (UTC)
Das hat mir gefehlt nach diesen beiden Episoden!
Mir auch. *lol*

Urlaubsbedingt (d.h. wir sind gerade verreist) hab' ich im Moment gerade kaum Zeit zu kommentieren, aber wenigstens das wollte ich schon loswerden.
Danke für die Meldung und einen schönen Urlaub!!! :D

Den Rest dann zu gegebener Zeit :)
Ich würde mich freuen. :)
anja79
11. Jun 2014 16:42 (UTC)
Gefällt mir sehr :)

Schön, wieder was von Dir zu lesen :)
baggeli
11. Jun 2014 17:08 (UTC)
Gefällt mir sehr :)
:D

Schön, wieder was von Dir zu lesen :)
Ich freu mich auch, dass ich mal wieder zustande gebracht habe. :D War ja schon nicht mehr mit zu rechnen... ^^

( 4 Kommentare — Kommentar hinterlassen )

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